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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Unnötig wie ein Kropf

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Vielleicht sollte ich in diesem mentalen Zustand nicht die ersten Zeilen meines Spielberichtes schreiben. Vielleicht sollte ich mich nach einem harten Tag einfach nur schlafen legen, mich beruhigen und eine Nacht darüber zu schlafen, bis sich der größte Frust gelegt hat. Vielleicht sollte ich das alles nicht überbewerten. Doch kann ich es nicht, nichts von alledem. Innerlich aufgewühlt sitze ich nun her, doch anders als noch vor einigen Monaten, als es Hoffnungslosigkeit und tiefe Enttäuschung waren, ist es in diesen Stunden nicht mehr als nur die pure Verbitterung. Es will mir einfach nicht in den Kopf, wie das passieren konnte. Auch wenn mich das zum Prellbock macht.

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Tief in mir drin habe ich gewusst, dass diese sensationelle Serie ohne Niederlage nicht ewig anhalten konnte. Eines Tages wäre sie gerissen. Vielleicht gegen Leverkusen. Vielleicht gegen Bayern. Vielleicht gegen Dortmund. Dass es ausgerechnet die Tabellenletzten aus Hannover waren, obwohl die 90 Minuten genug Chancen für fünf Siege gehabt hätten, kann ich einfach nicht akzeptieren. Manchmal hat man solche Tage, an denen der Ball einfach nicht ins Tor will. Aber musste es ausgerechnet gegen den Tabellenletzten sein?

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Nein, ich werde mich nicht abregen. Jedenfalls nicht so schnell. Wer in diesem Bericht erwartet, ich würde am Ende zur Zuversicht zurückkehren, der sollte hier nicht weiterlesen. Ja, ich gebe zu, wie sehr ich die vergangenen Wochen genossen habe. Wieder gern ins Stadion zu gehen, Glücksgefühle zu erleben und mit meinen Gleichgesinnten und mit der Mannschaft einen Sieg feiern zu können, das gab es nicht so oft in den letzten Jahren. Niemals habe ich geglaubt, es wäre ewig so weiter gegangen. Meine einzige Sorge ist die Tatsache, dass man bereits heute aus dem Gröbsten hätte heraus sein können. Und nun beschleicht mich jenes dumpfe Gefühl des Unbehagens.

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Die großen Brocken kommen erst noch

Wir alle wissen, was schlimmstenfalls passieren kann. Ob ich die einzige bin, die sich in der Intensität auf diese Risiken versteift, vermag ich nicht zu beurteilen, doch ohne jeden Zweifel kommt es mir so vor. Für alle geht diese Niederlage schon irgendwie in Ordnung – eine Aussage, mit der ich mich weiß Gott nicht anfreunden kann. Wie könnte ich auch? Nicht die Niederlage selbst ist das Problem, sondern eben die Kombination von Zeitpunkt, Tabellenplatzierung und dem Ausblick auf die nächsten Wochen.

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Die schweren Brocken kommen erst noch und wir müssen uns mit dem Gedanken befassen, noch viele Spiele zu verlieren, bis der Klassenerhalt rechnerisch durch ist. Warum musste es ausgerechnet dieses sein? Eine Frage der Mentalität? Hannover stand bereits mit anderthalb Beinen in der zweiten Liga, und auch wenn es an der Leine keiner aussprechen wollte, so befasste man sich seit einigen Wochen mit dem Szenario, wenn die Punkte am Ende doch nicht ausreichen. Eine Situation, die wir hier vom VfB selbst am eigenen Leib zur Genüge erfahren haben.

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Hat die Mannschaft die Hannoveraner unterschätzt? Haben sie gedacht, es sei einfach, mal eben locker-flockig den Tabellenletzten mit drei oder vier zu null aus dem Stadion zu schießen? Jürgen Kramny sagte in Interviews, er würde dafür Sorge tragen, dass kein Spieler den Gegner unterschätzt. Dass es nun trotzdem nicht gereicht hat, wenngleich es nicht die mangelnde Einstellung war, so tut diese Niederlage doch merklich weh. Mehr als ich zugeben wollte.

