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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Insgesamt zu wenig

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Es war einfach zu wenig. Zu wenig von Vielem. Zu wenig Konsequenz. Zu wenig Durchschlagskraft. Zu wenig Wille. Zu wenig Konzentration. Zu wenig Tore. Zu wenig Punkte. Man könnte fast sagen „Luxusprobleme“. Mein Papa sagte mir am Abend, als wir auch Berlin zurückgekehrt waren: „Ganz schön weite Reise für nur einen Punkt“. Ich schaute ihn an, runzelte kurz die Stirn und entgegnete: „Wir sind schon weiter gefahren für weniger“. Bedenkt man die Vielzahl der Möglichkeiten, die sich den Eisernen am Ende der Partie noch geboten hatten, sollten wir zufrieden sein, mit einem Punkt heimzufahren. Aber wir sind es nicht.

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Nicht alle Emotionen lassen sich am Ende eines Spiels leicht einordnen. Wir alle kennen diese beschwingte Freude, das breite Grinsen und das Adrenalin nach einem Sieg, und wir alle kennen auch diesen dumpfen Frust, das innere Grollen und die Enttäuschung nach einer Niederlage. Doch wohin genau mit einem Unentschieden? Die Antwort darauf wird wohl jeder selbst finden müssen. Bei mir pendelt es je nach Gedankengang zwischen „Das hätten wir auch gut noch verlieren können“ und dem Wissen, dass uns ein einziger Fehler und mangelnde Konsequenz um den Sieg gebracht haben.

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Die Tabellenführung wäre es gewesen. Ein ganz neues, ungewohntes Gefühl, wenn man die persönliche Befriedigung, was den VfB angeht, nicht durch gewonnene Spiele im Abstiegskampf erfährt, sondern plötzlich am oberen Ende der Tabelle neuen Mut schöpft und auch – ohne es wirklich zu wollen – eine neue Erwartungshaltung aufbaut. Es hätte mehr drin sein müssen in Berlin, ohne jede Frage, denn unser Anspruch muss es sein, jedes einzelne Spiel zu gewinnen. Doch war das wirklich zu erwarten? Auch das wird sich jeder Einzelne selbst fragen müssen.

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(Un)dankbar

Dankbar für einen Punkt, der am Ende auch hätte flöten gehen können oder lieber missmutig, dass man an diesem Wochenende die bereitwilligen Geschenke der Aufstiegskonkurrenz verschmäht hat? Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen. Wer mich gut genug kennt und diesen Blog schon länger verfolgt als die ersten paar Minuten, der wird wahrscheinlich bereits ahnen, wo ich dieses Spiel eher verorte. Ganz genau. Für mich war es zu wenig, ungeachtet des Glücks, das uns am Ende noch zum Punkt“erhalt“ verholfen hat. Zwei Punkte, die am Ende beim Aufstieg fehlen und wer weiß wie sehr noch weh tun werden.

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Die Saison ist noch lang. Es gibt noch viele Punkte zu vergeben und wir alle hoffen doch insgeheim, dass Hannes Wolf auch das Thema Kondition in der Winterpause richtig anzupacken vermag. Eine Garantie gibt es dafür nicht und genau deswegen neige ich auch dazu, jedem einzelnen Punkt, den der VfB nicht holt, auf für manche sehr anstrengende und befremdliche Weise hinterherzutrauern, stets getrieben von dem unweigerlichen Gedanken, dass am Ende nicht reicht, sei es der Abstiegskampf, der Kampf um die internationalen Plätze oder nun der Aufstiegskampf in Liga zwei.

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Alles eine Frage des Vertrauens. Ich sollte der Mannschaft und dem Trainerteam vertrauen, dass sie die richtigen Schlüsse daraus zieht, warum genau es nicht zu drei Punkten gereicht hat. Für einen romantischen Fußballfan, der nicht weniger als jede Woche das Beste von seiner Mannschaft erwartet, ist die Sachlage klar: die instabile Abwehr, mitunter erschreckende Einfallslosigkeit im Mittelfeld und ausgelassene Chancen in der Offensive – und dann ist ja noch das große Problem der schnellen Selbstzufriedenheit. Warum sollte man mehr tun, wenn man doch mit einem Tor bei den heimstarken Unionern führt? So oder zumindest so ähnlich.

