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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Genau zur rechten Zeit

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So viel gibt es zu erzählen und doch weiß ich nicht, wo ich anfangen soll. Minutenlang sitze ich vor dem leeren Dokument an meinem Rechner, während mir tausende Gedanken durch den Kopf schießen. Über 48 Stunden ist es her, seit wir sie mit brachialem Applaus in die Kabinen schickten und doch zehre ich noch heute von all den Emotionen, die wir an diesem Montagabend im Neckarstadion erleben durften. Ich könnte euch viel erzählen, wie der VfB ein Zweitligaspiel gegen Union Berlin gewann, aber wie will man das verstehen, wenn man es nicht fühlen kann.

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Wieviel Fußballromantiker muss wohl in mir stecken, um euch mit einem Kloß im Hals von den Erlebnissen zu berichten, die sich am 30. Spieltag zugetragen haben. Für manche ein verdientes 3:1. Für andere ein wahrhaft magischer Augenblick. Als ich mich vor gut zehn Jahren darauf einließ, dem VfB Stuttgart zunächst einen kleinen Teil meiner Aufmerksamkeit zu schenken, ahnte ich nicht, wie sehr das mein Leben verändern würde. Neue Bekanntschaften prägten mich, wichtige Entscheidungen wurden getroffen und die Liebe zu diesem einzigartigen Verein und all dem, was er in mein Leben gebracht hat, wurde immer größer.

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Warum erzähle ich euch das jetzt? Weil all diese Liebe uns alle hierher gebracht hat. An genau diesen Punkt, an dem wir uns fragen, was am 21. Mai geschehen wird. Nüchtern betrachtet der letzte Spieltag der Saison 2016/2017. Zwei werden aufsteigen, zwei werden absteigen und zwei werden in die Relegation müssen. So gesehen eines der simpelsten Prinzipien der Welt. Doch wir fühlen anders. Mit jeder Faser unserer Herzen verzehren wir uns nach diesem Augenblick, dem einen Moment, der die Anstrengungen und Entbehrungen einer ganzen Spielzeit wettmacht, der Sekunde, in der das Ziel erreicht ist.

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Mit jeder Faser

Zwei Tage später sitze ich nun hier, mit feuchten Augen und sehe mir einen kurzen Schnappschuss nach dem Abpfiff an. Es ist Simon Terodde, der sich beschämt die Tränen aus den Augen wischt. Er lebt für diesen Moment und diesen Verein, genauso wie wir auch. Es ist eben doch nicht nur Fußball. Es ist die Emotion, die Leidenschaft, die Begeisterung für all das, was uns Woche für Woche ins Stadion treibt. An Tagen wie diesen können wir es spüren, dieses einzigartige Kribbeln, was diesen Verein ausmacht. Wir haben viel gegeben, um nun hier zu sein, an der Spitze der Tabelle, doch noch ein Stück entfernt vom Ziel. Ich will nicht sagen, dass alles definitiv gut geht. Ich will aber auch nicht sagen, dass alles schief laufen muss. Nicht zwangsläufig.

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Was war ich aufgeregt vor dieser richtungsweisenden Partie. Kaum in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen, lief ich nervös auf und ab, ging alle möglichen Szenarien in meinem Kopf durch, nur um dann festzustellen, dass alles sowieso immer ganz anders kommt als gedacht. Schief gehen durfte das nicht, wie es schon seit Wochen und Monaten nicht schief gehen durfte. Fünf Wochen taumelte der VfB benommen umher, brachte keinen Sieg mehr zustande und ließ mich ernüchtert glauben, sie würden sich auf diese Weise selbst um den Aufstieg bringen. Und dann kam das Derby, der Sieg, die gute Laune und der große Glaube an sich selbst. Genau zur rechten Zeit.

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Das nächste Spiel ist immer das schwerste Spiel. Doch kaum eines war in den letzten Wochen so wichtig wie dieses, vom Derby ganz abgesehen. Verlieren war verboten, sonst drohte ein erschreckendes Szenario, dass jeder neutrale Fan einfach nur als „spannend“ bezeichnen konnte. Union Berlin hätte mit einem Sieg erneut heranrücken können, in diesem Fall hätten die ersten vier Mannschaften allesamt 57 Punkte gehabt. Wir wussten, dass es wohl so oder so eine ganz enge Kiste bis Saisonende wird, aber das war sehr viel mehr, als ich verkraften konnte.