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Auf der Suche nach Zuversicht

Es gibt Schlimmeres. Natürlich gibt es das. Und selbst im Fußball ist noch niemand im Februar wegen einer einzigen Niederlage abgestiegen. Nach dem genussvollen vergangenen Wochen sitze ich nun her und habe anscheinend alles vergessen, welche Worte ich in den letzten Spielberichten für meine Mannschaft gefunden habe, voller Stolz, Sympathie und Leidenschaft. Immer wieder musste ich mir einreden, dass es nur eine einzige Sache gibt, die die Niederlagen des VfB so schlimm für mich machst: und das bin ich selbst.

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Zuversichtlicher wollte ich werden, gelassener, mutiger, fernab der üblichen Worst-Case-Szenarien, die ich mir bei jeder Gelegenheit in meinem Kopf ausmale. Ich vermag viele Dinge zu sehen, die nicht so eintreffen, doch gibt mir das Anlass genug, es einfach sein zu lassen, den Fußball Fußball sein zu lassen und mich einfach nur am Spiel einer funktionierenden Mannschaft erfreuen zu lassen? Ich wünschte ja, es wäre so. Wieviele Sorgen und wieviel Panik ich mir ersparen könnte, würde ich einfach nur auf die Fähigkeiten und Fertigkeiten meiner Mannschaft vertrauen.

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Bin ich erst einmal an dem Punkt, bereit zu sein, ihnen zu vertrauen, dann enttäuschen sie mich. Und ich sage bewusst „mich“, denn ob man sich davon herunter ziehen lässt oder nicht, ist bislang jedem Fan selbst überlassen. Nur das bekomme ich irgendwie nicht wirklich hin. Nicht im Stande, die positiven Zeiten voll auszukosten, und wenn sie dann vorüber sind, merkt man erst, wieviel positive Energien man hätte aufsaugen können. Man hätte weitaus zufriedener sein können. Ich hätte weitaus zufriedener sein können.

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Angefressen

Was ist es nur, was mich so verstört? Das werden sich einige von euch vielleicht fragen. Nicht mehr als die Angst, ein weiteres Mal bis zum letzten Spieltag zittern müssen. Wie einst in Paderborn, als 13 Minuten zwischen Abstieg und Klassenerhalt das wohl größte Gefühlschaos verursacht haben. Oft genug hat mir der VfB bewiesen, dass er nicht immer so schlecht ist, wie ich es im Vorfeld befürchte, doch um mir diese Gedanken zu ersparen, sollte er vielleicht auch einmal seine tausend Torchancen in einem Spiel gegen den Tabellenletzten konsequenter nutzen.

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Auch am Tag danach habe ich mich nur wenig beruhigen können. Klar, Fehler passieren. Und wann gab es schon einmal eine Niederlage, mit der ich gut umgehen konnte? Richtig, es gibt keine. Doch manche machen mir schlichtweg mehr zu schaffen als manch andere. Uns allen hätte die Gefahr der Situation bewusst sein müssen. Zum ersten Mal seit Monaten ging der VfB als Favorit in die Partie, in den Fanforen der 96-Fans sah man wenig bis gar nichts, was nach Hoffnung und Zuversicht aussah. Viele behauptete, der Sieg wäre nur eine Frage der Höhe gewesen. Lag nicht eben genau darin das größte Risiko?

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Dass sie dieses Spiel nicht umwirft, das werden sie jetzt zeigen müssen. Ein Deja-vu, denn sagte ich nicht bereits genau diese Worte, nachdem man im Pokal gegen Dortmund ausschied, um im kommenden Spiel gegen die Hertha genau die richtige Reaktion zu zeigen? Niemand von uns weiß genau, was am Mittwoch in Gladbach passieren wird. Sie werden alles reinhauen, sowohl unsere als auch jene, die uns wie viele andere in der Hinrunde mitten ins Mark getroffen haben. Von Zuversicht will ich fürs erste nichts wissen, zu unverständlich der Zeitpunkt und vor allem die Art und Weise der Niederlage.

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Oh VfB, hier im Stadion

Es ist nun wirklich nicht so, dass ich es nicht versucht hätte. Am Freitag Abend stand mein geschätzter Chef vor meinem Schreibtisch im Büro, die letzten Worte vor dem Wochenende wechselten wir mit zuversichtlichen Worten. Mein Tipp lautete unmissverständlich 3:1, während er selbst 2:0 tippte. Gemessen an den letzten Wochen gab es wahrlich keinen Grund, rationale Sorgen zu entwickeln. Der bessere Kader, die bessere Qualität, der bessere Teamgeist – nichts sprach für einen Auswärtssieg von Hannover 96. Wären da nur nicht die Samariter-Qualitäten unseres VfB.

