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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Der harte Boden der Tatsachen

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Es gibt Dinge, die kann man nicht erklären. Verzweifelt sucht man nach Erklärungen, dreht jeden Stein um, zermartert sich den Kopf, sinniert über jeden einzelnen Aspekt, nur um festzustellen, dass man keine Erklärung finden kann – jedenfalls keine, die logisch erscheint. Bis heute vermag ich keine rechte Erklärung haben, wie es nur passieren konnte, dass wir die ersten Saisonspiele durch die Bank weg verloren hatten. Bis heute habe ich nicht verstanden, welche Hebel es war, den Jürgen Kramny mit seinem Amtsantritt umlegen konnte. Bis heute suche ich nach Antworten, wie man das Spiel gegen Hannover nur verlieren konnte. Und die nächste Frage wird sein: War es das schon wieder mit all der neuen Herrlichkeit?

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Viel Zeit zum Nachdenken bleibt mir nicht. Die schwere Bürde der englischen Woche, gefühlt gerade erst aus Gladbach zurückgekehrt, heute schon wieder mitten in den Vorbereitungen für das nächste Spiel. Ein paar wenigen Stunden bleiben mir an diesem Freitagabend, um das niederzuschreiben, was mich so verbittert umtreibt. So gerne hätte ich Unrecht behalten. So gerne hätte ich mir angehört: „Ach Ute, du hast mal wieder maßlos übertrieben – es ist doch alles in Ordnung“. So gerne hätte ich mein lächelndes Spiegelbild gesehen, dass ich vor nicht allzu langer Zeit noch für unmöglich gehalten hatte. Stattdessen Frust und Ratlosigkeit.

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Ich habe es geahnt. Irgendwie. Doch gebeten hatte ich darum nicht. Für die finsteren Gedanken kann ich nichts, es waren die letzten Jahre, die ihre dunklen Spuren in meinem Kopf hinterlassen hatten. Seit mehreren Jahren begleitet sie mich, diese nahezu permanente Angst vor dem Abstieg, wohlwissend, dass mich diese Furcht beinahe mehr Kraft kostet als die eigentlichen letzten Spieltage, in denen es womöglich noch einmal um alles geht. Kein bisschen vergessen konnte ich das, was ich in Paderborn erlebt habe. Und doch ist da diese Angst, in Wolfsburg ähnliche Emotionen durchleben zu müssen.

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Zwischen Europa League und Abstiegskampf

Nach Schalke war es die Angst, nach Hannover das Unverständnis, doch was ist es, weswegen ich mit bedröppeltem Blick vor meinem heimischen Rechner sitze, während ich am liebsten in eine warme Decke gekuschelt mit Felix auf der Couch liegen wollte und eine harte Woche ausklangen lassen wollte? War mein Frust am vergangenen Wochenende so laut geworden, dass viele voll Unverständnis den Kopf schüttelten, so fand ich erstaunlicherweise recht wenige treffende Worte. Viele haben bereits verdrängt, was am Mittwoch passiert nicht. Das hätte ich am liebsten auch, doch beginnt für mich an diesem Abend erst die richtige Aufbereitung.

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Wohlwissend, mir zumindest die Highlights des Spiels noch einmal ansehen zu müssen. Wie weh das tun wird, ist mir dabei leidlich bewusst. Ich könnte mich anders entscheiden. Ich könnte mich entscheiden, es mit diesen Worten dabei beruhen zu lassen, die bisherigen 450 Wörter ins Netz zu stellen und mich auf die Couch zu lümmeln. Vergessen was passiert ist, entspannen und Kraft schöpfen, was morgen Nachmittag auf uns wartet. Doch ich kann es nicht. Und ein Teil von mir will es auch nicht. Fällt es hin und wieder auch schwer, die Motivation und die Kraft für diese Zeilen zu finden, so sind sie unverkennbarer Teil meiner Aufarbeitung, und sei es mitunter unter Qualen.

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Es ist verstörend, zu wissen, dass man mit all seinen Befürchtungen und Ängsten doch nicht immer komplett daneben lag. Was hatten wir uns nicht zuletzt erfreut an einer Mannschaft, die wie ausgewechselt schien, die zu neuen Taten im Stande war und selbst die kritischsten unter uns zu erfreuen vermochte. Zu den Europa-League-Sagern gehöre ich nicht, das wissen all jene, die regelmäßig diese Zeilen lesen und genau wissen, dass nicht ein einziger Text ohne zumindest eine einzige Erwähnung des Wortes „Abstiegskampf“ auszukommen vermag.

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Kampf. Wille. Leidenschaft.

