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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Aus der Not keine Tugend gemacht

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So weit ist es schon gekommen. Da verliert der VfB sein erstes Bundesligaspiel nach dem Aufstieg und irgendwie hat es mich nicht einmal überrascht. Ist es so, dass mich nach den bitteren Momenten des Abstiegs nichts mehr erschüttern kann? Widert mich das Gesamtkonstrukt des Profifußballs etwa schon so sehr an, dass nicht mehr mein komplettes Herzblut an der obersten deutschen Spielklasse hängt? Es gibt so viel mehr Gedanken, die mich beschäftigen; Entscheidungen, die in den nächsten Wochen und Monaten anstehen; neue Wege, die ich beschreiten werde. Ob der Gang zu mehr Gelassenheit auch dabei sein wird, wird die Zukunft zeigen müssen.

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Schon bald werde ich trotz allen Verdrusses wieder voll drin sein im Fußballalltag. Ich werde die Spiele besuchen, werde hunderte Kilometer hinter mich bringen, tausende von Fotos machen und unzählige Stunden für den VfB aufwenden, und sei der größte Part einzig die Nachbereitung von Fotos und das Schreiben von Zeilen wie diesen. Ich werde mich wieder aufregen, fluchen und dieses Gefühl bekommen, dass mich erfüllt, wenn ich in Frage stelle, ob der Weg des VfB ein positiver Weg sein wird. Ich werde auch mal Tage brauchen, um die Zeit zu finden, diese Zeilen niederzuschreiben, wenige Stunden, bevor die Mannschaft dem nächsten Gegner in die Augen blicken müsste. Ich mache mir viel Aufwand für das, was ich lieben sollte – aber wozu?

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Viel lieber würde ich mehr von den Momenten genießen, die mir am vergangenen Samstagabend bewiesen haben, dass es auch anders geht. Fern der schwäbischen Wahlheimat, versteckt in einem romantischen von Pflanzen bewachsenen Hinterhof, saß ich und ließ mir die warme Sommerluft um die Nase wehen. Pappsatt sank ich in dem Stuhl zurück, genoss ein köstliches Bier und fragte mich, warum ich nicht zulassen kann, dass ich auch an solchen Tagen ganz entspannt sein kann. Einige Stunden zuvor hatte der VfB verloren. Und für ein paar Momente zwischen Charlottenburg und Bahnhof Zoo war die Welt trotz allem für mich in Ordnung.

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Noch immer auf der Suche nach Motivation

Null Lust. Null Motivation. Null Vorfreude. Die Unruhen im Verein während der Sommerpause, insbesondere kurz vor dem Pokalspiel in Cottbus, gepaart mit der bis heute noch nicht beantworteten Frage, wer denn die Flut an Gegentoren stoppen soll, das alles sorgte nicht unbedingt für positive Emotionen. Ganz im Gegenteil, selten hatte ich so viel Unlust auf eine neue Spielzeit, weniger wegen des VfB allein, vielmehr wegen der Entwicklung, die der gesamte Fußball genommen hat.

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Mag ich auch spät zum Fußball gekommen sein, ich habe schon einiges mitgemacht, von der Champions League bis zur zweiten Liga. Wenn es Spaß machte, dauerte es nicht lange, bis die Ernüchterung folgte; und wenn es finster um uns stand, ging die Welt davon nicht unter. Das ist bis heute die schwerste aller Lektionen. Bis auf zwei Partien liefen die Auswärtsspiele in Berlin in den vergangenen 20 Jahren eher weniger gut. Für Felix war das Grund genug, daheim zu bleiben und stattdessen lieber dem Groundhopping zu frönen, hat man das Olympiastadion doch bereits zur Genüge erlebt und auch die Sympathie für das Berliner Volk hielt sich vornehm in Grenzen.

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Da musste ich die Reise wohl oder übel alleine antreten – mit einem Bekannten von Twitter, Ralph aus Besigheim, machte ich mich auf den Weg. Morgens um fünf Uhr, auf dem Parkplatz in Mundelsheim nahe der Autobahn. Am Horizont wurde es ganz langsam hell und ich stellte mir die Frage: „Was mache ich hier eigentlich?“ Das, was ich schon oft getan habe: hunderte und tausende Kilometer für meinen Verein unterwegs sein.

