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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Der grausame Dolchstoß mitten ins Herz

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Schwarz. Dunkelheit um mich herum. Der Blick leer. Die Augen aufgerissen. Starrend ins Nichts. Gar nichts. Es war vorbei. Mit Nichts standen wir da. Und hatten doch eigentlich Alles, was wir wollten. Und bekamen das, was man seinem schlimmsten Erzfeind nicht wünschen würde. Der Fußball ist mitunter unheimlich grausam. Wir haben es am Mittwoch Abend gesehen, wie unheimlich bitter es manchmal sein kann. Am Ende herrschte nur die große Leere. Ich legte meinen Kopf in den Nacken, schaute hinauf zum Himmel und murmelte leise: Warum?

Eigentlich dachte ich, das würde irgendwie anders laufen. Bis wenige Stunden vor Anpfiff wurde ich nach meinem Tipp für das Nachholspiel gegen Bayern München gefragt, welches erst jetzt statt fand, da die Bayern im Dezember ihre Klub-WM hatten. „0:5 oder höher“ \“ es ist nicht wirklich eine optimistische Phase, die man derzeit zu durchleben hat, im Gegenteil. Meilenweit hinkt man dem eigentlichen Anspruch hinterher und muss schon jetzt realisieren, dass es am Ende durchaus eng werden könnte.

Sekundenlang schwieg der Kommentator bei vfbtv. Nach einer gefühlten Ewigkeit konnte er es sich zu einem verbittert durch die Lippen gepressten „Das ist jetzt nicht wahr“ durchringen. Uns ging es nicht anders. Es hatte doch nicht mehr viel gefehlt… War es das eigene Unvermögen? War es individuelle Klasse? War es der Dusel der Bayern? Es war mit Sicherheit in erster Linie eines: eine der definitiv niederschmetternsten Niederlagen der letzten Jahre.

Nichts zu holen

„Na, schon heiß?“ hatte mich am Nachmittag mein Chef gefragt. Auf dem braunen Rollcontainer neben meinem Drehstuhl lag bereits der Fanclubschal bereit. Gut eine Stunde später würde ich aufbrechen, mein erstes Spiel mit direkter Anreise aus Renningen, wo wir kürzlich mit der Firma hingezogen sind. Ich verspürte weniger die Vorfreude, mehr Furcht vor einem Debakel und ein Versuch der Gelassenheit, dass ich mich im Falle der höchstwahrscheinlichen Niederlage, nicht aufregen wollte, zumindest nicht mehr, als notwendig.

Stundenlang, tagelang, wochenlang sinnierte ich, welche möglichen Szenarien bei dem Spiel, welches offiziell unser nachgeholter Hinrundenabschluss ist, auftreten können. Wie würde ich reagieren, wenn die Niederlage hoch ausfällt? Oder wenn es schmerzhaft wird, nachdem der VfB möglicherweise in Führung gegangen ist? Was, wenn es gar das lieber zu vermeidende zweistellige Ergebnis zugunsten der ungeliebten Gäste aus München ist? An alle möglichen Formen der Niederlage habe ich mit Sorge und einem bestimmten Grad an Gewissheit gedacht. Nur an eben jene nicht.

Mit einem kleinen Ruck fuhr die S-Bahn der Linie 6 in Renningen los, rechts am Fenster sah ich in die Dunkelheit hinaus, registrierte schemenhaft weitere VfB-Fans in der Bahn, die ebenfalls auf dem Weg zum Spiel waren. Ausverkauftes Haus, 60.000 Zuschauer. Zu bedauerlich, dass das nur gegen die Bayern klappt, die naturgemäß mit so vielen Anhängern aus der Ferne und auch aus der schwäbischen Region das Stadion füllen, das es schmerzhaft ist, wenn diese von ihren Plätzen aufspringen und sich im Falle eines Bayerntores freuen. Gefühlt die Hälfte ist es allemal, jeder in der Nähe der Kurve einer zuviel.

Der Feind in deiner Kurve

Das Kribbeln vermisste ich, als ich wenige Tage zuvor mit Felix an der Hand unterwegs war zum Rückrundenauftakt gegen Mainz. Obwohl ich mir sicher war, dass nicht ernsthaft mit drei Punkten gerechnet werden durfte, sah es in mir drin ganz anders aus. Laut und schnell klopfte mein weiß-rotes Herz, als ich am Hauptbahnhof in die nächste S-Bahn Richtung Bad Cannstatt umstieg. Er zog sich eine gefühlte Ewigkeit, der Fußweg zum Neckarstadion.

