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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Bittere Erkenntnisse

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Unangenehme Aufgaben sieht man mir auf kurz oder lang deutlich an. Heute ist Karfreitag, morgen tritt der VfB daheim gegen Dortmund an. Statt zu schreiben habe ich die Wohnung geputzt, Wäsche gewaschen, mit einer sehr guten Freundin telefoniert und ziellos im Internet gesurft. Hauptsache ablenken von der Tatsache, dass seit 3 Wochen ein Spielbericht auf mich wartet, den ich aus Gründen der Vollständigkeit nicht einfach weglassen kann.

Ich hätte es schnell hinter mich bringen können. Als vor 19 Tagen der Hamburger SV an einem Sonntag zu Gast war, lautete meine Ausrede: „Es ist zu spät, ich muss früh raus \“ ich schreibe den Bericht morgen!“. Eine geschäftige Arbeitswoche, viel zu tun, später Feierabend. „Ich schreibe den Bericht am Wochenende!“. Und so weiter… Eine Behandlung für diese Form der Aufschieberitis gibt es aktuell nicht wirklich.

Die Erinnerung ist fast verblasst, statt die frische Erinnerung für ein paar Zeilen zu verwerten, verdrängte ich es \“ und muss mich nun ein zweites Mal auseinander setzen mit einem Spiel, dass ich so lieber vergessen will. Es erinnert einen fast ein wenig an das Heimspiel gegen Kaiserslautern in der Fast-Abstiegs-Saison 2010/2011, als viele den VfB bereits als „abgestiegen“ abgeschrieben hatten. Es war ein ganz ähnlicher Schmerz, der uns aufzeigte, dass die Luft nach unten immer dünner wird.

Tolle Erinnerungen

Heimspiele gegen den HSV sind für mich immer etwas Besonderes. Mein erstes Spiel im Neckarstadion, sei es für die meisten meiner Leser geradezu schon lächerlich kurz her, werde ich nie vergessen. Ein 1:0 durch Roberto Hilbert am 5. April 2008. Ein Jahr später sorgte ein spätes 1:0 durch den Mann, den ich wenige Wochen später „Verräter“ nannte, ebnete am 12. April 2009 den Weg zur eigenen Dauerkarte. Der VfB täte mehr als gut daran, sich durch einen Sieg Luft zu verschaffen, die Konkurrenz war uns schon bedrohlich nah auf den Fersen.

Nun sitze ich hier, die Kopfschmerztablette wirkt und meine Finger fliegen über die Tastatur. In einem Tab meines Browsers ist vfbtv geöffnet, ich habe mich bereits eingeloggt. Wohlwissend, was zu tun ist. Ich weiß noch, wann das Spiel war, wer als Torschütze aufgeführt wurde, wie das Spiel ausging. Doch die Einzelheiten wurden Opfer der schnellen Verdrängung, wochenlang rumorte es unter der Oberfläche. Statt anzufangen, schau ich lieber nochmal bei Facebook, was es neues gibt. Jetzt muss ich aber. Es muss sein!

Ich seufze tief, und wechsle zum Tab mit vfbtv, suche das Spiel heraus und schaue mir die Highlights an. Die Katastrophe im Schnelldurchlauf. Ich seufze wieder und schüttele den Kopf. Schon oft waren die Jungs in den letzten Wochen an Harmlosigkeit nicht zu überbieten. Und auch da haben sie es wieder geschafft, gegen eine mehr als mittelprächtige Mannschaft alá „Not gegen Elend“ nicht ein einziges Tor zu Stande zu bringen. Dafür traf einer, der eine Woche später nicht einmal die Kloschüssel beim darauf sitzen treffen konnte. Ein Blick zurück…

Die schlechteste Mannschaft des Jahres

Drei Tage waren vergangen, seit der VfB daheim gegen Lazio Rom ein 0:2 wegstecken und damit fast alle Hoffnungen auf weitere Spiele im Europapokal begraben musste. Es bedarf mindestens eines 3:1-Sieges beim Geisterspiel wenige Tage später, man hätte ein Wunder gut gebrauchen können. Wo viele andere Mannschaften an dieser Stelle eine Trotzreaktion im Sinne von „Jetzt erst recht!“ entwickeln, reiten die Schwaben nur Woche für Woche tiefer ins Schlamassel.