Die steten Zweifel begleiten mich seit Wochen, seit letzter Woche, seit letztem Monat, seit letztem Jahr und die Jahre davor: zu was ist diese Mannschaft im Stande? Ich träume von einer Zeit, in der ich mir diese Frage nicht Woche für Woche stellen muss, dann würde ich einfach eine Kameratasche packen, meine Dauerkarte oder das Auswärtsticket in die Geldbörse stecken, würde hoch erhobenen Hauptes das Haus verlassen und wäre mir sicher, dass meine Jungs zu jeder Zeit all das geben, was jeder Fan von ihnen erwartet. Kampf. Wille. Leidenschaft.

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Ich hätte keine Angst vor den unteren Tabellenregionen, und selbst wenn sich der VfB dort wieder findet, ich wäre mir sicher, er käme da wieder heraus. Es vergeht keine Woche, in der ich mir nicht selbst die Frage stelle, wie es gelingen soll, gelassener zu werden. Klar, es ist nur Fußball. Leichter gesagt als getan, denn wer tief in der Materie verwurzelt ist, der weiß ganz genau, dass es eben nicht einfach nur Fußball ist, eine beliebige Freizeitbeschäftigung, die man ad acta legen kann, wenn es aufhört, Freude zu bereiten.

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Wir lieben diesen Sport. Und wer sich in diesen Zeilen wiederfindet, der liebt und lebt den VfB, manche mehr, manche weniger. Manche lesen diese Worte, weil sie sie immer lesen und sowohl Trost und Verständnis finden, andere wiederum lesen die Worte, weil sie von externen Quellen hierher geführt wurden. Vom fast schon naiven Optimisten bis zum gleichermaßen schwarzmalerisch veranlagten Pessimisten ist alles dabei, und auch wenn sie anderes behaupten, kein Optimist kann mir weis machen, das ihnen nicht im höchsten Maße das ärgerte, was der VfB in Gladbach angeboten hatte.

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Es gibt solche Tage

Niemand hatte erwartet, dass der VfB kein einziges Spiel mehr bis zum Saisonende verlieren würde, selbst ich nicht, auch wenn manche das vielleicht von mir behaupten würden. Warum es mich trotzdem so ungemein enttäuscht, liegt nicht in der Erwartungshaltung begründet, der VfB müsse alles und jeden schlagen. Im Gegenteil, es ist die blanke Angst davor, von alles und jedem geschlagen zu werden, und sich vor allem dann im Tabellenkeller wiederzufinden, wenn man es doch eigentlich nie wieder durchleben wollte.

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Solche Spiele können passieren. Jeder von uns kennt sie, diese Tage, an denen du mit dem falschen Fuß aufstehst, dir das Marmeladenbrot auf die bestrichene Seite auf den Boden fällt, das Auto nicht anspringt oder dir die S-Bahn vor der Nase weg fährt, wenn du Stress und Ärger im Geschäft hast, eben alles, was in nur 24 Stunden alles schief gehen kann. Es sei selbst dem VfB zugestanden, dass er hin und wieder solche Tage hat, doch frage ich mich nach dem zweiten Spiel in Folge: musste das ausgerechnet jetzt in dieser Konstellation sein? Hätte man damit nicht warten können, bis man alle rechnerisch notwendigen Punkte beisammen hat und die Luft nicht mehr so dünn ist?

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Meine Angst ist nicht unbegründet, zumindest nicht vollständig. Durfte man vor einigen Tagen noch frohen Mutes sein, die Mannschaft hätte endlich begriffen, sei lernfähig und auf dem Weg in eine bessere Zukunft, so enttäuscht sie uns früher oder später dann doch. Einzig und allein wie wir damit umgehen unterscheidet uns. Einige glauben, es sei ein einmaliger, oder sagen wir lieber, zweimaliger Ausrutscher gewesen, andere wiederum fürchten um das Wissen, dass eine Serie von Niederlagen ebenso schnell kommen kann wie eine Serie von Siegen. Beides haben wir bereits mit eigenen Augen gesehen – und das alleine schon in einer einzigen Spielzeit.

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Hannover vergessen machen

Die Niederlage gegen Hannover wurmte mich massivst, erst recht, als diese ihr Heimspiel am Dienstag haushoch gegen die auswärtsschwächste Mannschaft der Bundesliga verloren hatten. Hätten sie sich nicht wenigstens ihren Sieg ein paar wenige Tage aufheben können? Was blieb, war das beklemmende Gefühl, als gefühlt einzige Mannschaft den Tabellenletzten unterschätzt zu haben. Ein weitläufiger Gedanke, der VfB würde faul und gelassen werden, sobald es ein paar Wochen „zu gut“ läuft. Eine durchaus gefährliche Beobachtung.