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Von Neuem und Alten in der Hauptstadt

Weite Teile der Strecke kamen mir merkwürdig bekannt vor. Wenige Tage zuvor fuhren wir schon einmal hier lang, als es uns zur ersten Pokalrunde nach Cottbus führte, eine Woche später nun also nach Berlin. Es gab schon schönere Ansetzungen, und auch Ende der Hinrunde kommt es für die Allesfahrer geballt, wenn Hamburg, Bremen und Hannover hintereinander stattfinden. Vorbei an der Ausfahrt, die nach Leipzig führt, ein Heimatbesuch war dieses Mal einfach nicht drin, sei das Gefühl auch seltsam gewesen.

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Zwei Mal die Strecke an einem Tag wollte ich Ralph dann aber dennoch nicht zumuten, wir verständigten uns auf eine Übernachtung in Berlin und eine entspannte Rückfahrt. Lediglich der VfB würde darüber entscheiden, wie angenehm ich mir meinen Aufenthalt in der Hauptstadt noch machen kann. Oder etwa nicht? Noch am Vormittag, als wir Berlin erreicht hatten, hatte ich keinen Zweifel daran: würde der VfB verlieren (und das würde er, da war ich mir sicher), würde sich meine Lust für banale abendliche Aktivitäten wie „Essen gehen“ oder „Spazieren“ oder „Etwas trinken gehen“ in Grenzen halten. Es kam dann doch anders.

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Kurz im Zimmer frischgemacht, das Trikot übergestreift und schon konnten wir los. Eine Currywurst am Bahnhof Zoo durfte nicht fehlen, inmitten unzähliger anderer VfB-Fans. Schon lange vor meiner Zeit als aktiver Fußballfan, war ich unzählige Male schon in Berlin gewesen, und dennoch entdeckt man jedes Mal etwas Neues. Nur das Olympiastadion, dass wir kurze Zeit später erreichten, war absolut nichts Neues. Die selbe viel zu große Betonschüssel, die selbe Schikane vom Ordnungsdienst, die selbe Unlust wie bei jeder einzelnen Partie. Man fährt hin, weil man es muss. Und es ist seltsam, dass ich das sagen muss.

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Nüchtern betrachtet

Wen ich in Cottbus nicht getroffen hatte, den traf ich einfach hier. Lange hatte ich von oben beobachtet, wie sich die Reihen füllten. Gut 4.500 Stuttgarter aus nah und fern hatten sich auf den Weg gemacht, ob aus Stuttgart oder vom Prenzlauer Berg, viele waren gekommen, um den VfB bei seinem ersten Bundesligaspiel zu begleiten. Viele Hoffnungen machte ich mir nicht. Wie sollte ich auch, spielten wir doch mit einer uneingespielten Notbesetzung, und das ist noch höflich formuliert. Kein Daniel Ginczek, kein Timo Baumgartl und auch kein neu verpflichteter Abwehrmessias, der all unsere Probleme der letzten Jahre vergessen machen würde.

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Manchmal fällt es schwer, den Leuten einfach ihren Optimismus zu lassen. Es sollte mir egal sein, ob sie der Meinung sind, der VfB würde mit 2:1 gewinnen, gegen eine Mannschaft, die nicht unbedingt als unschlagbar gilt. Vielleicht sollte ich besser weg hören, denn was für mich wie grenzenloser Optimismus klingt, grenzt für mich in vielen Fällen schon an blinde Naivität. Wie sollte ich an einen Punktgewinn glauben, wenn noch nicht einmal die Körperhaltung der Mannschaft suggerieren konnte, dass sie selbst daran glauben? Auch die fast schon gespenstische Stimmung im Gästeblock war gewiss nicht zuträglich, als wir die Mannschaften, begleitet von der Jubiläumschoreographie der Hertha, auf dem Rasen begrüßt hatten.