Die Minusgrade hatten sich fürs erste verabschiedet, bei wenigen Grad über Null liefen wir zum Stadion, um dort unsere Freunde und Bekannten in Empfang zu nehmen, die wir teilweise noch am Abend zuvor bei der Fanclub-Mitgliederversammlung und einem tollen Kneipenbesuch gesehen hatten. Sicher sein kannst du dir bei der Mannschaft aktuell nie, doch würden die nächsten Spiele alles andere als einfach werden: auf uns warteten danach noch Frankfurt und Dortmund, Punkte gegen beide gut positionierte Gegner zu erzielen, war etwas unscheinbare als gegen den HSV.

Begleitet vom Fahnenmeer betraten die Mannschaften den Rasen, fast 5 Jahre war es her, dass ich hier das erste Mal diese Leidenschaft, die Emotion und die Begeisterung am eigenen Leib erfahren durfte. Lange scheint es her, damals war Optimismus an der Tagesordnung, heute die traurige Gewissheit, dass wir vor diesem Spiel die schlechteste Mannschaft des Jahres 2013 waren. Ein Grund, stolz zu sein? Wohl kaum.

Der Leipziger im gegnerischen Tor

Auch Hamburg hätte die Punkte gebrauchen können, sie waren motiviert, keine Frage. Das zeigte alleine schon der Mannschaftskreis, in den der komplette Betreuerstab am Spielfeldrand mit einbezogen wurde, während der VfB wie immer unter sich blieb. Man versammelte sich schließlich am Mittelkreis zu einer Schweigeminute, in der Nacht zuvor sind bei einem Brand in Backnang, in der Nähe von Felix‘ Elternhaus, 8 Menschen ums Leben gekommen. Ein Moment der Stille und des betretenen Schweigens.

Vergebenen Chancen hinterher zu trauern ist ebenso sinnlos wie unvermeidbar. Raphael Holzhauser durfte wieder mal von Beginn an ran, nach einer Viertelstunde war er unser Mann für den fälligen Freistoß. Leicht abgefälscht zischte das Spielgerät in Richtung Hamburger Tor. Als der Ball über die Mauer flog, hielt jeder den Atem an. Der kam einfach perfekt, hätte genau gepasst. Tja, wenn da nicht mein Landsmann René Adler wäre.

Verletzte sich einst zum falschen Zeitpunkt, sonst wäre er Nationaltorwart und nicht Manuel Neuer. Bei aller Rivalität für den Gegner \“ für den gebürtigen Leipziger werde ich immer etwas übrig haben. Mit einem irrsinnigen Reflex lenkte er den Ball noch zur Latte, Vedad Ibisevic stand zu weit weg, um den Abpraller verwerten zu können. Es war eine von wenigen Chancen, die man sich in diesem Spiel überhaupt erarbeiten konnte \“ gescheitert wegen einem, der so wie ich gebürtig aus Leipzig kommt. Diese Ironie.

Torlos in die Pause

Was folgte, machte dem Namen „Not gegen Elend“ alle Ehre. Man stelle sich ein Spiel vor, geprägt von Fehlpässen, mangelndem Willen und frei von Leidenschaft, denkt man an das Niveau einer solchen Partie bewegte sich diese hier sogar noch darunter. Auch die Kurve vermochte mit ihrem Support nichts auszurichten. Den Abstiegskampf anzunehmen, bzw. aus einer Saison, die ohnehin schon fast ruiniert ist, noch das Beste zu machen \“ der VfB hat es offenbar noch immer nicht begriffen. Nach trostlosen 45 Minuten ging es erst einmal in die Pause.

Etwas schwungvoller als zuvor kamen die Jungs aus der Kabine. Die Hoffnung war trotz des schwachen Auftritts bisher noch nicht verloren. Mit zunehmender Dauer des Spiels wuchs aber auch die Ungeduld der 47.100 Zuschauer. Noch blieben die Pfiffe zaghaft, doch das unzufriedene Raunen blieb unüberhörbares Störgeräusch an diesem Abend. Und mit jedem Ball, der entweder nicht in die Richtung des Tores gebracht werden konnte oder in den Armen von René Adler landete, wurde es lauter. Der treue Kern der Kurve hatte es schwer, dagegen anzukommen.