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Für die Frustbewältigung gab es ein ganz einfaches Mittel: einfach in Gladbach punkten, selbst die Zähler einheimsen und sich schon bald nicht die Bohne mehr um das scheren zu müssen, was denn die anderen Vereine hinter einem so treiben, weil man selbst im gesichterten Mittelfeld ist. Mit gemischten Gefühlen stieg ich zur Mittagszeit nach einem halben Arbeitstag ins Auto. Eine stilvolle Fahrt sollte es werden, nicht weniger als ein Mercedes C63 AMG stand in Renningen vor der Tür meines Büros. Zu viert machten wir uns mit stattlichen 476 PS unter dem Hintern auf den Weg in Richtung Nordwesten.

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Gut drei einhalb Stunden dauerte die Fahrt zum Borussia-Park, fernab jeder öffentlicher Anbindung. Für uns endete die Reise vorerst auf P4, über eine halbe Stunde vor der Stadionöffnung war noch nicht viel los bei der klirrenden Kälte im Südwesten Möchengladbachs. Bisher waren es meist gute Erinnerungen ans Stadion mit der markanten Stahlkonstruktion an der Außenseite. Nie werde ich vergessen, wie Roel Brouwers am 17.11.2012 nach 72 Minuten mit einer Bogenlampe ins eigene Tor traf und der Gästeblock geschlossen die Tormelodie der Gladbacher nachäffte.

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Nasskaltes Anti-Fußballwetter

Es sind diese Momente, die brennen sich als wunderbare Erinnerung im Kopf ein und lassen hoffen, erneut eine solche Erinnerung in den Kopf brennen zu können. In gewisser Weise gelang es auch nach diesem Spiel, wenn auch auf negative Art und Weise. Der Regen hatte erneut eingesetzt, als sich mehr und mehr VfBler am Stadion einfanden. Viele sollten es nicht werden, nur knapp 1.500 Stuttgarter aus Nah und Fern hatten sich unter der Woche auf den Weg gemacht, eine wie sich später zeigen sollte, mehr als undankbare Unternehmung.

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Nass. Kalt. Widerlich. Auch wenn wir im Gästeblock vor dem Regen geschützt waren, so schützte es uns nicht vor eiskaltem Wind, der mir immer wieder um die Nase wehte. Das Stadion füllte sich und schon bald konnte es los gehen mit einem Spiel, welches ich nach dem heutigen Abend hoffentlich tatsächlich schnell abhaken kann. Der Ball rollte bereits und schon meldete es sich, dieses ungute Gefühl in meinem Bauch. Viele von euch werden sarkastisch lachen und sich denken, dass mich doch bisher ein jedes Mal dieses ungute Gefühl begleitet hat, auch dann, wenn der VfB kurze Zeit später seine neuen Qualitäten demonstrierte.

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Keine zehn Minuten waren vorüber und ich konnte mir nicht helfen, irgendetwas stimmte hier nicht. Schon früh gingen die Hausherren drauf, schienen passsicherer und willensstärker zu sein, während die Unseren vergeblich nach Zugriff suchten. Sie schienen als einziges probates Mittel das Lauern auf Konter zur Verfügung zu haben, ob das denn wirklich gut geht? Täuschen sollte mich das ungute Gefühl nicht, lange dauerte es nicht und schon jubelten die, von denen ich gehofft hatte, das „Döp Döp Döp Dödödödödöp“ nicht ein einziges Mal hören zu müssen.

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Jenes flaue Gefühl im Magen

Viel zu leicht waren sie nach vorne durchgelaufen, viel zu leicht konnten sie flanken, viel zu leicht hatte sich Georg Niedermeier überrumpeln lassen, viel zu leicht war der Ball im Tor. Thorgan Hazard ließ sich als Torschütze feiern, der Mittelfeldspieler, dem seit 2014 erst ein einziges Tor bis zu diesem gelang. Man wäre fast geneigt zu sagen: „War ja irgendwie klar“. Doch was machte schon der Rückstand? Dass sie diesen wieder wett machen können, hatte der VfB zuletzt eindrucksvoll bewiesen, auch wenn es meine persönliche Angst im Moment des Rückstands nicht weniger groß macht.

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Etwas war anders an diesem Mittwochabend. Es war nicht die Trotzreaktion, das Aufwachen, das Zurückschlagen, nein, wir sahen fortan einen VfB, der nur noch hinterher lief. Zu spät in den Zweikämpfen, zu ungenau beim Passen, zu überhastet die wenigen paar Offensivaktionen, die man an diesem vollkommen gebrauchtem Tag zustande brachte. Dass es in der ersten Halbzeit nicht schon 3:0 für die Gastgeber stand war das positivste, dass es zur Halbzeitpause zu vermelden gab.