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De Definition eines Sechs-Punkte-Spiels

Noch einmal eine Situation wie am letzten Spieltag der Saison 2014/2015 und man bis 13 Minuten vor Spielende abgestiegen ist, das ist mehr, als mein Körper wegstecken kann. Ich werde wohl nie vergessen können, wie ich an diesem heißen Tag dicht gedrungen mit tausenden anderen im Gästeblock des winzigen Paderborner Stadions stand und in Tränen aufgelöst den Siegtreffer von Daniel Ginczek bejubelte. Es sind die Momente, die für die Ewigkeit gemacht sind, die einem auch Jahre später noch die Gänsehaut über den Körper jagen. Wir sind bereit für neue Heldentaten, für neue Geschichten, für neue Legenden. Wir wollen am 21. Mai Geschichte schreiben. Eine durchaus schöne Geschichte.

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Mit weichen Knien stieg ich in Bad Cannstatt aus der völlig überfüllten S-Bahn und lief meinen gewohnten Weg vom Bahnhof zum Stadion, den ich ohne Felix an vielen Freitagen und Montagen alleine gehen musste. Vorbei an dem Stand mit den Schals, der schon alleine mit den „Scheiß Karlsruhe“-Schals immer wieder Gewinn macht, vorbei an der Feuerwehr, vorbei an der (mittlerweile leider geschlossenen) Shell-Tankstelle, vorbei am Wasengelände auf dem sich eine statistisch viel zu hohe Zahl an Bazitrachtenträgern herum trieb, vorbei am Fanshop. Von wegen „tief durchatmen“, das funktionierte überhaupt nicht.

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Wir müssen es nehmen, wie es kommt. Aber heute ein Sieg und man hätte drei Punkte Abstand auf den Zweiten und sechs Punkte Abstand auf den Vierten, ein durchaus lukratives Szenario, das uns am Ende ins Oberhaus zurückbringen könnte. Kurze Zeit genoss ich die letzten warmen Sonnenstrahlen vor den Toren des Neckarstadions, bevor es hinein ging. Für Tage wie diesen wurde der Begriff Sechs-Punkte-Spiel erfunden. Dynamo Dresden hatte verloren und Hannover in letzter Sekunde noch den Ausgleich kassiert, ein Tag wie gemacht, um das auszunutzen. Da wir aber unsere Pappenheimer kennen, lag zumindest der Verdacht sehr nah, man würde diese Einladung ungenutzt liegen lassen.

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Volle Hütte am Montagabend

Mehr und mehr schlotterten mir die Knie, mit jeder Stufe, die ich zu meinem Platz hinunter stieg, überkam mich ein weiteres Mal das Gefühl, dass diese Partie für den Saisonendspurt von ganz elementarer Bedeutung sein könnte. Der Gästeblock war voll, der Rest des Stadions war es noch nicht. Viele versackten in den Festzelten gegenüber oder steckten ein weiteres Mal in einem schier endlosen Verkehrschaos fest. Wie sollten da die mindestens 54.000 Zuschauer zusammenkommen, mehr noch sogar, laut dem VfB solle diese Partie als „ausverkauft“ bezeichnet werden, obwohl der Oberrang über den Gästen nahezu leer war.

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Zum Anpfiff waren die meisten Blöcke gefüllt. In der zweiten Liga. An einem Montagabend. Das kann man nur glauben, wenn man es mit eigenen Augen gesehen hat. Auf dem Weg zum Zuschauerrekord und nach 15.000 in Kaiserslautern, 20.000 in München folgen nun mindestens 15.000 in Nürnberg. Als im Dezember 2010 der Support im Europapokal-Gruppenspiel gegen Odense eingestellt wurde, hing ein Banner vor dem Fanblock, auf dem in großen Lettern geschrieben stand: „So fühlt sich 2. Liga an“. Wir wussten damals nicht, wie sie sich wirklich anfühlen würde. Für manche ist sie zum größten Abenteuer geworden – da bilde auch ich keinerlei Ausnahme.

