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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Auswärts in der Heimatstadt

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Genau sieben Haltestationen mit der Straßenbahnlinie 4 trennen das Leipziger Zentralstadion von meiner damaligen Wohnung. Im Nordwesten von Leipzig steht das 1956 eingeweihte Stadion mit Platz für 44.345 Zuschauer, eine schöne Spielstätte \“ doch seit ich 2010 von hier wegging, ist mit dem Zentralstadion nur Verachtung verbunden. Seither heißt es „Red Bull Arena“, Heimstätte der Rattenbande, äh Red Bull, äh Rasenballsport Leipzig.

Viele meiner damaligen Weggefährten und alte Freunde, auch jene, die früher nichts mit Fußball zu tun hatten, sind mittlerweile rübergewechselt. Nüchtern betrachtet für die Region eine tolle Sache, jahrzehntelange Misswirtschaft bei den bisherigen Leipziger Vereinen Lok Leipzig und Chemie Leipzig und damit verbundenes Herumkrebsen in den unteren Ligen, meiner Heimatstadt dürstete es nach großem Fußball, die Spielstätte dafür hatten sie ja bereits.

Als der Brausekonzern Red Bull in der Saison 2009/2010 die Mannschaft des SSV Markranstädt aufkaufte und seither mit enormen finanziellen Mitteln pushte, gelangen mehrere Aufstiege. Dass so die Fankultur zu Grunde geht und derartige Retortenklubs ein Dorn im Auge eines jeden wahren Fußballfans sind, scheint in der Region egal zu sein. Vier Jahre später war RB Leipzig aufgestiegen in die dritte Liga \“ und lud zum Drittligaspiel gegen die Amateure des VfB ein.

Perfekte Planung

An diesem Wochenende hatte einfach alles gepasst. Freitag Abend auswärts in Berlin, Nächtigen bei meinen Eltern, Samstag Nachmittag mit den Amateuren im Zentralstadion. Es hat einfach alles gepasst! Nur selten passt die Terminierung von Profis und Amateuren so gut wie an diesem Wochenende, für uns stand außer Frage, dass wir dem Ganzen beiwohnen wollten, auch der VfB rief dazu auf, bei der Rückreise aus Berlin einen Schlenker über Leipzig zu machen.

Der Hauptteil der Reise war am Freitag Abend schon geschafft, ein knapper und ein wenig glücklicher 1:0-Auswärtssieg bei der Hertha, der unseren Aufschwung weitertreibt und der Partie gegen Frankfurt hoffentlich seine Fortsetzung nimmt. Nach gemütlichem Ausschlafen und einem guten Frühstück brachen wir gegen Mittag auf, schließlich mussten Felix und ich noch Tickets organisieren. Mit im Gepäck: „die Große“.

Es war ein wenig befremdlich, innerhalb der Heimatstadt ein Stadion aufzusuchen, wo man als „Gastfan“ unterwegs ist. Im Leipziger Waldstraßenviertel (von dem ich vor vielen Jahren gehofft hatte, dass ich es mir mal leisten kann, dort zu wohnen) stiegen wir aus und liefen vorbei an sanierten Altbauwohnungen (der Vergleich hinkt: ca. 100m² für 600 Euro warm ist für manche Leipziger viel Geld) zum Stadion.

Erinnerungen ans Zentralstadion

Wer das Stadion schon kennt, weiß, was einem blüht: Treppe rauf, Treppe runter, Treppe rauf, Treppe runter. Bis es soweit war, mussten wir jedoch gefühlt erst einmal das komplette Stadion umrunden, eine ungewöhnliche Architektur für ein Fußballstadion. Bei der Frage, wo wir zum Gästeblock kommen und auch noch Tickets organisieren können, wurden nicht nur wir wortlos mit einem Fingerzeig weitergeschickt. Im Vorfeld gab es keine Karten zu erwerben, weder bei RB, noch beim VfB.

Die Erinnerungen wurden langsam wieder wach. Viele Spiele habe ich hier nicht gesehen. Ein Testspiel von Lok Leipzig gegen Werder Bremen sowie ein Länderspiel gegen Liechtenstein, das letzte Mal, als ich hier war, erfüllte ich Felix den Wunsch, das Stadion noch einmal zu sehen, bevor es in „Red Bull Arena“ umbenannt wurde \“ und so schauten wir hier das Public Viewing vom WM-Vorrundenspiel gegen Australien.

Nach einer halben Weltreise erreichten wir dann endlich den Gästeblock, besorgten uns zwei Karten für je acht Euro und warfen einen ersten Blick hinein. Eine Stunde vor Spielbeginn. „Ist das Spiel tatsächlich 14 Uhr, nicht 15 Uhr?“ – ungläubig schaute ich mich um. Bis auf fünf Leute in der „Bullenkurve“ war niemand zu sehen, auch im Gästeblock war noch nicht wirklich viel los, letzteres sollte sich auch im Laufe des Tages nicht großartig ändern.

