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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Wer 1:0 führt, der stets verliert

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Ein Spiel dauert 90 Minuten, aber Schluss ist erst, wenn der Schiedsrichter pfeift. Nicht nach 87 Minuten. Nicht nach 93 Minuten. Und auch nicht nach 84 Minuten. Erst dann, wenn er das Spiel beendet. Es gibt Tatsachen, die beim VfB ganz offensichtlich noch nicht angekommen sind. Zum dritten Mal in Folge gab man das Spiel in den letzten paar Minuten aus der Hand. Erst dämlich, dann unglücklich, und dann wieder dämlich. Wo soll der Weg enden, den der VfB in den letzten Monaten eingeschlagen hat? Er führt bedrohlich in eine Abwärtsspirale nach unten.

Am Tag darauf sitze ich nun hier an meinem Rechner. Ich hasse Tage wie diese. Wenn das Schreiben keinen Spaß macht und du dich davor am liebsten drücken möchtest. Soviel schönere und sinnvollere Dinge könnte ich tun. Jetzt sitze ich vor dem leeren Word-Dokument, befreit von jeglicher Motivation. Woche für Woche das selbe Spiel. Niedrige oder gar keine Erwartungen, ein kleiner Hoffnungsschimmer, und am Ende stehst du wieder verärgert da, ohne Erfolgserlebnis, ohne Punkte, ohne Hoffnung auf bessere Zeiten.

Der nächste Anlauf im Abstiegskampf, den beim VfB noch keiner wahrhaben will (außer uns Fans, die wir ein Gespür für das drohende Unheil haben), führte uns ins 375 Kilometer entfernte Leverkusen. Nicht zuletzt meine ganz persönliche Erfahrung in der BayArena ließ mich nicht von einem Punktgewinn ausgehen. Weitgehend aus dem Schmerz nach dem Bayernspiel geurteilt, eine Wiederholung dieser Energieleistung ist nahezu ausgeschlossen. Folglich gewinnt Leverkusen, sie stehen nicht umsonst auf Platz Zwei hinter dem Tabellenführer aus München. Und ich sollte wieder Recht behalten. Leider.

Ohne Hoffnung nach Leverkusen

Auch meinem langjährigen Kumpel Jonas erging es nicht anders. Morgens um Neun holte er Felix und mich in Cannstatt ab. Zumindest Jonas und ich wussten, was uns erwarten würde. Kießling wirds schon richten. Beunruhigender Realismus statt naivem Optimismus \“ es gibt schlichtweg kaum einen Anlass, der auf bessere Zeiten hoffen lässt. Zu viel läuft schief. Und trotzdem fahren wir hin. Auf ging es, zu meinem vierten Auswärtsspiel in Leverkusen, das nach Wolfsburg der zweite Alptraum der Liga ist.

Viel mitbekommen hatte ich von der Fahrt nicht. Bis in die Nachtstunden hatte ich meinen Bericht zum Bayernspiel am Mittwoch geschrieben, nach sehr wenigen Stunden Schlaf war ich wieder aufgestanden und stellte ihn online, weniger als eine Stunde, bevor uns Jonas abgeholt hatte. Und so schlief ich die meiste Zeit auf dem Rücksitz, friedlich, tief und fest. Aufgewacht war ich kurz vor der Ankunft am Stadion, welches bereits auf den Autobahnschildern angeschrieben war.

Es regnete bei etwa fünf Grad, wie alle Jahre wieder das übliche Mistwetter, wenn der VfB in Leverkusen spielt: kalt und eklig. Unweit des Stadions suchten wir den Parkplatz vom Bauhaus-Baumarkt auf, zogen uns um und folgten den ersten paar Leverkusen-Fans zum Stadion über einen teilweise matschigen und unbefestigten Weg. Das ist ja wieder mal wunderbar. Wir waren früh dran, gut zwei Stunden vor Spielbeginn erreichten wir den Gästeblock.

Punkte dringend benötigt

Die ersten bekannten Gesichter, freundlich begrüßt. Und dennoch die Frage: „Was mache ich eigentlich hier?“. Ich weiß es selber nicht. Einige waren schon im Gästeblock, im Laufe der nächsten zwei Stunden würde es noch gehörig eng werden. 2.200 VfB-Fans hatten sich auf den Weg gemacht, mit dem Auto, mit dem Zug oder mit dem Bus. Die Stimmung war alles andere als euphorisch, kein Wunder, nach dem bitteren Nackenschlag am Mittwoch Abend.