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Die Sehnsucht nach der Tabellenführung

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich im Flixbus der Linie 55 von Leipzig nach Stuttgart. Der Bus schaukelt hin und her und manchmal treffe ich nicht die richtigen Tasten. Immer wieder schweift mein Blick durch die getönten Scheiben in die Ferne, über Felder, Hügel und kleine Städte am Horizont. Was haben wir nicht alles schon gesehen bei unseren Fahrten durch ganz Deutschland. Für die meisten von uns ist die zweite Liga ein einziges großes Abenteuer mit neuen interessanten Stadien und ganz von viel von dem, was den Fußball so echt und liebenswert macht, oft fernab der bekanten Hochglanzarenen.

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Es hat schon etwas für sich und hin und wieder erwischt man sich beim Gedanken, dass das alles gar nicht so schlecht ist. Als Felix und ich am Samstag morgen in den Bus stiegen, wussten wir bereits, dass RB Leipzig für zumindest eine Nacht Tabellenführer sein würde. So sehr ich mich auf meine Familie auch gefreut habe, die unfreiwilligen Gespräche über die ach so tolle „Leipziger“ Mannschaft freute ich mich nicht. Wo das noch enden soll bereitet nicht nur VfB-Fans große Kopfschmerzen.

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Vier oder fünf Mal öffnete ich den Reißverschluss meiner Kameratasche und schaute immer wieder nach, ob ich auch das ausgedruckte Formular dabei hatte. Union hatte für die Mitnahme von Kameras ein separates Dokument zum Download gestellt, das man sich vom Gastgeber genehmigen lassen musste, um die Kamera mitnehmen zu dürfen. Wenn uns damit lästige Diskussionen erspart bleiben würden, sollte es uns selbstverständlich recht sein. So ganz ohne ging es dann aber doch nicht.

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Auf zu neuen Abenteuern

Nach dem Frühstück waren wir aufgebrochen, nahmen das Auto meines Vaters samt Leipziger Kennzeichen und machten uns ein weiteres Mal auf in Richtung Berlin. Keine ganz neue Strecke, aber doch so viel anders als die anderen Male, als uns der Weg zur Hertha ins Olympiastadion lockte. Am südöstlichen Rand Berlins gelegen wartete in Köpenick das Stadion an der alten Försterei auf uns, zum ersten Mal würde hier der VfB in einem Pflichtspiel auf Union treffen. Spannend. Aufregend. Anders. Fußballherz, was willst du mehr?

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Es sah wärmer aus, als es tatsächlich war. Eiskalter Wind wehte uns um die Nase, als wir nahe des FEZ (was auch immer das sein soll) das Auto abstellten und ein paar Meter zu Fuß zurücklegten. Elf Uhr sollten sich die Tore des Stadions an der alten Försterei eigentlich öffnen, zumindest war dies so im Internet zu lesen. Letztendlich wurde daraus noch eine weitere Stunde Wartezeit, denn die Tore öffneten sich erst anderthalb Stunden vor dem Anpfiff. Eine lange Zeit, wenn man friert, Hunger hat und auf die Toilette muss – oder kurz: wenn man eine Frau ist.

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Einige Freunde und Bekannte liefen uns direkt in die Arme, als sich alles am Gästeeingang versammelte, viele freuten sich offenkundig auf das „neue“ Stadion, dass die wenigsten von uns bereits schon einmal gesehen haben dürften. 2.500 Stuttgarter aus Nah und Fern machten sich auf den Weg, nicht wenige von ihnen direkt aus Berlin. Bedenkt man die Stadionkapazität von 22.012 Plätzen konnte sich das wirklich sehen lassen.

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Dort, wo der Fußball noch echt ist

Mit einem pinkfarbenen Bändchen an der Kameratasche durfte ich nach intensiven Kontrollen endlich hinein, schnell noch auf Toilette, eine leckere Bratwurst für 2,50 € auf die Hand und einen Blick hinein geworfen in das im Jahre 1920 eröffnete Stadion, das ohne eine Laufbahn das größte „reine Fußballstadion“ der Hauptstadion ist. Schon von weitem konnte man die Flutlichtmasten sehen, sehr zu meiner Freude, denn für die habe ich wahrlich etwas übrig, genau wie für alte nostalgische Stadion – es muss nicht immer auf Hochglanz geleckt sein.

