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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Ein Mann mehr, aber kein Stück klüger

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Am Tag darauf fühlt es sich noch genauso irreal an wie gestern. Die Füße sind wieder trocken, die Schmerzen in den Beinen sind gewichen, weit mehr als 24 Stunden wird das Spiel her sein, wenn ich die letzten Zeilen dieses Spielberichts zu Papier gebracht habe. Doch der Schock sitzt tief, es wird noch einige Tage dauern, bis nicht mehr alle Gedanken um den einen Moment kreisen, der dem VfB wenige Sekunden vor Schluss einen weiteren Tiefschlag versetzte. Nichts ist schlimmer als das grausame Geräusch kollektiven Jubels, wenn der Gegner den späten Siegtreffer macht und alle Mitspieler, Auswechselspieler, Trainer und Betreuer auf den Platz stürmen. Der VfB ist angekommen in der Bundesliga – und macht genau da weiter, wo er 2016 aufgehört hat.

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„Ist ja nur Fußball“ sagen manche, ringen sich ein gequältes Lächeln ab und widmen sich wieder den schönen Dingen des Lebens. Doch wie kann es „nur Fußball“ sein, bei all den Strapazen, die wir Woche für Woche auf uns nehmen? Natürlich zwingt uns dazu niemand, aber haben wir den Punkt, an dem es „nur Fußball“ ist, nicht schon längst überschritten? Oder gilt dies vielleicht sogar nur für mich alleine, für die Königin unter den Schwarzmalern? Jedem ist letztlich selbst überlassen, wieviel Raum er Wut und Kummer gibt, warum darf das dann nicht auch für mich gelten? Warum sollte ich mich dann nicht aufregen dürfen? Sollte ich mich etwa freuen, dass wir in letzter Sekunde ein Spiel verloren haben, was wir niemals hätten verlieren dürfen?

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Auch heute verstehe ich es einfach nicht. Ohne jeden Zweifel gehört diese Partie zu den eindeutig bittersten Niederlagen der letzten Jahre und reiht sich ein in eine Liste der Schande, Enttäuschung und Verbitterung. Solche Spiele können natürlich jedem passieren, soviel ist klar. Warum es gefühlt immer nur dem VfB passiert, vermag mir nicht in den Kopf zu gehen. Warum schafft man es nicht, ein paar mickrige Minuten in Überzahl dem Gegner Stand zu halten, um zumindest einen Punkt mitzunehmen? Stattdessen mussten wir tatenlos zusehen und uns heute fragen, wo das alles noch enden wird. Was diese Frage angeht, so kennt ihr meine Meinung, es ist die selbe wie 2017. Und 2016. Und 2015.

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Was soll schon schiefgehen?

Es gibt sie wirklich, diese Tage, an denen ich zwar niemals sagen würde, der VfB würde sicherlich gewinnen, aber an denen ich das Gefühl habe, dass nicht allzu viel schief gehen kann. Schließlich hat man einen starken Kader, wichtige Spieler sind zurückgekehrt und man spielt schließlich beim Lieblingsgegner der letzten Jahre. Da gab es schon ganz andere Spieltage, an denen ich schon Tage zuvor unruhig wurde und mir Sorgen machte, gemischt mit dem flauen Gefühl, es würde nicht gut gehen können. Die letzten drei Spiele in Frankfurt waren allesamt famos, darunter das legendäre 4:5 im Oktober 2015. Viel schief konnte eigentlich nicht. Eigentlich.

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Ich weiß nicht, wie viele von euch das machen. Morgens aufstehen, anziehen, zum Spiel fahren und selbstsicher sagen „Die hauen wir weg“, und wenn es nicht geklappt hat, zu sagen „Dann eben nächstes Mal“ und sich wieder anderen Dingen widmen statt sich aufzuregen. Wie zum Teufel macht ihr das? Wie soll das funktionieren? Woher auch immer ihr diese Selbstherrschung und Gelassenheit habt, jeder Tipp ist herzlich willkommen. Jedes verlorene Spiel ist nur ein weiterer Schritt in Richtung Abstieg, bzw. Nicht-Aufstieg, da bin ich mir Woche für Woche doch ziemlich sicher. Keine gesunde Haltung, das ist mir bewusst – es einfach unterlassen geht allerdings nicht.