Wir brauchen Punkte, keine Frage. Es gibt jedoch leichtere Aufgaben. Obwohl… Gibt es die wirklich? Wenn man selbst vor den Kleinen mittlerweile Angst haben muss? Ich beobachtete das Treiben um mich herum, weiße und rote Folien wurden ausgelegt und mit einem kleinen Stück Gaffa an den Metallstangen festgeklebt, damit der Wind sie nicht wegwehen konnte. Eine Choreo sollte es geben, ich war gespannt. Mangelt es den Profis mitunter an Leidenschaft und Herz, so ist unsere Fanszene ein ums andere Mal meisterhaft. Ich ziehe meinen Hut und bin stolz, ein Teil davon zu sein.

Die Reihen füllten sich, ich nahm meinen vorläufigen Platz bei Sandro ein. Wir sollten dringend eine neue Siegesserie starten. Nach vielen Monaten riss sie einst in Dortmund. Unsere Punkteausbeute konnte sich wirklich sehen lassen, und wenn der VfB die Punkte so derart dringend braucht, dann am besten jetzt gleich weitermachen. Es war soweit, 15:30 Uhr, die Mannschaften kamen aufs Feld des 30.000 Zuschauer fassenden Stadions im Süd-Westen der Stadt.

Schöne Choreo zum Spielbeginn

Auf ein Kommando der drei Vorschreier am Fuße des Gästestehblocks startete die Choreographie mit dem Hochhalten der weißen und roten Folien, bis ein roter Brustring den Gästeblock schmückte. Gefolgt von einer Blockfahne mit den Buchstaben „VfB“ aus dem alten Wappen und einem Banner „Stuttgart“ zelebrierten wir so unsere Liebe zum Verein. Wenn sie uns nur erhören könnten.

Auf eine Leistung wie am Mittwoch war nicht ernsthaft zu hoffen, oh bitte, lass diese mindestens 90 Minuten (!!!) schnell vorbei sein und uns bestenfalls ein Pünktchen mitnehmen. Die Leverkusener schwörten sich in eine Mannschaftskreis ein, während unsere einfach nur ihre Positionen einnahmen. Ich will ja nicht unken, aber sollte man nicht gerade jetzt eine Geschlossenheit in der Mannschaft repräsentieren?

Beide Mannschaften verloren die drei letzten Spiele, die Situation in der Tabelle gleicht einem Alptraum. Leverkusen verzeichnete zu Beginn des Spiels 37 Punkte auf dem Konto, fast doppelt so viel wie die mickrigen Pünktchen, die wir bisher gesammelt haben. Was die Niederlage gegen Mainz zum Rückrundenauftakt für eine nachhaltige psychologische Wirkung hat, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Gegen Bayern konnte man verlieren, so bitter es am Ende auch war. Wie geht es nun weiter, war die Frage des Tages.

Gemächlicher Spielbeginn

Der Ball rollte, auf dem Feld stand die selbe Elf wie wenige Tage zuvor gegen die Bayern. Ein gutes Gefühl hatte ich nicht, was den Ausgang des Spiels angeht. Hoffen tu ich erst gar nicht, wie schon am Mittwoch. Daher lautete meine Prognose ähnlich, wenn denn nicht ein Wunder geschieht und die Jungs tatsächlich die Energieleistung von Mittwoch wiederholen können, sieht man selbst gegen den zuletzt gebeutelten Werksclub ganz schnell ganz alt aus.

Es war ein lockerer Aufgalopp vor 28.714 Zuschauern, viel passierte nicht in den ersten paar Minuten. Wir wissen, was in unserer Mannschaft stecken kann, wenn sie denn nur wollen \“ wir haben es gesehen. Entsprechend laut war auch die Unterstützung für die Mannschaft. Erst recht, als sie sich anschickten, offensiv nach vorne zu gehen. So wollen wir das sehen! Man schöpfte Mut, erst recht, als es direkt vor dem Gästeblock eine Ecke für den VfB gab.

