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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Befreiter Aufbruch zu neuen Ufern

Der Hals kratzt, der Fuß schmerzt, doch das Gesicht strahlt noch immer! Mir fehlten tatsächlich ein wenig die Worte, die Geschehnisse des Sonntag Nachmittags in Worte zu fassen. Jetzt huschen meine Hände über die Tastatur, schreiben ein Wort nach dem anderen, und versuchen das wieder zu geben, dessen Zeuge wir geworden sind. Wer nicht dabei war, wird seinen Augen nicht getraut haben. Wer dabei war, wird seinen Augen nicht getraut haben.

Vier Tage zwischen „zu Tode betrübt“ und „himmelhochjauchzend“ – gerne nehme ich lieber letzteres mit in die Länderspielpause. Zwei Wochen Dauergrinsen, dessen könnt ihr euch sicher sein. Wer hatte denn bitte ahnen können, dass nach dem bitteren Aus im Europa League Play-Off-Rückspiel, das uns binnen weniger Sekunden unsere Träume von internationalen Reisen zerstörte, eine solche Reaktion zu erwarten gewesen war. Um ehrlich zu sein, ich hatte es allenfalls gehofft. Es war fast so, als habe sich aller Frust, alle Wut und alle Enttäuschung auf einmal entladen.

Ich sitze vor meinem Rechner, das Word-Dokument geöffnet. Würde Felix mir dabei zusehen, was ich ihm niemals gestatte, er würde mich vermutlich fragen, was es denn zu Lachen gebe. Alles. Einfach alles. Es wird in Erinnerung bleiben, was sich am ersten Arbeitstag unseres neu gewählten Präsidenten Bernd Wahler ereignet hatte. Dass ausgerechnet der ungeliebte Retortenklub aus Sinsheim zum dankbaren Opfer wurde, störte mich dabei nicht wirklich. Im Gegenteil. Es schmeckt so süß wie kaum ein anderer Sieg.

Eine ereignisreiche Woche

Die Ereignisse der letzten Tage hatten sich überschlagen. Nachdem wir bereits die ersten beiden Bundesliga-Partien gegen Mainz und Leverkusen verloren hatten, scheiterten wir auch in Augsburg. Die Wut der Fans war verständlicherweise groß und bündelte sich in den letzten Wochen und Monaten zunehmend in Richtung Bruno Labbadia, der uns zwar 2011 vor dem Abstieg gerettet und uns die letzten beiden Jahre in die Europa League geführt hatte, dessen defensive Philosophie des Ausbremsens zuletzt die Aufbruchsstimmung gebremst hatte.

Es war eine Frage der Zeit, bis er das Opfer der ausbleibenden Erfolge sein würde, auch wenn dafür in erster Linie die Mannschaft verantwortlich war. Die Niederlage in Augsburg war zuviel des Guten, man trennte sich am nächsten Morgen. Einen Nachfolger hatte man direkt parat: Thomas Schneider, einer aus den eigenen Reihen. Ehemaliger VfB-Spieler und bisheriger Trainer der U17-Mannschaft, mit der er kürzlich Meister wurde. Jung, dynamisch, unverbraucht.

Die Hoffnungen waren groß, dass es dem sympathischen 40-Jährigen gelingen möge, unseren Kopf in der Europa League aus der Schlinge zu ziehen und uns in der Bundesliga wieder zu reanimieren. Gute Ansätze waren im Europa League Play-Off-Rückspiel durchaus zu sehen – doch gelang es ihm nach wenigen Tagen der Arbeit nicht, gleich ein erstes Erfolgserlebnis zu feiern. Wenige Sekunden vor dem Beginn der Verlängerung traf Rijeka zum tödlichen Ausgleich.

Frustbewältigung nach dem Europa-Aus

Wir waren ausgeschieden. Schwer waren die Gemüter in den letzten Tagen, mein anfänglicher Optimismus wich der üblichen Angst, auch gegen Hoffenheim – erneut – schlecht da zu stehen. „Sollen sie sich halt jetzt richtig auf die Bundesliga konzentrieren. In der Europa League hätte man sich mit diesem Kader wahrscheinlich ohnehin nur blamiert“ – oft verwendete Worte in den letzten Tagen. Der Blick sollte nach vorne und nicht nach hinten gehen – #aufbruch1893, das ist unser Weg, und wir wollen ihn gemeinsam gehen.

Auch wenn das bedeutet, dass aus den gewünschten Kurzurlauben in Europa nichts werden würde. Es gibt sicherlich einfachere Aufgaben, als den VfB Stuttgart zu trainieren. Wer hier her kommt, dem lastet von vornherein oft das zweifelhafte Schicksal an, sich auf einen Schleudersitz zu begeben. Ist die Mannschaft nicht so erfolgreich, wie der Vorstand oder das allgemeine Umfeld des Vereins, inklusive dessen (zumeist bruddelnde) Fans, es erwarten, fliegst du eher, als dir lieb ist. Eine unschöne, wenn auch übliche Regel des Fußball-Geschäfts.

Wir alle haben hier am Neckar schon einige Trainer erlebt. Selbst in meiner noch jungen Zeit als VfB-Fan war es oft das selbe Schema – bis Bruno Labbadia kam, der aber zuletzt nicht das erreichen konnte, wofür er da gewesen war. Gerade erst ausgeschieden, umso größer lastete der Druck auf den Schultern von Thomas Schneider. Der Stachel saß tief, da war ich mir doch ziemlich sicher. Nach dem Ausscheiden fiel ich in ein Loch.

Hoffenheim… da war doch mal was?