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Am frühen Samstagmorgen, kurz bevor wir aufbrechen wollten, ging ich zur trikotförmigen Pinnwand in unserem Flur, nahm die beiden Eintrittskarten für das Spiel in Frankfurt weg, faltete sie in der Mitte zusammen und steckte sie in meinen Stadiongeldbeutel. Unter den Eintrittskarten hing ein Bild von Simon Terodde, aufgenommen am bisher schönsten aller Tage, dem Aufstieg im vergangenen Mai. Ohne groß darüber nachzudenken, murmelte ich „Du machst das heute schon, Simon“, schnallte mein Bauchtäschle um, nahm den Vesperkorb in die Hand und zog hinter mir die Haustüre zu.

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Die schönen Seiten des Auswärtsfahrens

Um die Mittagszeit herum erreichten wir die Main-Metropole, doch zog es uns nicht wie so oft in die Stadt hinein, sondern vielmehr an den südöstlichen Stadtrand, fast schon an der Grenze zu Offenbach. Dort erhebt sich in einem dreieckigen Waldstück der 43,3 Meter hohe Goetheturm mit seinen 196 Stufen und gibt von ganz oben den Blick frei auf die Skyline von Frankfurt. Ein ganz neuer Blick aufs Bankenviertel inmitten eines malerischen Waldgebietes. Es geht doch wirklich nichts über ein tolles touristisches Programm – einer der Gründe, warum ich nur selten mit dem Bus fahre. Einsteigen, Aussteigen, Stadion, Einsteigen, Aussteigen, Heim, das war einfach nie wirklich mein Ding. Die Auswärtsfahrerei hat nämlich durchaus auch positive Seiten, man sieht vieles von Deutschland und kommt in Gegenden, die einem sonst immer verborgen geblieben wären.

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Weiter ging es in Richtung Stadion, wie immer wollten wir direkt am Stadion parken, was zuletzt immer reibungslos funktionierte. Nur nicht dieses Mal, man schickte uns weiter, ließ uns wenden, dann verpassten wir die schlecht ausgeschilderte Ausfahrt und so trug es sich zu, dass wir eine halbe Ewigkeit bis zum Stadion brauchten, statt auf dem Schotterplatz neben dem Stadion zum Stehen zu kommen. „Nützt alles nichts“ schnaufte ich, genoss die warmen Sonnenstrahlen und konnte mich des Gefühls nicht verwehren, mir heute der Punkte so viel sicherer zu sein als an anderen Tagen. Da lachte der Fußballgott und sprach „Halt mal mein Bier“.

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Den ersten Schritt hatte ich ins Stadion gesetzt, schaute mich um und dachte an die schönen Erinnerungen, die ich hier feiern durfte, die tollen Tore, die wir hier bejubeln konnten, das viele Bier, dass ich im Eifer der Begeisterung über mich schwappen lassen musste. Dass das alles nach dem Abpfiff nichts mehr wert sein würde, war mir nicht klar. So verzweifelt hatte ich gehofft, es würden die dringend notwendigen drei Punkte herausspringen, am Ende war es nicht einmal einer. Ich könnte mir vorstellen, wie es St. Pauli, Bielefeld und Nürnberg wohl ergangen ist, als wir es waren, die kurz vor Schluss das Siegtor machten, doch gemeinhin brennt der eigene Kittel immer etwas heißer als der der anderen.