Konstantin Rausch führte aus, Bernd Leno \“ der seit seinem Wechsel und dem Techtelmechtel vom letzten Heimspiel gar nicht mehr gern gesehen ist \“ konnte den mit Ball gerade noch mit Ach und Krach in den Strafraum zurückfausten. Vier VfB-Spieler waren ihm nahe geblieben, drei weitere hielten sich im Rückraum auf. Einer davon war Moritz Leitner, der seine Qualitäten bisher nicht in jedem Spiel unter Beweis stellen konnte. Anderthalb Jahre ist er noch bei uns, bevor es ihn zurückziehen wird zu den Schwarz-Gelben.

Mit einem Schlenzer ins Glück

„Mein Gott, bist du doof?“ dachte ich gerade noch, als er über die unfreiwillige Rückgabe des ehemaligen Stuttgarter Torwalttalents drübersäbelte, sein Glück, dass sein Gegenspieler nicht energisch genug dagegen stand und den völlig verunglückten Ball nicht einfach wegschlug. Ein zweiter Versuch des 21-Jährigen, noch einmal kurz das runde Leder zurecht gelegt und kurz Anlauf genommen.

Mit dem linken Fuß drosch er dagegen. Und da flog er der Ball, immer weiter, immer schneller. Auch Bernd Leno flog. Am Ende jubelte der Gästeblock. Da passte keine Briefmarke dazwischen, furztrocken ins linke obere Eck. Ja ist das zu glauben? Überschäumender Jubel, was für ein unheimlich schönes Tor, die richtige Antwort nach dem Bayernspiel.

Euphorisch rannte er nebst seiner Teamkameraden zum Gästeblock, das richtige Zeichen zur rechten Zeit. Fast als wollte er uns sagen: „Liebe Fans \“ das ist für euch!“ Die Jubelfaust der Nummer 8, nachdem er unfreiwillig ein Loch in den Rasen bei der Eckfahne schlug. Da versucht sich Martin Harnik auch gerne mal als Gärtner und schiebt das Rasenstück wieder zurück an Ort und Stelle. Das Grinsen in meinem Gesicht konnte ich nicht vermeiden.

Warum Nachlegen so wichtig ist

Recht schnell sickerte wieder die Vernunft zu mir durch. Jetzt nur nicht blenden lassen vom frühen Tor in der 12. Minute. Alleine die letzten Spiele zeigen, dass ein 1:0 noch keine Punkte bedeuten muss. Gegen die Bayern führten wir nach 29 Minuten, gegen Mainz nach 11 Minuten \“ Punktausbeute: Null. Es sollte uns eine Warnung sein, und leider bildete auch dieses Spiel keine Ausnahme. Ein weiteres verschenktes Spiel, noch wollten wir das aber nicht wahr haben. Man müsse halt einfach mal nachlegen?!

Was nützt uns die statistische Tatsache, dass kein anderes Team in der Bundesliga in den ersten 30 Minuten so oft in Führung gegangen ist wie wir? Dass wir uns die Punkte immer wieder wegnehmen lassen, zeigt unser Tabellenplatz: bedrohlich nach am unteren Strich. Trotz allem glauben wir immer wieder das Beste. Führst du, willst du logischerweise auch gewinnen, wer möchte das nicht? Man war durchaus optimistisch, nicht alle gehen gleich vom Schlimmsten aus.

Wenige Minuten später hätte man nachlegen können, wieder ein Eckball, doch Mohammed Abdellaoue und Timo Werner konnten nicht das so ersehnte 0:2 erzielen. Ich war mir nicht sicher, ob mir der Blick zur Anzeigetafel Mut und Hoffnung oder Angst und Bange machen sollte. Wenn wir gegen Ende wieder so abbauen, sehen wir am Ende doof aus. Und wie doof wir am Ende aussahen.

Eine traurige Statistik

So wirklich viel anzufangen wusste die Leverkusener Mannschaft mit dem Rückstand nicht. Es schien fast so, als seien sie ein wenig ratlos. Viel zu oft habe ich hier in der BayArena anderes erlebt, meist war es der VfB, der nicht viel zu melden hatte. Von den Fans natürlich abgesehen, die sind immer da, geben immer Vollgas und beweisen immer, dass wir hinter dem Verein stehen. Der letzte Sieg gegen die Werkself ist nun wirklich schon ein bisschen her, Felix und ich waren damals im April 2010 noch ein ganz frisches Pärchen.