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Beinahe beunruhigend, wie ähnlich doch die Meinungen waren, als wir uns vor den Toren des Stadions versammelten. Jacken und Schals wurden ausgezogen und lässig über den Arm gehangen, die Sonnenstrahlen wärmten auf angenehmste Weise und hinterließ doch etwas ganz anderes als jenes „perfekte Fußballwetter“. Dafür lag zu viel Unbehagen in der Luft, ein Gefühl, was keiner so recht orten und formulieren konnte. Ob der VfB in der Lage ist, auch mit der Favoritenrolle vernünftig umzugehen, das hätten wir zu gerne mit eigenen Augen gesehen und sahen uns einige wenige Stunden später doch wieder an schlimmste Zeiten zurück erinnert.

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Vor nicht allzu langer Zeit beschlich mich noch das Gefühl des Unwohlseins, wann immer ich den Block betrat. Der Ort, an dem ich am Liebsten bin, verbunden mit Erinnerungen an frustrierende Niederlagen, bittere Pleiten und demütigende Klatschen. Wie schnell sich das Blatt doch in wenigen Wochen wenden kann, zeigte mein Lächeln, als ich verträumt die Treppenstufen hinunterstieg. Ich genoss es, diesen Gang nach unten an meinen Platz zu laufen und mir zum ersten Mal am Tag die Zeit zu nehmen, mich in Ruhe umzuschauen. Ankommen, durchatmen und Kraft schöpfen für alles, was kommt.

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Hätte, Wenn und Wäre

Ich bekomme es einfach nicht übers Herz. Hier sitze ich, mit warmen und kuscheligen Hausschuhen an meinen Füßen, einer großen Flasche Sprudel zu meiner linken und noch nicht aufgeräumten Teilen unserer Kameraausrüstung zu meiner rechten. Hinter mir blubbert die Heizung vor sich hin und lässt mich glauben, dass ein toller Film auf der Couch jetzt genau das richtige wäre. Doch Lust auf einen Horrorfilm habe ich nicht und so bekomme ich es einfach nicht über das Herz, mir das Spiel in voller Länge anzuschauen.

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Die Highlights müssen es auch tun, zumal mich ein halbtägiger Erste-Hilfe-Kurs in der Stuttgarter Innenstadt davon abhielt, mich weitere Stunden mit einem Spiel zu befassen, von dem ich glaube, es hätte nie so verlaufen dürfen. So gut standen die Vorzeichen, man hätte mit den parallel spielenden Wolfsburgern punktemäßig gleichziehen können, sofern diese natürlich beim Heimspiel gegen die Bayern unterliegen. War es die europäische Luft, die uns allen die Sinne vernebelte? Nicht unbedingt, denke ich doch in erster Linie daran, „wo wir denn herkommen“ – drei Euro ins Phrasenschwein.

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Am Donnerstagabend saß ich noch mit den durchaus geschätzten Kollegen und Freunden vom Twitter-Stammtisch „tpstgt“, an jeder Stelle unserer langen Tafel ging es um den VfB, wie erfolgreich die letzten Wochen waren, wie nachvollziehbar und notwendig ein Sieg gegen Hannover wäre und wie gefährlich das diese Situation macht, denn schließlich wäre es bei weitem nicht das erste Mal gelesen, wenn beim VfB dann die Nerven versagen, wenn er zu Großem imstande ist. Dass das auch hin und wieder passieren kann, wenn man nicht gerade der FC Bayern München ist, sollte jedem bewusst sein. Es ist immer nur die Frage nach dem „Wie“.

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Zwei konträre Serien

Acht Siege ungeschlagen auf der einen Seite. Acht Niederlagen auf der anderen Seite. Vielleicht erinnerte Hannovers Situation ein wenig an die unsere im März 2015, als wir den letzten Strohhalm griffen und daheim gegen Frankfurt das dringend notwendige Lebenszeichen sendeten. Womöglich hätte mir diese Erinnerung alleine schon Warnung genug sein müssen, doch wollte ich mich einmal im Optimismus versuchen, lebe ich selbst doch damit viel leichter. Man sagte mir, es sei bedenklich, wenn ich beginne, Zuversicht zu entwickeln, dann könne es ja nur schief gehen. So kann man einem die Hoffnung auf bessere Tage natürlich auch madig machen.

