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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Was tut man nicht alles für einen Punkt

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Es gibt Tage, da mag ich selber kaum glauben, was ich tu. Ich wage es ja kaum auszusprechen: in dieser Stunde sitze ich im Bus. Auf der Autobahn. Bei der Rückfahrt aus Bremen. Ganz recht, schon jetzt schreibe diese ersten Zeilen, nachdem das Spiel abgepfiffen wurde. Es war in vielerlei Hinsicht nicht unbedingt, was man erwartet und befürchtet hat \“ es war besser als das.

Die Lüftung funktioniert hier im Bus nicht wirklich, statt kühler Luft kommt nur warme stickige Luft, wir doch eh schon alle schwitzen. „Wir“ ist in diesem Fall eine sympathische Truppe von VfBaway, bei denen ich das erste Mal mitgefahren war. Eine weitaus weniger schockierende und verstörende Erfahrung, als ich befürchtet habe.

Es ist still geworden, nachdem die Freude über das am Ende dann doch irgendwie unerwartete Ergebnis sich mittlerweile wieder gelegt hat. Es sei uns verziehen, für die meisten von uns begann der Tag sehr früh oder sogar mitten in der Nacht. Unser Tag begann um 5 Uhr in der Früh, genau 2 Stunden vor geplanter Abfahrt des Busses, der am Schlachthof startete.

Viel zu früh am Morgen, so auch die einhellige Meinung der Mitreisenden, von denen ich ein paar sogar schon kannte, darunter auch Andreas und Ramona sowie Markus und Silke, die hinter Platz genommen haben. Hinaus aus der Stadt in Richtung Norden, es würde eine verdammt lange Fahrt werden, noch weiter als Wolfsburg kurz vor Weihnachten mit dem Fanclub. Über 8 Stunden Fahrzeit sollten am Ende zu Buche stehen, inklusive einer eigentlich ungeplanten Stadtrundfahrt.

Ganz so schlimm wurde die Hinfahrt dann doch nicht. Die befürchteten Trinkgelage blieben aus,es war ein sympathischer und relative ruhiger Haufen, der erst bei der Ankunft in Bremen zunehmend lauter wurde. Immer wieder nickte ich weg, vermochte aber in dem engen Bus kaum Ruhe zu finden, Felix ebenso. Kopf nach hinten, zur Seite, nach vorne \“ es funktionierte alles nicht so recht.

Die Pausen waren okay und grad ausreichend, jeder konnt in Ruhe aufs Klo gehen, sich Kaffee holen oder ein Lunchpaket bei Burger King holen. Angekommen im hohen Norden gab es zunächst Irritationen, als der Busfahrer statt an der Stadionausfahrt schon am „Weserpark“ runterfuhr. Anders als bei uns in Stuttgart, wo man im „Neckarpark“ das Stadion findet, war es hier einfach nur Gewerbe- und Wohngebiet. So gabs dann noch eine kleine Stadtrundfahrt, 2 Stunden vor Anpfiff, die nicht bei allen für Belustigung sorgten.

Irgendwann schafften wir es dann auch mal, heil und vollständig in Bremen am Stadion anzukommen, wo bereits die „Fanbegleiter“ auf uns warteten. Wo sonst die Alarmglocken sofort schrillen, schien es sich hier um ehrenamtliche Begleiter zu handeln, die freundlich und geschwätzig waren. Wie leider in Bremen üblich führte uns der Weg von den Gästebussen zum Gästeblock unmittelbar an der Bremer Ostkurve vorbei \“ gut geplant, Leute, Hut ab.

Schnell noch ein kleiner Snack, dann ging es auch schon hinein, wo die Fans vom Commando Cannstatt sowie Schwabensturm und etliche selbst Angereiste bereits zugange waren. Gerade einmal knapp 1.200 Stuttgarter begleiteten den VfB zu diesem Spiel am Sonntag Nachmittag, das Undankbarste von allen, wenn die Entfernung so dermaßen groß ist.