Unser Trainer Bruno Labbadia ist für seine meist ruhige und stoische Art und Weise bekannt, nur selten tritt er als „Heißmacher“ auf, warnt seine Spieler und redet ihnen ins Gewissen. Seinen Schützlingen Feuer unter den Hintern zu machen und ihnen das nötige Selbstvertrauen einzuimpfen, scheint der ehemalige HSV-Trainer nicht (oft) anzuwenden. Sein Gegenstück an der Seitenlinie: Hitzkopf Torsten Fink, wilde Gesten, unbedachte Worte. Wie beide Kabinenansprachen sich angehört haben, kann ich mir vorstellen.

Oh Schmerz, das Herz

„Bruno raus!“ schallte es von Haupttribüne und Oberrang. Ich selbst konnte es nicht fassen. Als wäre das alles nicht schon schlimm genug, statt zusammen zu halten und die Mannschaft zu unterstützen wird lieber gebruddelt, geschmäht und zerfleischt. Ich vermisse dich, du gute alte Zeit, als ein 0:1 noch nicht das Ende war. Der HSV war soeben durch Artjoms Rudnevs in Führung gegangen. Es sollte das einzige Tor in diesem Spiel sein, was ich schon panisch befürchtet hatte, war ca. 19:20 Uhr bittere Gewissheit.

Eine gute Flanke, ein Volleyschuss aus der Mitte, Serdar Tasci (mal wieder) viel zu weit vom Gegner weg, Sven Ulreich stand zwar richtig, hatte gegen den platzierten Schuss aber kaum eine Chance. Da war es passiert, der Rückstand nach 50 Minuten. Die ersten „Kunden“ verließen das Stadion, zu groß der Frust, zu unverständlich, wie man seinen Verein in so einer Situation verlassen kann, ohne sich noch einmal umzudrehen. Ich habe es noch nie verstanden und werde es wohl auch nie verstehen.

Ein paar wenige Male schaffte er der VfB noch, halbwegs gefährlich in die Nähe des Leipzigers zu kommen \“ vergebens. Kopfschüttelnd schauten wir dabei zu, wie erschreckend harmlos die Roten doch waren. Es wurde stiller in der Cannstatter Kurve, der Frust war groß, die Hoffnung gering, aber sie war zumindest noch da. Man konnte der Mannschaft noch nicht einmal den Vorwurf machen, dass sie wirklich nicht wollten, sie konnten es einfach nur nicht besser. Und gerade das ist so verdammt beängistend.

Der Graben wird größer

Der HSV brauchte nichts weiter zu tun, als halbherzig zu verteidigen, denn das reichte bei dem großen Ausmaß an Harmlosigkeit, was der VfB hier aufs Feld brachte. Die Uhr tickte, der Ausgleich war ein paar wenige Male in Sichtweite, doch er kam nicht mehr. Ohje, VfB. Die Wechsel des Bruno Labbadia verstand ich nicht. Raphael Holzhauser nahm er in der Pause vom Feld und brachte den glücklosen Shinji Okazaki, der für einen Stürmer erst viel zu wenige Tore geschossen hatte, später Ibrahima Traoré vom Feld und brachte dafür den ausgeliehenen Federico Macheda.

Den Sinn dahinter musste und konnte man nicht verstehen. Es stand immernoch 0:1, vor der Untertürkheimer Kurve machten sich ein paar Spieler warm, Co-Trainer Eddy Sözer rief einen neuen Mann herbei, der sich 10 Minuten vor Schluss zur Einwechslung bereit machte. Das war zu viel für die (nicht zu Unrecht) aufgebrachten Fans, sie pfiffen. Cristian Molinaro sollte eingewechselt werden, Bruno Labbadia änderte seine Meinung durch die vielen Pfiffe und setzte den Italiener wieder auf die Bank. Wie schon im Falle Tamas Hajnal wird er später behaupten, er wolle nur die Spieler schützen. Ahja.

