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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Unverhofft kommt nicht so oft

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Von allen Dingen, die ich mir an diesem Tag ausgemalt hatte, war dies so ziemlich das Unwahrscheinlichste. Lachend und schreiend lagen wir uns in den Armen, ohne es vermutlich richtig begreifen zu können. Ein Heimsieg gegen Borussia Dortmund. Sieben Jahre, neun Monate, zwei Wochen und drei Tage. Seit man zum letzten Mal die Dortmunder vor heimischer Kulisse bezwingen konnte, ist viel Wasser den Neckar hinuntergeflossen. Spieler und Trainer sind gekommen und gegangen, die Liebe zum Verein ist geblieben, genau wie die sture Überzeugung, dass der VfB nur selten zu wahrhaft großen Heldentaten imstande ist.

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Zugegeben, bei den Schwarz-Gelben läuft derzeit so gar nichts zusammen. Doch sollte das die gigantische Mannschaftsleistung des VfB schmälern? Wohl kaum. Dennoch wird im Nachgang von nichts anderem zu lesen sein als von der Slapstickeinlage von Roman Bürki und Marc Bartra, von fehlender Effizienz und falscher Taktik. Es würde nur darum gehen, wie lange Peter Bosz noch zu halten sei und wie lange die Krise der Borussen nun schon anhält. Dass es der VfB dabei verdient hat, als Sieger vom Platz zu gehen, scheint für viele Gazetten und neutrale Fans zweitrangig zu sein.

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Auf dem Zettel hatten es dann aber doch die wenigsten, vom unguten Bauchgefühl des schwäbischen Durchschnittsbruddler bis hin zu jedem einzelnen Wettbüro. Man schien sich einig zu sein: selbst in deren aktueller Form wird der VfB nichts gegen den BVB ausrichten können. Aber diese Rechnung hat man ohne unsere Mannschaft gemacht. Und ich sage ganz bewusst „Mannschaft“, denn an solchen Tagen verdienen sie sich diesen Namen wirklich. Am Ende einer energischen Mannschaftsleistung stand der VfB mit drei Punkten mehr da – und überforderte mich damit komplett. Ich war darauf doch gar nicht vorbereitet.

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Ungeschlagen in 2017

In den letzten Tagen geisterte mir immer wieder diese eine wunderbare Begriff durch den Kopf: „Heimserie“. Meine Gedanken schweiften ab zu so manchem Spiel in diesem wieder viel zu schnell vorübergezogenen Kalenderjahr 2017. Der Last-Minute-Ausgleich im schon längst verloren geglaubten Spiel gegen Dresden, der euphorische Heimsieg gegen Union Berlin, das emotionale Aufstiegsfinale an jenem magischen Tag im Mai, der schwermütige Sieg gegen die Wolfsburger nach Christian Gentners schwerer Gesichtsverletzung oder die unglaublichen Szenen beim ersten Sieg gegen Köln seit fast 20 Jahren. Bislang hatte es Spaß gemacht, wenn auch die entgegengesetzte Auswärtsschwäche besorgniserregende Ausmaße angenommen hatte.

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Hier und heute würde die Heimserie enden, da kann Dortmund noch so schwach nach Stuttgart reisen. Mit ganz viel Glück würde es zu einem Punktgewinn reichen, dafür müssten wir aber einen perfekten Tag erwischen, während Dortmund den schlechtesten Tag seit langer Zeit erwischen. Die Wahrscheinlichkeit dafür war, sagen wir es mal vorsichtig, nicht unbedingt groß. Immerhin gab der VfB vor der Länderspielpause den perfekten Aufbaugegner für strauchelnde Hamburger. Wenn wir etwas können, dann am Boden liegenden Mannschaften wieder aufzuhelfen. Da würden auch die Gäste aus dem Ruhrpott keine Ausnahme bilden.