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Weit mehr Zuschauer waren ins Stadion gekommen im Vergleich zu den letzten Heimspielen gegen Berlin und Hamburg, die Lust stieg und auch der Gelegenheitsstadionbesucher fand vielleicht mal wieder nach Bad Cannstatt zurück. Es war alles angerichtet für das Spiel, das uns aus dem Gröbsten herausbringen sollte und nicht zuletzt, um wieder eine richtig gute Stimmung daheim abzuliefern. Am Ende wurden alle enttäuscht, nicht nur ich selbst. Der Ball rollte vor 54.356 Zuschauern und ließ mich schnell ein Gefühl dafür entwickeln, wie schwer es gegen den vermeintlich leichtesten Gegner werden würde.

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Dass sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten anrennen werden, war nicht überraschend, aber mit welcher Wucht sie das taten, überraschte scheinbar nicht nur Przemyslaw Tyton, der sich nach ein paar Minuten schon gewaltig strecken musste. Hoppla, was war das denn? Bitte macht jetzt bloß keinen Scheiß, es gibt keine vernünftige Erklärung, hier nicht 100 Prozent abrufen zu wollen. Bloß nicht den angeschlagenen Boxer unterschätzen, der ja bekanntermaßen am gefährlichsten ist. Ich tippe diese Zeilen und schüttele immer wieder unterbewusst den Kopf, was meine Stimmungslage auch am Tag danach noch recht gut wiederspiegelt.

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Alles nur eine Frage der Höhe?

Eine gute Viertelstunde brauchten die Jungs, um ins Spiel zu kommen, da bot sich ein ruhender Ball durch Alexandru Maxim geradezu an. Wann immer man sich den Ball im Feld zurecht legt, immer wieder kehrt der Gedanke zurück, wie lange schon kein direktes Freistoßtor mehr erzielt wurde. Über fünf Jahre ist es her, es wäre mal wieder an der Zeit. Dieses nervöse Kribbeln, das Ausrichten der Kamera auf das Tor, hin und wieder auch auf die Cannstatter Kurve, deren Jubel mit die schönsten Motive bietet. In jenem Moment entschied ich mich, die Kamera aufs Tor zu richten, wo im einen Bild der Ball noch fliegt und im nächsten Moment unsere Jungs jubelnd abdrehen.

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Was aus meiner Perspektive im ersten Moment aussah wie ein direkt verwandelte Freistoß (jaja, das Wunschdenken), so löste es die Anzeigetafel wenig später auf. Timo Werner war es gewesen, der völlig ungedeckt zum Kopfball gehen konnte und einnetzte. Küsschen für die Tribüne, für die Mannschaft, für die Fans, für alle. So viel Liebe, so viel Freude, so viel Zuversicht. Der 19-Jährige ließ sich feiern und strahlte dabei über beide Ohren. Noch. Zwischen Held und Buhmann lagen letztendlich nur 65 Minuten.

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Im Nachgang kommt es mir nun schon fast so vor wie unser letztes Spiel vor der Winterpause, welches am Ende dieser Spielzeit hoffentlich als jenes in Erinnerung bleibt, das uns die Wende bescherte. Als die übermächtig wirkenden Gäste zur Führung trafen, schien es mir allenfalls eine Frage der Höhe zu sein. Am Ende stand ein 3:1-Heimsieg des VfB zu Buche, der Beginn einer fantastischen Serie ungeschlagener Spiele, die die letzten Wochen wie ein Traum erschienen ließen.

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Ausgleich aus dem Nichts

Heute können wir uns viele Fragen stellen, wie das Spiel hätte laufen können. Was wäre gewesen, wenn nach Kevin Großkreutz‘ schöner Flanke nicht noch Salif Sane die Kugel von der Linie gekratzt hätte? Es wäre das frühe 2:0 gewesen und damit schon der frühe vermeintliche Todesstoß für unsere Gäste. Hätte, wenn und wäre, all diese Fragen bringen uns die Punkte nicht zurück, sie hinterlassen nichts als Frust und viele Fragezeichen. So waren es die Hannoveraner, die noch in der ersten Halbzeit nach Hiroshi Kiyotakes Freistoß in Führung gingen, es war der Kopf von Christian Schulz, der den Ball noch unter die Latte drosch.

