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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Da geht dir der Arsch auf Grundeis

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Krrrrzz. Krrrrzz. Krrrrzz. Die Auswärtsfahrt nach Nürnberg begann mit Eiskratzen. Wenige Wochen ist es her, da konnte man im fast noch kurzärmlig ins Stadion, schönster Altweibersommer. Nun stand ich da, dick eingemummelt und machte mich nützlich beim Eiskratzen des T5-Transporters, der uns 6 Brustringträger nach Franken bringen sollte. „Die erste Winterfahrt der Saison“ meinte Gerd. Leider wurde es nicht nennenswert wärmer.

Mit einem Umweg über Schwäbisch Gmünd war unsere Reisetruppe komplett und machte sich am frühen Vormittag auf den Weg Richtung Nürnberg \“ ohne Pause, ohne Stau und ohne Zweifel. Fast jedenfalls, der VfB ist grade richtig gut drauf, besser als man erwartet hätte. Grund genug also, optimistisch zu sein. Da aber kein Spiel ist wie das andere und man nur allzu oft eines Besseren belehrt wurde, wenn ein Sieg schon eingefahren schien bevor das Spiel überhaupt angepfiffen wurde, ist wie immer Vorsicht geboten.

Vor Ort machten wir Bekanntschaft mit einem überraschend freundlichen und hilfsbereiten Volk, wo wir auch hinkam, wurden uns hilfreiche Auskünfte erteilt und Tipps gegeben, fürs Parken, für den Weg zu Fuß und vieles mehr. Einige Stunden vor Anpfiff konnten für einen kleinen Stadtrundgang genutzt werden und natürlich für ein traditionell nürnbergisches Mittagessen: die Rostbratwürstchen, gut wars. Man kann ja nicht immer nur Spätzle essen.

Die Zeit verflog relativ schnell und so war es schon bald soweit, sich auf den Weg ins Stadion zu machen, das wir zu Fuß durch einen Wald erreichen konnten \“ ich hatte es mir irgendwie anders vorgestellt. Da bekanntermaßen der im Vorteil ist, der richtig lesen kann, schauten wir nicht richtig auf die Hinweis schilder und landeten zuerst auf der Seite des Stadions, die der gegenüberlag, wo wir eigentlich hinmussten: den Gästeblock.

Von Meter zu Meter wurden es mehr VfB-Fans, die wir zu Gesicht bekamen, 4.100 waren laut offiziellen Angaben heute dabei, nur etwa 400 weniger als beim „Heimspiel“ auswärts in Kaiserslautern neulich. Die Schlange an den Eingängen war lang, die Zeit nicht mehr allzulang bis zum Anpfiff, doch es ging dennoch rasch vorwärts, auch die Eingangskontrollen erwiesen sich als äußerst kulant und hilfsbereit: die Kamera durfte mit.

Schnell noch von unserem Kumpel Philipp ein Stück weiße Plastikfolie in die Hand gedrückt bekommen für die offenbar geplante Choreographie, da war das große Problem schon offensichtlich: je weiter man hinten stand, desto mehr vom Stadion wurde durch die Architektur des Gästeblocks verdeckt, dazu ein blickdichter Zaun links vom Block, der aber noch genug Platz für uns bot und hoffentlich auch den gewünscht akzeptablen Standpunkt für tolle Fotos.

Doch es ist nunmal das Schicksal des kleinen Menschen, nur mit entsprechendem Training der Zehenspitzen können wir uns selber helfen. Ich bin leider keine 2 Meter groß und überblicke alles und jeden, gell Schatz? Mit 1,59m Körpergröße eine unterdurchschnittliche Chance, alles zu sehen, dazu keine besonders steil gebauten Ränge. Doch ich nehme es, wie es kommt, ändern kann ich es sowie so nicht.

Auf dem Spielfeld machten sich beide Mannschaften bis kurz vor Anpfiff warm, schon bald zogen sich alle zurück, die letzten Minuten bis zum Beginn der Partie waren angebrochen. Mich schüttelte es durch die Kälte am ganzen Leib, fröstelnd schlotterten mir die lädierten Knie, ich hatte ja keine Ahnung wie sehr mir der Allerwerteste noch auf Grundeis gehen würde.

Mit Hochleistungssport und vielen Toren war gefühlsmäßig nicht zu rechnen. Wenn überhaupt, rechnete ich mit einem trägen Spiel beider Mannschaften, die sich weitgehend gegenseitig neutralisieren. Und die Hoffnung flüsterte einem unentwegt zu, dass es der VfB ist, der auch in diesem Spiel die Oberhand behält. Das sah nur in den ersten Minuten nicht so aus, wie ich gehofft hatte, einen starker Beginn der Franken.