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Hin und wieder werde ich gefragt, was mich eigentlich so verbittert hat werden lassen. Eine Frage, die ich nicht wirklich mit einer klaren Aussage beantworten kann. Vielleicht verhält es sich damit ein kleines bisschen wie mit unserem Abstieg im Jahr 2016. Wir sind nicht in jener Saison abgestiegen, sondern wir sind mehrere Jahre in Folge abgestiegen, ein langsam schleichender Prozess. Ich war nicht immer so missmutig, wie es mir heute nachgesagt wird, und das nicht ganz zu Unrecht. Es gab Zeiten, da konnte ich an das Gute in meiner Mannschaft glauben und hatte keine Angst davor, dass alles den Bach hinunter gehen würde. Es lohnt sich nicht, sich über solche Dinge zu ärgern, höre ich immer wieder. Und schließlich war ja auch der Ausflug in die zweite Liga eines der schönsten Abenteuer überhaupt. Warum also bruddeln? Ich weiß es nicht.

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Friday I’m in love

Ein anstrengender Arbeitstag lag noch vor mir, bevor ich mich um kurz vor 18 Uhr auf den Weg ins Stadion machen wollte. Auf dem Rollcontainer neben mir lag bereits alles fein vorbereitet da, Kamera, Trikot, Thermo-Strumpfhose, Mütze, Capri Sonne und mein steter Stadionbegleiter, das Bauchtäschle. Schon in Renningen sah ich die ersten Schwarz-Gelben, kein Wunder bei einer hohen Anzahl von Borussen im Stuttgarter Raum, nicht wenige von Ihnen sind durch die Erfolge der Jahre 2011 und 2012. Bei jedem Aufeinandertreffen in Stuttgart tauchen unzählige BVB-Anhänger aus ihren Löchern auf und setzen sich, mangels Alternativen bei über 400 Kilometern Entfernung nach Dortmund, gemütlich ins Neckarstadion. Ein Plan, der in den letzten fast acht Jahren wunderbar aufging. Bis heute.

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Manchmal kann es recht kurzweilig sein, mit der Bahn zu einem Flutlichtspiel an einem Wochentag anzureisen und den Erzählungen anderer VfB-Fans zu lauschen. Und es gibt Tage, da kann man einfach nur den Kopf schütteln. Es fiel schwer, wegzuhören, als der offenbar frisch pensionierte Herr mir Gegenüber seinen Kumpels zum Besten gab, wie viele Jahrzehnte er schon zu den Heimspielen fährt und dass seine Frau immer daheim bleibt, schließlich würden sich Frauen ohnehin nicht für Fußball interessieren und das sei auch gut so. Im Bestreben, ihn zu bestätigen, wandte er sich an mich und fragte „Stimmts? Frauen gehen nicht zum Fußball, gell?“ – auf meine Antwort war er allerdings nicht vorbereitet: „Oh doch, allerdings, ich bin Dauerkarten- und Auswärtsdauerkartenbesitzer, fahre seit über fünf Jahren zu nahezu jedem Spiel, auch auswärts. Sonst noch Fragen?“ Kurz darauf erreichten wir den Hauptbahnhof und ich stieg grinsend aus der Bahn.

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Wie oft ich vergangene Spielzeit direkt vom Geschäft ins Stadion gefahren war, hatte ich bereits in der Hinrunde aufgehört zu zählen. Nach zahlreichen Montags- und Freitagsspielen konnte man zwar nie von „gewöhnen“ sprechen, aber auch das hat man letztlich irgendwie immer hinbekommen. Dabei waren mir die Heimspiele am Freitag in der zweiten Liga sogar noch die liebsten, ungeachtet des unfreiwillig frühen Feierabends. Genug Zeit, am selben Abend noch die Fotos fertig zu machen, genug Zeit zum Spielbericht schreiben und genug Zeit für mich selbst, denn vom Wochenende war dann tatsächlich noch etwas übrig. Genug Zeit würde mir zumindest für die Bilder heute nicht mehr bleiben, dass ich trotz allem erst nach zwei Uhr nachts im Bett liegen würde, war mit Sicherheit auch nicht mein ganz persönlicher Masterplan.