Nicht einmal Zehntausend

Erstmal ein kleines Mittagessen vom benachbarten Imbiss. Ein paar Leute fanden noch in den Gästeblock, doch viele wurden es nicht mehr. Die gegnerische Kurve füllte sich, Fahnen, Trommeln, Megaphone \“ netter Versuch, aber so etwas wie Fankultur werdet ihr niemals haben. Traurig, dass die nächsten Generationen, die in Leipzig zum Fußball finden, so etwas nicht mehr kennenlernen, es sei denn, sie werden von ihren Eltern bewusst in Richtung der Traditionsklubs erzogen.

Zahlreiche Fotos waren bereits im Kasten, als unsere Zweiten sich aufwärmten und die letzten Minuten bis zum Anpfiff verstrichen. Im Gästeblock blieb es weitgehend leer, umso mehr freute ich mich, nach vielen Jahren des gegenseitigen Chattens und Kommentierens auf Facebook endlich mal persönlich „Hallo“ sagen durfte, Nico aus Wurzen (30 Kilometer östlich von Leipzig), es war mir eine Ehre! Ein Bier beim nächsten Heimspiel geht auf mich!

Felix und ich zog es zum Anpfiff noch ein paar Reihen weiter nach unten, ein paar bekannte Gesichter gesellten sich noch dazu. Gute Sicht aufs Spielfeld und auf die selbsternannte „Bullenkurve“, die bei keinem Traditionsverein dieser Welt auf Akzeptanz stößt. Vor nur 9.869 Zuschauern (Durchschnitt sind etwa 10.000 Zuschauer, wenn die Gäste entsprechend mit angereist sind) pfiff Schiedsrichter Karl Valentin die Partie des neunten Drittligaspieltags an.

8,6 Sekunden

Es war Punkt 14:01 Uhr, als der Ball am Anstoßpunkt lag. Genau 8,6 Sekunden später jubelten die Hausherren. Was zum Teufel…? Vom Anpfiff an, schneller Rückpass, lange Flanke nach vorne, in den Strafraum gebracht, Tor durch Daniel Frahn. Das gibts doch gar nicht! Wären es nicht unsere eigenen Amateure und wäre es vor allem nicht die ungeliebte Truppe aus meiner Heimatstadt.

Ungläubig schüttelten wir die Köpfe. Weltweit schnellstes Drittligator aller Zeiten. Tor des Monats, des Jahres? Gut möglich, schon lange hat keiner so schnell getroffen. Ein fieser Nackenschlag, von dem sich unsere Amateure das ganze Spiel über nicht mehr wirklich erholen konnten. Damit war das Spiel in meinen Augen fast schon gelaufen, jeder würde sich später daran erinnern, dass es ausgerechnet der VfB Stuttgart war, der dieses Tor kassierte, auch wenn es sich hier „nur“ um unsre U23 handelte.

Die Frage ist: hätte man sich irgendwie darauf vorbereiten können? Im Fußball gibt es immer wieder mal so verrückte Geschichten, doch dieser Spielzug war nun beim RBL nichts Neues \“ immer wieder versuchten sie es in den letzten Spielen, nie hatte es geklappt. Bis heute. Man konnte es kaum fassen, es wäre kaum zu glauben, wenn wir es nicht mit eigenen Augen gesehen hätten.

Das sieht nicht gut aus

Keine zehn Minuten später beinahe das 2:0, VfB-Keeper Odisseas Vlachodimos konnte den Schuss gerade noch so an die Latte lenken. Viel lief nicht zusammen bei der Mannschaft von Jürgen Kramny, nur ein einziger Torschuss in Hälfte eins, das spricht Bände. Überstanden war der erste Durchgang noch lange nicht, das würde noch ein ganz schwieriges Spiel werden, wenn die Jungs jetzt ihren Arsch nicht hochbekommen und endlich aufwachen.

Bei den Profis hätte es längst schon lautstarke Unmutsbekundungen gegeben, hier blieb es stell, denn es fehlte an jenen, die ihre Stimme erheben können. Leider kein Einzelfall bei den Amateurspielen, eine große Kluft zwischen den Fans und dem Amateurfußball in der dritten Liga, hevorgerufen durch vielschichtige Schwierigkeiten, vom ungewollten Umzug nach Degerloch bis hin zur Abschaffung des kostenfreien Eintritts für Dauerkartenbesitzer.

Nach gut 25 Minuten gab es erneut einen Freistoß für die Hausherren, vom VfB war weitgehend gar nichts zu sehen, was schon eine ziemlich frustrierende Angelegenheit für die paar VfB-Fans im Gästeblock gewesen war. Schnell ausgeführt, direkt auf Matthias Morys, alles zu spät, 2:0 für RB. Verdammte Scheiße! Trainer Alexander Zorniger, der 2009 unter Markus Babbel unser Co-Trainer war, freute sich zusehendst über den Treffer des in Waiblingen geborenen Ex-VfB-Spielers, der 2006 bis 2008 das Trikot der zweiten Mannschaft trug.

Geht doch noch was?

Was ist hier nur los? So hatte ich mir das eigentlich nicht unbedingt vorgestellt. Mit dem 2:0 zur Pause mussten wir uns erst einmal abfinden. Das drohende Unheil sollte mit aller Macht verhindert werden, Jürgen Kramny brachte Manuel Janzer und Lukas Kiefer die frischen Kräfte Erich Berko und Sinan Gümüs. Am Ende half alles nichts. Die Leipziger verloren weitgehend das Interesse an weiteren Toren und schalteten mehrere Gänge zurück.