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Auf den flachen Stufen lagen weiß-rote Fahnen und jeder hatte schwarze Folie dabei, die der Choreo der Schwaben-Kompanie Stuttgart diente, die zehnjähriges Bestehen feiern. Noch galt es einige Zeit bis zum Anpfiff zu Überbrücken, aber auch das überstanden wir ohne Wehklagen. Wer weiß, wie voll man das Stadion mit Stuttgartern hätte machen können, wenn es nur möglich gewesen wäre. Viele hatten kein Glück beim Losverfahren und mussten schweren Herzens auf ihre Fahrt nach Berlin verzichten, darunter auch unsere geschätzten Fotografen-Kollegen, ohne die wir auch heute auskommen mussten.

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Die Reihen füllten sich und so langsam wurde es richtig kuschlig im Gästeblock. „So muss das“ sagen die einen, „eingeschränkte Fotomöglichkeiten“ sage ich. Wo war eigentlich Felix? Keine Ahnung, irgendwo wird er schon sein. Lustig, denn genau das selbe antwortete meine bessere Hälfte jedem unserer gemeinsamen Freunde, der sich nach mir erkundigt hatte. Kurz vor Spielbeginn sah ich ihn ein paar Meter von mir entfernt am unteren Rand des Gästeblocks.

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Frühe Führung – und dann?

Unsere nonverbale Kommunikation im Stadion haben wir mittlerweile perfektioniert, oftmals reichen verschiedene Formen des Kopfnickens und ein paar simple Gesten zur Verständigung. „Da oben, die Choreo beginnt“ – „Ah, ich sehs. Hast du einen guten Blick?“ – „Ja, hab ich. Du?“ – „Ja, passt. Alles klar.“ Die schwarzen Folien, die vor dem Block ausgegeben wurden, wurden zu länglichen Ballons aufgeblasen und kurz vorm Einlaufen der Mannschaften hochgehalten, gefolgt von den weiß-roten Fahnen, die auf dem Boden ausgelegt waren. Ein tolles Bild, dessen Ausmaß sich erst auf jenen Fotos zeigen sollte, die von der Haupttribüne gemacht wurden.

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Was für eine unglaublich elektrisierende Atmosphäre, die die Fans der Eisernen hier darboten, welch mitreißendes Erlebnis. Auch der Gästeblock tat da seinen Teil dazu und gab mit hunderten Fahnen und Doppelhaltern ein tolles Bild ab. Es war angerichtet für unser Auswärtsspiel am 13. Spieltag. Ich kann mich nicht erinnern, wann wir jemals in einem Stadion zu Besuch waren, in dem wir nicht einmal eine Anzeigetafel sehen konnten. Alles, was wir sehen konnten, waren nostalgische Tafeln mit „1. FC Union“ und „Gast“ neben zwei Fenstern.

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Der Ball rollte, die Fahnen wehten, der Gästeblock hüpfte – und schon sehr bald schrie er schon vor Freude. Just in diesem Moment schaute ich aufs Spielfeld, sah die Flanke auf der rechten Seite und sah vor allem auch den großen und bulligen Simon Terodde, der mit drei Toren gegen Bielefeld zum Matchwinner wurde. Drei Jahre lang trug er das Trikot der Eisernen, bevor er nach Bochum ging, nun kehrte er wieder an alte Wirkungsstätte zurück. Nicht einmal drei Minuten waren vorüber, als ich sah, wie sein Schuss aus kurzer Distanz in den Maschen einschlug. Ein Auftakt nach Maß.

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Entspannte Atmosphäre

Welch interessanter und amüsanter Anblick, wie in dem kleinen Häuschen uns gegenüber das Fenster aufging und ein Mitarbeiter die Tafel mit 0 abhängte und jene mit der 1 aufhängte. Mit einer Führung erlebt sich ein solches Spiel schlichtweg ein wenig entspannter – und da sage ich ganz bewusst „ein wenig“, denn vollkommen entspannen konnte ich mich auch dann nicht, als Union in seiner Harmlosigkeit beinahe schon die Fürther übertraf. Und genau daraus entwickelte sich schon das eigentliche Problem: Was ist, wenn der VfB hier nicht das 2:0 macht.