Lange Zeit verbrachten wir nicht vor den Toren des Stadions, ein Aufruf eines Freundes ließ mich rasch meinen Block 33 aufsuchen, in dem sich \“ laut seiner Aussage \“ in Bayern-Montur gekleidete Gästefans aufhalten sollen. Wie kommt man auf die schräge Idee und geht mit Fankleidung des Gegners in die Heimkurve eines Stadions? Wie dumm kann ein einzelner Mensch eigentlich sein? Sie wurden mit Sicherheit nicht gerade freundlich wieder fort geschickt, sie hatten hier ohnehin nichts zu suchen.

Doch das Problem hatte nicht nur die Cannstatter Kurve, überall waren sie verteilt, unbestätigten Meldungen zufolge waren etwa 20.000 Bayern-Fans da und ergänzten den traurigen Standard-Zuschauerschnitt des Neckarstadions plus jene Zuschauer, die nur einmal im Jahr \“ gegen die Bayern natürlich \“ ins Stadion kommen. Nicht wenige von ihnen kommen aus der Region, wobei es sich selbst für mich als „Neigschmeggde“ die Logik dahinter nicht offenbart, wie man im Ländle nur Bayern-Fan werden kann. Aber Unkraut wächst ja bekanntlich überall.

Es lag etwas in der Luft

Ein paar kurze Worte mit dem Kumpel gewechselt, schon nahm ich meinen Platz ein, schließlich würde es heute endlich mal wieder proppenvoll werden, seien es auch nicht die VfB-Fans, die sich entschieden haben, in diesem Spiel ihre Mannschaft zu unterstützen. Wie ich mein Glück kenne, würde kurz vor Anpfiff jemand den Block betreten, der sich direkt vor mir platziert und mir damit die Sicht auf die Kurve einschränkt.

Die Minuten bis zum Anpfiff schienen mir endlos, während hunderte und tausenden Leute ins Neckarstadion strömten. Wer dem VfB zugetan ist, wird sich schon mit Betreten des Stadions mit einer möglichen Niederlage arrangiert haben, so optistisch waren wirklich nur die Allerwenigsten. Wer mutig war, setzte Geld auf den VfB, hoch genug waren die Quoten allemal.

Dutzende Fahnen um mich herum, die angespannte Aufregung in den Gesichtern meiner Mitmenschen, es lag ein Knistern in der Luft, wie ich es lange nicht mehr verspürt habe. Doch woher kam es? War es der tief versteckte Glaube, die nicht enden wollende Siegesserie des Rekordmeister reißen zu lassen? Ich kann nicht sagen, was genau die Brustringträger ins Stadion getrieben hat. Auch kann ich nicht beschreiben, wie es sich angefühlt hat, doch es lag definitiv etwas in der Luft, was gehörig Einfluss hatte auf die VfB-Spieler und jene, die sie anfeuern.

Mehr als nur ein Testspiel

Ein Blick auf die Anzeigetafel. Es war soweit. Ein fast normales Bundesligaspiel, in dem es nicht um mehr geht als um drei Punkte. Erwarten wollte ich nichts, reiner Selbstschutz. Mittlerweile waren auch die anderen Jungs und Mädels vom Fanclub eingetroffen. Die Reihen füllten sich, der Platz auf der Treppe ebenso, trotz allem hatte ich eine gute Sicht. Es war angerichtet, die Fahnen wehten, als die Mannschaften das Feld betraten.

Wirklich ein Spiel wie jedes andere? Nicht ganz. Inmitten des Fahnenmeers leuchteten schließlich helle Bengalos auf, beinahe die komplette Kurve wurde in ein helles orangenes Licht getaucht, gefolgt von jeder Menge weißem Rauch. Ein Ausdruck einer leidenschaften Ultraszene, die um die emotionale und psychologische Wichtigkeit dieser Partie weiß. Es geht um mehr als um drei Punkte, es geht um Stolz, Würde und Ehrgefühl. Und um drei Punkte.

Als „Testspiel“ hatten sie es abwertend bezeichnet, ein Grund mehr, umso motivierter zu Werke zu gehen. Die Realität sah in den letzten Jahren anders aus, teilweise heftigste Niederlagen vor heimischer Kulisse, an Mut fehlte es oft, allzu oft bezeichnete man den VfB im Nachgang als das ängstliche Kaninchen, das vor der Schlange sitzt. Tief in mir drin lebt der Glaube, dass der VfB zu Großem im Stande ist, nicht in jedem Spiel, aber oft überraschen sie uns dann doch.