Nach einem Nürnberger Angriff wurde zur Ecke geklärt. Noch kein Grund zur Panik. Als die Jungs aber den Ball nicht wegbekamen und aus dem Rückraum mit einem strammen Schuss der Club mit 1:0 in Führung ging, erstarrte mir kurz das Blut in den Adern. Im wahrsten Sinne des Wortes: Kälteschock. Es waren doch erst 10 Minuten gespielt, wie lange man dem Rückstand hinterher rennen würde und ob es überhaupt gelingt, das Spiel noch zu drehen, war die große Frage der ersten Halbzeit.

Erschreckendes bot sich dar auf dem Rasen des Frankenstadions (oder Neudeutsch: „easyCredit-Stadion“). Fußlahme VfB-Spieler, denen man offenbar ein paar weitere Stehplatzkarten verkauft hat \“ das war gar nichts. Kaum war der Ball mühsam wiedererobert, war er auch schon weg. Eine Darbietung der Unfähigkeit, es war unfassbar. Der Eindruck des schwachen Spiels wurde ohne Zweifel durch die Tatsache unterstrichen, was uns die ganze Zeit von der Anzeigetafel verhöhend angrinste.

Ziemlich offensichtlich war mit dem Ausgleich in der ersten Halbzeit nicht mehr zu rechnen \“ im Gegenteil. Kurz vor der Pause fast noch das 2:0 aus Nürnberger Sicht, der Freistoß strich nur knapp über dem Tor von Sven Ulreich vorbei. Eine wütende und vor allem lautstarke Halbzeitansprache von Bruno Labbadia dürfte der Mannschaft gewiss zugekommen sein. Unzufrieden und fröstelnd blickte ich drein, vielen wird es nicht anders ergangen sein.

Die ersten 15 Minuten des zweiten Durchgangs begannen vielversprechend, offenbar wurden die richtigen Worte gefunden. Etwas frischer kam man aus der Kabine und machte den Anschein, das Spiel nicht einfach so verloren zu geben. Das möchte auch sein, schließlich war es letzte Saison oft genug so, dass man schnell in sich zusammengefallen ist, sobald man in Rückstand gerät, nur selten hat sich der VfB in der vergangenen Spielzeit wieder erholt und kam zurück.

Das mit den Schiedsrichtern ist auch immer so eine Sache \“ sie sollen immer die richtigen Entscheidungen treffen während sie nahezu unsichtbar sein sollen, oft genug stehen sie aber im Mittelpunkt. Nicht selten waren wir selbst die leidtragenden, die krasse Fehlentscheidungen einfach hinnehmen mussten. Hin und wieder hat aber auch der VfB großes Glück.

Schrill ertönte ein Pfiff! Der Elfmeter für uns, der in der 61. Minute gepfiffen wurde, war eigentlich keiner: aus kürzester Distanz an den Arm geschossen, keine Absicht, dennoch Strafstoß. Uns sollte es recht sein! Pavel Pogrebnyak, der den letzten Elfmeter im Spiel gegen Hoffenheim verwandelt hat, fiel aus mit doppelten Bänderriss \“ an seiner Stelle trat nun Zdravko Kuzmanovic an, verwandelte trocken zum 1:1-Ausgleich. Wut und Unverständnis auf der anderen Seite wurden zwar zur Kenntnis genommen, aber nicht wirklich bemitleidet.

Lange hielt die Freude aber leider nicht. Gerade einmal 10 Minuten hielt das 1:1, da führte ein Freistoß zum Kopfballtor von Philipp Wollscheid, jener Nürnberger, der kurz zuvor am Arm angeschossen wurde und damit den Elfmeter „verschuldete“. Bitteres Entsetzen, noch waren 20 Minuten zu spielen, doch ob die Moral des VfB wieder zum Ausgleich reicht, wusste keiner so recht vorauszusagen.

Noch war das Spiel aber nicht verloren, und wer glaubt, ein 2:1 wäre sicher gegen den VfB, der hat die Rechnung ohne uns gemacht. Solange auch nur ein Funken Wille in ihnen steckt, werden sie kämpfen \“ so zumindest die perfekte Vorstellung für die Fußballromantiker dieser Welt. Man konnte es spüren, wie sehr sie sich gegen die Niederlage sträubten, es lag etwas in der Luft.