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Die Stimmung war und blieb gut, auf allen Seiten. Zwar waren die Unioner optisch gesehen nicht sonderlich beeindruckend, dafür machten sie das mit toller Akustik wieder wett. Eine unverkrampfte Atmosphäre, ohne Wut und Hass gegeneinander. So, wie es sein sollte, aber eben leider nur selten ist. Bedauerlich, dabei nehme ich mich doch selbst nicht heraus, wenn es darum geht, dem Gegner in seinen Liedern die Pest an den Hals zu wünschen, wir meinen das ja eigentlich gar nicht so. Nicht einmal beim KSC. Jedenfalls meistens. Oder?

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Wir flehen dich an, Hannes Wolf, bitte treibe dieser Mannschaft das Gemütliche aus. Nach gut 20 Minuten sah man nämlich ein weiteres Mal genau das, was uns schon unzählige Male vollkommen unnötig in Bedrängnis gebracht hat: diese Art und Weise, die Dinge zu locker zu nehmen und mit dem, was man bereits erreicht hat, zufrieden zu sein – oder zumindest, sich eine Legitimation daraus zu ziehen, es langsamer angehen zu lassen und Union mehr ins Spiel kommen zu lassen. Dass Union als heimstark gilt, hat Hannes Wolf ihnen hoffentlich nicht verschwiegen.

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Geil auf Geilheit

Man spielt noch zu oft weit unter seinen eigenen Möglichkeiten. Dass diese Mannschaft alleine schon von den Namen her aufsteigen muss, steht außer Frage, dass sie dafür aber auch viel tun müssen, steht auf einem anderen Blatt. Dieser Hunger auf Erfolg, dieses erbarmungslose Fighten um jeden Zentimeter, das Zerreißen vor dem Tor, das alles vermissen wir meist noch beim VfB. Dabei können sie es besser und das wissen sie auch, ich erinnere da nur an das Heimspiel gegen Fürth vor einigen Wochen, als sie noch immer aufs Tor zurannten, als der Sieg längst besiegelt war.

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Und so trug es sich zu, dass wir im Berliner Südosten vergeblich auf jene Geilheit warten mussten. Eine befremdliche Situation, nicht zu wissen, wieviel bereits gespielt ist, denn die Anzeigetafel sahen wir nicht und ich wollte auch nicht ständig auf mein Telefon schauen. Der VfB nutzte zwar ein gefühltes Dutzend bester Chancen im ersten Durchgang nicht, doch sie schienen es weitgehend im Griff zu haben.

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Nur nicht durchdrehen, alles wird gut. Jedenfalls redete ich mir das ein, atmete tief durch und versuchte achtsam zu sein und mich einen Moment lang auf mein Umfeld zu konzentrieren statt auf den verbitterten Gedanken, wann die Herren in weiß und rot doch bitte so freundlich sind und das zweite Tor machen. Es roch nach Wurst, Bier und Glühwein, in den engen Reihen pfiff der Wind nicht mehr so durch, mein Blick wanderte durch die Reihen. Deniz Aytekin pfiff zur Pause. Die Hälfte war überstanden. Wenn ich gewusst hätte, was uns im zweiten Durchgang erwartet, ich hätte das Tor lieber selbst gemacht.

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Die älteste aller Fußballweisheiten

Schon mehr als einmal ist sie uns zum Verhängnis geworden, diese älteste aller Fußballweisheiten, die besagt, dass man jene Tore, die man vorne nicht macht, eben hinten gegen sich bekommt. Man sollte meinen, dass man es mittlerweile einfach besser weiß und frühzeitig das zweite Tor erzielt. Das wissen zumindest wir Fans, die Mannschaft offenbar aber nicht. Für uns lässt sich das immer einfach sagen, Spieler X hätte lieber zu Spieler Y rübergegeben, der vor dem Tor besser positioniert war, aber wirklich helfen tut uns diese Erkenntnis nicht. Im Gegenteil, sie frustriert uns nur umso mehr.