Zunächst einmal bezogen wir Stellung in der Mitte ganz weit oben, um einen Überblick zu bekommen. Alle Jahre wieder nicht der Beste: Weit entfernt, direkt unterm Dach, schlechte Lichtverhältnisse und die Dachbalken direkt im Sichtfeld. Danach trennten sich unsere Wege wieder einmal, ich suchte und fand meinen Platz ganz bewusst auf der linken Seite und bestand darauf, dass jeder, der mit in die Stehblockreihe wollte, durchrutschen musste, der Fotos wegen.

Hoffnungen machte ich mir ehrlich gesagt keine. Es ist mit Bremen immer wieder das selbe leidige Thema. Es ist zwar „erst“ mein 3. Besuch in Folge, doch habe ich bereits in den Jahren zuvor via Sky gesehen, dass es zumeist ein übles Ende nimmt, wenn sich der VfB zum Weserstadion aufmacht. Derbe Klatschen waren dabei mit nicht selten 4 Gegentoren. In den letzten beiden Saisons spielten wir einmal 1:1 und verloren einmal 2:0. Und, natürlich, wir strotzen derzeit auch nicht gerade vor Selbstvertrauen. Ist es der Drang nach Selbstzerstörung, der uns antreibt? Vielleicht ein wenig.

So übel fing es eigentlich gar nicht an. Wir sind vorsichtig geworden, selbst bei einem frühen Tor ist das noch lange keine Sieggarantie. Wir hätten es dennoch dankbar angenommen, am Ende kam es dann doch etwas anders, als wir dachten. Womit ich garantiert gerechnet habe: es war nur eine Frage der Zeit bis Werder unsere granatenmäßigen Fehler ausnützen würde und in Führung gehen würde. Gesagt,getan: das 1:0 durch De Bruyne nach 23 Minuten.

Das Dröhnen der Schiffshupe war entsetzlich, es sind die grausamen Erfahrungen, die du früher oder später als Fußballfan machen musst: auswärts fahren und aus dem nichts springen um dich herum alle auf, spielen ein gut gelauntes Lied und alle freuen sich \“ bis auf dich und ein paar Tausend Mitgereiste. Hätten wir auf unseren Kumpel Dennis hören sollen? Er kommentierte bei Facebook unseren Eintrag „Unterwegs nach Bremen“ noch großkotzig, das würde alles eh nichts bringen, wir sollten wieder umkehren. Hatte er Recht? Würde das alles nichts bringen?

In just in diesem Moment musste der Bus bei Kassel abbremsen und auf dem Notstreifen halten \“ helle Aufregung! Irgendwas riecht hier verkokelt?! Vielleicht von der Heizung, die einfach nicht ausgehen wollte. Der Unmut ist groß, die Leute beschweren sich lautstark. Wir stehen immernoch, bei gefühlten 40 Grad Innentemperatur. Jetzt fahren wir wieder. So ganz geheuer ist mir dabei nicht. Eine Busfahrt, die ist lustig. Oder eben nicht.

Zurück zum Spiel \“ es stand 1:0, die Stimmungskurve machte schon einen leichten Knick nach unten, doch als 11 Minuten später das 2:0 durch Junuzovic viel, war es schon das beinahe vorzeitige Ende einer Partie, von der man nichts, aber auch wirklich gar nichts erwarten konnte, und man dann doch immer wieder aufs neue frustriert ist.

Nochmal eine kurze Statusmeldung zum Bus: kurz nachdem wir unsere Fahrt forgesetzt haben, mussten wir bei einem Autohof raus. Alle raus, die beiden Busfahrer versuchten, die Hitze im Bus und den verkohlten Geruch in den Griff zu bekommen. Minuten später, gefühlt eine Ewigkeit, musste eine Entscheidung getroffen werden: mindestens 4 Stunden auf den nächsten Bus warten oder in Würzburg umsteigen. Von dort trennen uns, Stand jetzt, 160 Kilometer.

Dicke Luft auch im Gästeblock. Genau so hatte ich das dennoch irgendwie erwartet gehabt. Unzufriedene Gesichter, die Vorschreier hatten wahrlich ihre liebe Müh, uns bei Laune zu halten. Es gelang dann doch noch irgendwie, die Gesänge am Laufen zu halten. Erstmal Halbzeit. Viele strömten gleich raus, um die Toilette oder den Imbissstand aufzusuchen. Ich verblieb an Ort und Stelle, ich hatte einen doch recht guten Platz gefunden.