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Ohne jeden Zweifel

Wann immer ich mich auf den Weg zum Stadion mache, es ist eine Art Tunnelblick. Man kennt jede Ampel, jeden Zebrastreifen, jede Engstelle und jedes Schlagloch. Schon längst war es stockfinster geworden, das Jahr neigt sich dem Ende und die Temperaturen fallen ins Bodenlose. Am Stadion kam es noch zu einem kurzen Wiedersehen mit André, der uns bei der Fahrt nach Mönchengladbach begleitet hatte. Einst verloren wir mit 0:2, vom Auswärtsfluch war im September allerdings noch keine Rede gewesen. Wieder zuhause, in meinem Stadion, in meinem Block, in meiner Reihe, an meinem Wellenbrecher, mit meinen Mädels Isabell, Jasmin, Nina und Linda. Soviel zum Thema, Frauen hätten im Stadion nichts verloren.

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Uns gegenüber tat sich im anderen Eck des Stadions bereits eine besorgniserregende Menge an Schwarz-Gelb auf, wenig überraschend, doch immer wieder ein seltsames Gefühl, erkennt man sie doch meist weitaus besser als andere Gästefans. Die Meister der Tarnung sind erst am Ende der Hinrunde zu Gast, erst dann zu erkennen, wenn bei einem Tor des FC Bayern München gefühlt drei Viertel des Stadions aufspringen. Ein Duell mit Konfliktpotenzial, sorgte schließlich nicht nur das letzte Auswärtsspiel in Dortmund für einigen Missmut.

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Die letzten Minuten waren gezählt, und ohne jeden Zweifel, es würde sich um die letzten ungeschlagenen Minuten 2017 handeln. In meinem Kopf hoffte ich auf ein Unentschieden, doch mein Bauch prophezeite mir das, was wir in den letzten Jahren gegen den BVB ertragen mussten: oft sind sie sang- und klanglos untergegangen, doch waren es eher die fiesen, bitteren, unglücklichen Niederlagen, nicht zuletzt vor zwei Jahren, als die Szenen des Trostes für den jungen Timo Baumgartl um die Welt gingen. Hoffentlich würde es schnell vorbei sein murmelte ich mein rotes Halstuch, während die Kälte von den Betonstufen unter mir bereits langsam nach oben kroch.

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Der Anfang vom Ende der Heimserie

Ausverkauft sollte es sein, doch auch heute blieb die Zuschauerzahl noch knapp unter dem maximalen Fassungsvermögen. Im Vorfeld wurde bekannt, dass gut 300 Dortmunder Ultras ein eintägiges Stadionverbot auferlegt bekommen haben, nachdem Personendaten unter mehr als fragwürdigen Bedingungen weitergegeben wurden. Stimmung aus dem Gästeblock gab es daher keine, von Anfang bis Ende das Schweigen im Walde. Böse Zungen behaupten, es sei dem späteren Spielverlauf immerhin angemessen gewesen. Da ich nicht ausschließen kann, dass sich auch Dortmunder hierher verirren und bis zu dieser Stelle lesen: nehmt es mir nicht übel, schließlich mussten wir uns sowas auch oft genug von euch anhören.

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Im Mittelpunkt der Partie stand aber im Vorfeld nicht das fragwürdige Stadionverbot, sondern lediglich eine einzige Personalie in Form unseres sympathischen Trainers Hannes Wolf. Natürlich. Der Ur-Dortmunder im Dienste des VfB Stuttgart gegen seine alte Liebe. Womöglich wurde für solche Tage das Wort „Ausgerechnet“ erfunden, alle Kameras waren auf ihn gerichtet, um jede Gefühlsregung wahrzunehmen. Aber Hannes ist professionell. Nichts würde ihn mehr an der alten BVB-Geschichte interessieren, sobald die Partie angepfiffen wäre, das sagte er im Vorfeld bereits der Presse. Dass wir ihn wohl eines Tages gegen unseren Willen ziehen lassen müssen, sehr wahrscheinlich zu seiner Borussia, ist uns bewusst. Doch möge dieser Tag noch in ferner Zukunft liegen.

