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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Ein Deja vu der bitteren Sorte

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Man sollte keine Entscheidungen treffen, wenn man wütend ist. Man sollte keine Versprechungen machen, wenn man euphorisch ist. Und man sollte auch keine Spielberichte schreiben, wenn man frustriert ist. Nur wenig ist von dem Zorn der letzten 48 Stunden verflogen, was nachwievor bleibt sind Enttäuschung, Frust und Unverständnis. Dabei ist es nicht nur die Niederlage an sich, oder die Art und Weise, wie Sie zustande kam, sondern vielmehr, wie sorglos das ein Großteil der VfB-Fans einfach so hinnimmt – denn sie erinnert mich zu sehr an jene schicksalhaften Ereignisse im Februar diesen Jahres.

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Mal wieder durfte ich mir anhören, wie schwarzmalerisch ich sei, es ist sogar der Wortlaut „du wirst so langsam unerträglich“ gefallen. Das Image der Pessimistin werde ich so schnell vermutlich nicht mehr los, einfach draufzuhauen geht ja auch viel schneller und unkomplizierter, als nachzufragen, warum ich mich so äußere. Man winkte ab und meinte, ich würde die Äpfel des Abstiegskampfes mit den Luxusproblemen des Aufstiegskampfes vergleichen. Dies sei ja nun eine vollkommen andere Situation, sagten sie. Aber ist sie das denn wirklich?

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Ein wenig Verständnis füreinander würde uns vermutlich gut tun. Im Grunde weiß ich ja, wie glücklich wir uns schätzen können, mit Hannes Wolf einen mehr als brauchbaren Trainer, mit Jan Schindelmeiser einen guten Sportdirektor und mit dem aktuellen Kader eine durchaus aufstiegstaugliche Kombination zu haben. Dass sich die Fehler der Vergangenheit jedoch immer wiederholen müssen, bereitet mir Kopfzerbrechen. Denn war es nicht einst eine 1:2-Heimniederlage gegen Hannover, die letztlich Sinnbild des entscheidenden Knacks wurde, der uns den Klassenerhalt kostete?

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Zu wenig gegen Top-Mannschaften

In meiner unbändigen Wut ließ ich mich zu der Aussage hinreißen, ich habe den Aufstieg 2017 fürs erste ad acta gelegt. Was wurde ich nicht belächelt, beschimpft und entfolgt, weil ich wagte, etwas auszusprechen, was viele in ihrem Gedächtnis verdrängt und weggesperrt haben. Die lange Winterpause liegt erst noch vor uns, viel Zeit für Hannes Wolf, das Beste aus der Mannschaft herauszukitzeln. Doch betrachten wir das doch mal von der anderen, düsteren Seite: was, wenn das nicht gelingt?

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Nur vier aus 18 Punkten holte der VfB gegen die Mannschaften der oberen Plätze. Vier. Wer sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigt, der weiß, dass das für ein Team, das aufsteigen will, gänzlich zu wenig ist. Ich schreibe diese Zeilen und kann spüren, wie der eine oder andere von euch jetzt den Kopf schüttelt, ein abfälliges Grinsen auflegt und sich denkt, ich sei vollkommen übergeschnappt. Eigentlich ist ja alles in Ordnung, der VfB ist nachwievor Tabellenzweiter und punktemäßig voll im Soll. So einfach ist das eben nicht. Und wenn ich zu den Wenigen gehöre, die das so sehen, dann ist es eben so.

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Vieles mag der Tatsache geschuldet sein, dass mein Leben aus einem (womöglich viel zu) großen Teil VfB Stuttgart besteht, auf eine Weise, die mir durch die Jahre des kräftezehrenden Abstiegskampfes nicht gut getan hat. Während für die Meisten das Spiel nach Abpfiff und spätestens am Tag danach mental abgehakt ist, sitze ich noch weitere Stunden, für die Bilder, für die Spielberichte. Niemand zwingt mich, ich mach das gerne. Meistens jedenfalls. Nicht aber an solchen Tagen, nach solchen Spielen. Denn es gibt mir viel Zeit, über alles nachzudenken. Zu viel Zeit.

