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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Das Licht am Ende des Tunnels

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Müde, erschöpft, aber glücklich. Fazit eines Spiels, von dem ich sehr viel weniger erwartet hatte, als mir am gestrigen Donnerstag Abend im Neckarstadion geboten wurde. „Wer seid ihr und was habt ihr mit unserer Mannschaft gemacht?“ – als wären es andere Spieler gewesen, die zum ersten Europa League Spiel der Gruppenphase gegen die Young Boys aus dem schweizerischen Bern angetreten sind. Sie waren es tatsächlich; und sie ließen uns nach vielen Wochen des Frustes und der Enttäuschung ein Glücksgefühl erleben, das uns allen ein Stück Hoffnung zurückschenkte.

Vorbei sind die Zeiten, als ich unter der Woche den halben Tag in Leipzig noch gearbeitet hatte und dann entweder in den Zug oder ins Auto stieg, um die internationalen Spiele meiner Mannschaft mit dem roten Brustring zu sehen. Heutzutage wird in Sindelfingen geschafft, Urlaub für Heimspiele unter der Woche ist nun nicht mehr nötig. Von der Arbeit schon recht geschafft, und dennoch hoffnungsvoll und trotz der letzten Woche gut gelaunt hüpfte ich in Felix‘ Auto und schon wurde ich zum Stadion chauffiert, welch ein Traum.

Im Vergleich zu den anderen Spielen, wie das Heimspiel gegen Dortmund oder die beiden Auswärtsspiele in Mainz und Freiburg, wo ich von vornherein ein schlechtes Bauchgefühl hatte, war es diesmal ganz anders. Noch wusste ich es nicht einzuordnen, freute mich aber schon sehr auf einen weiteren Abend im Kreise meiner Lieben und Liebsten.

Die Farbe ist noch frisch an den Wänden und Böden der Untertürkheimer Kurve, im Vergleich zur Heimniederlage zur Kurven-Einweihung sollte alles anders werden. Ob aus mir der Optimismus oder Naivität sprach (oder beides?), auch das konnte ich noch nicht einmal beantworten. Was der VfB brauchte war definitiv ein Sieg, wollte er die Talfahrt stoppen wollen – wobei das angesichts des schlechtesten Saisonstarts der Clubgeschichte fast schon an Galgenhumor grenzt.

Vorm Stadion traf ich noch Julia, die in Böblingen in einer Apotheke arbeitet. Auf die Idee, sie zu fragen, ob sie mich nach Feierabend mitnehmen kann, kam ich erst als es zu spät war. Das hielt mich natürlich trotzdem nicht vom einem überaus netten Geplauder ab. Eine Rote und ein Steak später stiegen auch wir die Stufen hinauf in Richtung unserer jeweiligen Blöcke.

Nachdem alle bekannten Gesichter begrüßt waren, wurde es Zeit für die erste Bestandsaufnahme des Abends. Ein Blick zum Gästeblock offenbarte anscheinend „ausverkauft“, gut gefüllt, viele Schals, Fahnen und Doppelhalter. Noch waren es ja ein paar Minuten, Zeit genug, die arg spärlich besetzte Gegentribüne und auch die Haupttribüne zu füllen. Das geschah leider nicht, sie blieben voller Lücken, gerade einmal knapp 15.000 Besucher schafften es ins Stadion, ein trauriger Schnitt.

Einstimmig wurde entschlossen, sich geträu dem Motto „Fankurve? Freie Platzwahl!“ eine bessere Position zu erklimmen, so bezog ein Großteil des Beutelsbacher Pöbelvolks und meine Wenigkeit ein paar gute Plätze. Und Felix? Der winkte mir vom Oberrang aus zu. Dass er mich gefunden hat, ist erstaunlich, wer würde nicht unter hunderten schwarzen Pullis ausgerechnet einen Rammstein-Pulli wiederfinden? Achja, es ist nicht mein eigener. Lediglich ein Notbehelf solange meine Herbst- und Winterjacken noch in Leipzig sind, noch ist der Umzug ja nicht über die Bühne.

Wie sehr man sich in einigen Wochen an ein bestimmtes Muster gewöhnen kann, sei es positiv oder negativ. Ein Rückstand, bevor der VfB das Spiel hoffentlich dreht und noch gewinnt, so war der eigentliche Gedankengang. Interessanterweise war das Spiel in den ersten Minuten gar nicht so schlecht. „Die werden sicherlich gleich wieder einbrechen“ war leider meine Vermutung. Wo war der Optimismus von vor dem Spiel nur geblieben?

Zunächst in Richtung Baustelle spielten unsere Jungs auf die gegenüberliegende Seite des Spielfelds, was eine gute Sicht natürlich vollkommen unmöglich machte, zumindest mit 1,5 Dioptrien. Ein Foul, ein Pfiff, und dann kam der Jubel. Elfmeter zu Gunsten der Roten, nach 23 Minuten die große Chance auf den Führungstreffer.