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Zu Besuch beim einstigen Lieblingsgegner

Ich weiß nicht, wer von meinen Freunden und Bekannten diese Zeilen lesen wird, einige werden es gleich ganz bleiben lassen, um die frische Wunde nicht gleich wieder aufzureißen. Andere wiederum werden am Ende dieser Zeilen zu mir sagen, dass heute nicht aller Tage Abend ist, dass noch genug Punkte zu vergeben sind und der VfB wieder aufstehen wird. Daran glauben kann ich nicht. Jedenfalls jetzt in diesem Moment nicht. Böse Zungen behaupten, ich solle dem Fußball bestenfalls fernbleiben, das alles nicht mehr so nah an mich heranlassen. Aber wie eingangs bereits geschrieben: dafür stecke ich bereits viel zu tief drin.

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Auf der Frankfurter Westkurve liefen die letzten Vorbereitungen für eine Choreographie mit unzähligen weiß-schwarzen Fahnen, während sich unsere Reihen nur denkbar langsam gefüllt hatten. Einige hatten auf der Auto- oder Busfahrt hierher im Stau gestanden, andere wiederum trieben sich im Umlauf des Stadions herum und genossen die kulinarische Versorgung, die dankenswerterweise mit Bargeld funktioniert. Immer wieder die gleichen Gesichter, dachte ich mir, als ich mir den Weg zu meinem Platz bahnte. Wenn mir vor 15 Jahren, als ich zum ersten Mal zu Besuch in Frankfurt war, jemand gesagt hätte, ich würde eine der schönsten und bittersten Erlebnisse im Frankfurter Stadion erleben, ich hätte ihn wohl für verrückt erklärt.

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Die Auswärtsstatistik liest sich bislang alles andere als gut. Drei Mal auswärts angetreten, drei Mal verloren, und dabei nur ein einziges Tor geschossen. Es gab schon durchaus bessere Starts in die Saison, allerdings auch schon schlechtere, ohne Frage. Ich war bereit für den ersten Auswärtssieg, wie sehr es am Ende weh tun würde, hätte nicht einmal ich mir vorstellen können. Unter dem Applaus des mit über 50.000 Zuschauern ausverkauften Stadions begrüßte man beide Mannschaften, die Eintracht zelebrierte ihre Choreo und auch die über 5.000 Gästefans waren bestens aufgelegt. Ganz nach dem Motto: „Was soll schon schiefgehen?“

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Vorne zaghaft, hinten dämlich

Der Ball rollte und uns bot sich ein ähnliches Bild wie eine Woche zuvor gegen Augsburg: eine weitgehend stabile Abwehrleistung, aber kaum Zug nach vorne. Ob uns das nicht längerfristig das Genick brechen wird, wird sich noch im Lauf der Hinrunde zeigen müssen. Womöglich hätte alles ganz anders laufen können, wenn Chadrac Akolo oder Anastasios Donis nach nur wenigen Minuten die ersten Chancen zur Führung hatten, sehr viel mehr vermochte ansonsten im ersten Durchgang wahrlich nicht passieren. Alle schienen sich auf ein 0:0 zur Pause einzustellen, auf den Tribünen kam Bewegung auf, viele suchten bereits die Imbissstände auf.

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Seit der Rückkehr von Holger Badstuber ist mir in Sachen Defensive ein kleines bisschen weniger mulmig. Zumindest bis zur 42. Minute an jenem 30. September diesen Jahres. Ich weiß nicht, was er sich dabei gedacht hat, ob er auf nassem Rasen ausgerutscht oder seinen Gegenspieler im Rücken schlichtweg nicht gesehen hatte, aber er musste so wie wir alle mit zusehen, wie Ante Rebic zum 1:0 für die Eintracht abschloss. Irgendwie hatte ich mir das alles ganz anders vorgestellt. Andererseits, die Eintracht war damals auch beim 5:4-Auswärtssieg in Führung gegangen.