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Eine gefühlte Ewigkeit zog sie sich hin, die Wartezeit bis zum lang ersehnten Anpfiff. Ein Blick ins weite Rund, nahezu ausverkauft, in den letzten Jahren hatten wir schon weitaus schlechtere Zuschauerzahlen bei weitaus besseren Anstoßzeiten. Patrick Ittrich führte die Mannschaften aufs Feld, es war angerichtet für ein für beide Mannschaften unheimlich wichtiges Spiel. Die einen konnten ein kleines Stück davon ziehen, die anderen konnten gleichziehen, keiner konnte es sich leisten, zu verlieren, wenn man denn aufsteigen wolle. Und mal ehrlich, Unentschieden hatten wir in den letzten Wochen zu häufig, seien manche davon auch glücklich gewesen.

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Schlafen verboten

Was auch passieren würde, es würde nicht einfach werden in diesen 90 Minuten, so sicher war ich mir, dass wir Union nicht einfach so schlagen würden. Ein knappes Spiel bis zur letzten Minute, dass uns in jedem kurzen Augenblick der Unachtsamkeit auf die Verliererstraße bringen könnte. Ob das Momentum des Derbysiegs und des emotionalen Auswärtssiegs in Bielefeld ausreicht, um auch gegen den Tabellenvierten bestehen zu können, daran hatte ich nach fünf weitgehend frustrierenden Wochen meine berechtigten Zweifel.

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Eines der Erfolgsrezepte für den VfB wäre definitiv, nicht erneut die Anfangsphase zu verschlafen. Zu viele Tore in den ersten Minuten, die uns die Punkte gekostet haben, seien sie teilweise auch irregulär gewesen. Sie hatten es offenbar verstanden. Zum ersten Mal seit Wochen schien die Mannschaft von Beginn an konzentriert zu sein und sich der Wichtigkeit dieser Partie bewusst, das spürte man vom ersten Augenblick bis in die oberste Reihe der Cannstatter Kurve.

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Die ersten Torchancen für den VfB hatte ich so früh nicht erwartet, doch wer konnte schon ahnen, was uns an diesem schicksalhaften Montagabend noch wiederfahren würde. Nur wenige Zentimeter fehlten Alexandru Maxim und Josip Brekalo, was wäre hier nur los gewesen? Ein merkwürdiges Gefühl, dass der VfB bereits in der ersten Halbzeit auf das Tor vor der Cannstatter Kurve spielte, waren wir es doch bisher gewohnt, dass dies erst in der zweiten Halbzeit der Fall ist. Gegen den Gedanken, die getauschten Seiten nicht als schlechtes Omen zu werten, musste ich nämlich schon recht stark ankämpfen.

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Hinein, hinein, hinein!

Beinahe eine halbe Stunde war gespielt. Mit halbem Auge auf dem Spielfeld, mit halbem Auge auf der Kurve, so bekam ich mit, dass es einen Freistoß gab. Keine ganz schlechte Position, aber wer innerhalb von sieben Jahren nur einen einzigen direkten Freistoß verwandelt, der hat es nicht so mit der Torgefahr. Eine Sache für den rehabilitierten Alexandru Maxim, der ein feines Füßchen haben kann, wenn er denn nur will. Auf Verdacht hielt ich die Kamera Richtung Tor, wartete auf den Pfiff des Schiedsrichters und drückte ab.

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Erst später sah ich es beim Sichten der Bilder. Ein wenig unscharf zwar, aber dennoch klar zu erkennen, der fliegende Torwart, der Ball im ausgebeulten Netz und eine Reihe von noch völlig reaktionslosen VfB-Fans in der Cannstatter Kurve, bevor auf dem darauffolgenden Bild gar nichts mehr zu erkennen war. Richtig freuen konnte ich mich nicht, zu fassungslos war ich, was ich da eben mit eigenen Augen gesehen hatte. Ein direktes Freistoßtor. Von Alexandru Maxim. Im gefühlt wichtigsten Spiel des Jahres. Zum zweiten Mal innerhalb von sieben Tagen vermochte der kleine Rumäne, die VfB-Fans sprachlos zu hinterlassen.