Überraschend motivierter Beginn

Christian Gentner fiel kurz vor der Partie verletzt aus, für ihn rückte Rani Khedira hinein, der bei gleicher Konstellation bereits gegen Hannover ein tolles Spiel machte. Wie vertraut sein Name doch am Neckar klingt, es war ein hochemotionales 2:2, einst im Dezember 2008, als sein großer Bruder Sami kurz vor Schluss den Ball in die Maschen drosch. Zehn Monate später spielte man 0:0. Es sind bislang die einzigen beiden Punkte, die ich gegen die Bayern gesehen hatte, ob daheim oder auswärts. Es wäre mal wieder an der Zeit.

Das Spiel lief. Erwartungsgemäß: Ballbesitz Bayern. 42 Spiele in Folge hatten sie nun nicht mehr verloren. Was wäre wenn…? Nein. Nicht heute. Beim besten Willen nicht. Oder etwa doch? Nein. Lieber keine Hoffnungen machen, nach wenigen Minuten liegen wir wahrscheinlich zurück. Ich schaute mich um. Es war voll und dicht gedrängt in der Cannstatter Kurve. Viele unbekannte Gesichter. Sie waren hier, die Rosinenpicker. Auf der Haupttribüne sichtete ich zahlreiche Bayerntrikots. Ich schaute nach links, sah den Stimmungskern, der sich langsam einsang für eine denkwürdige Partie.

Langer Abschlag von Sven Ulreich. Oh Gott, gleich ist der Ball wieder weg. Er war es nicht. Über mehrere Stationen kam der Ball zu Mohammed Abdellaoe, der aber von drei Gegenspielern imu Strafraum zu Fall gebracht wurde. Selbstverständlich ist es die Pflicht eines jeden Fans, entrüstet einen Elfmeter einzufordern. Doch die Zeit hatten wir nicht, es ging weiter mit Timo Werner, der von Beginn an gespielt hatte. Etwas zu viel Rücklage, dann hätte er vielleicht gleich mal eine erste Duftmarke gesetzt. Noch nicht mal zehn Minuten gespielt. Huch. Motivation?

Schlag auf Schlag

Frustriert schlug er mit der flachen Hand auf den Rasen, zeigte noch kurz mit dem Daumen nach oben in Richtung seines unfreiwilligen Vorlagengebers, bevor er abdrehte. Jung, heiß, motiviert. Sogleich notierte sich Thomas Schneider etwas auf seinem kleinen Notizblöckchen. Hallo, wir sind da! Und sie machten in den ersten paar wenigen Minuten schon den Eindruck, als wollten sie sich nicht gänzlich ohne Gegenwehr ergeben \“ wie in den letzten Partien gegen den Rekordmeister. Meiner Vermutung nach hätten wir bereits jetzt zurücklegen können.

Auf der Gegenseite wäre es beinahe soweit gewesen, Xherdan Shaqiri lupfte aus abseitsverdächtiger Position knapp übers Tor, der Ball landete auf dem Netz statt mittendrin. Da haben wir Glück gehabt, Abseits wäre es keins gewesen. Die Euphorie der Fans war zu spüren, sie zog durch jede einzelne Ritze des Neckarstadions und erfüllte uns alle mit dem, was wir für nicht möglich gehalten hatten: Hoffnung.

So schnell konnte man hier kaum noch mitkommen! Was war bitte mit dem VfB los in den ersten paar Minuten? Wieder schrie das Stadion vor Wut, Timo Werner köpfte Rafinha an den Oberarm, der seine Körperfläche vergrößert hatte. Im Strafraum. Folgliche Entscheidung: Strafstoß. Tatsächliche Entscheidung: Nichts. Handspiel nicht gepfiffen. Proteste? Ja. Wut? Ja. Unverständnis? Es sind eben die Bayern, des Schiedsrichters beste Freunde.

Gegentor? Nein, danke!

Mehr als 20 Minuten waren gespielt. Noch kein Gegentor. Mit Glück wirds ja ein 0:0? Die erste Verwarnung des Spiels bekam Moritz Leitner, der zusammen mit Rani Khedira die Doppelsechs bildete. Es sollte nicht die letzte gelbe Karte der Partie sein. Sie wehrten sich. Ein gutes Zeichen. Wir hoben die Hände und klatschten im Takt. Die Augen waren auf uns gerichtet, voller Euphorie unterstützten wir die Jungs im roten Brustring.