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Wie einst im Februar

Ich liebe den VfB so sehr, dass es weh tut. Das wird einem besonders klar, wenn es nicht läuft, wie du es dir vielleicht in deinem Kopf ausgemalt hast. Du bist bei jedem Spiel dabei, reißt bei jedem Auswärtsspiel Kilometer um Kilometer runter, und gerade dann, wenn du denkst, der VfB befindet sich auf dem besten Wege – bekommst du einen Leberhaken. Beim Heimspiel gegen Hannover. Mal wieder.

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„Rafft euch doch mal, die Welt geht nicht unter, nur weil man gegen Hannover saublöd verloren hat, die Saison ist noch lange nicht zu Ende und erst recht ist nicht alles verloren, alles wird gut“. Jene oder ähnliche Worte fielen nicht nur in den vergangenen 48 Stunden, sondern bereits im Februar. Es hätte mir bereits ein Alarmsignal sein müssen, dass ich in der Nacht davor so schlecht schlief, die Niederlage von Februar so in meinem Kopf rumorte, dass ich schließlich verschlafen hatte. Ich durchlebte es noch einmal, als wollte mich mein Hirn schon darauf vorbereiten, dass ich auch ähnliche Emotionen durchleben muss wie einst im Frühling.

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Manche mögen darüber lachen. Vielleicht auch die Hannover-Fans, die durch Zufall hier gelandet sind, denn als Sieger lesen sich die Worte des geschlagenen Gegners umso süßer, ich würde es vielleicht nicht einmal anders machen. Mögen wir in den Farben getrennt sein, auch ihr kennt dieses Gefühl, egal ob im Abstiegskampf oder inmitten einer nahezu perfekten Zeit und einem eine (wenn auch verdiente) Niederlage mehr zu schaffen macht, als sie eigentlich sollte.

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Einander auf die Pelle gerückt

Wann immer ich im Vorfeld dieser Partie gefragt wurde, was ich tippen würde, schoss mir nur zwei Szenen in den Kopf: die eine, wie Timo Werner im Tor gelegen hatte, nicht jedoch der Ball, und die andere, wie der gefühlt ewig Torlose Christian Schulz kurz vor Schluss den Siegtreffer machte. In mir steigt sofort wieder der Frust hoch, denn ich weiß noch zu gut, welche ungeahnten Konsequenzen dieses Spiel hatte. „Wir haben noch eine Rechnung zu begleichen“ sagte ich, ohne einen Tipp abzugeben, wie das Spiel enden würde.

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Gut zwei Tage später sitze ich nun hier, und statt einer beglichenen Rechnung habe ich nun sogar zwei hier liegen. Die Ausgangslagen sind andere als bei unserem letzten Aufeinandertreffen, Hannover war bereits klinisch tot während wir auf bestem Wege waren, uns aller Abstiegssorgen endgültig zu entledigen. Die Niedersachsen schöpften neue Hoffnung, nur um dann doch als erster Absteiger festzustehen, während man sich beim VfB viel zu lange nicht eingestehen wollte, dass man mit Vollgas auf die Klippe zusteuerte. Das Ende ist bekannt und führte beide Vereine ohne Umweg ins Unterhaus, wo wir seither ein bisher recht erfolgreiches Dasein fristen.

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Für die Sechsundneunziger begann die Saison vielversprechend mit Siegen und vor allem mit Toren des dorthin abgewanderten Martin Harnik, während bei uns zunächst noch viel Sand im Getriebe war. Einige Monate ist das nun schon her und beide sind sich gehörig einander auf die Pelle gerückt, zusammen mit Braunschweig und Union Berlin. Niemand konnte wirklich erwarten, dass wir fortan unter Hannes Wolf jedes Spiel gewinnen, aber alleine die Erfahrung der letzten Jahre sollte uns doch vor allem eines gelehrt haben: jeder Punkt, den du unnötig liegen lässt, wird dir am Ende weh tun, egal wie.