Minutenlang nach dem Abpfiff konnte ich nicht aufstehen, nichts sagen, nichts denken. Unendliche Leere. „Es ist doch nur Fußball“ war nicht wirklich eine Hilfe. Mit diesem bitteren Erlebnis wartete nun der Tabellen-Achte Hoffenheim auf uns, die aus den ersten drei Spielen fünf Punkte und 10:6 Tore mitgebracht hatten. Gemischte Gefühle bei uns als Tabellen-Siebzehnter mit null Punkten und 3:6 Toren. Als am Freitag Abend auch noch der sofortige Abgang unseres Kapitäns Serdar Tasci publik wurde, wurde aus anfänglicher Unruhe latente Panik.

Am Samstag waren wir noch zu Besuch bei Felix‘ Eltern in der Nähe von Backnang, übernachteten dort und machten uns am späten Vormittag auf den Weg zurück nach Cannstatt. Nicht das übliche Ritual mit der Glückstasse, nicht das übliche Ritual mit dem Glücksshirt. Was soll das eigentlich, es hat in den letzten Wochen kein Glück gebracht. Wozu also dieser Aberglaube? Ein naiver Versuch, das zu beeinflussen, was man als Fan nicht beeinflussen kann?

Ich versuchte mich zu konzentrieren, stimmte mich mental darauf ein und überlegte mir schon einmal, wie ich im Falle einer erneuten Niederlage bestmöglich die Fassung bewahren könnte. Die Erinnerung an vergangene Saison war noch da. Drei Tore schenkten sie uns ein, gewannen klar und deutlich, sangen zu aller Häme auch noch das Lied von der Nummer Eins im Land. Es entstand das traurigste und bezeichnendste Foto jener Phase der Saison, als so manches den Gesetzen der guten VfB-Rückrunde wiedersprach.

Felix auf dem Oberrang

Vor dem Rückspiel gegen die Kroaten war ich so optimistisch wie schon seit Monaten nicht mehr. Doch die Angst war wieder da, dass aus dem vielerorts erwünschten „Schneider-Effekt“ nichts werden würde. Machtlos stand ich dem gegenüber, das Spiel nicht zu sehen und mich einfach daheim einzugraben war jedoch ebenso keine Option. Felix lief schon vor, um Freunde im Palm Beach neben dem Stadion zu treffen. Meine Batterien waren noch nicht fertig geladen, ich schrieb außerdem noch an weiteren ausstehenden Berichten, die bereits schon Tage, Wochen, gar Monate her sind.

Alleine machte ich mich schließlich auf den Weg, durchs Cannstatter Carré, durch den Tunnel, die Daimlerstraße entlang, die Mercedesstraße entlang. Schon so oft gelaufen, selten allein, doch niemals ohne zumindest ein klitzekleines Stückchen Hoffnung in mir. An der Porsche-Arena, wo vor einigen Wochen der Startschuss zum großen Aufbruch und Umbruch gesetzt wurde, passte mich meine bessere Hälfte ab, wir verbrachten ein paar Minuten inmitten vieler Bekannter.

Ein hohes Polizeiaufgebot zeugte von der vermeintlichen Brisanz der Partie, doch gefährlich konnten einem Hoffenheimer „Fans“ ja schließlich auch nicht werden. Wir gingen hinein, eine kurze Einlasskontrolle, die Fanclubfahne geholt und die Treppenstufen hinauf. Felix verabschiedete sich zunächst in Richtung Oberrang, für den er heute separat eine Karte erworben hatte. Spiele gegen den von Mäzen Dietmar Hopp hochgepäppelten Dorfverein hielten in der Vergangenheit oft wunderschöne Choreographien und witzige Spruchbänder parat.

Machs gut, Serdar!

Auch ich ging schonmal in den Block hinein, es war an der Zeit. Durch die geographische Distanz von nur 80 Kilometern waren recht viele „Fans“ mit angereist. Was den Rest des Stadions angeht, so erfüllte sich meine Befürchtung, dass es auch heute nicht ausverkauft sein würde. Das schafften wir bisher soweit ich mich erinnern kann erst zwei Mal: zum Neueröffnungsspiel gegen Schalke und zum DFB-Pokal-Halbfinale gegen Freiburg. Ziemlich ernüchternd, der Negativrekord lag bei 15.300 Zuschauern in der Europa League Gruppenphase gegen Kopenhagen.

Die Mannschaft kam heraus zum Warmmachen und wurde zumindest von der Cannstatter Kurve herzlichst begrüßt. Holger Laser moderierte noch die Stadionshow, deren Akustik durch die Lautsprecher des Stadions einfach nur entsetzlich ist, man aber trotzdem wissentlich nichts dagegen unternimmt. Sein kleiner Tisch stand wie immer bei der rechten Eckfahne der Kurve, bei ihm konnte ich ein nur allzu bekanntes Gesicht entdecken. Bekommt er nun also doch seine Verabschiedung…

Bei ihm stand Serdar Tasci, der scheidende Innenverteidiger, der 14 Jahre lang das Trikot mit dem Brustring trug. Immer wieder in den letzten Jahren wurde er mit namhaften Vereinen wie Juventus Turin in Verbindung gebracht, wollte den VfB aber trotz lukrativer Angebote nie verlassen. Vor etwa drei Wochen sagte er in einem Interview, wie gut er es sich vorstellen könne, immer hier zu bleiben und hier seine Karriere zu beenden.

Vier und Vierundvierzig

Wie leer diese Worte waren, ohne zu wissen, was da im Hintergrund tatsächlich gelaufen ist, bekamen wir am Freitag Abend zu spüren – „Serdar Tasci verlässt den VfB“ stand es kurz und knackig auf der VfB-Webseite geschrieben. Verstehen konnte ich es nicht. Ist es nicht merkwürdig, dass ausgerechnet der Kapitän als erster von Bord geht, einen Tag nach dem bitteren Ausscheiden in der Europa League, die für den VfB noch gar nicht richtig begonnen hatte?