Das hier war wirklich kein ganz normales Spiel. Sie waren nicht wieder zu erkennen. Wer sind die Jungs in Weiß, und was haben sie mit unserem VfB gemacht? Viel zu melden hatten die Bayern gerade wahrlich nicht. Was war hier los? Verkehrte Welt am Neckar, im positiven Sinne! Sie kämpften um jeden Ball und holten ihn sich wenn nötig schnell zurück, kein ganz einfaches Unterfangen gegen die Bayern.

Des VfB großes Sorgenkind ist neben der eklatanten Chancenverwertung auch der Spielaufbau. Hier tat es sich schon einmal gut an. Antonio Rüdiger sah auf der linken Seite Timo Werner alleine stehen, unaufhaltsam in Richtung Manuel Neuer, eiskalt abgezogen, geblockt, weiterhin Ballbesitz für den VfB. Dass der Ball hier doch noch durchkam, war zwar reiner Glücksfall, Mohammed Abdellauoe kullerte er direkt vor die Füße. Was jetzt?

Momente des Glücks

„Schieeeeeeeeeeeeß!“ – simultan sprangen all jene auf, die den Brustring auf dem Trikot und in den Herzen tragen. Bitte, bitte, bitte, lieber Fußballgott, wenn es dich gibt, lenke diesen Ball ins Netz. Er erhörte mich und zehntausend weitere, ein einziges Mal. Wie Vedad Ibisevic zur Eckfahne vor dem Gästeblock rannte, bekam ich erst einmal überhaupt nicht mit. Herumgerissen von den um mich herum stehenden Fans, Freudentaumel, Heiterkeit, Wahnsinn. Das hier war das so ziemlich Letzte, womit ich an diesem Mittwoch Abend gerechnet hatte. Und nun stand ich mittendrin. Ist das nur ein Traum?

Ich vermag es kaum auszusprechen: hatte es sich etwa angekündigt, dieses ersehnte und doch irgendwie unerwartete Tor? Sie machten es richtig gut bis hierher, doch das hier überstieg meine Erwartungen. Fast alle rannten sie zu ihm, von Rani Khedira gabs noch einen freundschaftlichen Klapps auf den Hinterkopf für diese Vorlage, hatte sie auch zunächst ein wenig verunglückt ausgesehen.

Okay Mädchen, atmen, atmen! Reiß dich zusammen, es ist grade mal eine halbe Stunde gespielt. Hier kann noch so viel passieren. Mein Verstand sagte: „Am Ende stehts eh 1:4″ \“ doch mein Herz…?! Es tanzte Tango im Takt der Cannstatter Kurve, die in diesem einen Moment den Boden unter den Füßen verloren hatte. Es sind jene Momente, für die du einst Fußballfan geworden warst, für die du lebst und für die du sterben würdest.

Vorne clever, hinten sicher

Wer glaubte, am Ende würde etwas Zählbares herausspringen, fühlte sich bestätigt. Wer nicht glaubte, wollte im Grunde auch jetzt nicht glauben, zu schmerzhaft, wenn es am Ende dennoch nicht reicht. Ein Teil von mir glaubte und streubte sich so sehr gegen die überschäumende Freude, aus Angst, am Ende sei es für umsonst gewesen. Hin- und hergerissen kämpfte ein Teil von mir gegen die wachsende Hoffnung an, mit jeder Minute schwand der Widerstand.

„VfB Stuttgart…?“ – „EINS!“ – „Bayern…?“ – „NULL“. Schon seit meinem ersten Heimspiel erfreue ich mich daran, bis heute hat es nicht an Erheiterung verloren. Doch selten fühlt es sich so verdammt gut an. Sie hatten noch nicht genug. Ich konnte kaum glauben, was ich da sah. Sie fighteten und rannten wie schon lange nicht mehr. Eine solch leidenschaftliche Leistung hatten wir zuletzt gesehen gegen… die Bayern. Es fehlte nicht viel, um den Bayern das Triple zu versauen, in Berlin feierten wir unsere Pokalsieger der Herzen.

Nach vorne spielten sie leidenschaftlich und hinten räumten sie alles ab. Auch Sven Ulreich war gefragt, nach zuletzt durchwachsenen Leistungen und zahlreichen Patzern musste er sich nun beweisen. Er war zur Stelle, wenn es darauf ankam Ein unheimlich beeindruckendes Spiel unseres VfB. Tolle Stimmung im Stadion, welches die letzten Male eine frustrierenden Zuschauerschnitt aufwies.