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Den unnötigen Rückstand mussten wir schlucken, doch noch gab ich die Hoffnung nicht auf, es würde doch noch ein Tor fallen. Mein Tipp lautete Simon Terodde, allerdings saß der auf der Bank. Auch im zweiten Durchgang sorgte Santiago Ascacibar, unser neuer kleiner Kampfzwerg, für Begeisterung, er ackerte, pflügte und grätschte, kassierte schon früh im Spiel eine gelbe Karte und Hannes Wolf sah sich nach gut einer Stunde gezwungen, ihn zum Selbstschutz herunterzunehmen. Für ihn kam Simon Terodde und die Ereignisse überschlugen sich.

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Die Rückkehr des Simon Terodde

Ein paar wenige Sekunden war er auf dem Feld und meine Gedanken waren bei unserem Torschützenkönig der Aufstiegssaison, als Aushilfskapitän Dennis Aogo zur Ecke antrat. Was für eine irre Geschichte wäre das denn, wenn ausgerechnet er…, ihr wisst schon. Ich zückte meine Kamera, wie ich es oft in solchen Situationen tue, und hoffte inständig, der Autofokus sucht sich die Schärfe auf dem Spielfeld und nicht auf dem vor uns hochgezogenen Ballfangnetz. Der Eckball kam, hoch und weit, und da war da der große Blonde, hielt seine Rübe hin und stürzte den Gästeblock ins Chaos. Das. Gibt. Es. Nicht. Simon Terodde. Er ist wieder da.

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Niemandem sonst habe ich das erste Bundesligator in dieser Saison so sehr gewünscht wie ihm. Und vielleicht habe ich es ja auch irgendwie geahnt. Der Torjäger war zurück und der VfB war zurück im Spiel, von nun an lief alles ein bisschen besser. Besseres Passspiel, mehr Zug nach vorn, geordneter Spielaufbau, was der VfB ab der 60. Minute zeigte, stimmte uns durchaus positiv. Kurze Zeit später war er wieder unterwegs, bedrängt von Simon Falette, bis er schließlich gestoßen und bäuchlings quer durch den Strafraum schlitterte. Dr. Felix Brych zögerte keinen Augenblick und zeigte sofort auf den Punkt und dem Frankfurter, der sich der Notbremse strafbar machte, die rote Karte. Es fühlte sich an wie noch ein Tor, Elfmeter und ein Mann mehr auf dem Feld, wir würden dieses Spiel sicher gewinnen. Pustekuchen.

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In dem Moment, als sich der Unparteiische den Finger ans Ohr hob und mit einem Pfiff eine Änderung per Videobeweis anzeigte, war mir vielleicht schon ein kleines bisschen klar geworden, dass dieses Spiel eine unschöne Wendung nehmen würde. Ich kann es euch nicht einmal erklären, was genau da in meinem Kopf vorging, aber irgendwas sagte mir, dass mit der Rücknahme der Elfmeterentscheidung etwas Schlimmes passieren würde. Hätte ich doch nur auf mein Bauchgefühl gehört, ich hätte das Stadion verlassen und wäre einsam durch den Wald spaziert, ohne auch nur einen Mucks von dem zu erfahren, was in der Nachspielzeit passieren würde.

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Mitten ins Herz

Statt einem Strafstoß, den Simon Terodde sehr wahrscheinlich zum vorentscheidenden 2:1 gegen zehn Frankfurter verwandelt hätte, gab es nur einen Freistoß. Daniel Ginczek nahm sich ein Herz und zimmerte zur Belustigung der Eintracht-Fans den Ball ins Dachgeschoss. Und dabei war dies noch nicht einmal seine schlimmste Szene. Der VfB drückte gegen zehn Gegner, aber je weiter die Minuten heruntertickten, desto dumpfer wurde der Gedanke in meinem Hinterkopf. Gegen zehn Mann musst du beim Stand von 1:1 nachlegen, ohne Frage. Gegen zehn Mann musst du gewinnen, ohne Zweifel. Gegen zehn Mann.