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Auch heute wurde ich gefragt, was ich denn tippen würde. „Wenn es gut läuft“, murmelte ich mit einem verkniffenen Gesichtsausdruck, „sind wir mit einer 0:2-Niederlage noch gut bedient“, nur in der Hoffnung, Unrecht zu haben, wie schon viele male zuvor. Es geht mir nicht ums „Recht haben“, mir geht es vielleicht eher darum, mich selbst vor überzogenen Erwartungen zu schützen. Wir haben eine Saison unterklassig gespielt und waren nur selten spielerisch überlegen, warum sollte das nach der Rückkehr in die Bundesliga, nach all den neuerlichen Querelen, denn so viel anders sein?

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Einziger Anspruch: Abstiegskampf?

Vielleicht hatte ich wirklich geglaubt, innerhalb einer Woche nach dem ersten Pflichtspiel in Cottbus, würde die Lust auf den Fußball schon irgendwie von alleine zurückkehren. Vielleicht werde ich auch noch ein paar Stunden warten müssen, bis ich die weiß-roten Massen bei der Karawane Cannstatt mit der Kamera aufnehme. Vielleicht sind es aber auch die ersten Zeichen einer mentalen Entwicklung, dass es nicht die Mannschaft oder die Liga ist, an der mein Herz hängt, sondern vielmehr die Menschen und Erlebnisse, die man damit verbindet. Eine späte Erkenntnis, nicht wahr? Ob ich das in einigen Wochen wieder vergessen habe und ich vor Abstiegsangst wieder panisch im Kreis laufe, das weiß ich auch noch nicht. Gut möglich ist es jedenfalls.

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Viele Jahre haderte ich mit den Leistungen der Mannschaft, bis ich mich schließlich in der Rückrunde der Zweitligasaison dabei erwischte, wieviel Spaß es zwischenzeitlich machen konnte. Mir war klar, dass dieses Gefühl schnell wieder verflogen sein würde, nachdem wir ins Oberhaus zurückgekehrt sind. Oberste Prämisse ist der Klassenerhalt, um nichts anderes geht es in der Spielzeit nach dem Aufstieg. Aber anders gefragt: was wäre denn das Ziel, wenn wir gar nicht erst abgestiegen wären? Wäre die Zielsetzung dann wirklich so viel anders als jetzt?

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Die meisten Fans prognostizieren Abstiegskampf bis zum letzten Spieltag, neutrale Beobachter und offizielle Leute wie Kommentatoren, Trainer, Sportdirektoren etc., sehen in uns sogar ein Überraschungsteam. Ich würde mich gern überraschen lassen, aber daran glauben kann ich nicht. Wie sollte ich auch, wenn selbst das banale Ziel des Klassenerhalts in den letzten Jahren immer knapper erreicht wurde, zuerst zwei Spieltage vor Schluss, dann 13 Minuten vor Ende der Saison, bis es dann gar nicht mehr gereicht hatte. Warum sollte ich ausgerechnet jetzt davon ausgehen, dass man aus den Fehlern gelernt hat? Stand jetzt würde ich nämlich sagen: das hat man nicht. Man frage nur mal nach bei Jan Schindelmeiser.

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Die Frage nach dem Warum

Die logische Frage auf all diese Gedanken wäre natürlich: „Warum fährst du dann trotzdem zum Fußball, wenn du eh immer denkst, sie verlieren?“. Eine gute Frage. Vielleicht, weil ich Fanfotografin bin und liefern „muss“? Vielleicht, weil es irgendwo dann doch schön ist, positiv überrascht zu werden. Vielleicht aber auch, weil es herrlich ist, wenn der Schmerz nachlässt. Da stand ich nun im Gästeblock des Berliner Olympiastadions, mühte mich, bei Laune zu bleiben und sah eine Stuttgarter Mannschaft, die aus der letzten Notbesetzung zusammengestückelt wurde. Sie machten bisher ihre Sache gut – aber das muss ja bekanntlich nichts heißen, dafür gab es zu viele Partien, die kurz vor dem Ende verloren wurden.