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Alle Augen auf Martin Harnik

Manchmal ist es unheimlich, wie sich manche Dinge wiederholen. Ich erinnere mich noch, wie wir uns mit stolz geschwellter Brust und 16 Punkten aus den letzten sechs Spielen (was etwa die Hälfte aller Gesamtpunkte ausmachte) in die Kurve stellten und am Ende fassungslos zurückgeblieben waren. Heute Heute stellten wir uns mit einer nicht weniger stolz geschwellten Brust in die Kurve, auch wenn uns von Hannover nur vier Punkte trennten statt damals 14 Punkte. Ein Duell auf Augenhöhe, wenn man so will, und dennoch sprach vieles für den VfB: eine mittlerweile beeindruckende Heimbilanz, während Hannover auswärts bisher nur wenig holte. Da ist er wieder, der Aufbaugegner.

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Sind wir von den letzten Wochen schon zu sehr verwöhnt worden? Ist es anmaßend, zu behaupten, alles andere als ein Sieg wäre indiskutabel gewesen? Nun, das das behaupten die Braunschweiger und Hannoveraner vielleicht auch. Am Ende müssen wir auf uns schauen, doch gerade das bringt mich jedes Mal zur Verzweiflung, wann immer man Punkte hätte mitnehmen können, und es letztlich nicht tat. Mit zwei Tagen Abstand lässt sich sagen, dass solche Spiele passieren können – aber auch, dass sie es nicht sollten.

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Der Ball rollte bei der letzten Partie des 16. Spieltags und schon nach wenigen Minuten unter Flutlicht meinte ich zu erkennen, dass es alles andere als leicht werden würde. Die meisten Augen waren auf Martin Harnik gerichtet, der sechs Jahre lang das Trikot mit dem Brustring trug, viele Tore in seinen ersten Jahren schoss, durch mangelnde Leistung(sbereitschaft) und anderen Nebenkriegsschauplätzen zur Zielscheibe der Enttäuschung wurde. Einen neuen Vertrag bekam er nicht, hinter vorgehaltener Hand wird gesagt, man wollte sich nicht auf sein Pokern einlassen und ließ ihn ziehen. Das Ziel hieß zunächst China. Am Ende wurde es Hannover. Die Sehnsucht nach seiner Heimat Hamburg war da sicher nicht unwichtig.

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Die Blitzstarter vom Neckar

Seit Hannes Wolf Trainer bei uns ist, fiel das jeweils erste Tor für den VfB allerspätestens in der 13. Minute, ganze sieben Stück, nur in Bochum fiel es später. Man konnte fast die Uhr danach stellen, wann die VfB-Fans erstmals jubeln durften und auch das Heimspiel gegen Hannover bildete da erfreulicherweise keine Ausnahme. Zwölf Minuten waren gespielt, als der Ball von Christian Gentner (das war eher Zufallsprodukt) zu Carlos Mané kam, der uns in den letzten Wochen schon viel Freude bereitete, uns aber nicht weniger oft verzweifeln ließ: hier eine Hacke, da ein Übersteiger und schon war der Ball wieder weg.

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Anders als in Aue übersah unser junger Portugiese den mitgelaufenen Simon Terodde allerdings nicht, auch wenn es Takuma Asano war, der als Mittelsmann fungierte. Und doch war es Simon Terodde, wieder einmal Simon Terodde, der Mann mit dem Kapitänsjubel. Ja, Jaaaa, Jaaaaaaa! In meinem überschwänglichen Leichtsinn dachte ich nicht einmal daran, einen Blick auf den Linienrichter zu werfen, zückte sofort die Kamera und versuchte, die Jubeltraube vor der Untertürkheimer Kurve einzufangen, während ich von allen Seiten durchgeschüttelt wurde. Das Ergebnis: ein paar unscharfe, unbrauchbare Fotos, bei manchen fokussierte die Kamera gar das Ballfangnetz. Was solls, der VfB führte in dieser immens wichtigen Partie.