Seither kamen in sieben Partien nur zwei Punkte zustande, Schwabenschreck Stefan Kießling traf dabei sieben Mal. Im Hinspiel wurde er ausgewechselt, bevor er treffen konnte, doch auch ohne sein Tor verloren wir das erste Heimspiel der neuen Saison, Daniel Schwaab traf gegen seine Ex-Teamkollegen ins eigene Tor.

Es muss ja nicht immer genau gleich ablaufen. Alleine schon das Erzielen des 0:2 wäre bares Gold wert, ein einziges Tor haben wir uns in den letzten Monaten allzu häufig wieder ausgleichen lassen. Vedad Ibisevic war unterwegs, wurde vor der Strafraumlinie gefoult, kein Pfiff vom Schiedsrichter Felix Zwayer. Dass es hier einen Freistoß aus guter Position hätte geben müssen, ist nur eine von zahlreichen kleinen Fehlentscheidungen des Schiedsrichtergespanns.

Ausgleich ohne Not

Es gab Einwurf für den VfB, ich hatte es noch registriert, bevor ich weiter Fotos vom supportenden Gästeblock machte. Als ich wieder hinah, hatte Leverkusen den Ball und war unterwegs in Richtung Sven Ulreich. Dazwischen lagen lediglich ein paar wenige Sekunden. Wie kann das sein? Nicht gerade schön anzusehen in einer Zeit, in der ein 1:0 nichts mehr bedeutet. Es sagt einiges aus darüber, ob man hier tatsächlich so beherzt \“ wie von Thomas Schneider angekündigt \“ zu Werke geht, wie gegen die Münchener.

Die Luft im Spiel schien irgendwie raus zu sein, da kam Stefan Kießling an den Ball. Seufz. Ich weiß nicht, ob Thomas Schneider nicht um die Gefahr des Lockenkopfes weiß oder es bisher schlicht verdrängt hat, wenn er gegen seinen allerliebsten Lieblingsgegner auf dem Feld steht, darfst du ihn nie nie nie niemals alleine lassen. Antonio Rüdiger war halbherzig bei ihm als letzter Mann, wollte kein Foul und somit eine gelbe Karte (oder die rote, wäre dabei schon die Linie überquert worden) riskieren.

Und so war er davon gezogen, der Schwabenschreck, zog ab, Sven Ulreich segelte vorbei. Drin. Ausgleich. Was für eine Scheiße schon wieder. Das kann doch nicht wahr sein. Schockstarre im Gästeblock. Bitte nicht schon wieder… Wortlos mussten wir es über uns ergehen lassen, wie das Stadion seinen Namen skandiert. Es gibt wirklich einfacherer Dinge, die man als Fußballfan erleben kann. Fast noch schlimmer: zwei Leverkusener Mädels, die von ihren VfB-Freunden mitgenommen wurden und ihren Jubel nicht verheimlichen konnten.

Aufbaugegner Nummer Eins

Vier Spiele hatte er nicht mehr getroffen. Und um wieder das traurige Klischee des Aufbaugegners zu bemühen, es war fast klar, dass er dann zumindest gegen uns trifft. Den meisten Gegnern kommt der VfB derzeit sehr gelegen, als einer der zuverlässigsten Punktelieferanten der Liga. Traurig, aber wahr. Wer Punkte brauch \“ bitte, hier sind wir!

Drei schnelle Statitionen und schon war Leverkusen wieder gefährlich unterwegs, noch ein langer Pass in die Gasse auf Heung Min Son, sein Schuss knallte an die Latte, da hatten wir richtig Glück. Tief durchatmen. Das Spiel hatte der VfB mittlerweile komplett aus der Hand gegeben, was man sich nach zwölf Minuten erarbeitet hatte und nicht unverdient in Führung ging, alles für die Katz. Mal sehen, was man noch tun kann.

Die 2.200 mitgereisten Fans ließen sich davon nicht beirren, wir sangen und unterstützten sie weiter, sie brauchen uns jetzt. Doch das permanente Abpfeifen von Stuttgarter Spielsituationen und das permanente Pfeifen bei jedem stolpernden Leverkusener erzürnten uns zusehendst. Zum ersten Mal äußerte jemand in meinem Beisein, dass das Spiel geschoben sei.