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Anpfiff. Es konnte losgehen. Die womöglich letzten, nein, sehr wahrscheinlich letzten Minuten als die unumstößliche Heimmacht. Drei Remis stehen zu Buche, alle anderen Spiele vermochte der VfB zu gewinnen. Wer weiß, vielleicht hat Hannes Wolf die Highlights aller bisherigen Heimspiele 2017 noch einmal ausgepackt, von Alexandru Maxims direktem Freistoß bis hin zu Chadrac Akolos schönster gelber Karte aller Zeiten. Wie lange würde man dagegen halten können, das war die Frage des Abends. Es wird nicht reichen, ich war mir sicher, auch wenn ich es nicht wollte. Aber der VfB hatte einen anderen Plan.

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Nimm du ihn, ich hab ihn sicher

Die ersten paar Minuten waren vorüber, das Fahnenintro in der Cannstatter Kurve war bereits im Kasten, genauso wie die ersten Nahaufnahmen von Hannes Wolf, in der Hoffnung, seine Gesichtszüge erkennen zu können. Auf ihn hatte ich die Kamera gerade gehalten, da sah ich im Augenwinkel, dass vor der Untertürkheimer Kurve Bewegung entstand, konnte aber nicht genau mitbekommen, was. Instinktiv hielt ich drauf, man kann ja nie wissen, kurze Zeit später sprang das ganze Stadion auf und jubelte. Und ich so: „Äh… hä?“ Das war mir zu hoch. Was zum Teufel war denn hier passiert? Erst die Fernsehbilder konnten aufklären, die ich zu Gesicht bekam, nachdem ich die ersten Umarmungen schon hinter mir hatte.

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Ein klassischer Fall von „Nimm du ihn, ich hab ihn sicher“ – Marc Bartra wollte einen Rückpass spielen auf den untypisch herauseilenden Roman Bürki, Chadrac Akolo witterte seine Chance und brauchte nur noch einzuschieben, während sich die beiden Dortmunder fragend anschauten. Eine Szene mit Seltenheitswert. Eine amüsante Slapstick-Einlage begünstigte nach nur fünf Minuten unsere Führung, auch wenn ich nicht so ganz mitbekommen habe, was da eigentlich los war. Mir sollte es recht sein, wenn man die Führung schonmal auf dem Silbertablett serviert bekommt.

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Und auf einmal war sie wieder da, die Erinnerung daran, dass wir einmal 2:0 führten und am Ende 2:3 verloren. Torschütze damals für den VfB: Christian Gentner, der heute sein überraschendes Comeback in der Startelf gab, so souverän und abgeklärt, als wäre er nie weggewesen. So sehr es mich für unseren Capitano freute, dessen Verletzung im Spiel gegen Wolfsburg der Kurve und allen Fans und Fußballbegeisterten einen Schock versetzte, ich fragte mich dennoch zu Beginn des Spiels, ob das nicht doch etwas früh ist. Meine Befürchtung sollte letztlich aber genauso hinfällig sein wie die Befürchtung, dass alles sowieso schief geht.

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Arm dran – oder eben nicht

Ich höre fast schon die vielen Stimmen meiner Freunde, die mir sagen, ich solle einfach aufhören, immer zu denken, dass alles schief gehen muss. Es ist nicht so, als könnte ich das steuern wie einen An/Aus-Schalter, auch wenn ich mir manchmal wünsche, es wäre so. Ich beneide jeden entspannten Fußballfan, der mit mitunter schon stoischer Gelassenheit die launischen Kapriolen seines Herzensvereins hinnimmt, sich im Stadion und kurz danach aufregt und sich dann wieder den schönen Dingen des Lebens widmen kann, Freunde, Familie oder weitere Hobbies. Was wäre ich auch gerne so, entspannt, optimistisch und gelassen. Ob mir das eines Tages gelingt und was für ein Opfer ich dafür vielleicht eines Tages erbringen muss, werde ich abwarten müssen.