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Binnen einer Stunde kann viel passieren, das wissen wir genau, aber es war der regelrechte Dosenöffner – wir wussten es nur noch nicht. Ein Hauch von Magie lag in der Luft, und dies war nicht nur Maxims Freistoß zu verdanken. Alles war ein kleines bisschen anders, intensiver, emotionaler, bedeutsamer, ich konnte nur noch nicht ganz greifen, warum das so war. War es nur einzig und allein der Tatsache geschuldet, dass für uns alle dieses Spiel so unheimlich wichtig war? Oder lag es daran, dass jeder einzelne im Neckarstadion an diesem Abend über sich hinaus gewachsen war? Vermutlich war es eine Mischung aus beiden, das diesen einmaligen Tag ausmachte.

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Einfacher als gedacht

Noch immer versuchte ich zu verstehen, warum Alexandru Maxim über vier Jahre brauchte, um ein derartiges Tor zu erzielen, doch diese Zeit war mir nicht einmal vergönnt. Zum Glück, muss ich sagen, denn wo ich gerade noch mit den Fotos zugange war, schrie das begeisterte Publikum die Mannschaft nach einem Berliner Ballverlust wieder nach vorne. Beeindruckend, wie viel besser die Stimmung sein kann, wenn sich Haupt- und Gegentribüne ein kleines bisschen mit bemühen statt vorzeitig das Pfeifen anzufangen.

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Es ging so schnell, so einfach, so schnörkellos, so wunderschön. Durch meinen flachen Standpunkt in der Kurve offenbarte sich die Schönheit der folgenden Szene erst durch die Videoleinwand bei der Wiederholung. Der Sololauf von Ebenezer Ofori, der perfekte Pass auf den enteilten Josip Brekalo, der Innenrist von Simon Terodde. Hier stand keiner mehr an Ort und Stelle, alle wuselte es komplett durcheinander. Momente wie diese sind nur schwer zu beschreiben, denn man verliert mitunter selbst kurz die Fassung, die Beherrschung, die Orientierung. Nach 33 Minuten führte der VfB mit 2:0. Ich konnte das fast nicht glauben, selbst wenn ich es mit jeder Faser meines Körpers gewollt hätte.

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„Nur nicht nachlassen, keine Sekunde, keinen Millimeter“ hatte ich gesagt, als ich von Freunden und Bekannten mit weit aufgerissenen Augen nach meiner ersten Einschätzung gefragt wurde. Und genau das war selbst im Moment der größten Freude gleichzeitig meine größte Sorge, dieses vorschnelle Zufriedensein, das Zurückschalten, das Verwalten, das Nichtstun nach dem Tor. Ich habe zu oft gesehen, dass man vermeintlich sichere Spiele noch aus der Hand gab, nicht selten verdient, aber immer selten dämlich. Auch wenn ich erst seit gut zehn Jahren mit an Bord bin, ich habe schon zu viele sicher geglaubte Siege vor meinen Augen zerfließen sehen. Und die Angst davor war so groß wie selten zuvor. Denn so betrachtet, wie sollte sich die Mannschaft davon erholen, wenn es soweit kommen sollte?

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Der Feind in meinem Kopf

Immer wieder dieses „Was ist, wenns schief geht?“. Damit polarisiere ich und mache mir gewiss nicht viele Freunde, doch verhindern kann ich diese fürchterlichen Gedanken nicht. Sie sind einfach da, nach allem, was ich mit dem VfB durchlebt habe und was das aus mir gemacht hat. Mangelndes Vertrauen in die Fähigkeiten der Mannschaft und deren Willen, immer das Beste unter Beweis stellen zu wollen. Die Sorge davor, dass es trotz allem nicht zum Sieg reichen würde, konnte mir keiner nehmen, aber es tat gut zu wissen, dass ich genau hier stand, wo ich nicht alleine war. Niemand von uns wird je alleine sein, solange er die Liebe zum VfB in seinem Herzen trägt.

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Vor einer Woche hatte man zur gleichen Zeit mit 0:1 in Bielefeld zurückgelegen. Vor sieben Tagen hoffte ich, Hannes Wolf würde seinen Spielern einen sprichwörtlichen Einlauf verpassen, und nicht weniger erwartete ich auch heute. Nur nicht nachlassen, das war die Devise. Solange man Union nicht zur richtigen Entfaltung kommen lässt, solange standen die Chancen recht gut, gegen eine alles andere als Beton anrührende Mannschaft Nadelstiche setzen zu können. Union gab sich nicht auf, angepeitscht von den gut 3.000 mitgereisten Fans, eine beeindruckende Vorstellung an einem Montagabend bei immerhin gut 650 Kilometern Entfernung.