Und bevor man artikulieren konnte, wonach es roch, war es auch schon da: das Kopfballtor des Francisco Javier Rodríguez Pinedo, oder auch: Maza. Wenige Minuten vor Schluss setzte unser mexikanischer Abwehrspieler seine 1,91m perfekt ein, nickte ein zum 2:2 und setzte damit einen Begeisterungssturm der Erleichterung in Gang.

Doch halt, noch war es nicht vorbei. „Schluss ist, wenn der Schiri pfeift“ \“ 5 Minuten mussten wir noch überstehen. Ich wollte es in diesem Moment weder Felix noch mir selbst gegenüber zugeben: ich fürchtete sehr, noch das 3:2 zu kassieren und trotz doppelten Ausgleichs mit leeren Händen heim zu fahren. Kaum etwas hätte mich an diesem Tag mehr frustrieren können.

Es blieb dann beim 2:2, ich war glücklich. Wie immer kommt es auf die Art und Weise an, in welcher Reihenfolge sich die Partie abspielt. Gehst du in Führung und bekommst am Ende noch den Ausgleich, ist das Sicher ein Anlass zu großem Frust. Liegst du zwei mal hinten, hast riesig Glück bei einem umstrittenen Elfmeter und schießt kurz vor Schluss noch den Ausgleich, wirst du froh sein mit dem Punkt und erleichtert die Heimreise antreten. Wie fast alles im Leben eine Frage der Perspektive.

Nach dem Spiel leerte sich der Block relativ zügig, viele der mitgereisten Schlachtenbummler haben den extra für dieses Spiel eingesetzten Sonderzug der Deutschen Bahn genutzt und mussten rasch zum Bahnhof aufbrechen. Wir hatten aber jede Zeit der Welt und suchten noch den Plausch mit Freunden, die ihren eigenen Teil der beiden Pyrotechnik-Aktionen in der zweiten Halbzeit im Gästeblock abbekommen haben. Niemand wurde verletzt, aber ob die Schuhe und die Socken jemals wieder sauber werden?

Vor dem Stadion ging der nette Plausch weiter, diesmal mit anderen Leuten. Zeit genug, damit ich emotional wieder etwas runterkommen konnte, hat das Spiel doch mein Blut in Wallung gebracht, wenn auch nicht für nennenswert viel Wärme gegen eisige Temperaturen gesorgt. Langsam setzten wir uns auch in Gang, als eine der Letzten verließen wir den Ort des Geschehens und machten uns auf zum nahe gelegenen Parkhaus an der Nürnberger Messe.

Den Laptop, den ich bereits ein halbes Jahr von meinen Schwiegereltern ausgeliehen hatte während mein eigener Desktop-PC defekt war, habe ich neulich komplett für einen symbolischen Wert von einem Euro geschenkt bekommen. Mein Desktop-PC war repariert worden, hätte aber daheim auf die Fütterung meiner vielen Bilder warten müssen.

Um aber schnell die Bilder auf vfb-bilder.de veröffentlichen zu können, war der Laptop mit dabei und ich sichtete, sortierte und bearbeitete die ersten Bilder bereits auf dem Heimweg, als die meisten im Auto friedlich schlummerten. Selten war ich nach einem Auswärtsspiel so schnell mit der Veröffentlichung, auch wenn es daheim noch einmal kurz stressig wurde, denn der Akku des etwa 3 Jahre alten Laptops war leer, bevor ich alles bearbeiten konnte.

Der eine Punkt war zwar weniger, als wir uns erhofft hatten, doch er zeigte bereits Wirkung in der Tabelle. Waren wir letzte Woche nach dem Sieg gegen Hoffenheim auf Platz 4, kletterten wir einen Platz nach oben auf den 3. Rang. Während ich diesen Bericht schrieb, gewann Schalke in Leverkusen, wir sind also wieder Vierter. Ob wir auch Fünfter werden, entscheidet in diesen Minuten die Partie Hannover gegen Bayern München.

Wesentlich mehr Sorgen als die Spiele zuvor macht mir die Partie am nächsten Wochenende: Borussia Dortmund ist zu Gast, wie immer mit einem großen Anhang von Auswärtsfahrern. Die Tatsache, das sie während wir in Nürnberg spielten, daheim die Kölner mit 5:0 gerade zu verprügelten, stimmt mir auch nicht gerade optimistisch. Ich helfe mir selbst mit dem Gedanken, das nichts unmöglich ist, wenn man nur will. Den unbedingten Willen werden wir brauchen. Und vielleicht gibts ja auch einen Pfiff, der weiterhilft.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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