Viel zu passiv

Viel passierte dann auch nicht mehr. Fragend schaute ich Sandro an, der neben mir stand. Manchmal sind Worte überflüssig. Um uns herum stellten sich immer mehr Leute, unweit des Blockeingangs. Es wurde zu gedrungen, wir flüchteten schließlich auf die andere Seite neben dem Eingang, ohne zu ahnen, dass es her einen Volkswandertag geben würde.

Abschläge ins Nirgendwo, unnötig verlorene Zweikämpfe, Passquote im gefühlten Minusbereich, Freistöße ohne wirkliches Ziel \“ was in der ersten Halbzeit ohne jegliche Not begonnen wurde, setzte sich auch im zweiten Durchgang fort. Die Gastgeber drückten, ohne uns mit geballter Offensive zu überrollen.

Langsam aber sicher kam der VfB nicht mehr aus der eigenen Hälfte heraus. Ein bedrohliches Anzeichen, das sollte Thomas Schneider eigentlich wissen, auch wenn ihm die Erfahrung als Bundesliga-Coach fehlt. So richtig schien Bayer nicht zu wollen \“ und der VfB nicht richtig zu können. Waren nach dem intensiven Spiel die Beine doch noch etwas schwer?

Es plätscherte dahin

Es dauerte gut eine Viertelstunde, bis die erste nennenswerte Aktion des zweiten Durchgangs gespielt wurde, bedauerlich, zugeben zu müssen, dass es sich „natürlich“ um Leverkusen handelte. Sie zogen sich zurück und wurden immer passiver. Gaben sie sich mit dem Unentschieden zufrieden und wollten das 1:1 über die Zeit bringen. Verstehen konnte man das nicht, es waren ja noch 30 Minuten zu spielen?

Mit zunehmender Spieldauer schien auch die Geduld der mitgereisten Fans auf die Probe gestellt zu werden. Wir unterstützen sie gerne auf allen ihren Wegen, müssen wir deswegen alles wortlos in Kauf nehmen, was uns regelrecht zum Fraß vorgeworfen wird? Das Raunen wurde lauter bei jedem verpatztem Pass, bei jeder abgefangenen Flanke.

Im Laufe des Spiels wird es sicherlich nicht einfacher werden. Vor nicht allzu langer Zeit fürchtete man Gegner wie Leverkusen nicht, sie gaben einfach keinen Anlass dazu. Schade, was in den letzten Jahren passiert \“ oder eben nicht passiert ist. Die wenigen Versuche, nach vorne etwas zu unternehmen, verpufften im Nichts. Ein weiteres Mal ging mein besorgter Blick zur Anzeigetafel.

Kanns der Rumäne richten?

Lange musste Martin Harnik nach einem Foul von Emir Spahic behandelt werden, an der Seitenlinie stand bereits Alexandru Maxim bereit. Der Österreicher blieb draußen und wurde jenseits des Spielfelds von den Mannschaftsärzten Heiko Striegel und Gerhard Wörn zur Bank zurück geleitet, vorbei an der neuen Stehplatzkurve der Heimfans, sofern man diese als solche bezeichnen kann.

Es gab direkt einen Freistoß. Ich meine, ich habe ein Gefühl dafür. Besonders beim Rumänen, der nun auf den Tag genau ein Jahr und einen Tag den Brustring trägt und der sich binnen kurzer Zeit die Sympathien der Fans erspielt hat. Doch, wie sagt man so schön, „Wichtig ist aufm Platz!“ – ich war mir ziemlich sicher, dass wenn er diesen Freistoß tritt, der Ball schon irgendwie den Weg ins Tor findet.

Doch er schoss den Freistoß nicht, sondern Konstantin Rausch \“ und zwar weit übers Tor. Kein Treffer, kein Jubel und vor allem keine Ahnung, ob das hier noch gut gehen wird. Minütlich wurde ich besorgter, aus gutem Grund. Wer vorne nicht trifft, wird hinten hart bestraft, das haben wir in den letzten acht Tagen gleich zwei Mal zu spüren bekommen.

Wer hat Angst vorm Gästeblock?