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Meine Freundin Jenni, die sich vor dem Heimsieg gegen Bielefeld auf die berühmte Marathon-Wette eingelassen hatte, schrieb vor dem Spiel, was sie an diesem Abend alles sehen, bzw. nicht sehen wollen würde: drei Tore von Simon Terodde, mindestens ein Tor von Daniel Ginczek, die Rückkehr zur Tabellenführung und kein jubelnder Martin Harnik. Letzterer hatte im Vorfeld bereits angekündigt, genauso zu jubeln, wie er es einst für den VfB getan hat, er kenne da nichts. Wirklich vorwerfen kann man es nicht, ist der unterdrückte Jubel doch meist ohnehin nur Heuchelei, wenngleich es nach sechs gemeinsamen Jahren schon weh tut.

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Sand im Getriebe

In so etwas ähnlichem wie Sicherheit konnte mich das frühe Tor nicht wiegen, denn dafür sah ich zu viel von dem, wo ich hoffte, es nicht zu erblicken: zu viele Fehlpässe, zu wenig Konzentration. Dafür waren unsere Gäste diejenigen, die die Zutaten für ein erfolgreiches Spiel für sich entdeckt hatten, bei ihnen klappte viel mehr als bei uns. Da führte man im eigenen Stadion, doch ganz abschütteln konnte ich das Gefühl nicht, dass hier noch nicht das letzte Wort gesprochen sei. Das war es ohnehin nicht, dafür konnte in gut 70 Minuten noch zu viel passieren.

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Bitte kein Tor von Martin Harnik. Nach gut 20 Minuten schienen sich unsere Befürchtungen zu bewahrheiten, als er alleine auf Mitch Langerak zurannte. Gerade eben hatte ich meine Kamera noch auf die Kurve links von mir gerichtet, da nahm ich sie langsam herunter, zur Sicherheit, falls gleich Bierbecher fliegen. Kevin Großkreutz musste ganz schön pumpen, doch er erreichte ihn gerade noch und lief den Ball ab. Szenenapplaus vom Publikum, laute Pfiffe für den Österreicher und vom Oberrang kam ein süffisantes „Du spielst scheiße, wie beim VfB“.

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Bei allem Verständnis über den Frust, dass Martin Harnik uns nicht unbedingt im Guten verlassen hatte, so pfiff ich nicht. Ich habe zu viele seiner Tore mit Inbrunst bejubelt, nicht zuletzt beim Pokalfinale 2013. Als ich hörte, wie immer mehr Zuschauer in den Gesang einstimmten und ich das Grinsen auf den Lippen meiner Mitmenschen sah, konnte ich nur vermuten, dass das keine besonders schlaue Idee ist. Ich bin keinesfalls religiös, doch ich denke, dass manche Dinge im Leben kein Zufall sind und dass es hin und wieder so etwas wie Karma gibt.

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Ein Geschmäckle bleibt

Das Karma brauchte keine zwei Minuten, um sich zu zeigen. Eine schlafmützige Abwehr ließ Noah Sarenren Bazee auf der Seite gewähren, auch dann noch, als er die scharfe Hereingabe in den Strafraum brachte. Dort stand, natürlich, kein geringerer als Martin Harnik. Er hat so viele krumme Dinger für den VfB geschossen, aber eine solche Nummer brachte er nie: an der Brust angeschossen fiel er ins Tor hinein, mitsamt dem Ball. Ein kurzer Blick nach hinten zur Cannstatter Kurve und sein Arm kreiste, wie wir es schon so oft von ihm gesehen haben. Das Schicksal ist ein mieser Verräter.