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Sie hätten den Deckel nur drauf machen müssen. Klingt leichter, als gesagt, wenn man ohnehin erst so wenige Tore geschossen hat, nicht wahr? Doch gegen eine Mannschaft, die mit einer Person weniger dem Druck standhalten muss, der Trainer offensiv gewechselt hat und man mit aller Wucht kommen muss, da muss doch mehr drin sein als ein mickriges 1:1? Doch selbst das hätte ich am Ende genommen. Statt selbst das zweite Tor zu machen und die mitgereisten Fans zu belohnen, taten sie sich schwer, stellten sich hinten rein und bekamen trotzdem den Ball einfach nicht weg.

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Jetzt alle Schuld bei Ebenezer Ofori zu suchen, der in der letzten Minute der Nachspielzeit noch einen Freistoß im Halbfeld verursachte, wäre schlichtweg falsch, doch man kann wirklich sagen, seine Einwechslung habe sich keinesfalls in nur irgendeiner Art und Weise gelohnt. Auch Daniel Ginczek stand dem in nichts nach, der den Ball aus dem eigenen Strafraum wegköpfen wollte. Gut gemeint, aber schlecht gemacht. So war es die Eintracht, die an den Ball kam. Und es war Sébastien Haller, dem die letzte Aktion des Spiels gebührte.

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Versteinert

Das ist eben der VfB. Da spielt man eine gute halbe Stunde in Überzahl, macht einen Rückstand wett und verpennt es danach schlicht und ergreifend, das zweite und gar dritte Tor nachzulegen, was durchaus machbar gewesen wäre, mit mehr Zug nach vorne und vor allem mit mehr Mut, an mangelnder Qualität kann es wohl eher nicht gelegen haben. Und statt das Tor zu machen, verlierst du in letzter Sekunde durch einen artistischen Seitfallzieher in der Nachspielzeit, der dir einen dringend notwendigen Punkt wieder kaputt macht. Wie damals, 2014, als Vedad Ibisevic sein letztes Tor für den VfB machte, bevor Thiago den einen Ball versenkte, der von 100 Versuchen 99 Mal auf der Tribüne landet.

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Der Begriff „Fassungslosigkeit“ wurde vermutlich für solche Momente erfunden. Ich konnte nicht glauben, was ich da mit ansehen musste, wie sich alle auf den Schützen des „Tor des Monats“ stürzten und ihn unter einer weiß-schwarzen Jubeltraube begruben. Eine gute Minute konnte ich keinen Muskel in meinem Körper bewegen, wie versteinert stand ich da, starrte auf den Torpfosten neben Ron-Robert Zieler, wo kurz zuvor in gefühlter Zeitlupe der Ball hineingeflogen war. Was mache ich hier? Warum bin ich überhaupt VfB-Fan? Was habe ich in meinem Leben Schlimmes verbrochen, um so etwas immer wieder miterleben zu müssen?

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Ich habe schon vieles gesehen in den noch jungen Jahren meiner Auswärtsfahrerei, habe viel erlebt, viele Siege gefeiert und viele Niederlagen betrauert, doch immer gibt es jene Spiele, die ganz besonders schmerzhaft in Erinnerung bleiben. Die Massen drückten sich an mir vorbei, viele verabschiedeten sich von mir, bei manchen bemerkte ich es nicht einmal. Lange starrte ich noch ins Nichts und stellte mir die Frage, warum das alles passiert ist. Nichts hätte ich dagegen ausrichten können und es obliegt alleine mir, wie ich mit den Erlebnissen umgehe. Dass das alles nicht leicht ist, dürfte aber für die wenigsten ein Geheimnis sein.