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Viel Positives vernahmen meine Ohren nicht, als sich die Leute an mir vorbei zu den Imbissständen und Toiletten vorbei drückten. Wie sehr ich auch wollte, dass dieses miese Gefühl weg geht, es wollte einfach nicht verschwinden. Die einzige Hoffnung war die zweite Halbzeit auf Schalke, die so viel besser war als die erste, in der man schon früh in Rückstand geriet. Es musste sich etwas ändern, und zwar ganz ganz schnell. Das war offenbar auch Jürgem Kramny bewusst geworden, der für Serey Dié und Timo Werner nun Artem Kravets und Lukas Rupp brachte.

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Hoffnungslos unterlegen – aber wieso?

Natürlich hätte es auch anders laufen können. Wer weiß, welchen weiteren Verlauf die Partie genommen hätte, wenn Artem Kravets nach Filip Kostics abgefälschter Flanke nicht Yann Sommer sondern das Tor getroffen hätte? Doch war es nicht dieser Moment, der mich am Laufe des Schicksals zweifeln lässt, denn wir mal ehrlich sind, wäre diese Schmach wohl nicht so passiert, hätte man gegen Hannover die drei Punkte geholt. Sich jetzt im Nachgang zu fragen, wie es hätte laufen können, wenn manche Dinge anders gewesen wären, natürlich ist es müßig und umso mehr frustrierend, doch sei es mir trotz allem zugestanden.

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Der Gästeblock tat sich schwer, konsequent und langanhaltend zu supporten, ich sang, hüpfte und klatsche mit, sofern es mein „Nebenjob“ als Fan-Fotografin denn zugelassen hatte, doch vermochte kaum noch jemand in der oberen Hälfte die Stimme zu erheben. Eine Stunde war vorüber und auf dem Spielfeld sah es so aus, als sei Gladbach dem zweiten Tor sehr viel näher als wir dem Ausgleich. Statt dem erhofften Aufdrehen der Mannschaft sah man nach einer zwischenzeitlichen kurzen optischen Ausgeglichenheit wieder nur die Gladbacher anrennen.

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Wir alle wissen, wie das so ist. Wenn es kommt, dann kommt es dicke – mit allen Slapstick-Einlagen, die man sich nur vorstellen kann. Im Nachgang erinnert es vielleicht ein wenig an die Packung in Leverkusen, die ähnlich katastrophal verlief und nach dem 3:0 den aktiven Kern der Kurve dazu veranlasste, den Block zu verlassen. „Nimm du ihn, ich hab ihn sicher“ meinte Christian Gentner, wollte seinem Keeper noch die Arbeit des Klärens abnehmen und so landete der Ball mehr als unglücklich vor den Füßen von Raffael. Döp Döp Döp.

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Zur Schlachtbank geführt

Oh. Mein. Gott. Lächerlicher kannst du dich nicht bei einem Angriff des Gegners verlassen. Enttäuscht senkten sich 1.500 Köpfe schlagartig zum Boden, dieser Stich ins Herz, er tat so unheimlich weh. Spätestens jetzt war klar, wo die Reise hingehen würde, denn vom VfB kam nichts, aber auch wirklich gar nichts. Im Gegenteil, sie machten es nur noch schlimmer, selbst dann, als wir dachten, das ginge überhaupt nicht mehr. Keine zehn Minuten wechselte André Schubert, der neue Heilsbringer der Borussia, den fünf Monate verletzten Patrick Herrmann unter dem donnernden Applaus des Stadions und mit den Worten des Stadionsprechers „Und womöglich bald Torschütze – Fragezeichen…“ ein.

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Gesagt. Getan. Nichts blieb dem VfB in der klirrende Kälte Mönchengladbachs erspart, als wollte man sich für all die Niederlagen auf einmal rächen, die der VfB der Borussia vor deren heimischem Publikum seit dem Jahre 2005 zugefügt hatte. Torschütze? Patrick Hermann. Natürlich. Für die Fans der Fohlenelf eine zweifelsohne emotionale und wunderbare Geschichte. Wenn einer der Publikumslieblinge nach langer Leidenszeit wieder daheim aufs Feld laufen kann und nach nur 30 Sekunden das allerspätestens jetzt vorentscheidende 3:0 macht, direkt vor der Kurve. Ich kenne ein paar von ihnen, ich selbst zähle einige Gladbacher zu meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Aber nein, gönnen wollte ich es ihnen nicht.