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Es dauerte etwas, bis ich realisiert hatte, dass da wirklich 1:0 auf der Anzeigetafel stand. Es wäre zu schön, diesen Vorsprung über die Zeit zu retten, aber dafür war noch viel zu lange zu spielen. Und je länger das Spiel dauerte, desto sicherer war ich mir, dass der Ausgleich bald folgen würde, Ich habe nicht auf die dazugehörigen Statistiken geschaut, aber die brauchte es nicht, um zu wissen, wie feldüberlegen der BVB nach dem Rückstand war. Richtig viel Druck brachten die Gäste zwar nicht hinter ihre Aktionen, aber sie schnürten uns nahezu ein in unserer eigenen Hälfte. Keine besonders guten Voraussetzungen für einen Punktgewinn gegen einen der Topvereine Deutschlands. Und der VfB? Der ließ sich zumindest feiern für jede Grätsche von Santiago Ascacibar und jede Parade von Ron-Robert Zieler – und das vollkommen zurecht.

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Solange der Ball auf dem Feld rollt, kann man davon ausgehen, dass ich meine Kamera ununterbrochen in der Hand halte, stets bereit für den nächsten Schnappschuss, das nächste Tor, das nächste Fahnenmeer in der Kurve. Allerdings kann man dann davon ausgehen, dass ich währenddessen vom Spiel selbst nicht mehr wahnsinnig viel mitbekomme. Ein kurzer Moment des Innehaltens, des Beobachtens, des tatsächlichen Spielschauens. In just jenem Moment waren meine Augen auf Benjamin Pavard gerichtet, der am vergangenen Dienstag mit der französischen Nationalmannschaft gegen Deutschland spielte und kollektiv von den VfB-Fans gefeiert wurde. Und in jenem Moment seh ich auch, wie ihm der Ball an den Arm springt und kurz darauf ein Pfiff ertönte. Oh nein. Bitte nicht.

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Eine Glanzparade ohne Wirkung

So richtig wollte es nicht wahr haben. Wo ich so weit unten ohnehin meist wenig mitbekomme von kritischen Situationen und meine Wahrnehmung durch die Fotos auch oft eingeschränkt ist, so konnte ich noch nicht einmal etwas sagen. Es war Handspiel, sei es auch keine Absicht sondern eher ein Reflex gewesen, und damit ein tatsächlich berechtiger Elfmeter. André Schürrle trat an, meine Kamera packte ich zum ersten Mal kurz weg und schloss den Deckel meiner Kameratasche. Gleich würde er Ron-Robert Zieler verladen und als Ausgleichstorschütze gefeiert werden von den Borussen, von denen man bisher keinen Mucks gehört hat.

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So unerwartet das 1:0 gefallen war, so überraschend war, dass unser Keeper den Schuss halten konnte. Das nützte allerdings nicht viel, denn Maximilian Philipp, der im Sommer aus Freiburg kam, war schneller als unsere Abwehr, die den Ball noch hätte zur Ecke klären müssen. Elfmeter gehalten, aber trotzdem den Ausgleich kassiert. Wie blöd ist das denn bitte? Nicht nur für das Ergebnis an sich, sondern vielmehr für die Köpfe der Spieler? In meinem Kopf ging das Kino schon wieder los, wieder war ich mir sicher, wie alles laufen würde. Kurz nach dem Elfmeter pfiff Frank Willenborg zur Halbzeit, aber danach würde Dortmund alles daran setzen und am Ende noch das eine oder andere Tor machen. Dass sowohl Chadrac Akolo als auch Daniel Ginczek ausgewechselt werden „mussten“, verhieß schon einmal nichts Gutes.