Nahezu regungslos starrte ich die letzten Minuten hinaus aufs Feld. Von der Leidenschaft und Freude, die ich 5 Jahre zuvor an selber Stelle empfand, war nichts mehr übrig in diesem Spiel. Langsam schüttelte ich den Kopf, schloss die Augen einen Moment, als würde ich mir das alles nur einbilden und wenn ich die Augen wieder öffne, ist alles wieder so, wie es sein sollte: ein begeisternder und mitreißender VfB, jener Verein, in den ich mich einst Hals über Kopf verliebt hatte.

Schwere Zeiten in Bad Cannstatt

Vier Minuten Nachspielzeit. Man wartete nur noch auf den Abpfiff. Oder auf ein `spätes Aufbäumen? Auf ein Wunder? Es dauerte ewig, bis Schiedsrichter Christian Dingert, für mich bis heute ein rotes Tuch, diese desolate Partie abpfiff. Die Quittung akustischer Art folgte prompt, erneut „Bruno raus“, „Mäuser raus“ und so weiter. Der Block leerte sich schnell, die Meisten wollten einfach nur weg von diesem Ort des Frustes, der uns schon viel zu oft großen Kummer bereitete.

Am Ende mit meinem Latein, meiner Hoffnung, meines Glaubens, dass egal was passiert, der VfB bisher immer auf die Kraft einer guten Rückrunde vertrauen konnte. Die Rückrunde war schon zur Hälfte vorbei. Worauf warten die Jungs denn noch? Verzweifelt hing ich kraftlos gestützt auf einen der Wellenbrecher im Block 33b. Mein Blick nach vorne gerichtet, auf den leeren Rasen, die sich leerende Haupttribüne, den feiernden Gästeblock in der anderen Ecke des Stadions.

Hätte man mir in der überraschend guten Vorrunde gesagt, dass wir einmal an diesem Punkt sein würden? Sind wir schon so verwöhnt, dass wir glauben, immer in der Rückrunde auf die Europapokal-Plätze aufschließen zu können? Wie kann es sein, dass wir mit nahezu identischem Personal in der vergangenen Saison auf dem 6. Platz landeten? Die Erwartungshaltung ist hoch, man tanzt noch auf 3 Hochzeiten und dennoch hat angesichts der misslichen Lage in der Liga in der Führungsetage noch nicht begriffen, dass man mit einem Sparplan nichts bewirken kann.

Quo vadis, VfB?

Genug des Rückblicks. Der Blick zurück auf das Spiel, das schon vor 3 Wochen statt fand, hat mich traurig gemacht. Vor uns liegt Dortmund, Grund genug, Bedenken zu haben. Doch hinter uns liegt dafür Frankfurt, ein Spiel, dem ich weit weniger Punktausbeute zugedacht hatte als jenem gegen die Hanseaten. Den Bericht dafür hatte ich bereits lange vor diesem hier geschrieben, kein Wunder, nach einem Sieg, besonders nach einem unerwarteten, schreibt es sich so viel leichter.

Ich schließe das Fenster mit vfbtv wieder, bis die Erinnerung an dieses Spiel wieder dort versackt ist, wo ich sie zu Beginn dieser Zeilen heraufholen musste, wird es einige Zeit brauchen. Viel zu viele Niederlagen, unnötige, bittere, beängstigende. Von „Dumm gelaufen“ bis „Arbeitsverweigerung“ war schon alles dabei. Es sind Stand heute noch 8 Spiele bis zum Saisonende. Aus dem Ziel „Europapokal“ mussten wir schon längst „Klassenerhalt“ machen, trotz des Sieges in Frankfurt sind wir noch nicht sicher.

Wie gesagt, die Erwartungshaltung ist hoch. Schlechte Leistungen veranlasst hier mehr als in vielen anderen Bundesliga-Städten die Menschen zum Fernbleiben. Einiges ist im Argen, der Kummer ist groß. Keiner weiß so recht, wie die Saison enden wird. Ich denke, wir alle wissen, worauf wir verzichten können: den bitteren Abstiegskampf, das Gefühl der Angst, wenn deine Mannschaft in der Tabelle unterhalb der Linie steht. Morgen gegen Dortmund. Hoffnung? Nicht wirklich. Doch ein kleines Wunder wäre mal wieder fällig.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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