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Vielleicht hätte ich es ihm am Ende des Tages sogar gönnen können, wären die drei Punkte letztlich in Stuttgart geblieben. So aber bleibt jenes bittere Geschmäckle, dass sein Tor mit entscheidend war, auch wenn es uns nicht die Niederlage zufügte. Keine Panik, noch ist genug Zeit. Das wollte ich mir jedenfalls einreden, nur klappte es nicht einmal annähernd so gut, wie wenn ich mir einrede, das würde der VfB noch verlieren. Eine selbsterfüllende Prophezeiung? So allmählich fange ich an, diesen Blödsinn auch noch zu glauben.

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Wer weiß, wie es hätte laufen können. Die Mannschaft in den weißen Trikots, die heute im Namen des VfB auf dem Platz stand, hatte nicht mehr viel gemein mit jener Truppe, die uns seit Wochen über weite Strecken verzückt und uns einen Sieg nach dem anderen beschert. Das waren vielmehr die Jungs, die uns in den letzten ein, zwei Jahren mehr Nerven gekostet haben, als wie erübrigen konnten. Ein Fehlpassfestival vom feinsten, zwar mit weiteren guten Gelegenheiten, aber mitsamt jenen unglücklichen Abschlüssen, die uns zwei Horrorsaisons im Abstiegskampf bescherten.

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Hätte, Wenn und Wäre

Ich weiß nicht, wie mein Kumpel Sascha das macht. Schon mehr als einmal prophezeite er Torschützen, Ergebnisse und andere Ereignisse, mit verbitterter Mine schlich er zur Halbzeitpause an mir vorbei und murmelte in mein Ohr „Das verlieren wir noch“, und ich hatte gewünscht, er hätte es nie ausgesprochen, denn tief in mir drin wuchs die Befürchtung, er würde auch an diesem milden Dezemberabend Recht behalten. Ich wollte es einfach nicht wahr haben und nach dem Seitenwechsel sah es auch nicht wirklich so aus, als würde diese Prophezeiung wirklich so eintreffen, denn nachdem man sich im zweiten Durchgang lange gegenseitig egalisierte, wuchsen die Chancen für den VfB.

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„Dann nehmen wir halt den Punkt und gewinnen dann in Würzburg“ dachte ich noch, lange bevor die Partie von Dr. Felix Brych für beendet erklärt wurde. Verplane keinen Punkt vorzeitig, das haben wir spätestens in der Saison 2013/2014 unter Thomas Schneider lernen müssen, als uns in den letzten zehn Minuten noch jeder hart erkämpfte Punkt abhanden kam. Vor einigen Wochen zehrte die Schlussphase im Stadion an der alten Försterei so sehr an unseren Nerven, aus Angst, doch noch die Partie zu verlieren. Das zweite Tor muss her, egal wie. Alexandru Maxim und Daniel Ginczek standen mittlerweile auf dem Platz, doch mir war es egal, wer das Tor macht – von mir aus auch der Linienrichter mit der linken Pobacke.

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Wir alle haben uns insgeheim immer wieder gefragt, wie es hätte anders laufen können, wenn eine bestimmte spielentscheidende Situation einfach anders gelaufen wäre. Am Ende der abgelaufenen Saison fragte ich mich immer wieder, wie es hätte laufen können, wenn Timo Werner das Tor zum 2:1 gegen Hannover gemacht hätte. Wir wären nicht abgestiegen, dessen bin ich mir sicher. Heute frage ich mich, was passiert wäre, wenn Daniel Ginczek gut zehn Minuten vor Schluss das 2:1 gemacht hätte. Und ich hasse es, mich nun auch fragen zu müssen, ob in diesem Moment ein weiterer berüchtigter Knacks entstanden war, den wir im nächsten Mai zu spüren bekommen.