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Es würde einfach so laufen, wie immer, und der VfB würde sich für eine couragierte Leistung wieder einmal nicht belohnen können. Nicht, dass ich das wollen würde – ich würde nur häufiger wollen, dass ich vom Gegenteil überzeugt werde. Komische Logik, nicht wahr? Ich hoffte so sehr, am Ende einen Punkt hierbehalten zu können, schon alleine für die Heimserie, von der ich nicht weiß, wann es so etwas zuletzt in einem Jahr gegeben hat, und vor allem unter dem Hintergrund, dass man in der Ferne einfach nicht in der Lage zu sein scheint, Punkte zu holen. Viele unserer Auswärtsgegner waren schlagbar, stattdessen verlor man unnötig, unglücklich oder einfach nur dämlich.

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Über das Ohr mitten ins Herz

Nach nun 16 Punkten nach zwölf Spielen ist man vielleicht geneigt, zu sagen, dass das mehr ist als man vor der Saison gedacht hatte. Aber das ungunte Gefühl in meinem Bauch sagt mir etwas anderes. Mut antrinken konnte ich mir nicht für die zweite Halbzeit, in meiner Capri Sonne war leider nur das selbe pappsüße Zuckerwasser drin wie die letzten Male auch. So mancher war geneigt zu sagen „Die Jungs machen das schon“, stets geerntet von einem fassungslosen Kopfschütteln meinerseits. So viel Vertrauen in die eigene Mannschaft zu haben, sollte eigentlich selbstverständlich sein, aber es waren wohl die bitteren Jahre des Abstiegskampfs, die mich haben bitter werden lassen. Am Ende verliert der VfB doch sowieso, wie ein typischer Aufbaugegner. Ich hatte ja keine Ahnung.

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So gut ich die Szene sehen konnte, die zum Elfmeter und Ausgleich der Dortmunder führten, so wenig sehe ich für gewöhnlich, wenn aus dem Spiel heraus Tore vor der Cannstatter Kurve fallen. Mit unter 1,60 Metern Körpergröße stehe ich dafür zu weit unten und muss damit leben, nach Gehör zu jubeln. Die zweite Halbzeit lief seit ein paar Minuten, da sah ich Josip Brekalo nach einem tollen Pass von Berkay Özcan auf Roman Bürki zulaufen. „Schieeeeeeeeß“ schien das komplette Stadion simultan zu schreien, doch er stoppte, machte eine Körpertäuschung legte sich den Ball abermals zurecht.

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Wieder konnte ich nichts sehen, doch was sich um mich herum abspielte, reichte mir als Zeugnis dessen, was geschehen war. Dortmund blieb anscheinend nichts erspart, doppelt durch die Hosenträger von Dan Zagadou und Roman Bürki. Es war mir egal, wie das Tor gefallen war. Es war mir egal, dass es Josip Brekalo war, von dem man glauben darf, dass er Zeit seines Lebens nie wieder freiwillig nach Wolfsburg zurückkehren möchte. Es war mir egal, dass sich das Bier über mir ergoss und ich mit dem Fuß umgeknickt war. Alles war egal. Es zählte nur der kollektive Jubel, der in einem simultanen Aufschrei das gesamte Stadion erfasste und alle in der Kurve wild durcheinander springen ließ. Das, meine lieben Freunde, das ist der Stoff, aus dem die tollsten Geschichten sind.

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Zwischen Begeisterung und Befürchtung

Ich hatte nun ein Problem. In meinem Kopf war ich mir sicher, dass es heute schief gehen würde, aber auf der Anzeigetafel über meinem Kopf stand in großen Lettern 2:1 und der Boden unter mir vibrierte. Wie sollte ich mich dagegen noch groß wehren können, dass hier vielleicht, unter Umständen, möglicherweise etwas Tolles passiert? Noch immer war genug Zeit, das Spiel in bester VfB-Manier noch nach allen Regeln der Kunst zu verkacken, aber von diesen Spielen habe ich einfach schon genug gesehen. Meine Vermutung war, auf kurz oder lang würden die Beine unserer Spieler schwer werden und die Konzentration würde nachlassen, umso überraschter war ich vom weiteren Verlauf der zweiten Halbzeit.