Eine unerwartete Pausenführung

Den Schlusspunkt setzte Mohammed Abdellaoue über das Tor, bevor Schiedsrichter Manuel Gräfe zum Pausentee bat. Den Applaus bekamen sie zurecht, als wir sie nach 45 Minuten mit einer 1:0-Führung in die Kabine verabschiedeten. „Jongr Vaddr!“ Aber abwarten, es war noch nicht vorbei. Auf der Metallstufe unter mir stand meine Capri Sonne, ernährungswissenschaftlich das reinste Zuckerwasser, aber mein traditionelles Stadiongetränk. Ein paar Schlücke, der Blick nach unten, Jacke und Bauchtäschle waren nass. Ich muss wohl im Torjubel drauf getreten sein. Was solls.

Gelassen beobachtete ich das Treiben um mich herum. Die Rosinenpicker erkennt man ganz gut, sie bewegen sich teilweise wie ein Fremdkörper im Block. Meine Aufmerksamkeit erregte eine junge Dame, die nicht verstand, warum die Treppe voll war, die sie hochlaufen wollte. Lauthals schimpfend stand sie da, beschwerte sich und war unheimlich genervt. Ach Mädle. Das ist hier halt so. Sie war immerhin nicht die einzige, die in der Halbzeitpause raus wollte, für einen Gang zur Toilette oder zum Anstehen an den Imbissständen.

Es war stellenweise wie im Rausch, was der VfB hier ablieferte. Das ist genau das, was wir sehen wollen. Dass sie sich reinhängen und kämpfen bis zum Schluss. Auch im Stadion war das zu spüren, es war anders als sonst. War es eine Sensation, die hier in der Luft lag. Im Nu war die Pause vorbei. Ein kurzer Blick in Richtung Nachbarblock zu meinem besten Freund. Nicht ein einziges Wort wechselten wir, zu weit war der Abstand zwischen uns, doch unser Blick sagte alles: „Was ist hier los??“

Mit aller Kraft dagegen gestemmt

Mohammed Abdellaoue (dessen Namen ich immer langsam schreiben muss und immer scharf nachdenken muss, in welcher exakten Reihenfolge die Buchstaben „aoue“ hinkommen) und Vedad Ibisevic, die Torschützen der letzten beiden Bundesligatore, standen beim Anstoßpunkt bereit. Die Cannstatter Kurve zeigte pünktlich zum Wiederanpfiff ein witziges Spruchband: „Herzlichen Glückwunsch zum Triple: Steuerhinterziehung, Brandstiftung, Sex mit Minderjährigen“ \“ mit freundlichen Grüßen an Uli Hoeneß, Breno und Franck Ribery.

Der Ball rollte wieder über das satte Grün des Neckarstadions. Es ist frisch geworden, ich war dick eingepackt und frierte zumindest nicht. Und selbst wenn: ein Blick auf die Anzeigetafel ließ den meisten der 60.000 Zuschauer im ausverkauften Stadion warm ums Herz werden. Viele waren noch nicht aus der Halbzeit zurück, als ein Querschläger der Bayern beinahe zum 2:0 führte, nur knapp scheiterte Vedad Ibisevic. Nicht nachlassen, weiter, weiter, immer weiter!

Man war landläufig der Meinung, dass die spielerischen Mittel des VfBs gegen die Bayern nicht ausreichen würden, und dass es über die kämpferischen Mittel kommen muss \“ doch wie kannst du auf einen positiven Ausgang im Vorfeld der Partie hoffen, wenn sie selbst den Kampf und die Leidenschaft in den letzten Spielen vor der Winterpause vermissen ließen? Sie stemmten sich dagegen, noch hielt das Bollwerk, jede Minute war ein Erfolg.

Lasst uns Geschichte schreiben

Was machen eigentlich die Bayernfans? Dafür, dass es angeblich so viele waren, „um das Stadion mal zu füllen“, hörte man verdächtig wenig von ihnen. Ein bisschen Gehüpfe, aber sonst? Pep Guardiola schickte alle seine Ersatzspieler zum Aufwärmen. Ist da jemand nervös? Den Abschlag von Sven Ulreich hatten sie alle gesehen, hoch und weit, normalerweise landen sie beim Gegner, nicht aber an einem so anscheinend nahezu perfekten Tag.