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Es hätte alles so viel einfacher sein können. Wer hätte letztlich nicht gerne auf das Anschlusstor verzichtet, dass uns Sebastian Polter zu Beginn der zweiten Halbzeit in die Maschen drosch, viel zu halten gab es da für Mitch Langerak nicht. Und schon war sie wieder da, die Spannung, die von uns überhaupt keiner haben wollte, weder in diesem Spiel, noch auf der Tabelle. Unter einem immer lauter werdenden Geräuschpegel von allen Seiten drohte die Partie zu kippen, jede Strafraumannäherung der Gäste ließ mich schnappatmen, jeder Ansatz eines Torschusses verzweifeln. Immer wieder schrie ich laut heraus „Rafft euch!“, doch sie hörten mich nicht.

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Deckel drauf?!

Ohne jeden Zweifel, ein jeder, der dem Brustring gewogen war, hätte ein wenig ruhigere Nerven, sobald das 3:1 fallen würde. So vertieft ich auch kurzzeitig auf das Geschehen auf dem Platz war, so registrierte ich dennoch, was um mich herum geschah. Ein Knistern lag in der Luft, als würde die Lunte bereits brennen und sich alsbald in einem enormen Feuerwerk entladen. Hin und wieder gibt es diese Momente, die sich ganz eigenartig anfühlen, aber dann doch ihre Bedeutung bekommen, wenn sich eine gewisse ungreifbare Vorahnung zur Wirklichkeit entwickelt.

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Etwas mehr als 20 Minuten noch. Seit der ersten Halbzeit dachte ich unentwegt, der nächste Moment wäre ideal, um das nächste Tor zu machen, beim VfB kann man bekanntlich nie wissen. Es hatte fast schon etwas Ironisches, dass der Ausgangspunkt für das kommende Tor recht ähnlich war im Vergleich zu Alexandru Maxims 40-Meter-Bogenlampe in Bielefeld. Union war in Ballbesitz, Daniel Mesenhöler hatte Abstoß und entschied sich für den vor ihm postierten Routinier Toni Leistner, der nach einem Doppelpass nur noch den Rückpass nach hinten suchen konnte. Blöd für ihn: Daniel Ginczek war ihm zuvor gekommen.

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Ein letztes Mal zischte die Lunte und sie war da, die Explosion der Euphorie. Es ging alles so furchtbar schnell. Simon Terodde eilte zur Hilfe, spielte unserem Retter von Paderborn den Ball direkt wieder vor die Füße und als dieser dann unhaltbar ins Netz kullerte, kannte die Freude endgültig kein Halten mehr. Ich habe nicht gesehen, wie Simon Terodde komplett die Fassung verlor und besinnungslos mit den Fäusten herumfuchelte, ich habe nicht gesehen, wie Hannes Wolf mit weitem Anlauf seinen Co-Trainer und besten Kumpel Miguel Moreira ansprang, ich habe gar nichts mehr gesehen, außer Jubelfäusten, Lachen und weit aufgerissenen Augen.

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Das schönste aller Lieder

Und dann war da dieser Schrei. Der eine Schrei, als wärst du schon aufgestiegen. Es war mir egal, dass man Bier über mich schüttete, den Ellenbogen auf den Hinterkopf schlug und mir in der Umarmung die Rippen quetschte, mir war auch egal, dass ich mit dem Aufschrei meine Stimme erneut riskierte, es war mir alles egal, denn hier und jetzt war einfach alles perfekt. Alle Sorgen, die ich mir gemacht hatte, sie waren weg, alles was zählte, war nur noch das Ergebnis, das in großen weißen Lettern auf der Anzeigetafel über unseren Köpfen stand. Drei zu eins.

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Du weißt im Vorfeld nie, wie ein Spiel enden wird, du kannst dir so viele Sorgen und Gedanken machen und dann kommt dieser eine Schuss, der dich entweder zu neuen Sphären schweben lässt oder dich in ein dunkles Loch stürzen kann. Wir alle haben das schon erlebt, in dieser Saison, oft in der letzten Saison und viel zu oft in den letzten Jahren. Was dürsteten wir nicht nach Tagen wie diesen, an denen alles perfekt zu sein scheint. Uns allen dürfte man anmerken können, welch harte Jahre hinter uns liegen und wie gut es tut, darauf hoffen zu können, dass diese viel beschworene und oft belächelte Wirkung eines Abstiegs uns wirklich weiterhelfen würde.