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Mehr als 20 Minuten plus Nachspielzeit mussten wir noch über uns ergehen lassen, für viele Grund genug, schon das Weite zu suchen. Es wurde ein wenig lichter im Gästeblock, der trotz allem immer weiter sang, sofern man es denn übers Herz brachte. Frustriert schaute ich gedankenverloren aufs Spielfeld, dachte an die Gegentore, sah die Art und Weise, mit der sich der VfB hier nahezu willenlos zur Schlachtbank führen ließ und verspürte nichts als Furcht. Eine Furcht, die weit größer war als die vor einem verlorenen Spiel. Die Furcht vor dem Absturz.

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Ratlose Blicke

Nicht einmal der Ehrentreffer wollte gelingen. Wie denn auch, wenn die Moral bereits gebrochen ist und die Mannschaft nichts mehr herbei sehnt als den Schlusspfiff, der sie von dieser Schmach erlöst? Die letzten Minuten liefen und nicht einmal der blieb uns ohne weiteren Frust erspart. Es gibt eben so Tage, an denen triffst du eben als Neuzugang in der Nachspielzeit ins Tor – dummerweise eben ins falsche. Das war wohl die Rache für Roel Brouwers Bogenlampe vor drei Jahren, drei Monaten und zwei Wochen. Dabei hatte das Schicksal für Kevin Großkreutz doch so viel Schöneres bereitgehalten, das Siegtor in Schalke hätte den Humor vieler Leute perfekt getroffen.

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In einem weiteren lauten Torjubel und einem weiteren Döp Döp Döp ging der Schlusspfiff von Tobias Welz beinahe unter. So gerne hätte ich jetzt die Schultern gezuckt, gesagt „Kommt vor“ und wäre mir doch sicher, dass uns kein ganz übles Saisonfinale wie die letzte Saison drohen würde. Gerne würde ich diesen Glauben mit vielen von euch teilen, doch lehrten mich die letzten Jahre etwas anderes: dass diese Mannschaft einfach nicht im Stande ist, über Wochen und Monate hinweg wirklich konstante Leistungen zu zeigen.

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Zaghaften Applaus vom Gästeblock bekamen sie trotz der neuerlichen Niederlage, wenngleich ich die aufbauende Geste nun wahrlich nicht teilen kann. Gepfiffen habe ich nicht, doch sah ich keinen Grund, ihnen für eine nicht vorhandene Leistung zu applaudieren. Ein paar wenige Sekunden standen sie wie begossene Pudel vor dem Gästeblock, klatschten zurück und jeder von uns schien sich zu fragen, wie es nur so weit kommen konnte. Mannschaft. Trainer. Und vor allem auch wir Fans.

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Die Angst im Nacken

Schnellen Schrittes liefen wir in die Dunkelheit hinaus, nahe dem Wadenkrampf hetzte ich über zermatschte Grünstreifen und asphaltierte Parklücken. Alle vier Türen schlugen wir neben uns zu, Kumpel Andi starteten den laut aufheulenden Motor, der neugierige Blicke auf uns zog und so setzten wir uns in Bewegung. Wir alle hatten es uns anders vorgestellt, weit mehr erfolgreich, weit weniger schmerzhaft. Ändern konnten wir es nicht, doch nach dem zweiten verlorenen Spiel in Folge wird die Frage lauter, ob es nun wieder berab gehen würde.

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Nicht ein einziges positives Wort hatte ich dieser Tage vernommen. Sprachen manche von dem „allerletzten Weckruf“ und einem Zeichen, dass der Mannschaft klar macht, sie müsse immer mindestens 100% geben, sehe ich das weit weniger positiv. Wo die Reise des VfB am Ende der Saison enden wird, das ist jetzt so schwer auszumachen wie noch nie in dieser Spielzeit. Gerne würde ich sie mir bewahren, die Hoffnung auf ein weitgehend entspanntes Saisonfinale. Aber dazu muss die Mannschaft mithelfen.

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Sie können alles besser machen. Sie können die Schmach gegen Gladbach vergessen lassen und die Pleite gegen Hannover zumindest mildern, wenn sie denn gegen Hoffenheim dreifach punkten. Doch diese sind wieder im Aufwind, ebenso wie die Bremer. Ist es nicht traurig, dass ich beiden Mannschaften die Charakterfrage mehr zutraue als meinen eigenen Jungs? Die Charakterfrage macht mir Angst, aus dem einfachen Grund, der VfB könne sie falsch beantworten. Angst ist niemals ein guter Begleiter, doch um ihn abzuschütteln, müsste ich dafür erst einmal schneller und stärker sein.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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