Wohnt diesem Wechsel nicht eine gewisse Ironie inne, wenn es vor drei Wochen noch hieß, er würde bleiben wollen? Warum zu Spartak Moskau? Warum jetzt? Warum in dieser schweren Zeit? Ich verstand es nicht. Ein paar einstudierte Worte, das fast schon obligatorische „Ich werde immer VfB-Fan sein“ und ein warmer Applaus vom Publikum. Es war schon ein wenig traurig. Obwohl er immer wieder bei ausländischen Vereinen gehandelt wurde, so kommt es dennoch überraschend.

Die Mannschaftsaufstellung kam, und obwohl ich mich bemüht hatte, die Fassung zu bewahren und nicht zu viel zu erwarten, ein gewisses Maß an Überraschung und Vorfreude konnte ich dennoch nicht verheimlichen. William Kvist, Timo Werner und Alexandru Maxim in der Startelf. Der eine jung und unerfahren, die anderen beiden zuletzt unter Bruno Labbadia gar nicht mehr im Kader, sei es aus Gründen der Fitness, wie bei unserer Nummer 44, oder schlicht und ergreifend unerklärlich, wie bei unserer Nummer 4. Beides tolle Spieler die jede Menge drauf haben.

Oh VfB, hier im Stadion

Die Anspannung stieg, schon bald war es soweit. Der vierte Anlauf der noch jungen Saison. Besonders erfolgreich war es bisher nicht, abgesehen, von einem müden 2:0 gegen den BFC Dynamo in der ersten Runde des DFB-Pokals. Seither endeten beide Qualifikationsspiele gegen Botev Plovdiv unentschieden, in der Bundesliga verlor man bisher alle Partien, gegen Rijeka verloren das Hinspiel und waren mit dem Unentschieden daheim vor wenigen Tagen ausgeschieden. Keine allzu guten Aussichten für unseren krisengebeutelten Verein.

Und dennoch spüre ich es jedes Mal, wenn ich hier stehe. „Oh du mein VfB, wenn ich in deiner Cannstatter Kurve steh‘, dann geht mein Herz auf, dann spür ich, wie ich leb‘, und deshalb lass ich dich nie allein“ – egal wie schlimm es derzeit ist, egal wie hart die Zeiten sind, egal was auf uns zukommt. Wir sind immer hier. Auch dann, wenn es mal nicht so läuft. Wie es in uns drin aussieht, ist eine andere Frage.

An uns Fans gehen solch bittere Erlebnisse wie am Donnerstag nicht spurlos vorbei, ebenso wenig wie an den Spielern. Es gibt Dinge, die treffen uns mitten ins Mark und lassen uns daran verzweifeln. Wichtig ist, was man am Ende daraus macht, und „Solange wir in der Kurve stehen, wird auch deine Fahne weiter wehen“. Große Worte für eine, die selbst nicht wirklich zu den immerwährenden Optimisten gehört.

Der Zweitbeste gegen den Drittbesten

Begrüßt von einer euphorischen Cannstatter Kurve betraten die Protagonisten des Tages das Spielfeld, das zum Schauplatz des Aufbruchs werden sollte. Auch wenn es am Donnerstag noch nicht dazu reichte, aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. Mit einem farbenfrohen Intro in der Kurve konnte es losgehen. Für Gedanken wie „Was ist, wenn das hier heute (wieder) schief geht?“ war keine Zeit, die „Arbeit“ rief. Felix von oben, ich von unten, die Auslöser unserer Kameras glühten schon, noch bevor die Partie überhaupt begonnen hatte.

Schiedsrichter Jochen Drees pfiff die Partie vor 42.450 Zuschauern an, etwa 2.000 mehr als noch zwei Wochen zuvor beim Heimspielauftakt gegen Leverkusen. Shake-Hands an der Seitenlinie zwischen Thomas Schneider und Markus Gisdol, beide absolvierten im gleichen Jahr den Trainer-Lehrgang. Hoffenheims Coach als Drittbester, unser (wünschenswerter) Heilsbringer als Zweitbester.

Alexandru Maxim und Vedad Ibisevic hatten Anstoß. Letzterer Ex-Hoffenheimer darf heute gerne gegen seinen Ex-Klub treffen. Gerne auf zwei Mal. Oder drei Mal. Hochklassig war die Partie in den ersten Minuten nicht, der Support unserer Kurve war es auch nicht. Es ist schwer, nach vielen frustrierenden Wochen, so wenige Tage nach dem bitteren Ausscheiden in letzter Minute, sein volles Pensum abzurufen. Ob das auch für die Mannschaft galt, blieb zu beobachten.

Furioser Beginn

Zehn Minuten waren gespielt, als ein abgefälschter Schuss des ebenfalls in der Startelf stehenden Moritz Leitner nur knapp neben dem Tor ins Aus ging. Das erste „Uiiiii“ raunte im Neckarstadion. Bis heute wartet der 20-Jährige auf sein erstes Bundesliga-Tor. Es gab Eckstoß für die Roten, die allerdings kein wirkliches Problem für die Hoffenheimer Abwehr darstellte. Der Ball blieb in der Hälfte der Kraichgauer, wirklich weg bekamen sie ihn nie.