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Es kommt nicht von ungefähr, dass neutrale Medien davon schrieben, der Ausgleich wäre aus dem Nichts gekommen, wer dem VfB nahe steht es mittlerweile aber einfach besser weiß, in diesen Momenten, in denen sie anfangen zu schwimmen, förmlich darum betteln und dann letztlich die Quittung dafür bekommen. Wann ist ein Gegentor schon nötig? Alle Gegentore sind unnötig auf ihre eigene Art und Weise, doch gibt es sie tatsächlich, diese berühmten „Kacktore“ – so etwas kann auch der VfB.

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Wer braucht schon die Durchschlagskraft des Gegners, wenn der eigene Torwart mit dem Verteidiger zusammenrasselt und somit den Weg frei macht für den Ausgleich? Großer Jubel im Rest des Stadions, betretenes Schweigen im Gästeblock. Ich will ja nicht sagen, dass ich das geahnt habe, aber… doch, ich sage es. Das wird vielen ähnlich ergangen sein wie mir. Nach der Stille folgte schnell das Raunen, häufigster Kommentar war konsequenterweise „Wenn du halt das Tor nicht selber machst.“

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Vollkommen hilflos

Und aus genau diesem Grund weigerte ich mich einigen Minuten zuvor zu singen „Wir reißen Bäume aus, wo keine sind, zwo, drei, vier, fröhlich sein, Aus-Aus-Auswärtssieg“. Gesetzt dem Fall, der VfB würde mit zwei Toren in Front sein und bereits die Nachspielzeit laufen, dann vielleicht, aber so? Immer wieder schüttelte ich den Kopf und konnte nicht glauben, wie man sich ein eigentlich absolut konsequentes und beinahe sicheres Spiel noch so nehmen lassen konnte.

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Nun muss ja ein Ausgleich nicht perse etwas Katastrophales sein. Auch Karlsruhe hatte ausgeglichen, bevor uns Simon Terodde und Alexandru Maxim zum endgültigen Derbysieger machten. Auch, wenn es verrückt klingt, in solchen Momenten ist es lediglich eine „Frage der Antwort“: Wie reagiert man? Bringt es einen völlig aus dem Konzept oder wacht man erst dann auf und weiß, was zu tun ist? Nicht immer lässt es sich leicht beantworten, doch schon bald sollten wir feststellen, dass der VfB zum Antworten nicht in der Lage schien.

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Der Ausgleich hatte sie vollends aus dem Konzept gebracht, was nach dem kurzen Schockmoment zu einem ungeahnt großem Problem wurde. Katastrophale Fehler in der Ballannahme, schnelle Ballverluste, ungenaue Zuspiele, es passte nichts mehr. Und Union? Die kamen ins Rollen, angepeitscht von ihrem ausverkauften Stadion, das akustisch doch einiges zu bieten hatte. Mir schwante Böses, und nein, das war kein Hirngespinst – wer das Spiel gesehen hat, wird wissen, was ich meine.

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Auf der Suche nach Antworten

Ich kann es einfach nicht verstehen, wie so etwas passieren kann. Man beherrscht den Gegner und der einzige Fehler (naja gut, der zweite Fehler, nach dem von Marcin Kaminski verschuldeten Ausgleich) war, dass man nicht genug Mumm und Kraft in den Knochen hatte, noch das Beste aus dem Spiel zu machen. Union war schlagbar, oder anders, sie taumelten schon bedächtig, denn ihnen fiel schlichtweg nichts ein, was sie dem VfB entgegnen konnten.

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Doch stattdessen verteilt der VfB Geschenke, wo er doch selber hätte welche annehmen können, allen voran von Braunschweig, die auch nur Remis spielten und wir mit einem Sieg Tabellenführer hätten sein können. Tabellenführer. Wie lange ist es her, seit wir von so etwas sprechen konnten – ganz grob so um die sieben Jahre? Das regt mich auf. Aber warum regt es mich eigentlich auf? Ich will nur das Beste für meinen Verein und es bricht mir das Herz, wenn er sich selbst um den verdienten Lohn bringt.

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Versteht mich nicht falsch, ich habe gesehen, wieviele Chancen die Gastgeber am Ende noch hatten und dass ein einziger Moment uns auch die Niederlage hätte bringen können, wir aber mit blauem Auge davon gekommen sind. Auf Dauer wird das für den Aufstieg noch reichen, doch tun wir uns selbst einen Gefallen damit, wenn wir an nichts anderes mehr denken, von nichts anderem mehr sprechen? Tu ich mir einen Gefallen damit?