So langsam wurden wir so richtig sauer. Ein Stuttgarter fällt. Kein Pfiff. Ein Leverkusener fällt, Pfiff. Das kann doch nicht wahr sein. Ein gefährlicher Freistoß, Sven Ulreich konnte gerade noch klären, es war jedoch ohnehin Abseits gewesen. Wieder der Blick zur Uhr, hoffentlich reicht das 1:1 am Ende, so wirklich und unbedingt schienen sie das zweite Tor einfach nicht machen zu wollen.

Eckball für die Hausherren, direkt vor dem Gästeblock. Sidney Sam trat an, empfangen von lauten Pfiffen. Feuerzeuge flogen, wie von Sinnen pfiff man dem Mittelfeldspieler zu, der ab Sommer zu Schalke wechseln wird. Vom Linienrichter wurde er vom „wütenden Pöbel“ weggeholt, das Spiel wurde unterbrochen. Alexandru Maxim kam daher, versuchte zu beruhigen und zu schlichten, gestikulierte, dass wir den VfB stattdessen lieber unterstützen sollten.

Die Stimmung war aufgekratzt. Die Ecke brachte nichts ein, doch man spürte, wie sehr die mitgereisten Anhänger aus dem Ländle die Punkte mitnehmen wollten und alles andere frustrierend wäre. Eine Viertelstunde hatten wir noch zu überstehen, Leverkusens Trainer Sami Hyypiä nahm Heung Min Son vom Feld und brachte dafür Eren Derdiyok. Sandros Kumpel Uwe, der bei uns stand, gefiel das gar nicht. Der Leverkusener hatte seit über einem Jahr nicht mehr getroffen, Uwe war sich sicher, dass er das 2:1 machen würde. Weil solche Scheiße immer nur dem VfB passiert.

Eine zwayfelhafte Leistung

Fünf Minuten später wechselte auch Thomas Schneider, für Timo Werner kam Ibrahima Traoré, der seinen im Sommer auslaufenden Vertrag nicht verlängern wird und den VfB verlassen wird \“ allem Anschein nach in Richtung Gladbach. Schon traurig, dass Gladbach attraktiver ist und auch hinsichtlich Gehaltsvorstellungen großzügiger zu sein scheint. Mal schauen, was der quirlige Spieler aus Guinea hier noch in diesem Spiel rausholen kann. Bei manch einem Feld hätte er nicht mehr auf dem Feld stehen dürfen.

Für das, was wir da auf dem Spielfeld sahen, hatten wir keine Erklärung. Was war nur mit dem VfB los? Er verhielt sich so, als würde er 4:0 führen und müsse nicht mehr investieren, um die drei Punkte ins Ziel zu bringen. Langsam und behäbig trabten sie über den Platz, das Anpeitschen unsererseits interessierte sie anscheinend nicht. Au backe, da wird einem schlecht, wenn man das sieht. Ein wenig wurde mir schlecht in den letzten Minuten, ohne zu wissen, dass mir gleich geradezu kotzübel werden würde.

Nicht nur die herzlose Darbietung des VfB erzürnte uns zunehmend, auch Felix Zwayer pfiff eine Menge Unsinn zusammen, oder pfiff schlichtweg gar nicht, wenn es sich denn um eine Situation zugunsten des VfB handelte. Ein Foul an Alexandru Maxim wurde nicht gepfiffen, Leverkusen war im Ballbesitz und schon wieder unterwegs in Richtung Sven Ulreich.

Eine dunkle Vorahnung

„Oh Gott, bitte nicht“ \“ ein stilles Gebet, als ich die Werkself auf unser Tor zukommen sah. Die Abwehr war noch nicht in ihre Viererkette zurück gekehrt, das nutzte die Heimmannschaft gerne aus. Die Flanke kam von Sidney Sam, der Angst vorm Gästeblock hatte, auf Eren Derdiyok mit seiner Torflaute seit November 2012. Uwe hatte es schon geahnt. Mit einem Flugkopfball beendete er seine Flaute. War ja klar, ist ja schließlich der Aufbaugegner VfB.

Es waren zu diesem Zeitpunkt noch sechs Minuten zu spielen. Die Hälfte der Minuten, die der VfB brauchte, um in Führung zu gehen. Zwar sind wir die Frühstarter der Liga, doch sind wir leider auch die Schnarchnasen der Liga, kein anderes Team hat so viele Tore in den letzten 15 Minuten kassiert wie wir. Traurige Erkenntnisse, auch in diesem Spiel. Fußball ist derzeit schon ein ziemlich großes Arschloch zu uns, dabei haben wir ihm nichts getan.