Direkt in den Lauf von Martin Harnik. Sie waren wieder unterwegs in Richtung Manuel Neuer, der zum Wiederanpfiff ein weiteres Mal mit einem netten Gesang empfangen worden war. Auf der anderen Seite winkte Timo Werner, „Hierher, ich steh frei!“ – gesagt, getan. Zurück gegeben auf den mitgelaufenen Vedad Ibisevic, über den Kopf gerutscht, dann wieder Martin Harnik aus dem Rückraum mit einem Seitfallzieher, geklärt, Timo Werner scheiterte im Nachschuss. Holla die Waldfee, hier war was los!

Alles stand, alles schrie, alles hüpfte \“ wir waren bereit, um Geschichte zu schreiben. Der Unmut und die Nervosität der Bayern, sie waren zu spüren. Dass ich das noch einmal erleben darf. Immer wieder schaute ich zur Anzeigetafel, genoss den Anblick des 1:0, was dort in großen Lettern über den Kurven prangte. Und trotz allem: noch nicht zu viel erwarten. Es war so unheimlich schwer, nichts zu erwarten. Wie war das gleich noch? 0:5 oder höher? Wir lagen hier in Führung. Eine Stunde war gespielt. Wo gibts denn sowas?

Bayern ist nervös, Bayern ist nervös…

Die Gäste wurden immer unruhiger. Das zeigte auch der Doppelwechsel nach einer Stunde, für Xherdan Shaqiri kam Mario Mandzukic, Claudio Pizarro ersetzte Toni Kroos. Alles nach vorn bei den Bayern? Sie haben einen starken Kader, die jüngsten Erfolge sprechen für sich. Ehrfürchtig auf die Knie gehen und sich verprügeln lassen? Nein. Ohne uns. Nicht heute. Nicht in diesem Stadion. Nicht an diesem Tag. Weiter Vollgas, auf dem Rasen und auf den Rängen.

Auch Thomas Schneider reagierte. Seinen Wechsel verstehen wohl aber die wenigsten von uns. Für den zuletzt sehr gescholtenen Gotoku Sakai, der seine Sache in diesem Spiel wirklich gut gemacht hat, kam der kleine Arthur Boka. 1,66 Meter groß. Claudio Pizarro ist 1,86 Meter, Mario Mandzukic ist 1,87 Meter. Warum genau bringt man einen Spieler, der 20 Zentimeter kleiner ist? Das verstehe, wer will.

Auch Daniel Schwaab und Antonio Rüdiger bekamen immer mehr Schwierigkeiten mit den „Neuen“, die Beine waren schon recht schwer, ein enormes Pensum haben unsere beiden Verteidiger bis dato abgefackelt. Sie fingen an zu wackeln, taten dennoch ihr Bestes, das Unheil zu verhindern. Das wird hier noch ein ganz schwerer Weg bis zum Abpfiff, doch wir geben nicht auf, und sie auch nicht. Szenenapplaus für jeden geklärten Ball, für jeden gewonnenen Zweikampf. Sie brauchten uns jetzt, sehr viel mehr als in den Spielen zuvor.

Hoffen und Bangen mit jeder Minute

„Hoeneß in den Knast, Hoeneß in den Knast…“ – amüsant nach außen, nervös innendrin. Unruhe. Zum Fotografieren fand ich kaum noch die Kraft, ich stand oft einfach nur starr da, die Kamera ums Handgelenk gewickelt, mit weit aufgerissenen Augen in Richtung Spielfeld. Macht bloß keinen Scheiß, es ist doch nicht mehr lang, bis ihr es geschafft habt. Sven Ulreich war zur Stelle, als Thiago ins lange Eck schieben wollte und gerade noch klären konnte. Junge Junge, hier ist Feuer drin!

Der Wind hatte sich nun gedreht. Dauerbeschuss der Bayern, sie gaben nun Vollgas. Schwere Kost für unsere Jungs. Freistoß für die Gäste, ausgeführt von Thiago, Kopfball Claudio Pizarro \“ Ausgleich. Ohne jede Frage ärgerlich, durch die Hereinnahme von Claudio Pizarro und Mario Mandzukic wurde es schwerer und schwerer, der Offensive stand zu halten.