Cacau trat an. Ohje, da war doch erst neulich mal was? Ach ja, richtig, gegen Mainz hatte er im 1. Spiel beim Stand von 0:0 den Elfmeter geschossen, und verschoss. Das Spiel endete 2:0 für Mainz, soviel dazu. Diesmal machte er es jedoch besser, die Fingerspitzen des Torwarts waren noch dran, doch zu platziert war dieser Schuss. Aufatmen im Ländle!

Erinnert ihr euch noch an euren ersten Besuch im Neckarstadion? Ich erinnere mich noch sehr gut, und das Mädel, das neben mir stand, mit Sicherheit auch. Von ihrem Freund gebeten, aus gutem Willem mitgegangen stand sie zwischen den singenden, schreienden und hopsenden Fans in der Kurve und fand das Treiben auf den Rängen fast noch interessanter als das Spiel an sich.

Mit einem breiten Grinsen ging es in die Halbzeitpause, auf dem Weg zu Felix gabelte ich erst einmal meinen Kumpel Martin auf, den ich nun schon seit Barcelona nicht mehr gesehen hatte. Auch Diana kam schnell dazu, ein netter Plausch für ein paar Minuten uind schon ging es zurück an die Plätze, um die Mannschaft weiter nach vorne zu schreien.

Knapp eine Stunde gespielt, knapp, aber verdient mit 1:0 vorne. Wenn uns aber eines die Erfahrung vieler Jahre gelehrt hat, dann doch das, dass das nicht zwingend heißt, dass unsere Jungs aus Bad Cannstatt das Spiel tatsächlich gewinnen würden. Wie schnell ist da der Ausgleich gemacht, wie schnell wäre da die Verunsicherung zurück gekommen und uns alle in nicht enden wollende Frustration versetzt.

Wieder war es Cacau, der ein überragendes Spiel machte. Selbst von einem drohenden Fall zu Boden lässt er sich nicht dazu herab, sich fallen zu lassen um einen Freistoß rauszuholen, nein, Cacau rappelt sich auf, läuft weiter, passt hinüber auf den mitgelaufenen Heimkehrer Christian Gentner und schon wieder jubelte die Kurve: das 2:0 in der 59. Minute.

Mit dieser deutlichen Führung im Rücken konnte man unter Einbeziehung des schleichenden Berner Zerfalls ruhigen Gewissens schonmal den Heimsieg feiern. Arm in Arm hopste man weiter, oder, wie der Frischling neben mir recht schnell bemerkte: Ausdauersport. Es wurde höchste Zeit, dass er wieder so viel Freude bereitet wie in jener lauen Septembernacht.

Wäre das Spiel im Live-TV übertragen worden, hätte es geheißen: „So etwas wollen wir im Fußball nicht sehen!“ – somit war es den 15.000 vorbehalten, die dabei waren. Ein flammendes Meer mit bengalischen Feuern und Böllern aus dem Gästeblock. Aus unserer Richtung gab es Pfiffe und Stinkefinger, dennoch zückten nicht wenige ihre Kameras und Foto-Handys.

Eigentlich hätte mir dieses 2:0 schon gereicht. Als würden sie sich für die schwachen Leistungen und vielen Eingeständnisse der letzten Wochen entschuldigen wollen, so setzten sie noch einen drauf. Alles wartete schon auf den Abpfiff, 3 Minuten Nachspielzeit waren angezeigt, als Serdar Tasci, der so oft hatte in dieser Saison schon die Bank drücken müssen, das 3:0 schoss und uns endgültig in Verzückung versetzte. Dann war aber wirklich Schicht im Schacht, der italienische Referee pfiff das erste Gruppenspiel ab, nachdem wir noch „Spitzenreiter, Spitzenreiter“ sangen und den 1. Platz in der Gruppe bejubelten.

Jetzt einmal tief durchatmen und sich dessen bewusst werden, was in den letzten 90 Minuten passiert ist. Ein Sieg. Ein Sieg? Ein Sieg! Ein lang erwarteter Sieg unserer Mannschaft, nach vielen verlorenen Spielen. Nun, es war zweifelsohne kein überragendes Match, aber es gibt einem ein wenig etwas von der Leidenschaft und Begeisterung zurück, die wir schließlich auch Woche für Woche, Saison für Saison im Namen des Brustrings aufbringen. Ob es wirklich das Licht am Ende des Tunnels war, erfahren wir morgen nachmittag, wenn der VfB das nächste Heimspiel gegen Gladbach bestritten hat.

Der Weg zum Schlachthof auf der anderen Seite des Neckars kam einem mit schweren Beinen so unendlich lang vor. Etwas trinken und dann ins Bett, das war alles, was ich wollte. Noch musste ich mich gedulden, doch dafür war die ersehnte Nachtruhe kurz vor 1 dafür umso schöner. Zumindest bis um 5 Uhr morgens wieder der Wecker klingelte.

Weitere Bilder in meiner Fotogalerie und auf vfb-bilder.de.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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