Auf dass in der Gästeumkleide die Wände wackelten \“ es war ein ordentliches Donnerwetter nötig, um die Jungs für den zweiten Durchgang zu motivieren. Ich checkte Facebook auf dem Handy \“ Fotografenkollege Franky schrieb, dass jeder Schuss ein Treffer wäre \“ Recht hatte er, zumindest Stand jetzt. Unheimlicher Frust, wer will es uns verdenken. Wären wir doch lieber daheim geblieben, dachte ich mir. Dann schaute ich mich um und wusste wieder, warum ich hier bin.

Auf gehts zum 2. Durchgang. Würde es uns hier und heute gelingen, uns ohne ein 0:4 aus der Affäre zu ziehen, wäre es ja zumindest schonmal etwas. Bruno Labbadias Worte schienen gefruchtet zu haben \“ sie spielten auf einmal besser. Martin Harnik netzte 5 Minuten nach dem Seitenwechsel zum 2:1 ein, nur noch 1 Tor und wir hätten zumindest ein Unentschieden. Hier wird doch nicht etwa doch was zählbares zu holen sein? Für den Ellenbogencheck, dem ich meinen Vordermann verpasste, entschuldigte ich mich in aller Form, ihm ist nichts passiert.

Während wir ohne weitere Zwischenfälle auf der Autobahn zwischen Kassel und Würzburg unterwegs sind, erinnere ich mich wenige Stunden zurück. Mit dem Anschlusstreffer des ehemaligen Bremers, einer der Publikumslieblinge beim VfB, kam auch all unsre Hoffnung wieder zurück. Es war deutlich spürbar, wie jeder seine Stimme noch lauter für seinen Verein erhob und alles gab, Gesänge wurde lauter, das Hopsen heftiger und das Schalwedeln heftiger. Es war zum Greifen nah, hier lag definitiv noch etwas in der Luft. Was genau es warm vermochte ich noch zu urteilen.

Was wir in Folge dessen sahen, entzückte uns im gleichen Maße, wie es uns die Mannschaft nach vorne schrien ließ. Nun war der VfB weder da, gedanklich und nah am Ausgleich. Sie spielten in unsere Richtung und kamen ein ums andere Mal vor den Strafraum, doch war es \“ wie immer \“ Unvermögen oder der Bremer Keeper.

„Kämpfen und siegen, niemals aufgeben“ \“ wir schrien diese Worte, als wäre es das erste und letzte, was wir je auf dieser Welt singen wollten. Es war gerade zu elektrisierend, motivierend und euphorisch, man ließ sich einfach von dieser Welle erfassen. Von den Bremern hörte man indes schon gar nichts mehr. Mit einem Fuß stand ich auf dem hochgeklapptem Metallsitz, mit dem anderen auf der Betontreppe direkt neben einem betagten Ordner im gelben Kittel.

Die Minuten rannten davon, ein ums andere Mal gelang auch Werder wieder gefährlich nah in die Nähe von Sven Ulreich, doch war auch er zumindest in der 2. Halbzeit gedanklich da, wo er sein musste. Nur noch 10 Minuten. Ich weiß, ich hatte hier nichts erwartet \“ Hoffnungen wird man ja wohl noch haben dürfen.

Klein gewachsene Fußballfans werden es genau kennen: nicht immer sieht man Tore mit eigenen Augen. Schlimm genug, doch kann man sich im Falle des Falles auf den Jubel der anderen verlasen. Angefeuert von einem euphorischen Gästeblock,er unendlich heiß auf den Ausgleich war, gaben auch unsere Jungs alles. Obwohl ich mich größer machte, ich sah es nicht, wie Cacau den Ball im Netz unterbrachte \“ ist aber auch egal. Egal wie, egal wer, wichtig war es nur, dass es passierte. Und wie wichtig!

Nächster Tagesordnungspunkt: kollektives Ausrasten. Hier gab es jetzt kein Halten mehr, ich hielt mich fest so gut ich konnte und herzte einfach alle die um mich herum standen. Wer hätte das nach der 1. Halbzeit noch für möglich gehalten? Ich jedenfalls nicht. Und damit war ich keinesfalls allein. Wer einmal so zurückkommt, der tut sich natürlich schwer, sich mit weniger zufrieden zu geben.