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Dafür, dass wir faktisch keine echte Abwehr hatten, lief es eigentlich ganz gut. Doch selbst dafür, dass Daniel Ginczek nicht auf dem Platz stand, ging nach vorne ziemlich wenig. Sein allererstes Bundesligaspiel hat sich mit Sicherheit auch Simon Terodde anders vorgestellt, der von nichts anderem geträumt hat als von diesem Moment. Keine Flanken von Emiliano Insua, die er hätte leicht verwerten können. Kein traumhafter Pass in die Schnittstelle, in dem er ein weiteres Mal seinen inneren Messi hätte entdecken können. Kein brachialer Konter, der den Berliner keine Chance lässt. Es war ein hartes Los für Simon Terodde, denn generell ging nach vorne so gut wie nichts.

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Das Problem war nur: früher oder später würde die Abwehr wackeln. Eine Halbzeit lang ging das gut, was ich so nicht einmal erwartet hatte. Die zweite Halbzeit begann und wenige Sekunden später trat das ein, was ich schon für die ersten 20 Minuten erwartet hatte. Ausgerechnet Mathew Leckie, der Neuzugang im Trikot der Hertha. Gute Erinnerungen verbinde ich mit ihm nicht, er traf beim wenig ruhmreichen 3:3 in Ingolstadt, das über lange Strecken zur echten Farce für uns wurde. Dass er zu diesem Zeitpunkt 2173 Minuten nicht mehr getroffen hat, passte natürlich ins peinliche Bild, dass der VfB hier abgab.

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Gnadenlos effektiv

Ein Raunen ging durch den Gästeblock. Nicht, dass ich das Gefühl hatte, hier wäre jemand sonderlich überrascht gewesen, aber dennoch glaube ich, dass es sich die meisten dann doch anders erhofft hatten, das hatte ich ja schließlich auch. Infolge dessen suchte der VfB etwas häufiger die Flucht nach vorne, vieles halbherzig, vieles nicht zu Ende gedacht, als wollten sie den Ball ins Tor hineintragen. Doch dafür waren wir vielleicht ein Stück zu naiv, es wird wohl noch einige Wochen dauern, bis wir wieder in der Bundesliga angekommen sind, so wie es einige Wochen brauchte, um sich der Zweitklassigkeit bewusst zu werden. 462 Tage später war mein zurück – und naiv wie nie zuvor.

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Ich will nicht sagen, dass die Hertha so viel besser war. Im Gegenteil, sie wirkten müde und lustlos. Dass es für den VfB trotzdem irgendwie reichen könnte, war mir im Vorfeld ohnehin schon fast klar gewesen. Der VfB hatte es indes verpasst, aus seinen Möglichkeiten mehr herauszuholen, sei es Dummheit gewesen, Pech oder schlichtweg Unvermögen, es wollte einfach nicht klappen. Da war es natürlich schwer, stimmungstechnisch dagegen anzukommen. Viel kam von den Gastgebern nicht, aber eine Ecke in der 62. Minute reichte, um den Deckel drauf zu machen. Wieder Mathew Leckie, wieder der Neuzugang, wieder schläfrig verteidigt. Auch das überraschte mich nicht. Das nennt man dann wohl gnadenlose Effektivität.

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Auch die letzten Minuten verstrichen ohne Tor, doch nicht ohne Torannäherung. Man spürt, dass die Mannschaft noch nicht eingespielt ist und dass sie vielleicht noch etwas Zeit braucht. Die Frage aller Fragen wird nur sein: hat man diese Zeit überhaupt? Was, wenn man auch in einigen Stunden das Heimspiel gegen Mainz nicht gewinnen kann? Wenn der VfB nicht schnell die Punkte holt, wage ich zu bezweifeln, dass Hannes Wolf die ersten fünf Spieltage überleben wird. Ich hoffe, ich irre mich. Ich habe unter anderem bei der VfB Saisonspende 50 Euro für charitative Zwecke gesetzt, wenn er bis zum Ende der Spielzeit Trainer bleibt. Ihr ahnt nicht, wie gerne ich das Geld zahlen würde.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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