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Immer wieder schaute ich mich um, hielt kurz inne und lauschte den Klängen der Kurve, die alles dafür gegeben hatte, die Mannschaft nach vorne zu schreien. Das Konzept schien aufzugehen, unter dem Getöse der Kurve schien es die Jungs zu beflügeln, die heute im eigens konzipierten Stadttrikot aufgelaufen sind. Was auch immer Hannes Wolf ihnen mit auf den Weg gegeben hatte, es hatte ihnen Kraft und Mut gegeben, die zweiten 45 Minuten anzugehen. War das wirklich mein VfB? Rennen, beißen, kratzen, fighten, das alles können sie, wenn sie denn wollen. Aber statt hinten zuzumachen, wie sie es beispielsweise in Leipzig getan hatten, gingen sie immer wieder nach vorne. Und wer weiß, was hier los ist, wenn Berkay Özcan nach 71 Minuten den Ball sehenswert mit einem seitlichen Volleyschuss versenkt.

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Noch einmal jubelten die Dortmunder dann doch, kurze Zeit später landete der Ball im Tor, der Gästeblock sprang auf, wie viele andere im Stadion auch. Abgepfiffen. Offenbar lag ein zuvoriges Handspiel vor, der Treffer zählte nicht. Wer weiß, vielleicht hatte hier der Fußballgott seine Finger im Spiel und was vor zwei Wochen in Hamburg schief gegangen war, sollte heute nicht noch einmal passieren. Die beiden Tore von Chadrac Akolo und Josip Brekalo waren alleine für sich schon fast mehr, als ich nervlich ertragen konnte, doch langweiliger wurde das Spiel dadurch nicht. Im Gegenteil.

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Mit aller Kraft festgehalten

Gebt zu, ihr habt es zumindest einmal auch kurz gedacht: es wäre doch typisch VfB gewesen, wenn diese Nummer am Ende noch schief geht und die Gäste aus dem Ruhrpott dann noch den Ausgleich machen, ganz zu schweigen von Schlimmerem. Alles schon einmal erlebt hier im Neckarstadion, das wäre per se nichts neues gewesen. Chancen im Minutentakt und eine geschlossene Mannschaftsleistung, von der ich wünschte, wir bekämen sie sehr viel öfter zu Gesicht. Tick. Tack. Tick. Tack. Die letzten Minuten zogen sich wie ein nie enden wollender Kaugummi. Das 2:1 war so viel mehr, als ich mir von dieser Partie erträumt hatte, und selbst ein 2:2 hätte mich einigermaßen zufrieden gemacht. „Macht jetzt bloß keinen Scheiß“ war wohl der Gedanke eines jeden VfB-Fan auf dem Weg zum 500. Heimsieg.

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Drei Minuten Nachspielzeit. Noch einmal eine Chance für die Gäste, das Herz war mir schon gute 20 Minuten zuvor in die Hose gerutscht und hing jetzt irgendwo zwischen Thermo-Strumpfhose und Turnschuh am unteren Ende meines Beinkleids. Timo Baumgartl war nun fast jedes Mittel recht, mit Anlauf drosch er den Ball auf die Tribüne, um wenige Sekunden später im eigenen Strafraum auf die Knie zu fallen und die Fäuste zu ballen. Es ist schwer, jemanden zu erklären, wie es sich anfühlt, wenn das eine Spiel abgepfiffen wird, von dem du dachtest, es könnte nichts anderes als schiefgehen, und dann stehst du da und bist über drei Punkte gleichermaßen fassungslos und erfreut. Manchmal kann Fußball so schön sein.