Zu diesem Zeitpunkt war das Spiel schon längst gelaufen. Nach vorne ging nichts, und wenn doch, war der Keeper Fabio Coltorti zur Stelle, der sich gerade in der ersten Halbzeit den einen oder anderen verbitterten Spruch aus dem Gästeblock anhören durfte. Man konnte ihnen zumindest nicht vorwerfen, dass sie sich aufgegeben hatten und nichts versucht hätten, doch wie das nunmal so ist, wenn du vorne drückst und den Ball verlierst, bist du hinten offen wie einen Scheunentor.

Mit Müh und Not konnte man einen noch größeren Rückstand verhindern, die letzten Minuten waren zwischenzeitlich schon angebrochen. Ein Zuckerpass auf Sinan Gümüs, eine perfekt gezielte Flanke auf den Kopf von Marco Grüttner, hinein ins Tor vor der Kurve der Gastgeber. Noch fünf Minuten! Geht da vielleicht doch noch etwas? Sie drückten, sie kämpften, doch es war schon zu spät.

Die Hoffnung im Keim erstickt

In der Nachspielzeit kam RB noch zu einem Freistoß direkt vor der Bank, schnelles Passspiel in den Laufweg von Bastian Schulz, der bereits viele Jahre in der Bundesliga für Hannover und Kaiserslautern unterwegs war. Das 3:1 in der Nachspielzeit und jede Hoffnung auf einen, nunja, doch eher unverdienten Ausgleich des VfB II im Keim erstickt. Ein gebrauchter Tag für unsere Amateure fand seinen traurigen Schlusspunkt im provokativem Jubel vor dem Gästeblock.

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Recht schnell danach war dann auch Schluss. Mir hats sowieso gereicht. Während die Leipziger mit ihrer Mongo-Kurve, bestehend aus Möchtegern-Fußballfans, Brausetrinkern und Hauptschulabbrechern feiern durften, schlurften die Amateure mit hängenden Köpfen zu den paar wenigen, die sich hier her verirrt hätten. Wer weiß, wieviele zusätzlich mitgekommen wären, wenn der VfB nicht erst am Donnerstag Abend die beiden Faninfos ins Netz gestellt hätte und früher noch Einfluss auf die Reiseplanungen der Fans hätte nehmen können.

Ein aufmunterndes Klatschen half nicht wirklich viel. Leid tut mir vor allem Benedikt Röcker, der sich durch einige Patzer in der Profimannschaft selbst ins Abseits geschossen hatte und sich hier nun neues Selbstvertrauen hätte holen können. Mission misslungen für den 197 cm großen Verteidiger. Das mehr oder weniger alleine verschuldete Führungstor vom Heimspiel gegen Rijeka nagte sicherlich auch so schon an ihm. Dumm gelaufen, für uns alle. Zügig wollten wir wieder aufbrechen.

War wohl Nichts

Mit hängendem Kopf verließ ich mit Felix an meiner Seite das Zentralstadion. Ein letztes Mal schaute ich zurück, blickte auf die „Bullenkurve“. Ich bin so froh und unendlich stolz, dass ich den Weg zum VfB gefunden habe, bevor ich Gefahr laufen konnte, zu RB Leipzig überzuwechseln. Die Wahrscheinlichkeit wäre dagewesen, wenn ich mein Herz nicht schon verloren hätte. Ein Glück, dass viele aus meinem Bekanntenkreis nicht hatten und sich jetzt „Fans“ von RB Leipzig nennen. Jedes Mal aufs Neue jagt es mir einen eiskalten Schauer den Rücken hinunter.

Es fing an zu nieseln, als wir rüberliefen zur Bahnhaltestelle. Um uns den ganzen Umweg ums Stadion herum zu sparen, stiegen wir eine Haltestelle weiter hinten ein, am regional bekannten Mückenschlösschen. Die vielen RB Fans um mich herum, sie machten mich wirklich ein wenig aggressiv, umso erleichterter war ich, als wir wieder bei meinen Eltern einkehren konnten. Laut schimpfend natürlich, das versteht sich ja fast von selbst.

Es gab noch einmal Kaffee und Kuchen, bevor wir weitermussten zum nächsten Programmpunkt: der Geburtstag meiner besten Freundin auf der Westernranch in Hohenstein-Ernstthal, wo sie ihren 27. und ihr Ehemann seinen 40. Geburtstag gefeiert hatten, mit Live-Musik und einem großen Angebot an Essen und Trinken. Schon jetzt war es ein anstrengendes Wochenende, etwa eine Stunde nach Mitternacht strichen wir die Segel und fuhren zurück nach Leipzig, es war trotz allem ein toller Tag. Nur das schnelle Tor, das hätte nicht unbedingt ausgerechnet gegen uns sein müssen.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

3 Kommentare

  1. Schöner Bericht und Fotos vor allem das von meiner Tochter und ihrer Fahne. :-)

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