Gefühlt ein Drittel des Stadions war aufgesprungen. Bitter zu sehen, wieviele von ihnen hier waren. Nicht unterkriegen lassen, VfB! Es ist noch nicht vorbei, den einen Punkt könnten wir trotzdem mitnehmen. Nun hörte man auch kurz die Bayernfans. Nun ging sekündlich der besorgte Blick zur Anzeigetafel. Vor der Kurve verteilten sich nun bereits die Ordnungskräfte in ihren roten Jacken. Nicht mehr lang. Sie hatten alles gegeben und noch mehr, es muss doch um Himmels Willen möglich sein, daraus zumindest ein kleines Kapital zu schlagen?

Hoffnungsvolle Erwartung trotz des Ausgleichs

80 Minuten waren gespielt, das Ziel war nah. Sie gaben sich nicht auf, immer wieder taten sie ihr Bestes, honoriert von den elektrisierten VfB-Fans. Rudelbildung vor der Gegentribüne, viele Bayern waren zugange, auch Manuel Gräfe gesellte sich dazu \“ um Sekunden später auf dem Hosenboden zu sitzen. Er wurde im Gedränge geschubst von Jérome Boateng, er sah Gelb, wie auch Martin Harnik.

Fünf Minuten vor Schluss kam Ibrahima Traoré für Timo Werner, der erneut ein bockstarkes Spiel gezeigt hat. Sie stemmten sich mit allem, was sie noch hatten, sie kamen beinahe auf dem Zahnfleisch daher. Sie gaben nicht auf, und das zu sehen, ist so unheimlich toll zu sehen gewesen. Sie boten ihnen die Stirn, etwas, was die Bayern wohl schon eine Weile nicht mehr erlebt hatten.

Die meisten Gegner der Bayern hatten sich kampflos ihrem Schicksal gefügt. Das hatte auch ich, Stunden vor dem Spiel. Da ist nichts zu holen, dessen war ich mir sicher. Ich wollte mich nicht zu früh freuen, gegen Mainz kassierten wir die Niederlage in der 87. Minute. Die reguläre Spielzeit überstand man schadlos, sage und schreibe drei Minuten Nachspielzeit gab es oben drauf. Nur noch ein paar Sekunden. Ich schaute zur Anzeigetafel. Und nun, in den letzten Zügen des Spiels, gab ich meinen inneren Widerstand auf und ergab mich: das wird ein Punkt gegen die Bayern.

Wenige Meter bis zum Punktgewinn

Der letzte Wechsel des Spiels, Sercan Sararer kam für den bemühten, aber glücklosen Mohammed Abdell-a-o-u-e. Jetzt noch irgendwie alles wegschlagen was geht, sie hatten 90 Minuten lang wenig zugelassen und alles abgeräumt, das schaffen sie doch jetzt auch in den letzten wenigen Sekunden, die noch übrig waren. Wieder ein langer Abschlag von Sven Ulreich, dieser war dann aber tatsächlich gleich bei den ungeliebten Gästen gelandet.

Die Kräfte schwanden zusehendst, die Akkus waren leer, bei allen VfB-Spielern. Kommt schon Jungs, jetzt macht keinen Scheiß! Wir feiern gleich zusammen das Unentschieden wie einen grandiosen Sieg, aber dazu müsst ihr jetzt nochmal die Zähne zusammenbeißen und durchhalten, bis der Schiedsrichter abpfeift.

Rafinha war am Ball, nahezu die komplette Stuttgarter Mannschaft am eigenen Strafstraum. Mit rechts legte er sich den Ball noch ein wenig vor, nahm minimal Anlauf und schlenzte ihn in den Strafraum. Da stieg er hoch, die Nummer 6 der gastierenden Mannschaft, ein physikalisches Ding der Unmöglichkeit. Scherenschnitt. Er hatte nicht einmal hingesehen. Sekunden vor dem Abpfiff rammte uns Thiago das Messer ins Herz.

Sekunden vor Schluss mitten ins Herz

1:2. Das darf nicht wahr sein. Gerade noch schrien zehntausende Zuschauer den VfB auf den letzten Metern und Zentimetern nach vorne, nur um plötzlich zu verstummen. Ich schreibe jene Zeilen in der Nacht von Freitag auf Samstag, in weniger als neun Stunden bin ich auf dem Weg nach Leverkusen. Ich schaue mir die Szenen noch einmal an, mir fehlen die Worte. Der Genickbruch im letzten Moment. Am Boden zerstört. Dafür gibt es keine Worte.