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Hatten wir schon vergessen, wie es sich anfühlt? Das wage ich zu bezweifeln, doch wuchs der Unmut in mir, die erleichterten 96er direkt vor der Cannstatter Kurve feiern zu sehen, untermalt vom lauten Aufschrei eines mager besetzten Gästeblocks und im Augenwinkel mit einer euphorischen Trainerbank. Was war denn bitte hier passiert? Das durfte nicht sein, das konnte nicht sein. Wieder traf der Gegner nach einem Standard, das alte Leid der alten Abwehr, sei sie auch wesentlich stabiler als noch zum Saisonauftakt.

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Zu oft habe ich mir in den vergangenen Wochen anhören müssen, ich solle doch einfach mal entspannt bleiben und der Mannschaft vertrauen. Mit Gegentoren haben sie umzugehen gelernt, das habe ich erfreulicherweise mit meinen eigenen Augen sehen können. Verzweifelt rang ich um Fassung, während es still um mich geworden war. Doch wie sollte ich das anstellen? Wie sollte ich denn bitte ruhig bleiben, wenn wir das unnötigste Gegentor seit langem kassiert hatten? Wie sollte ich denn an die Wende glauben, habe ich doch schon mit eigenen Augen gesehen, wie sehr das eine am Boden liegende Mannschaft beflügeln kann? Da konnte ich nicht gefasst bleiben.

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Besorgte Blicke

Schwerstarbeit für die Anstimmer der Cannstatter Kurve. Wir sollten es mittlerweile doch eigentlich besser wissen, dass uns die Mannschaft durchaus wahrnimmt, ganz besonders dann, wenn sie es am nötigsten hat. Doch es wollte nicht so richtig laut werden, zu geschockt zeigten sich viele vom überraschenden Ausgleich, darunter zähle ich meine Wenigkeit natürlich dazu. Der nette Dropkick von Christian Gentner oder der gewaltige Kopfschuss von Georg Niedermeier, was wären es für nette Tore gewesen, wenn man sie noch vor der Pause gemacht hätte.

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So aber blieb es beim Remis zur Pause und ich schaute in so viele angespannte Gesichter. Viele von ihnen sagten „Wird schon noch“, manche anderen schwiegen und dachten sich ihren Teil. Angespannt trank ich von meinem pappsüßen Pfirsich-Eistee aus dem Tetra-Pak, den Blick umherwandernd zwischen Spielfeld und Kurve. Irgendwie mussten sie die Tore halt mal machen, wenn sie die Partie nicht aus der Hand geben wollte. Ich wünschte, die Mannschaft hätte das selbe gedacht. Sie dachten wahrscheinlich immernoch, dass sich alles schon irgendwie von selbst regelt.

Über eine Stunde war vergangen und was mit mittlerer Anspannung im zweiten Durchgang begann, wurde mit zunehmender Spieldauer zur regelrechten Panik. Jede Minute, die der VfB hier nicht für ein weiteres Tor nutzte, brachte uns dem drohenden Nackenschlag näher – und nein, das schreibe ich nicht nur, weil es so eintrat, sondern weil ich es hatte kommen sehen. Wie eigentlich immer in jenen Spielen, in denen der VfB mehr Chancen als Verstand hat und diese schlichtweg nicht nutzt. Bisher hatte es sich immer gerächt. Immer.

Das berühmte Knistern in der Luft

Die muntere Partie kannte nun nur noch eine einzige Richtung: allemann zur Cannstatter Kurve. Die Möglichkeiten ergaben sich im Minutentakt, Hannover taumelte bedrohlich, doch brachten sie irgendwie immer noch einen Fuß oder einen Kopf hinein, der sie vor dem Knock-Out bewahrte. Ich spürte Zuversicht um mich herum, dass das eine Tor schon noch fällt, und sei es in den letzten Minuten wie gegen Hamburg oder Berlin, irgendwann musste das verdammte Tor doch einmal reingehen. Das dachten zumindest die meisten.

Wir alle kennen diese Tage, wenn der Ball einfach nicht ins Tor will und das Gehäuse wie vernagelt scheint. Unter den Bangen Blicken der Cannstatter Kurve folterten sie uns geradezu mit der Vielzahl an Großchancen, doch keine tat so unheimlich weh wie jene von Timo Werner in der 75. Minute. Mehr als 24 Stunden später ist es mehr als schmerzhaft, mir die Szenen noch einmal anzusehen. Ich will es mir nicht ansehen und weiß doch aber selbst am besten, dass mir nichts anderes übrig bleibt.