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Hannes Wolf wurde später gefragt, ob dies das erste Mal gewesen sei, dass er sich über eine Niederlage des BVB gefreut habe. Einige Sekunden dachte er nach, verzog dabei nicht eine Miene und sagte schließlich laut und deutlich: „Ja“. Grinsend lief er über den Platz, herzte jeden einzelnen seiner Schützlinge und war in der schwarzen Traube zwischen all den Jungs kaum von seinen Spielern zu unterscheiden. Als wir die Mannschaft vor der Kurve feierten, verharrte er mit seinem Co-Trainer Miguel Morreira am Mittelkreis, letzterer hatte ungläubig die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, während Hannes versuchte, nicht über beide Ohren zu grinsen. Bloß nichts anmerken lassen. Was wohl in seinem Kopf vorging?

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Restprogramm mit Hindernissen

An solchen Tagen verzückt mich der VfB, denn heute habe ich so ziemlich alles außer einem Sieg erwartet. Ob nun am Ende hoch und verdient oder knapp und unglücklich, nicht einmal in der derzeitigen Form des BVB würde der VfB etwas gegen sie ausrichten können. Eine gesunde Portion Optimismus wurde mir schon häufig ans Herz gelegt, aber wirklich davon ausgehen konnte man von diesen drei Punkten nicht, da kann mir keiner was erzählen. Fassungslos schüttelte ich den Kopf und versuchte zu begreifen, was passiert ist. Bis in die späten Nachtstunden würde mich der Sieg noch beschäftigen und ich würde sämtliche Meinungen, Kritiken, Bilder und Ausschnitte in den sozialen Netzwerken aufsaugen.

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Was bleibt aber vom Flutlichtspiel gegen die Schwarz-Gelben? Drei Punkte, nicht mehr, nicht weniger? Nicht ganz, denn für mich war die eine oder andere Erkenntnis in diesem Zusammenhang nicht unwichtig. Holger Badstuber hat enormes Tempo bekommen, Andreas Beck lief sogar einmal bis zur Grundlinie, Christian Gentner war präsent als wäre er nie weg gewesen, der VfB kann auch mal gegen einen Großen gewinnen und die Stimmung in der Mannschaft scheint gut zu sein, von sich in den Armen liegenden Spielern auf dem Weg zur Kurve bis zum obligatorischen Kabinenbild, auf dem sämtliche verletzte und gesperrte Spieler zu sehen waren.

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Dennoch wiegt der Verlust von Chadrac Akolo und Daniel Ginczek schwer. Ersterer wird dem VfB zwei bis drei Wochen fehlen, für letzteren ist die Hinrunde aber vermutlich gelaufen. Daniel Ginczek hat in seinem Leben schon viele Rückschläge verkraften müssen, er wird auch dieses Tal durchschreiten und zurückkommen. Das Restprogramm der Hinrunde hat es in sich, nicht wenige gingen in der Länderspielpause von ein bis drei Punkten bis zur Winterpause aus, die meisten bezogen sich dabei aufs Auswärtsspiel in Bremen. Aber wenn uns eines diese Partie gelehrt hat, dass selbst an Tagen, wo es unmöglich scheint, große Dinge geschehen können. Wenn wir am Ende der Saison immernoch Elfter sind, dann war es eine erfolgreiche Saison. Der Weg bis dahin ist noch lang und steinig. Was aber nicht heißen muss, dass er nicht manchmal doch Freude bereiten kann.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

2 Kommentare

  1. Hallo Ute,

    immer wieder lese ich gerne deine Berichte. Aber der vom Spiel gegen Dortmund hat mich ganz speziell berührt, denn genau dasselbe habe ich auch vorhergesehen. Gut gespielt, viel Lob vom Gegner, aber ganz unglücklich verloren. Wie immer halt. Zum Glück liegen wir auch mal daneben, nicht wahr?

    Bitte mach noch lange weiter mit deinem Blog.

    Viele Grüße
    Jürgen

  2. Pingback: (K)ein Grund, nervös zu werden | my life. my love. my blog.

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