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Nimm du ihn, ich hab ihn sicher

Stetig wiederholten sich die Worte meines Kumpels Sascha in meinem Kopf, ein Umstand, den ich nicht einmal damit beseitigen konnte, mit einem Punkt zufrieden zu sein. Die Uhr tickte erbarmungslos langsam vor sich hin, als wolle sie unsere Kräfte vollends verzehren, bevor sie uns kurz vor dem Ende den Todesstoß versetzen wollte. Noch Wochen später wird uns diese Szene mit Sicherheit bis in unsere Alpträume verfolgen und womöglich ihren Weg in die VfB-Saisonrückblicke finden, denn für Slapstick war man bekanntermaßen schon immer ein ganz heißer Kandidat.

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Lange habe ich es gemieden, mir diese Szene anzusehen. In der Kurve stehe ich ganz unten am ersten Wellenbrecher, ganz flach über der Grasnarbe, da fällt es schwer, manche Situationen vor der Untertürkheimer Kurve richtig zu deuten, denn da werden aus drei Metern Abseits gerne mal eine gleiche Höhe. Dass ich wie wild geschrien habe „Macht das Ding weg!“ kam da drüben im Raunen von 47.125 Zuschauern nicht an. Und so nahm das Elend seinen unaufhaltsamen Lauf.

Was sich Alexandru Maxim beim Rückpass gedacht, vermag ich bei aller offensichtlichen Sympathie für den blonden Rumänen nicht zu beantworten, doch noch viel weniger kann ich euch sagen, wie Mitch Langerak auf die Idee kam, den Spielbetrieb einzustellen. Später sagte er, er wäre sich zu 100% sicher gewesen, es gäbe Elfmeter, ohne dass Dr. Felix Brych das Spiel mit einem Pfiff unterbrochen hatte. Diese eine Sekunde, die der Australier inne gehalten hatte, hatte für die Niedersachsen ausgereicht.

Die große Angst vor der Wiederholung

Es war zu spät. Die Hannoverander Bank stürmte aufs Spielfeld, die Spieler in Richtung Gästeblock, während das komplette Heimpublikum in wenigen Sekundenbruchteilen vollends verstummte, nicht in der Lage, auch nur einen Ton aus den Lippen zu bekommen. Man hörte nur noch das Geschrei von gut 1.000 Gästefans. Der Rest war Stille, gefolgt vom kollektiven Aufbruch auf der Haupttribüne. Sie alle hatten genug gesehen, ohne noch die restlichen drei Spielminuten und die vier Minuten Nachspielzeit abzuwarten. Doch nicht einmal die größten Optimisten konnten jetzt noch glauben, dass der wundersame Ausgleich doch noch in der Nachspielzeit fällt. Es war zu spät.

Fassungslos stand ich da, da ging der späte Platzverweis für Timo Baumgartl beinahe schon unter. Mit der Hand am Ball als letzter Mann, da konnte der Unparteiische natürlich keine Gnade vor Recht ergehen lassen und zückte eiskalt die glatt rote Karte, wenige Sekunden vor dem Ende. Welchen Zacken er sich aus der Krone gebrochen hätte, nur Gelb und ein Augenzwinkern zu zeigen, bleibt sein Geheimnis, der DFB sperrte Timo Baumgartl nur für das letzte Spiel des Jahres in Würzburg, im Regelfall sind es zwei Spiele. Fast so, als hätte man eingesehen, dass diese Entscheidung überzogen war.

Danach war Schluss im Neckarstadion, zu weiten Teilen waren die Tribünen schon voller klaffener Lücken. So ganz realisierte ich es noch nicht, erst eine Stunde später war die Wut gänzlich in mir hochgekrochen und hält bisweilen auch noch heute an. Ob wir den Aufstieg damit verspielt haben, weiß man nicht, das werden die nächsten Wochen und Monate zeigen. Vieles spricht dafür, dass wir weiter punkten und am Ende mit diesem Kader trotzdem aufsteigen. Aber im Februar sagte man einst auch, man wolle sich nun nur mal kurz schütteln, den Brustring richten und dann weiterkämpfen. Das Ende ist bekannt.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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