Es wäre so schön gewesen. Wir alle hätten gewusst, dass Hannover nicht noch einmal zurück gekommen wäre. Dieser unwiderstehliche Antritt von Filip Kostic, der zusammen mit Timo Werner auf Ron-Robert Zieler zurannte. Gleich klingelts, das spürte man nicht nur durch das Knistern in der Luft, die schlagartig ansteigende Lautstärke des Raunens und die im Augenwinkel sich erhebende Haupttribüne. Das Sichtfeld war versperrt, ich konnte mich nur noch auf meine Ohren verlassen.

Den Klassenerhalt auf dem Schlappen

So hoch ich konnte hob ich meine Kamera in die Luft, das Halsband drei Mal um mein Handgelenk gewickelt, bereit wie nie für das eine Tor, dass uns den Sieg und damit das vorzeitige Verabschieden vom Abstiegskampf bescheren würde. Mein Herz schlug so laut, dass ich befürchtete, jemand könnte es hören. Die Sekunden zogen sich eine Ewigkeit, tiefe Atemzüge, weit aufgerissene Augen, schwache Knie, bereit, mich der ultimativen Stimmungsexplosion hinzugeben. Gleich wäre es so weit, ohne jeden Zweifel spürte man, dass unsere Zeit gekommen war. Fertig? Drei… Zwei… Eins…

„NEIIIIIIIIIIINNNNNNNN!“ – Ich konnte nicht sehen, was passiert ist. Vor mir und neben mir nur das Bildnis des Entsetzens. Es dauerte Sekunden, bis ich realisieren konnte, was passiert ist. Und bis heute frage ich mich, wie das nur so passieren konnte. Es war schwerer, den Ball nicht zu machen, der ihm über den Schlappen am Pfosten vorbei rutschte. Captain Jack Sparrow hat einmal gesagt: „Falls du auf den richtigen Augenblick gewartet hast… das war er“.

Es war an der Zeit für frischen Wind, für Timo Werner und Serey Dié kamen Artem Kravets und Martin Harnik, die die Offensive noch einmal beleben sollten, wie es so schön im Fußballjargon heißt. Beide haben uns in den vergangenen Wochen noch wichtige Zähler beschert, warum nicht jetzt auch hier, indem man einzig und allein darauf vertraut, dass die Kugel früher oder später schon irgendwie ins Tor hinein muss.

Pure Verzweiflung

Viel Zeit zum Nachdenken hatten sie nicht, die Minuten liefen ihnen davon. Noch einmal alles geben für die Mannschaft, sie brauchte uns für dieses eine vermaledeite Tor, dass wir so dringend brauchten. Unsere sportliche Gesamtsituation hätte zu diesem Zeitpunkt schon weitaus schlechter aussehen können, man solle meinen, dass ein Punkt gegen den Tabellenletzten zu verkraften ist, doch kann ich dieser Aussage nichts abgewinnen. Punkte, und zwar drei davon! Anderenfalls werde ich nicht ruhig schlafen können, zu groß noch die Besorgnis, auf den harten Boden des Tabellenkellers aufzuschlagen, was bekanntermaßen schneller gehen kann, als dass man es realisiert.

Nur drei Minuten nach Timo Werners tausendprozentiger Möglichkeit auf den Siegtreffer scheiterte auch Filip Kostic, doch weniger am Unvermögen, mehr am Torhüter der Gäste, ohne den das Ergebnis nur eine Frage der Höhe gewesen wäre. Knapp zehn Minuten blieben dem VfB noch, uns hier ins höchste Glücksgefühl zu katapultieren und mich das erste Mal seit langer Zeit sagen zu lassen „So, für die nächsten Wochen erstmal kein Abstiegskampf“. Doch je weniger Minuten auf der Uhr übrig geblieben waren, desto größer wurde meine Angst. Und wie man sieht: nicht unbegründet.

Nicht einmal mit dem einen Punkt wollte ich mich zufrieden geben, doch war es das wichtigste, zumindest diesen abzusichern. Und Hannover? Die lagen bereits am Boden und entwickelten nur noch selten so etwas wie Gefahr, dann lediglich über den wieder genesenen Hiroshi Kiyotake, der schon des Öfteren bewiesen hat, dass er ein gar nicht schlechter Freistoßschütze ist. Bis zum VfB scheint sich das jedoch noch nicht durchgesprochen zu haben. War es schon Selbstzufriedenheit, die man hier an den Tag legte? Ich weiß es nicht.