Unser Bosnier, der von 2007 bis 2012 das blaue Trikot trug, fiel durch seinen Wechsel schnell in Ungnade, wie die lauten Pfiffe aus dem nicht gerade spärlich gefüllten Gästeblock vermuten ließen. Selbst im Fallen spielte er weiter, begleitet von seinen Mitspielern und Gegenspielern, ein ständiger Unruheherd. Moritz Leitner, der nur knapp an seinem ersten Tor vorbeischrammte, ging bei einem Foul zu Boden. Eine aussichtsreiche Situation, möchte man meinen. Die Kurve und alle anderen Zuschauer beobachteten die Szene gespannt.

Es war ein schnell ausgeführter Freistoß, der streng genommen sogar hätte wiederholt werden müssen. Der Ball ruhte nicht, so schnell passte der von Dortmund ausgeliehene Lausbub ihn zu Alexandru Maxim, der nur noch flanken brauchte. Eine unsortierte Hoffenheimer Abwehr, die von der Schnelligkeit der Ausführung überrumpelt wurde. Herangerauscht kam unser junger Verteidiger aus der eigenen Jugend, Antonio Rüdiger.

Einstand nach Maß

Völlig ungedeckt streckte er seine langen schwarzen, äh dunkelhäutigen, Beine in Richtung Tor. Drin! Ja gibts des? Sofort drehte er ab in Richtung Eckfahne, formte mit seinen Händen ein Herz und sprang so hoch, dass man Angst haben musste, er würde sich verletzen, wenn er seine Flugeinlage beendet habe. Erst die offiziellen Fotos und Videos des Tors offenbarten seinen Gesichtsausdruck. So viel Last fiel von ihm ab, ein wahres Sinnbild der Erleichterung.

Der richtige Anfang war gemacht. Besser konnte die Partie in der ersten Viertelstunde nicht beginnen. Ob es am Ende reicht, bleibt abzuwarten. Doch welch schönes Gefühl, dass der VfB in Führung geht, das gab es zuletzt beim Pokalspiel gegen den BFC Dynamo. Die Kurve sang gerade noch genüsslich den äußerst kreativen Song „Scheiß Hoffenheim“, als Anthony Modeste nur knapp an Ulles Tor vorbeischoss. Kurz schütteln und weiter geht es.

Im direkten Gegenzug konnte Andreas Beck, der einzige Ex-VfBler in der Hoffenheimer Startelf großzügig zur Ecke klären, hinter seinem Rücken war bereits Jungspund Timo Werner herangerauscht, einer unserer größten Talente, der kürzlich erst die goldene Fritz-Walter-Medaille vom DFB erhielt für seine Leistungen in seiner Altersklasse U17 – bisheriger Trainer: Thomas Schneider. Die Ecke war natürlich ein Fall für unseren Künstler Alexandru Maxim. Die Kurve sang währenddessen weiter: „Scheiß Dietmar Hopp“…

Was ist denn hier los?

Der Rumäne brachte den Eckball herein, Gewusel im Strafraum, zur Stelle war Vedad Ibisevic. Der etatmäßige Knipser hatte zugeschlogen und bejubelte seinen Treffer dort, wo es die Hoffenheimer Anhängerschaft mitten ins Mark getroffen hatte: direkt vor dem Gästeblock. Euphorisch sprang er auf die Bande, die Brust stolzgeschwollen und das Lachen so breit, als könne es einmal rings herum gehen, wenn die Ohren nicht im Weg wären.

Keine 20 Minuten gespielt und schon stand es 2:0? Hier ist ja was los! In den letzten Wochen lief offensiv nicht besonders viel zusammen, eine allgemeine Lethargie und gefühlte Lustlosigkeit schien die Mannschaft zu belasten. Das viel zitierte „Gegen den Trainer spielen“? Thomas Schneider klatschte kurz die Betreuer und Co-Trainer ab, bevor er sich einen Schluck aus der Wasserflasche gönnte. Für große Begeisterungsstürme reichte es nicht. Noch nicht.

Aus den stimmungsmäßigen Startschwierigkeiten der Cannstatter Kurve wurde mehr und mehr ein amüsanter Nachmittag bei angenehmen Temperaturen um die 20 Grad. Wir waren auf den Geschmack gekommen, wollten jetzt mehr, nach all den schweren Wochen der Entbehrung. Schwer zu sagen, was nun passieren würde. Ein Bruno Labbadia wäre damit vielleicht schon zufrieden gewesen und hätte den Jungs angedeutet, sie dürfen es jetzt etwas langsamer angehen lassen. Wie machts Thomas Schneider?

Der Anschluss aus dem Nichts

Dass man nicht innerhalb weniger Tage alle Probleme einer gehemmten und glücklosen Mannschaft beseitigen kann, ist klar. Sie führten bereits 2:0, doch machten sich hier und da immernoch die alten Abwehrsorgen bemerkbar. Schlechte Abstimmung in der Hintermannschaft, ein unnötiger Ballverlust, ein unglückliches Abfälschen und schon stand es nur noch 2:1. Ohje, VfB! Reißt euch zusammen, das ist soooo wichtig! Antonio Rüdiger sprang noch in den Ball hinein, irgendwie wurde der Ball so unhaltbar abgelenkt, dass wir nun den Schlamassel hatten.

Für einen Moment war es still im Neckarstadion. Geht das etwa schon wieder los? Ich schaute mich vorsichtig um, betretene und sorgenvolle Gesichter hier und da. Erst 26 Minuten waren gespielt, das Spiel war noch lang genug, um das Ergebnis zu unseren Gunsten noch entsprechend auszubauen. Soviel sprach zumindest die Hoffnung in mir, die ich durch die frühe Führung schneller wieder erlangte, als ich im Vorfeld vermutet hatte.