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„Kämpfen und siegen, niemals aufgeben“

Es hätte durchaus etwas für sich gehabt, das Gegentor in der Nachspielzeit nicht zu bekommen, sondern es selbst zu schießen. Direkt vor dem Gästeblock. Hach, das wäre es gewesen. Nichts als Wunschdenken. Hier und heute in Berlin-Köpenick sollte es nicht sein. Nach zwei Minuten Nachspielzeit war alles vorbei, sowohl die Angst, noch zu verlieren, als auch jene Hoffnung, doch noch das rettende Tor zu machen. Am Ende wird jeder Punkt helfen – man kann den Spieß aber auch umdrehen: was, wenn am Ende zwei Punkte fehlen?

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Während sich jeder im Gästeblock anfing selbst zu fragen, wie er den Punktgewinn, respektive -verlust einordnen sollte, brachen sich noch einmal die Sonnenstrahlen ihren Weg durch den Gästeblock auf das Spielfeld, als sich die Mannschaft mit zusammengekniffenen Lippen und betretenem Blick auf die mitgereisten VfB-Fans zubewegte, fast so, als hätten sie große Sorgen, welche Reaktion sie nun erwarten würde.

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Wohlwollender Applaus, gleichermaßen auch das unmissverständliche „Kämpfen und siegen, niemals aufgeben“. Im Grunde ganz banale Worte, die in diesen Zeiten aber eine zunehmend besondere Wirkung entwickeln. Wenn Hannes Wolf es schafft, diesen einen Leitsatz, der auch für die aktive Fanszene gilt, der Mannschaft einzutrichtern, ergänzt von dem Wissen, dass ein Ein-Tore-Vorsprung in der zweiten Liga bitter bestraft werden kann, dann kann es ja doch noch was werden mit dem Aufstieg, den hinter vorgehaltener Hand beim Anblick der Erstligatabelle kaum noch jemand haben will.

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Zwischen Frust und Vorfreude

Als sich schon mehr als die Hälfte des Gästeblocks nach draußen begeben hatte und die letzten Wurstreste vom Grill plünderte, haderte ich noch immer mit mir und dem Ergebnis, das mich auch noch am Tag danach beschäftigen würde. Zu wenig, bedenkt man die drückende Überlegenheit und die Vielzahl an Chancen in der ersten Halbzeit, das wiegt für mich noch etwas mehr als Unions zugegebenermaßen starke Endphase, die sie aber auch nur bekamen, weil es der VfB ihnen gestattet hatte.

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Heute waren wir mal nicht die letzten, die den Block verlassen hatten, wir machten uns auf den Heimweg, oder vielmehr, auf den Weg zurück nach Leipzig. Einige bis an die Zähne bewaffneten Polizisten wollten uns den Weg versperren, fragten nach unserem Weg und musterten uns erst gründlich von Kopf bis Fuß, bis sie uns gewähren ließen. Unfreiwillig neutral gekleidet mussten wir an der Haupttribüne vorbei, anderen VfB-Fans wurde an dieser Stelle der Durchgang verwehrt.

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Mittlerweile sind wir wieder zuhause, die achtstündige Busfahrt liegt uns noch schwer in den Knochen. Heute hatte ich mir noch Urlaub genommen, morgen geht es ins Büro zurück, hoffentlich dann ohne den Gedanken, was gewesen wäre, wenn. Stattdessen freue ich mich nun schon vielmehr auf Mittwoch – denn Felix und ich sind beim VfB-Kabinenfest mit dabei. Vielleicht überwinde ich mich ja und sage Hannes Wolf, er soll den Jungs den Schlendrian austreiben. Wahrscheinlich stehe ich dann aber trotzdem stotternd davor und bitte um ein Autogramm und ein Foto. Wenn ich doch nur immer das laut aussprechen könnte, was ich für euch hier niederschreibe.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

2 Kommentare

  1. Hallo Ute,

    toller Bericht, klasse Fotos und vor allen Dingen, schön dass mal von der anderen Seite zu sehen.

    Bis zur Rückrunde in Stuttgard

    Eiserne Grüß und ne schöne Woche!

    Karl

  2. Pingback: Das war mein Jahr 2016 | my life. my love. my blog.

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