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Schlechte Karten als Aufbaugegner Nummer Eins

Es dauerte eine Ewigkeit, bis ich mich von meinem Platz wegbewegen konnte. Die meisten Leute hatten das Stadion bereits verlassen, die ersten Ordner machten ihre Runde und baten die letzten Verbliebenen, die Heimreise anzutreten, zumindest weit weniger penetrant, als es in Stuttgart gemacht wird. Ein letztes Verabschieden von Andi Roth, dem eigens für Gästefans abgestellten Fanbetreuer, mit dem ich mindestens einmal im Jahr Kontakt habe, nach dem immer gleichen Schema „Hey Andi, alles beim Alten?“ – „Gude, alles wie immer“.

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Eine seltsame Mischung von Wut, Trauer und Leere in meinem Kopf, niemand vermochte mich zu trösten. Seit einiger Zeit regnete es ohne Unterlass, dafür war ich nicht wirklich gut angezogen, zu verführerisch sahen am Tag zuvor noch die angekündigten 14 bis 21 Grad aus. Am Imbiss wollten zwei Mitarbeiterinnen noch die letzten zwei Schälchen lauwarmer Pommes loswerden, wir bekamen sie geschenkt. Um uns herum standen einige Frankfurter, viele schwiegen, einige schwärmten. Der Weg zurück zum Waldparkplatz kam mir so viel länger vor als die Jahre zuvor.

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Es hätte ein so unheimlich toller Tag werden können, selbst wenn es nur ein Punkt gewesen wäre. Doch stattdessen bleiben nun ganze zwei Wochen Zeit, sich das Gehirn zu zermartern, das Spiel gedanklich immer und immer wieder durchzugehen und den Kopf davon nicht freizubekommen. Meine bessere, optimistischere und weitaus gelassenere Hälfte Felix und ich entschwinden in der kommenden Woche ein paar Tage nach Sylt, in der Hoffnung, den Kopf freizubekommen. Der VfB muss dringend im nächsten Heimspiel siegen. Und dann fällt mir ein, dass der 1. FC Köln zu Gast ist. Das hat ja in den letzten Jahrzehnten auch immer ganz fantastisch funktioniert. Nicht.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

3 Kommentare

  1. Danke für den emotionalen Spielbericht. Absolute Leere. So ging es uns auch. Keine Wut, kein Ärger, keine Enttäuschung. Einfach nur alles leer.

    Allerdings möchte ich deinen Bericht damit ergänzen, dass nach dem Doppelwechsel und dem Ausgleich wirklich alles für uns gesprochen hat: mehr Spielanteile, mehr gewonnene Zweikämpfe, mehr Druck, unsere Kurve von Minute zu Minute lauter … ich hatte das Gefühl, das kann nur der erste Auswärtssieg sein! Der Bruch im VfB-Spiel kam dann aber viel früher als der fatale Gegentreffer in der letzten Minute, nämlich schon ab der 75. Kein Zweikampf mehr, schnelle Ballverluste, keine Zuordnung, kein Mut, keine Aggressivität, Pudding in den Beinen … drei Riesenchancen für die Eintracht, die Zieler sensationell hält. Aber wir haben darum gebettelt und Haller hat uns dann in letzter Minute den Gnadenstoß gegeben. Was ist da nur passiert? Plötzlich verlieren wir mit einem Mann mehr den Faden und verlieren ein Spiel, dass sich zu unseren Gunsten gewendet hatte. Fassungslosigkeit und absolute Leere!

  2. Schöner Bericht, ich saß neben dem Gästeblock hinterm Tor. Einfach unglaublich, wie man dieses Spiel verlieren konnte. Mich würde mal interessieren wie du zum Thema Videobeweis stehst, ich finde der Fussball lebt von Fehlentscheidungen und das sag ich jetzt nicht nur weil der VfB dadurch mal wieder nicht gerade profitiert hat. Wenn man sich im Stadion über einen Elfer freut und gar nicht mitbekommt dass es auf einmal nur freistoss gibt zerstört das in meinen Augen leider vieles. Ich hab schon angst vor dem ersten Tor, dass uns nachträglich wegen abseits abgrnommen wird nachdem wir schon eine minute lang gefeiert haben..

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