Kevin Volland war der Torschütze für die TSG, einst spielte er mit Moritz Leitner bei den Münchener Löwen. „Auf gehts Stuttgart, kämpfen und siegen!“, jetzt nicht aufgeben sondern weiter machen, weiter, weiter, immer weiter. So deutete es Thomas Schneider an, den ich zwischendrin immer wieder an der Seitenlinie beobachtet hatte. Wenige Minuten später kamen die Gäste wieder bedrohlich nah in Richtung Cannstatter Kurve, Gotoku Sakai konnte klären, der Ball kam zu Timo Werner.

Am Keeper vorbei mitten ins Glück

Ob der 17-Jährige es genauso hat kommen sehen? Ein langer Ball nach vorne auf unsere Nummer 44, der bisher ein bärenstarkes Spiel machte, an beiden VfB-Treffern war er bereits beteiligt, einmal mit einem tödlichen Pass für Antonio Rüdigers 1:0, dann mit dem Eckball, der den zweiten Treffer durch Vedad Ibisevic ermöglichte. Zwei Hoffenheimer waren bei unserem Mittelfeldmann, der erst letzten Winter zu uns gekommen war.

Noch bevor Alexandru Maxim den Ball annehmen konnte, schlug er nochmal auf dem Rasen auf, zeitgleich stürmte Hoffenheims Keeper Koen Casteels auf ihn zu. Alles klar, der Ball ist weg, dachte man sich. Man dachte Falsch. Der Belgier verschätzte sich fatal, Alexandru war durch und brauchte nur noch ins leere Tor zu treffen. Mit weit ausgebreiteten Armen rannte er Richtung Eckfahne, Vedad Ibisevic, der mitgelaufen war, stürzte sich auf ihn. Nur zwei Minuten nach dem Anschlusstreffer war der alte Abstand wieder hergestellt.

Was der blonde Künstler mit dem sympathischen Lächeln mit der Kamera vorhatte, war mir zuerst nicht klar, erst die TV-Bilder lösten auf: ein Küsschen für die Kamera, ein Küsschen für die Fans, ein Küsschen für den VfB. Dieser Verein gibt mir Rätsel auf, wenige Tage zwischen Leid und Freud, die Jungs waren kaum wieder zu erkennen. Es wird als eines der kuriosesten Tore der noch jungen Saison in Erinnerung bleiben. An einem gebrauchten Tag wie diesen blieb den Hoffenheimern nichts erspart.

Noch nicht genug

Dieses Tor machte Timo Werner zum jüngsten Vorlagengeber der Bundesligageschichte. Glückwunsch, Kleiner! Wir dürfen uns glücklich schätzen, eine so tolle Nachwuchsarbeit zu haben, als echter Glücksgriff erweist sich auch unser neuer Coach, der den Jungen einfach machen lässt. Er zahlt das Vertrauen zurück, so routiniert, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Willkommen im Tollhaus!

Emotionen wie diese, ich hatte sie schon fast vergessen. Wohlgemerkt war noch nicht einmal eine halbe Stunde gespielt! Ich musste an meine Kollegin Ann und ihren Mann Tim denken, die auf ihren Sitzplätzen in der Cannstatter Kurve nur allzu gern noch das eine oder andere VfB-Tor direkt vor sich gesehen hätten. So sehr hätte ich es ihnen gegönnt, wenn das 3:1 nicht das letzte Tor des Tages gewesen wäre. Natürlich völlig uneigennützig.

Die Kurve war fit, die Kurve war laut, die Kurve hatte richtig Bock auf dieses Spiel. Mit zunehmender Spieldauer wuchs auch wieder verloren geglaubtes Vertrauen darauf, dass diese Mannschaft im Stande ist, tollen und vor allem erfolgreichen Fußball zu spielen. Kurz vor der Pause hatte Timo Werner aus kurzer Distanz noch die Gelegenheit, auf 4:1 zu erhöhen, nur knapp strich der Ball am Gehäuse vorbei. Hier waren noch nicht alle Tore gefallen.

Mit Applaus zum Pausentee

Tarik Elyounoussi hatte es beinahe noch einmal spannend gemacht. Zunächst zog er Daniel Schwaab zu Boden und lupfte dann sehenswert über Sven Ulreich ins Netz. Der Treffer zählte nicht, die kurzzeitige Freude im Gästeblock wurde schnell übertönt von hämischen Gesten, Mittelfingen und anderen provokativen Aktionen. Statt dem Gegentor gab es noch Gelb gegen David Abraham wegen Meckerns. Mit dem 3:1 und einem lauten Applaus verabschiedeten wir die leidenschaftlichen Jungs in die Halbzeitpause.

Junge Junge, hier ist Feuer im Spiel! Der Durst war groß, sowohl der der Mannschaft als auch meiner. Innerhalb von zehn Sekunden war das Trinkerle leer und machte die restlichen 14 Minuten der Pause ziemlich lang. Wohin ich auch schaute, ich sah stets nur zufriedene Gesichter. Man konnte tatsächlich begeistert sein, bisher machten das unsere Spieler richtig gut. Balsam für die geschundene Seele.

Es konnte weitergehen. Auch wenn es nicht Tim Wiese war, der zum Seitenwechsel in Richtung Cannstatter Kurve laufen musste, das obligatorische Lied „Arschloch im Tor“ musste er sich wohl oder übel gefallen lassen. Kaum hatte die Partie wieder angefangen, rannten stets nur die Brustringträger in Richtung Tor. Wieviel ein Trainerwechsel innerhalb weniger Tage bewirken kann, zeigte sich schon alleine in der Willenskraft unserer Spieler. Das war der VfB, den wir sehen wollten.