Natürlich, wir da oben schrien uns die Seele aus dem Leib. Natürlich, wir wollten jetzt auch noch das 2:3 sehen. Natürlich, die Jungs durften jetzt keinesfalls einen Fehler machen. Sie schienen begriffen zu haben: unablässig rannten sie jetzt an, Werder in allerallerallerhöchster Not. So gefiel uns das, verkehrte Welt in Bremen.

An uns Fans kann es nicht gelegen haben. Am Ende waren 10 Minuten nicht genug, um aus einem Tor noch ein Zweites zu machen. Kurz vor Schluss gab es noch Gelb-Rot ausgerechnet gegen Martin Harnik wegen Wiederholungsfoul (soweit ich beurteilen konnte) sowie gegen einen Bremer mit unaussprechlichen Namen. Auch die lange Nachspielzeit ging torlos zu Ende. Wir mussten sogar noch fürchten, kurz vor Ende sogar noch die Niederlage zu kassieren. Es blieb uns erspart, es wäre eine durchaus traurige Heimfahrt geworden.

Zum groß Abwarten war im Stadion selbst keine Zeit mehr, wie liefen gleich los zu unserem Bus, wo wir dann doch noch lange warten mussten \“ oder vielmehr durften, so blieb Zeit für Gespräche mit Leuten, die man heut noch gar nicht oder nur kurz gesehen hat. Kurz vor 8 setzten sich die Busse in Bewegung, der Konvoi rollte. Allerdings nicht lange, bis uns besagte Buspanne aufhielt.

Ich mache einen Zeitsprung \“ zurück in den Bus. Die Lüftung funktionierte wieder einigermaßen und sorgte für eine angenehme Temperatur. So angenehm, dass einer nach dem anderen einschlummerte und wir in Würzburg nicht einmal wie geplant den Bus tauschen mussten. Viele sind erst wieder aufgewacht, als der Busfahrer die Durchsage machte, die routinemäßige Endreinigung am Rasthof Wunnenstein würde entfallen, die Busfahrer wollten das als Ausgleich für die „Unannehmlichkeiten“ selbst übernehmen.

Auch ich war irgendwann zu müde, um 100% des Spielberichts schon im Bus fertig zu stellen, veröffentlichen hätte ich ihn ohne hin noch nicht. Der Surfstick, den ich dabei hatte, enthält jeweils 5 Freiminuten, die gerade so zum Bilder hochladen gereicht haben und ich damit meinen persönlichen Rekord aufstellen konnte.

Mit dem Schlafen gings auch bei mir nicht so leicht, doch was habe ich denn schon groß erwartet in einem Reisebus. Kilometer um Kilometer schleppten wir uns dahin, der erste Halt führte uns zum Stuttgarter Bahnhof, wo die ersten ausstiegen, die mit der ersten S-Bahn des Tages hätten fahren können. Dann weiter zum Schlachthof, das alles musste zackig von Statten gehen, der Busfahrer durfte nämlich nur noch wenige Minuten fahren und müsse sonst erst 45 Minuten Pause machen, bevor es weiterginge. Das war uns dann doch zu viel des Guten.

Hinein ins unterkühlte Auto, auf dem sich schon der Reif der Nacht gebildet hat. Mir war kalt, ich war müde, ich hatte Bauchschmerzen \“ mir gings wirklich nicht gut. Daheim fiel ich sofort ins Bett und auf einmal waren 6 Stunden Schlaf dann doch Gold wert. Einen freien Tag habe ich leider nicht, ab Mittags muss ich wieder im Büro angreifen. Nur die Tapfersten von uns gingen heute morgen sofort wieder schaffen.

Es war anstrengend, beängstigend, zuermürbend und kräftezehrend. Doch war es die Strapazen denn überhaupt wert? Lasst es mich so sagen: solange du auch nur einen Punkt für deine Mannschaft holst, oder anders, ihr dabei zusiehst, solange du unterwegs Spaß mit netten Menschen hast, solange du weißt, dass wo immer du auch hinfährst, du niemals alleine sein wirst \“ dann ja, dann war es den Aufwand immer wert.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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