Da wachten sie plötzlich auf, die Anhänger der Werkself. 85 Minuten lang hörte man nichts, aber nun hatten sie natürlich gut Lachen. Im Gegensatz zu uns. Es war nicht zu fassen, zum dritten Mal in Folge das Spiel aus der Hand gegeben. Ein paar Minuten waren noch zu spielen, hier geht vielleicht doch noch was, wenn sie jetzt endlich mal ihre überbezahlten Ärsche hochkriegen. Es hatte schon einmal geklappt vor fast zwei Jahren, als Martin Harniks Schuss in Zeitlupe in der 89. Minute noch über die Linie kullerte.

Erneut hergeschenkt

Das 3:1 sahen wir schon fast auf uns zukommen, Sven Ulreichs heroische Rettungstat bewahrte uns vor einem weiteren Gegentreffer, die Niederlage verhindern konnte auch er am Ende nicht. In den letzten Minuten wurde der VfB zum Vogelwild, panische und überhastete Aktionen ohne jeden Wert, unkontrollierte Aktionen, und Pech dann auch noch, als Vedad Ibisevic mit einer geschickten Körpertäuschung vor Bernd Leno auftauchte, aber drüber schoss.

Für Rani Khedira war kurz vor Schluss noch Cacau ins Spiel gekommen. Die Freude über den Rückkehrer war nicht gerade groß, wer will es uns verdenken, wieder ein Spiel hergeschenkt, so dämlich und unnötig. Knapp an Bernd Leno strich der Ball von Cacau am Kasten vorbei. Das wäre es gewesen. Das war es dann auch, es war die letzte nennenswerte Aktion des Spiels.Wieder geführt, wieder verloren \“ wie kann das nur sein?

Trotz allem versuchten wir, sie danach wieder aufzubauen. Wer will ihnen verdenken, dass sie nun geknickt waren. Und wer tröstet uns Fans, die wir Woche für Woche das Leid durchleben müssen? Es gibt keine Antwort auf die Frage. Recht zügig leerte sich der Block, auch wir machten uns bald auf den Weg. Draußen vor dem Stadion wartete Jonas bereits auf uns, zu dritt liefen wir mit hängenden Köpfen in Richtung Auto und ließen einen traumhaften Sonnenuntergang hinter uns.

Schockiert und frustriert gen Heimat

Auf dem Weg sichteten wir am Straßenrand einen Krankenweg, Rettungsdienste versuchten, einen adipösen Mann wieder zu beleben, der auf dem Gehweg lag. Schock. Doch man kann doch nicht einfach stehen bleiben und gaffen. Ob Leverkusener oder Stuttgarter, ich hoffe von Herzen, dass er durch gekommen ist. Weder von der Geschäftsstelle der Werkself noch vom Leverkusener DRK habe ich eine Info bekommen, ob er es geschafft hat.

Durch die selbe Matschepampe liefen wir wieder zurück, der Boden war weich und regengetränkt. Schnell noch beim Bauhaus für kleine Vielfahrer gewesen und ein Abendessen to go geholt, schon bald brachen wir wieder auf und waren unterwegs in Richtung Stuttgart. Reingesetzt, Laptop an, Bilder bearbeiten. Man kennt ja mittlerweile das Prozedere. Gut 950 Fotos galt es zu sichten, auszusortieren und zu bearbeiten.

Gegen 22 Uhr erreichten wir Bad Cannstatt. Bis ich alle Bilder soweit hatte, hatte der kleine Zeiger schon die Zwölf überschritten. Frustriert ging ich zu Bett, die Szenen des Spiels geisterten mir durch den Kopf und bildeten zusammen mit den Erinnerungen an die Spiele gegen Bayern und Mainz einen depressiven Mischmasch, der mich nur schwer einschliefen ließ. Gegen Augsburg müssen Punkte her, ohne jede Diskussion. Sonst wird es immer enger. Und Leverkusen? Das Beste an den Spielen bei der Werkself ist und bleibt die Currywurst vom Gästeblock.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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