Weiter, weiter, immer weiter

Moritz Leitner ruschte der Ball über den Schlappen, er drosch ihn meterhoch gegen das Fangnetz vor der Kurve. Vergebene Chancen aus aussichtsreicher Position, wie auch diese eine gewesen war, veranlasste noch vor einigen Tagen tiefe Sorgenfalten und ein grummelndes „Uiiii“. Es waren Zeiten, in denen die Lust auf Tore keine Selbstverständlichkeit waren und das Warten auf solche Aktionen teilweise vergebens war. Nun fühlte es sich anders an. Der vielzitierte Aufbruch, er war wieder zurück am Wasen.

Der Keeper, der beim letzten Tor vor der Pause noch so unglücklich daneben gegriffen und unser 3:1 ermöglicht hatte, hatte Abstoß. Weit schlug er den Ball nach vorne, Gotoku Sakai, der noch einiges an Zuwendung durch Thomas Schneider in den nächsten Wochen bedarf, stieg hoch und köpfte zurück nach vorne. Sie kannten nur eine Richtung. Gedeckt von zwei Blauen schlich unsere Nummer 9 über den Rasen, auf die große Chance witternd, mit den Hufen scharrend und wenn es soweit ist, wäre er da.

Kraftvoll setzte er sich durch gegen seinen Gegenspieler, mit voller Wucht presste er seine 1,88 Meter an David Abraham vorbei, umkurvte dabei noch Koen Casteels und schob ein zum 4:1. Kollektives Durchdrehen. Das gibts ja gar nicht! Seine berühmte Geste mit dem Zeigefinger, schnell war er entschwunden zur Eckfahne, der gefühlte Rest der kompletten Mannschaften stürzte sich auf ihn. Sowas macht einfach nur Spaß.

„Der VfB ist wieder da!“

Die Kurve kannte jetzt kein Halten mehr – „Der VfB ist wieder da!“, laut klang dieses Lied in meinen Ohren. Wie lange hatte ich darauf gewartet, wie weit weg schien dieser Moment noch eine Woche zuvor, wie glücklich man doch auf einmal sein kann, als wäre es einfacher als alles andere auf der Welt. In der ersten Halbzeit nach zwölf Minuten der erste Treffer, in der zweiten Halbzeit ein erneuter Blitzstart. Es war nicht einmal Zeit zum Augenreiben, es ging Schlag auf Schlag.

Einfach aufhören und es beim 4:1 belassen? Nein, niemals! Weder die Spieler und schon gar nicht die Fans wollten sich aufhalten lassen. Es kochte, es brodelte, doch anders als zuletzt war es die pure gute Laune, die sich hier unaufhaltsam ihren Weg bahnte. Ob es eine Motivationsspritze war, die Thomas Schneider jedem der Spieler höchst persönlich in die Venen gejagt hatte, ich hoffe, er hat noch mehr davon.

Sekunden nach seinem tollen Tor war er wieder zur Stelle, schoss aber weit über das Tor. Himmelherrgott, was zum Geier war hier eigentlich los? Das gibts ja nicht. Ein Unentschieden hätte ich vor dem Spiel noch als Erfolg eingestuft, ein dreckiger Sieg das Höchste der Gefühle. Es ist lange her, dass wir hier im Neckarstadion so etwas geboten bekommen hatten. Sehr lange. Ich genoss diese herrliche Zeit, schrie bis zur Heiserkeit, ohne dabei natürlich die Fotos zu vergessen.

Tor des Monats? Bitteschön!

Es war ein Einwurf von Arthur Boka, der über Neu-Kapitän Christian Gentner nach vorne kam. Alexandru Maxim, bisher überragender Spieler auf dem Platz (bitte an dieser Stelle die Herzchen einfügen), legte den Sprint ein und kam noch an den Ball. Gekonnt ließ er seinen Gegenspieler stehen, umkurvte ihn elegant um sich das Spielgerät noch einmal richtig hinzulegen. Irgendwie habe ich es in diesem Moment geahnt. Ich hatte es damals in Frankfurt geahnt, ich habe es beim Hinspiel gegen Botev Plovdiv geahnt.

Ein Schlenzer mit rechts, der Ball wurde länger… und länger… und länger. Als er im Netz einschlug, explodierte die Cannstatter Kurve ein weiteres Mal. Wir wurden Zeugen eines potenziellen Tor des Monats. Eines der wunderschönsten Tore, denen ich je live beiwohnen durfte. Wie geil war das denn bitte? Besser kannst du aus der Position nicht schießen, mit Effet noch ein wenig um die Ecke herum, mitten ins lange Eck.

Mit jedem Tor wurde der Jubel größer, lauter – und unbeschwerter. Eine Last von mehreren Wochen fiel mit jedem Treffer von uns ab. Eine Art Wiedergutmachung für die letzten schweren Tage und die entbehrungsreiche vergangene Saison? Niemand, aber auch wirklich niemand hatte mit so etwas rechnen können. Ich hatte eine grobe Idee parat, wie ich mich selbst im Falle einer Niederlage trösten könnte. Hinfällig, zum Glück.

Vom Schatten ins Licht

Ich schaute nach links. Dort jubelte ausgelassen einer, dessen Trauer und Entsetzen ich vor so ziemlich genau einem Jahr in einem alles sagenden Bild fest hielt. Jenes Bild wurde zum Sinnbild des Fehlstarts, als wir an Ort und Stelle mit 0:3 verloren hatten. Bruchteile von Sekunden. Nichts von dem, was damals war, finde ich hier nun wieder. Es ist das euphorische Gegenteil, eine Momentaufnahme nur, doch ist es Inbegriff dessen, wo wir hinwollen.