Warum?

Wieder Hiroshi Kiyotake. Wieder ein Freistoß. Wieder Christian Schulz. Und wieder war es da, das dumpfe Gefühl, dass nichts, aber auch wirklich gar nichts so ist, wie es eigentlich hätte sein sollen. Ungläubig starrte ich aufs Spielfeld hinaus, fassungslos und wortlos, unter Schock. Lukas Rupp, Martin Harnik, Artem Kravets, auch sie scheiterten vor den ungläubigen Blicken Augen der Kurve. Wie konnte das nur sein? Was war hier passiert? Wie war das möglich? Wir Fans wissen es nicht. Der VfB weiß es nicht. Und vermutlich wissen es die Hannoveraner auch nicht.

Es hatte nicht sollen sein. Kurze Zeit später pfiff Sascha Stegemann das Spiel ab und hinterließ großen Frust. Es war keine gewöhnliche „Kann passieren“-Niederlage, es war die Rückkehr in schon vergangen geglaubte Zeiten. Ich wollte und konnte es nicht glauben. Wie kann man ein solches Spiel nach dem Führungstreffer noch so aus der Hand geben? Immer wieder die Chancenverwertung, immer wieder dann, wenn man einen großen Sprung in der Tabelle hätte hinter sich bringen können. Wie unendlich gut das Feierabendbierchen getan hätte, das am Samstag Abend zu meiner Linken neben der Tastatur gestanden wäre, mit jenem seligen Lächeln, dass ich schon einige Male jetzt genießen durfte.

Ob der eine oder andere Fan aus Hannover diese Zeilen bis hierher gelesen hat, vermag ich nicht zu erahnen, doch sollte auch er sich die Frage stellen, ob dieser Sieg für Hannover nicht an allen Ecken und Enden unverdient war. Doch wird er das antworten, was auch wir antworten würden, wären wir in der selben Situation: es wäre einem nämlich schlicht und ergreifend egal. Für Hannover bleibt ein Stück Hoffnung. Für mich bleiben Frust und Angst, auch wenn das viele vielleicht nicht nachvollziehen können.

Zweifel statt Zuversicht

Es tut weh, zu wissen,dass man den wichtigen Schritt nicht gemacht hat, stattdessen ein Spiel verloren hat, was man nach allen logischen Erklärungen nicht verlieren kann. Wer fühlt sich da nicht erinnert an die ominöse Hinrunde, die Zeit der tausend Chancen, als man in mehreren Spielen in Folge aus drückender Überlegenheit rein gar nichts machte und alles verlor, was man konnte. Hätte man mir nach dem 0:4 gegen Augsburg gesagt, ich müsse eine unverdiente Niederlage nach acht ungeschlagenen Spielen hinnehmen, vermutlich hätte ich es noch mit Kusshand genommen. Heute ist es anders, wenn jeder einzelne Punkt für den Klassenerhalt so unheimlich wichtig ist.

Dass es noch genug Spiele gibt, um zu punkten, ist mir zwar nicht egal, doch verlassen will ich mich darauf nicht. Zu viele Unwägbarkeiten, von einer möglichen Verunsicherung möchte ich dabei noch nicht einmal reden. So gerne würde ich sagen, es sei ein Dämpfer zur rechten Zeit gewesen, doch wer acht Spiele in Folge nicht verliert, wer lässt sich da schon gerne vom Tabellenletzten in die Schranken weisen. In meinem Kopf schwirren die Gedanken umher, viele von ihnen drehen sich um das schlimmste mögliche Szenario, über das ich schon oft nachdachte, ohne dass es immer eingetreten ist.

Viel Zeit zum Überlegen bleibt nicht. Die Mannschaft wird sich die Frage gefallen lassen müssen, wie sie dieses Spiel aus der Hand geben konnten, und ich hoffe doch sehr, dass sie Antworten geben können. Für mich persönlich bleibt die größte aller Hürden: der Wunsch nach mehr Gelassenheit. Entgegen anderer Behauptungen gibt es dafür keinen Schalter, den man mal eben umlegen kann. Wenn ich könnte, ich würde ihn auf „Zuversicht“ stellen, am Mittwoch nach Gladbach aufbrechen und bis zur letzten Minute an das Beste in meiner Mannschaft glauben. Doch alles, was ich kann, ist zweifeln. Selbst dann, wenn ich es am wenigsten will.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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