Du führst bis in die 75. Minute, kassierst den nicht unerwarteten Ausgleich, hoffst und bangst, kämpfst und fightest, die Kurve steht hinter dir. Und am Ende fängst du so ein derart krummes Ding. Das konnte wirklich nicht wahr sein. Wie war das möglich? Was haben wir verbrochen, dass wir so derart bestraft werden? Sie hätten sich zumindest einen Punkt verdient gehabt, wenn nicht sogar mehr. Nach Abpfiff stehst du da mit Nichts. Überhaupt nichts. Alles was du hast, ist der Scherbenhaufen, der gerade noch dein weiß-rotes Herz gewesen ist.

Unbegreiflich. Die Kurve schwieg. Langsam schaute ich mich um, leere Gesichter um mich herum, schüttelnde Köpfe. Es war schlichtweg nicht zu begreifen, wie das passieren konnte. Wie bereits gegen Rijeka in den letzten Sekunden des Spiels. Damals flogen wir aus dem europäischen Wettbewerb. Hier wurden uns verdiente Punkte noch weg geklaut, die die wenigsten von uns überhaupt eingerechnet hatten.

Dann doch lieber 0:5

So schlimm es auch klingt, ich hätte lieber mit 0:5 verloren. Dann hoffst du gar nicht erst und hast zu keinem einzigen Moment des Spiels das Gefühl, dass etwas tatsächlich Unerwartetes passiert. Können wir uns damit trösten, dass wir ein grandioses Spiel gezeigt hatten und die längste Zeit der Partie die Bayern am Rande der Niederlage hatten, was selbst Mannschaften von internationalem Topformat nicht geschafft haben? Beruhigt es uns, zu wissen, dass es die Jungs doch können, wenn sie nur wollen? Nein. In diesem Moment gab es rein gar nichts, was einen trösten konnte.

Sie hatten gut lachen, die Gäste aus München. Rechterhand gab es Ärger in der Cannstatter Kurve, so kann ich nur vermuten, mit meinen 1,59 Metern sehe ich nicht wirklich viel, selbst Felix hätte es von der anderen Seite der Kurve besser sehen können als ich. Mit Sicherheit Bayernfans, die in unserer Kurve waren und ihre Freude durch das unerwartete Siegtor nicht verbergen konnten. Damit unterzeichneten sie ihr eigenes „Todesurteil“.

Nur langsam trabten sie in Richtung Kurve. Gesenkten Hauptes, doch wer will es ihnen verdenken. Natürlich waren alle geknickt, uns Fans ging es ja nicht anders. Es waren ja nur noch wenige Sekunden. Doch wie kann man den Jungs böse sein? Man kann es einfach nicht. An diesen beiden Toren konnte man nicht wirklich viel verhindern. Entsprechend dann auch der wohlwollende Applaus der VfB-Fans.

Das Spiel verloren, Sympathien zurück gewonnen

Sie hatten das Spiel auf grausamste Art und Weise verloren, doch sie hatten die Sympathien ihrer Anhänger zurück gewonnen. „Seht ihr, es geht doch!“ – die einzige positive Quintessenz eines Spiels, welches für uns so bitter und niederschmetternd war. Diesen gezeigten Schwung einfach mitnehmen ins Spiel gegen Leverkusen. Einfach. Leichter gesagt als getan. Frustriert blieb ich zurück, mit Felix machte ich mich schnell auf den Heimweg.

Bis nach Mitternacht bearbeitete ich die Bilder, schimpfte und bruddelte leise in mich hinein. Da möchtest du am liebsten irgend etwas kaputt schlagen, um deinen Frust abzureagieren. Die dämlichste Art, ein Spiel doch noch zu verlieren. Doch was rege ich mich eigentlich auf, hm? Ich dachte doch sowieso, dass kein Blumentopf zu gewinnen ist. Mit dem VfB der letzten Monate bestimmt. Doch das war an diesem Mittwoch Abend nicht der VfB, der zahlreiche Punkte fahrlässig liegen gelassen hatte.

Es war etwas anderes, was sie beflügelt hatte. So etwas zu sehen, schöpft neuen Mut für die Zukunft, möchte man meinen. Wie gern ich das nochmal sehen wollte, dass sie so leidenschaftlich auftreten, dass sie sich nicht aufgeben. Wir alle würden das gerne öfter sehen. Momentan mangelt es mir an dem Glauben, eine solche Energieleistung sei wiederholbar. Doch ich hatte ja auch gedacht, der VfB würde an diesem Abend mindestens mit 0:5 verlieren. Hoffen wir mal, dass ich mich wieder täusche.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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