Wieder schaute ich nach vorne, schrie dabei wie am Spieß, als wäre die Kurve ein Schlachtfeld. Direkt vor mir hatte sich der frisch gebackene Doppeltorschütze das Trikot vom Leib gerissen. Bitte, um Himmels Willen, wirf! Hieeeeeeer! Hinter ihm zückte Jochen Drees bereits schmunzelnd die gelbe Karte, dem Rumänen wird es egal gewesen sein. Behutsam legte er das weiße Leibchen zwischen den Hoffenheimer Auswechselspielern auf den Boden und verneigte sich, vor dem Trikot und vor unserer Kurve.

Wie unterschiedlich die Emotionen sein können. Genau eine Woche zuvor sackte er ohne jede Kraft und ohne jede Hoffnung auf dem Rasen der Augsburger SGL Arena zusammen, schaute ins Leere und konnte von niemandem getröstet werden. Eine ereignisreiche und turbulente Woche war vergangen, sowohl er als auch alle anderen kaum wieder zu erkennen. Es ist der wahre Beginn unseres gemeinsamen Aufbruchs. Wenn dies tatsächlich der oft genannte „Stuttgarter Weg“ ist, so gehen wir ihn mit euch, nichts lieber als das.

„Ooooh, wie ist das schön!“

Zu schade, dass es für solche Spiele auch „nur“ drei Punkte gibt. Sogar der anfänglich etwas im Jubeln zurückhaltende Neu-Trainer Thomas Schneider war nun sichtlich entspannt. Ein breites Grinsen, ein sympathisches Lachen, so fern schien es vor einigen Tagen, so real war es nun hier und heute. Ich war so glücklich, dass ich hätte weinen können. Eine Mischung aus Glück, Freude, Erleichterung und Hoffnung ließ mich meine Schmerzen in der Achillessehne vergessen.

Nun schreibe ich diese Zeilen, mit dem gleichen breiten Lachen, mit der blonde 40-Jährige an der Seitenlinie stand. Ein paar Sekunden halte ich inne, seufze und widme mich den letzten Zeilen dieses durchaus ausufernden Spielberichtes. Es sei mir verziehen, doch Tage wie diese sind es wert, in Wort und Bild festgehalten zu werden.

„Wer liest so viel Text?“ werde ich oft gefragt, wenn ich von meiner Passion für den Verein, für die Fotografie und das Schreiben erzähle. Jeder soll sich selbst ein Urteil bilden. Mindestens schreibe ich für mich selbst, um mich an schlechten Tagen daran zu erinnern, dass keine schlechte Phase in der Saison so schlimm sein kann, dass es nicht doch wieder jene Lichtblicke geben kann. Ob es am Ende der Beginn einer tollen Saison wird und mittelfristig eine helle Zukunft für unseren Verein, das wird die Zukunft zeigen.

Wer hat noch nicht, wer will noch mal?

Nachdem die beiden Ex-VfBler Sven Schipplock und Sebastian Rudy nicht gerade herzlich empfangen worden sind, erhielt Hoffenheim sogar noch die Chance zur Ergebniskosmetik. Nun ließen es unsere Jungs tatsächlich etwas langsamer angehen. Es sei ihnen gegönnt, viel Freude haben sie uns bisher gemacht in dieser gespielten Stunde. Es war ja immernoch nicht Schluss, wer weiß, vielleicht haben unsere Jungs doch noch Lust auf das eine oder andere Tor?

Ein erneuter Einwurf durch Arthur Boka auf Moritz Leitner, der den jungen Timo Werner gesehen hatte. Unter Bruno Labbadia wäre Timo Werner allenfalls für die letzten paar Minuten aufs Feld gekommen. Bei dem jungen Burschen, der junge Wilde einer neuen Generation, war Andreas Beck, der von seinem Gegenüber abgelöst wurde, was den Titel des jüngsten Vorlagengebers der Bundesliga-Geschichte angeht. So kann es manchmal gehen.

Schneller, als dem Hoffenheimer lieb sein konnte, ließ er ihn stehen, spurtete zur Toraus-Linie und brachte gezielt den Ball noch vor das Tor. Dort stand er wieder, uns Knipser vom Dienst. Hochgestiegen, eingenickt, abgedreht. Völliger Freudentaumel. Das 6:1 in der 63. Minute, mehr als gedacht, mehr als erhofft, doch nicht weniger als verdient. Unbeholfen drehte er sich ein paar mal im Kreis, wäre dabei „schier nag’hagld“, schrie seine Freude heraus und durfte sich ein drittes Mal in die Torschützenliste eintragen.

„Einer geht noch, einer geht noch rein!“

Die Kurve hatte noch immer nicht genug. Wer will es uns aber auch verdenken? Wer sich jenseits der Cannstatter Kurve nicht ohnehin schon berauscht von Glücksgefühlen von seinem Platz erhoben hatte, tat es wenige Minuten später. Stehende Ovationen für den überragenden Mann des Spiels: Danke, Alex! Wie unscheinbar dieser junge schmächtige Mann wirkte, als er Ende Januar verpflichtet wurde, wie ein Panik-Einkauf in letzter Minute. Doch Fredi Bobic wusste anscheinend ein weiteres Mal genau, was er tat.

Erst jetzt wechselte Thomas Schneider. Was die Zeit des Wechselns angeht, unterschied ihn das nicht wesentlich von seinem Vorgänger. Lediglich mit jenem Unterschied, dass Bruno Labbadias Wechsel erst dann kamen, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen war. Hier wollte er den völlig ausgepumpten und obendrei gelb vorbelasteten Doppeltorschützen schonen. Für die Nummer 44 kam Cacau ins Spiel.