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Die Laola schwappte durchs Stadion, dass aber noch einige Minuten zu spielen waren, schien gefühlt nur mir aufzufallen. Es dauerte nicht lang, bis unser Meisterlied „Wenn du mich fragst, wer Meister wird“ angestimmt wurde, doch singen wollte ich es nicht. Verzweifelt biss ich mir in die Faust, schüttelte mit zusammengekniffenen Augen den Kopf und weigerte mich, auch nur ein Wort mitzusingen. In gut zehn Minuten kann noch einiges passieren, dachte ich mir, bis mir einfiel, wie ich es in Bielefeld gemacht hatte. „Ach, scheiß drauf“ murmelte ich schließlich fünf Minuten vor Ende der offiziellen Spielzeit mit einem seligen Lächeln auf den Lippen und erhob meine Stimme für das derzeit schönste aller Lieder.

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Nur noch vier

„Oh wie ist das schön, sowas hat man lange nicht gesehen“, zumindest nicht mehr seit dem Derby. Der dritte Gegentreffer hatte den Gästen aus Köpenick das Genick gebrochen, doch die Unterstützung ihrer Anhänger war ungebrochen. Für uns tickten die letzten Minuten herunter, die Schals wurden in die Luft gestreckt und die Freude über den dritten so wichtigen Sieg in Folge wurde immer größer. Zwei Minuten Nachspielzeit galt es noch zu überstehen, bevor die letzte Partie des 30. Spieltags für beendet erklärt wurde und sich alle in den Armen lagen. 60 Punkte, fast doppelt so viele wie am Ende der vergangenen Saison. Das hatte ich so im September nicht wirklich kommen sehen. Aber wer konnte das schon?

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Da standen sie, in einer Reihe vor der Kurve, Arm in Arm, genau wie wir. Im Takt schmetterte die Kurve „1893, hey, hey“ und bedachte die Mannschaft mit dem Applaus, den sie für dieses tolle Spiel verdient hatte. Auf der Haupt- und Gegentribüne verpassten einige diesen bindenden Moment, sie verließen das Stadion um früher zu Hause zu sein. Ich wusste, dass ich am nächsten Tag wieder ins Büro fahren müsste und ich wusste, dass ich irgendwann noch die Bilder aufbereiten müsste. Heute war es egal, ich genoss minutenlang den Blick durchs Stadion, in die erleichterten Gesichter meiner Weggefährten. Selbst der Ordnungsdienst konnte uns nicht zum Gehen bewegen, dafür waren die Geschehnisse im Gästeblock viel zu interessant.

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Schnell hatten sich die Tribünen und die Kurve geleert, die Berliner verblieben jedoch lange nach Abpfiff dort. „Blocksperre“ lautete meine erste Vermutung. Da standen sie und schmetterten mit brachialer Lautstärker „Always look on the bright side of life“ und bewegten damit ihre Mannschaften zum erneuten Erscheinen auf dem Spielfeld. Chapeau, ein toller Moment, den ich da beobachten durfte. Doch nichts ging über die Momente, die wir VfB-Fans mit unserer Mannschaft erleben durften. In Nürnberg kommt es zum nächsten Showdown. Mindestens 15.000 VfBler werden sich auf den Weg machen, auf dass wir dem Ziel noch ein Stück näher kommen. Immer weiter!

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Autor: Ute

30 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

2 Kommentare

  1. Hallo Ute,
    wieder sehr sehr treffend, wie du die Stimmung eingefangen hast.

    Ich glaube, du hast Aufstiegsfieber. Unter Brustringfans hochgradig ansteckend und zeigt sich durch Euphorieanfälle mit totaler Fokusierung auf den VFB-Fussball. Symptome sind nur durch 3-Punkte vorrübergehend bis zum nächsten Spiel zu lindern.
    Weitere Krankheitsanzeichen sind Massenwanderungen von Süchtigen an die Wirkungsstätten des VfB. Nächste Station – Nürnberg.

    Erst der Wiederaufstieg heilt diese Suchtkrankheit.

    Wir sehen uns dort.

    Cheers

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