Weitere Wechsel folgten in den folgenden Minuten, Martin Harnik kam für Moritz Leitner und durfte sein 100. Bundesliga-Spiel für den VfB absolvieren, ebenso kam Samis kleiner Bruder Rani Khedira für William Kvist, der unter dem alten Trainer gar keine Berücksichtigung mehr fand und offenbar kurz davor stand, zu wechseln. Ich halte viele Dinge auf den Dänen, es ist bis heute unklar, weswegen er so sehr in Ungnade gefallen war.

Ein kleiner Makel

Währenddessen schwappte die Laola-Welle durch das Neckarstadion. Zuletzt gab es sie in der Bundesliga beim Heimsieg gegen Gladbach, als wunderbare Kombination mit den Freiburg-Feiertagen, bestehend aus dem Pokal-Halbfinale und dem Bundesliga-Spiel, beides konnte der VfB für sich entscheiden. Jene Welle war eher der Vorfreude auf Berlin geschuldet als einem überragenden Spiel, was unsere Jungs hier und heute dargeboten hatten.

So beschäftigt war ich mit der Laola-Welle und den letzten Fotos des Tages, so dass ich nicht einmal mitbekam, dass Hoffenheim noch einmal kurz vor Schluss ein Tor erzielt hatte. Erst die Ansage von Holger Laser, dass ein Treffer für die Gäste gefallen wäre, erregte unsere Aufmerksamkeit. Ein sehenswerter Angriff, da sah auch Sven Ulreich nicht besonders gut aus. Sei es drum, nur ein kleiner Schönheitsmakel an diesem wirklich fast perfekten Tag.

Viel lief in den letzten Minuten nicht mehr zusammen. Beim Stand von 6:2 stellten beide Mannschaften das Fußballspielen weitgehend ein und schienen sich mit dem Ergebnis zu arrangieren. Irgendwie schade, „Nur noch Vier“ brüllte die Kurve leider vergebens. Grund zum Nachspielen gab es nicht, sei es am Ende auch ein bisschen die Gnade des Jochen Drees gewesen. Pünktlich erlöste er die Kraichgauer von ihrem Leid und bescherte uns offiziell die lang ersehnten drei Punkte.

Danke, Danke, Danke!

Eine halbe Ewigkeit dauerte es, bis sie in der Kurve angekommen waren. Dort erwartete sie laute Euphorie und entfesselte Begeisterung. Erleichterung pur auf allen Seiten, es war endlich geschafft. Endlich der erste Sieg, endlich wieder traumhaft gespielt, endlich die Wende nach einer teilweise trostlosen Saison? Trotz aller Freude, es war nur ein Anfang eines Weges, vor dem ich jetzt aber keine Angst mehr haben muss.

Die Welle mit den Fans, ein beruhigendes Gefühl, dass wir nicht noch tiefer in den Abgrund gerutscht sind. Ob uns jetzt sonnige Zeiten bevor stehen, bleibt natürlich abzuwarten, doch der Optimismus und die Aufbruchsstimmung im Ländle könnten kaum größer sein als jetzt. Das positive Gefühl, das die Mitgliederversammlung hinterlassen hatte, war zurück gekehrt, der Bock umgestoßen und der Blick nun nach vorne gerichtet. Der erste Schritt in die richtige Richtung, dafür ein gefühlt ganz großer.

Nur langsam leerte sich die Kurve, viele schauten sich noch amüsiert die Highlights des Spiels an, die in den vergangenen zwölf Monaten nur allzu oft aus gegnerischen Toren und vergebenen Chancen bestanden. Überglücklich fiel ich Felix in die Arme, der vom Oberrang zurück gekehrt war. Auch alle anderen wurden geherzt. Wie sehr die Emotionen binnen weniger Tage umschlagen können. Der VfB ist wieder da, und ich glaube und hoffe, dass man mit uns rechnen wird.

„Tradition verbindet“

Grinsend liefen wir nach draußen. Dort erweckten die notdürftig auf weißem Pappe-Styrophor-Irgendwas gedruckten Plakate die Aufmerksamkeit vieler. Mit Kabelbinder an den Zäunen befestigt wurden sie vielerorts heruntergerissen, auch ich wollte mir das nicht entgehen lassen. Verschiedene Motive mit den extra für den 120. Geburtstag herausgebrachten Traditionstrikots, die auf 5.000 Stück limitiert sind. Die vier Motive zeigten jeweils Sven Ulreich, Moritz Leitner, Vedad Ibisevic und Daniel Schwaab mit ihren jeweligen Rückennummern: 1-8-9-3.

Nach einigem Suchen, Betteln beim Ordnungspersonal und schließlich durch die großzügige Hilfe unseres großartigen Fanbetreuers Christian Schmidt konnten Felix und ich glücklich und zufrieden mit allen vier Plakaten unter dem Arm nach Hause schlendern. Die Achillessehne fing wieder an zu schmerzen, ein wenig langsam ging es voran. Das spielte keine Rolle, heilte die Freude über den Sieg doch alle vorübergehenden Wunden.

Es wird spannend sein die nächsten Wochen, soviel steht schon einmal fest. Jeder von uns trägt die große Hoffnung in sich, dass dies nicht nur eine Ausnahme und ein purer Glücksfall war, sondern nur der Anfang von dem Aufbruch, den wir uns alle so ersehnt hatten. Mit dem 6:2 geht es nun in die Länderspielpause. Die gute Laune zu konservieren dürfte für mich kein Problem sein. In der Hoffnung, dass dies häufiger der Fall ist als das Tragen von Schwermut. #aufbruch1893 – die Mission hat begonnen!

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich