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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Die Angst im Nacken

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Langsam bin ich es leid. Woche für Woche die selben frustrierenden Momente. Wenn es schon nicht die Mannschaft ist, für die die aktuelle Situation um den roten Brustring sichtbar mürbe macht, so sind es am Ende doch wir Fans, die das Lehrgeld zahlen. All unsre Zeit, unser Geld, unsere Opfer, unsere Liebe. Zum Dank ist uns offenbar keiner verpflichtet. So stehen wir da, mit nichts in der Hand, teilweise nicht einmal mehr mit dem letzten Rest Hoffnung.

Am Abend danach brachte ich es nicht fertig, mich an den Rechner zu sitzen und die ersten Tasten zu drücken. Der größte Frust ist nun abgeflacht, eine Leere bleibt zurück. Eine Lehre auch? Wie konnte das nur passieren? Die wenigsten von uns hatten es so kommen sehen. Mit Sicherheit werde ich am Montag Abend nicht fertig werden, ein paar Tage werde ich mich noch damit befassen müssen, bis der Spielbericht beendet, die Partie „verarbeitet“ ist und abgehakt werden kann.

Spurlos wird es nicht an uns vorbei gehen. Wie unser Auswärtsfahrer Gerd direkt nach dem Spiel sagte: „Davor war man so ein bisschen wie ‚Ach, halb so wild, wird schon wieder, dann holen sie die Punkte eben woanders‘, so wird nun der Wind rauer“. Im Herbst hatte ich bereits ein dumpfes Gefühl, als die Punktemaschinerie aus dem Ländle immer langsamer wurde und schließlich zum Stillstand kam. Man lachte mich aus, wegen meines krankhaften Pessimismus und der nicht immer angebrachten Art und Weise, bei Niederlagen recht schnell Panik zu entwickeln.

Bittere Erinnerungen an 2011

Woher kommt er eigentlich, der Pessimismus? Warum kann ich nicht optimistisch sein, beim allergrößten meiner Hobbies, der Lieblingsbeschäftigung, für die fast jedes Wochenende bereitwillig geopfert wird und Inhalt einer jeden Unterhaltung sein könnte? Es war nicht immer so. Es gab Zeiten, da pflegte ich eine kurze Frustdauer, gefolgt von einem sonnigen Gemüt und der wohligen Gewissheit, dass es der VfB schon irgendwie richten wird, „wie immer“.

Eines Tages war es nicht mehr „wie immer“. Jenes Jahr 2011, als der Abgrund bedrohlich nah vor unseren Füßen war, nagte schwer an mir und zerstörte unwiderruflich (???) den letzten Rest Optimismus in mir, stets an das Gute in meinem Verein, meiner Herzensangelegenheit, zu glauben. Erst seit wenigen Jahren trage ich den Brustring auf dem Trikot und in meinem Herzen, nicht einmal sechs Jahre ist mein erstes Heimspiel her. Und doch bereits der zweite Abstiegskampf.

Ist es da so abwegig, sich um den Verbleib im Oberhaus zu Sorgen? Was zuerst gelassen und dann verärgert zur Kenntnis genommen wurde, lässt mich zusehendst verzweifelter werden. Ich bin nicht die Einzige, die keine Ahnung hat, wie es nun weitergehen soll. Die Erinnerungen an 2011 sind fortwährend präsent. Jeden Tag laufe ich im Flur am „Niemals 2. Liga“-Schal vorbei, andere Schals hängen drüber, aber ich erkenne ihn trotzdem. Und erinnere mich.

Ein Blick in die Vergangenheit

Es war der 9. April 2011, gegen 20:20 Uhr. Trotz 2:1-Halbzeitführung verlor man, nein, verloren wir (denn genau das ist es), daheim gegen Kaiserslautern mit 2:4. „Das wars jetzt“ dachte ich, und trottete mit hängendem Kopf nach Hause, untröstlich, verbittert, deprimiert. Erst sechs Wochen später, eine Woche vor Saisonende, sprang man dem drohenden Abstieg noch von der Schippe. Kaum ein anderes Spiel bringe ich näher in Verbindung mit dem Ende aller Hoffnungen. Ich brauch den Spielbericht von einst nicht lesen – ich erinnere mich noch, als wäre es gerade erst letzte Woche gewesen.

In den letzten Wochen sind im Neckarstadion immer mehr dieser besagten Schals gesichtet worden. Auch fallen mir immer mehr die alten Rückstände der gleichnamigen Aufkleber ins Auge, die überall in der Stadt und im Umkreis verteilt wurden. Sie sind abgenutzt, verblichen, nahezu zerstört von der Witterung. Aber ich erkenne sie. Nie wieder wollte ich so etwas mitmachen. Und nun holt es mich doch schneller wieder ein, als mir lieb sein konnte.

Noch ist die Tabellenkonstellation anders. Als das Neckarstadion, dass sich damals im Umbau befand, rundherum von jenen Schals bedeckt war und ein riesiges Banner mit der wichtigsten Mission der Saison entfaltet wurde, war es Ende Januar. Der VfB war damals 17. in der Tabelle, ein direkter Absteiger also. Über drei Monate später, gegen Kaiserslautern, hatte man sich dort nicht weg bewegt, erst am Ende schaffte man es mit Ach und Krach über den Strich.

Ob Abstiegskampf oder Champions League – die Ansprüche der Fans

Die Moral von der Geschicht? Wenn wir das wüssten. Jedem von uns ging diese Saison an die Substanz. Zwei Saisons sind seither vergangen, mit Europapokal und DFB-Pokalfinale, tatsächlich Grund zum Beschweren hatte man nicht, man weiß ja mittlerweile, wie es sein kann. Mit einem Paukenschlag ging es los, das Wappen war wieder da, ein neuer Präsident ebenfalls, ein neuer Trainer folgte auch recht schnell. Wie auch die Ernüchterung.

Nach dem Hinspiel gegen Augsburg und drei verlorenen Partien musste Bruno Labbadia schließlich seinen Trainerstuhl räumen, verließ am Nachmittag das Trainingsgelände, nachdem das Auto, dass ihn zugeparkt hatte, bei Seite ging. Seither ward er nicht mehr gesehen. Ein halbes Jahr ist das nun her, 17 Spiele waren vergangen. Thomas Schneider übernahm uns auf dem 17. Tabellenplatz, nach einem zwischenzeitlichen Hoch und Platz Sechs (Europapokal!) bewegen wir uns wieder dorthin, wo wir hergekommen waren: dem Tabellenkeller.

Ohne es bewusst zu wollen, als Fußballfan entwickelst du früher oder später Ansprüche. Du schaust deiner Mannschaft zu und spielst in Gedanken die nächsten Wochen, oder gar Monate durch. Wie auch immer der Anspruch aussieht: ob Klassenerhalt oder Mittelfeld, was an sich keine nennenswerten Ansprüche für den VfB Stuttgart sein können, oder eben das internationale Geschäft, in dem sich der bruddelnde Schwabe am wohlsten fühlt.

Vom Leiden und Hoffen

Vor einigen Monaten noch ärgerte man sich über einen Punktverlust, der im Falle eines Sieges sogar über Nacht auf einen Champions League Platz geführt hätte. Wir beschwerten uns allen Ernstes, dass Spiele gegen Bremen, Frankfurt und Nürnberg nur unentschieden endeten. Wenn wir gewusst hätten, wo wir Mitte Februar stehen würden, ich wäre wesentlich dankbarer gewesen. Wenn man nur immer vorher wüsste, was hinterher von Belang ist, wäre das Leben auch weitaus unkomplizierter und stressfreier.

Fast zwei Seiten des Spielberichts sind geschrieben, noch kein Wort zur eigentlichen Partie. Will ich das überhaupt? Lohnt es sich überhaupt? Ist es notwendig, dass ich mir das Elend auf vfbtv ein weiteres Mal zu Gemüte führe? Die Antwort auf alle drei Fragen lautet: Nein. Quäle ich mich trotzdem: Ja. So, wie ich es schon immer getan habe, immernoch tue und vermutlich noch eine ganze Weile tun werde.

Warum? Als Fan muss man leidensfähig sein und solche Phasen durchmachen. Das Lachen von Felix und meinem besten Freund kann ich mir jetzt schon bildlich vorstellen. Ich und Leidensfähigkeit? Ha, der war gut. Fehlt es mir in diesen schweren Stunden auch an Mut und an Hoffnung, so widme ich meinen Weggefährten jene Worte: Durchhalten, lasst uns das gemeinsam überstehen. Es ist nicht einfach, wir sind mit unserem Frust nicht allein. Es wird schwer werden in den nächsten Wochen, so viel ist sicher.

Vom Wunschgegner zum Angstgegner in kurzer Zeit

Wieder mal eines dieser Spiele, wo Wunschdenken und befürchtete Realität meilenweit auseinander klaffen. Das Herz und die Hoffnung sagen „3:0!“, während der Verstand und die Erfahrung von einer Niederlage ausgehen, die mit jeder Woche nicht gerade einfacher zu verkraften ist. Einen Mix aus kaltem Wind und warmer Sonne hielt das erste Sonntagsspiel des 20. Spieltags für uns bereit. Im Zweifel lieber dicker anziehen als frieren, genau die richtige Wahl.

Richtig Bock hatte ich nicht, wie schon seit Wochen schwebt eine Depression über dem Kessel, die mit jeder Woche und jedem verlorenen Spiel undurchsichtiger und schwerer wird. Die Toten Hosen sangen es genau richtig: „Wo sind diese Tage, an denen wir glaubten, wir hätten nichts zu verlieren“ – lange her scheinen sie zu sein, frei von jeder Angst, dass aus den freilich einkalkulierten drei Punkten nichts werden könnte.

Es ist frustrierend, beschämend und lächerlich zugleich, dass man es hatte soweit kommen lassen, dass uns Gegner wie Augsburg schon lange nicht mehr fürchten. Im Gegenteil, zum willkommenen Punktelieferant sind wir geworden – und Saison für Saison bestätigt es die Mannschaft und straft uns Fans mit der Tatsache, dass keine drei Punkte eingerechnet werden können. Ein immer währender Drahtseilakt zwischen Europapokal und Abstiegskampf.

Halb Bier, halb Schaum – Vorglühen im Palm Beach

Reichlich früh waren wir aufgebrochen in Richtung Neckarstadion, ein (oder zwei oder drei) Bier trinken mit gemeinsamen Freunden im Palm Beach, später würden bestenfalls meine ehemaligen Kolleginnen Ann und Dani dazukommen, die ich beide sehr ins Herz geschlossen habe. Halb Bier, halb Schaum, aus Plastikbechern, der seine besten Jahre wortwörtlich schon hinter sich hatte: schätzungsweise aus dem Jahr 2009, mit Sebastian Rudy, Elson, Christian Träsch, Thomas Hitzlsperger und Andreas Beck.

Damals wurde der VfB „nur“ Dritter, bei einer glücklichen Fügung hätte er gar Meister werden können. Es frustrierte mich einst – ich war ja sowas von naiv. Diese Erinnerungen. Jetzt, wo man nicht mehr viel hat, an dem man sich festkrallen kann, sind es doch die Gedanken an vergangene Tage. Sie lassen mich nie vergessen, dass es trotz Leid und Enttäuschungen immer wieder aufwärts ging, aber auch, dass seit Jahren der Wurm drin ist und die Erfolgserlebnisse seltener werden.

Die liebe Dani und ihren Mann Ingo hatte ich noch kurz gesehen, Ann leider nicht mehr, sie war noch unterwegs, als ich bereits das Stadion betrat. Wo früher Vorfreude, Sehnsucht und Optimismus herrschten, wird der Gang die Treppenstufen hinab immer schwerer. Daheim bleiben wäre eine Option, meinen Außenstehende. Sie wissen nicht, was für ein Gefühl es ist, hinter einem Verein zu stehen – was nicht immer leicht ist, keine Frage.

Der tiefe Graben

Wer es geschafft hat, bis hierher zu lesen, wird nun hoffentlich nachsichtig sein. Ich werde nicht jeden einzelnen Fehlpass und jede Nachlässigkeit im Spielaufbau genau analysieren. Je schneller ich fertig bin, das Spiel anzuschauen, desto besser. Etwas, was ich nun schon seit Wochen gedanklich zu mir selbst sage, bevor der VfB spielt: „Bitte lass es schnell vorbei sein“. Die Zeit heilt alle Wunden, heißt es. Fürs erste reiße ich sie wieder auf. Das Blut wird gerinnen. Doch wie so oft im Leben: Narben bleiben.

Begleitet von einem farbenprächtigen Intro und bei toller Stimmung begrüßten wir die Protagonisten auf dem Rasen. Wir konnten noch nicht ahnen, dass es der positivste Moment des Tages sein sollte. Schals, Fahnen, Doppelhalter, die Kurve hatte das Herz immer am rechten Fleck. Mein Zuhause, meine Leute, meinesgleichen. Thomas Schneider bezeichnete sie kurz zuvor als eine der besten Kurven Deutschlands, das Problem mit der Haupttribüne ging zumindest nicht völlig an ihm vorbei.

Leistung zeigen und Herzen zurück gewinnen – klingt einfach, ist es aber ganz und gar nicht. Ein Graben klafft zwischen Haupttribüne und Cannstatter Kurve, ihn zu schließen, wird noch Jahre brauchen. Der Alltag sieht bitter aus, man pfeift sich mittlerweile sogar schon gegenseitig aus. 15:30 Uhr, Anpfiff. Ein unwohles Gefühl lag mir im Magen, nichts Neues eigentlich, und ich möchte kein Wort über selbsterfüllende Prophezeiungen hören.

Hoffnungsvoller Beginn

Da standen wir nun, in der Cannstatter Kurve, zum Beginn eines Spiels, das uns so viel weiterhelfen könnte, wenn man die drei Punkte hier festhalten würde. Die Köpfe der Jungs waren schwer, die Augsburger reisten mit großem Selbstbewusstsein an, alles andere als ideale Voraussetzungen. Der Ball rollte, ein bisschen Hoffnung war da, man wurde jedoch vorsichtig. Drei Mal geführt, drei Mal in den letzten fünf Minuten die Punkte vollständig hergeschenkt. Das kann ja was werden.

Man kann ihnen noch nicht einmal absprechen, dass sie sich nicht bemüht hätten – zumindest am Anfang. Was wäre es nur für ein sehenswertes Tor gewesen, wenn Mohammed Abdellaoue nach Vorlage von Gotoku Sakai mit seinem Hackentrick ein Tor erzielt hätte? Dann wäre hier Stimmung in der Bude gewesen. Wieder waren viele Plätze leer geblieben, betrachtet man die nicht gerade kleine Anzahl an Gästefans hatten wir hier das nächste Armutszeugnis in Sachen Zuschauerinteresse.

Es regnete, hin und wieder drückte der Wind ein paar Tropfen in die Cannstatter Kurve. Keine angenehmen Bedingungen, aber wenn du da unten rauswillst, musst du mit dem beschissensten Mistwetter klar kommen können. Ist es zwar noch weit von dem entfernt, was wir Fans uns erwartet hatten, so kann man die ersten Minuten weitläufig als „dominant“ bezeichnen. Offensiv ausgerichtet, kontrolliert, überlegt (für aktuelle VfB-Verhältnisse zumindest). Augsburg? Harmlos, geradezu gelangweilt.

Aus dem Nichts im Rückstand

So gefällt uns das – eine missglückte Rettungstat strich erneut nur knapp am Tor vorbei, wieder unser norwegischer Neuzugang aus Hannover. Erneut fehlte nicht viel. Erst in der Wiederholung war zu sehen, dass Vedad Ibisevic, der noch für Gesprächsstoff sorgen würde, den Ball noch am Tor vorbei gelenkt hatte. Einfach hochspringen und es wäre die frühe Führung nach ein paar wenigen Minuten sein können. Doch war das erstrebenswert? Die letzten drei Spiele gingen wir am Ende als Verlierer vom Platz, trotz früher Führung.

Sie hatten es in der Hand und haben nichts daraus gemacht. Immer wieder kamen sie zu guten Chancen und haben nichts, aber auch wirklich gar nichts draus gemacht. Manchmal brauchts eben ein Schlückchen Zielwasser, dann musst weiter machen, weiter, weiter, immer weiter. Die erste halbe Stunde machten sie das ziemlich gut. Das wars dann aber auch. Wie dankend ich mit dem Wissen von später ein mageres 0:0 angenommen hätte.

Zehn Minuten bis zur Pause. Es plätscherte ein wenig vor sich hin, viele waren bereits auf dem Weg zu den Imbissständen. Auch in der Cannstatter Kurve bewegte sich was, ein paar Auserwählte wurden zum Organisieren von Biernachschub geschickt. So langsam ging es los, mit den Pfiffen von der Haupttribüne. Jeder Rückpass auf Sven Ulreich schürte den ersten Unmut, völlig unnötig zum derzeitigen Zeitpunkt.

Die Kacke dampfet gar sehr

Wer noch an den Imbissständen anstand, konnte das Raunen noch vernehmen, bevor sie an ihre Plätze zurück kehrten. Lasche Abwehr, unbeschwerte Flanke, zack, Rückstand. Was für uns nach vorne so schwer ist, ist hinten rum so leicht zu kassieren. Aus dem Nichts. Augsburg wollte gar nichts von uns. Und nun führten sie. Man könne jetzt sagen „War ja irgendwie klar!“, aber anders als die letzten Tore bettelte der VfB nicht darum.

Ein reines Zufallsprodukt, nun sang der Gästeblock. Unsere Welt auf den Kopf gestellt. Und es wurde schlimmer. Einen Rückstand würde es brauchen, sagte man mit Galgenhumor. Dann würde man ein Spiel vielleicht auch mal drehen können? Ich schaute nach rechts zu einem Kumpel aus dem Fanclub, dass wir das Spiel noch drehen würden, dessen war er sich sicher und warf mir einen beruhigenden und wissentlich lächelnden Blick zu. Hoffentlich.

Nun fingen sie an zu wackeln. Aus den ersten guten 30 Minuten kein Kapital geschlagen, nun im Rückstand und kurz vor der Halbzeitpause auch noch bedrohlich anfällig. Irgendwie noch in die Pause schleppen, eine deftige Ansprache von Thomas Schneider und das Beste hoffen. Denkste. Auch das zweite Augsburger Tor kurz vor der Pause blieb uns nicht erspart. André Hahn mit dem 0:2.

Die Nerven verloren

Wars das jetzt? Man fiel förmlich auseinander. Nichts ging mehr. Pause. Pfiffe. Fast schon mit einer Selbstverständlichkeit. Es war eine kurze Halbzeitansprache, recht schnell waren die Jungs wieder draußen. Was mit dem Betreten des Feldes zu vernehmen war, verstehe ich nicht. Gerade einmal war die Mannschaft auf dem Feld, schon pfiffen die „Fans“ wieder, die Haupttribüne mal wieder. Was soll das? Bin ich die einzige, die keinerlei Verständnis dafür hat? Hilft es den Jungs, wenn wir sie auspfeifen, noch bevor das Spiel ganz zu Ende ist?

Acht Minuten waren im zweiten Durchgang gespielt. Ein Wille war noch erkennbar. Noch. Die halbwegs gefährliche Situation im Augsburger Strafraum, die eine Ecke für den VfB zur Folge hätte haben müssen, war vorbei, der Ball längst weg, das Spielgeschehen einige Meter weitergezogen. Ein Augsburger ging zu Fall, immer diese Theatralik. Schnell kam es zum Handgemenge, eine aufgewühlte Kurve, erhitzte Gemüter. Pfiffe. Geschubse. Fragende Blicke.

Und mittendrin: die rote Karte. Für den VfB, für Vedad Ibisevic. Der Kapitän fliegt vom Feld. Was war passiert? Ein Wischer mit dem Arm, ein Ellbogencheck? Live konnte man unmöglich genau sehen, was passiert war. In der Nachbetrachtung dann die traurige Gewissheit: es war Rot. Da hat uns der Ersatzkapitän einen Bärendienst erwesen. War es eine Tätlichkeit? Ja. Wird diese hart bestraft werden? Mit Sicherheit. Am nächsten Tag stand fest: fünf Spiele Sperre, ohne Diskussion.

Ernüchternde Bestandsaufnahme

Was für ein bitterer Tag bisher. Bestandsaufnahme: 0:2 im Rückstand, einer weniger auf dem Platz, den besten VfB-Torschützen verloren. Halten wir mal fest: alles andere als befriedigend. Was folgte, war fast klar: ein schneller Angriff der motivierten Augsburger, die ihre Chance nun witterten. Schnell, gnadenlos, eiskalt. Keine Stunde gespielt, drei Gegentore. Oh man. „Hier regiert der FCA“. Traurig, aber wahr. Noch immer versuchte die Cannstatter Kurve dagegen zu halten. Es wurde schwerer und schwerer.

Der Blick aufs Spielfeld wurde ein wenig versperrt, zwei Herren hatten sich zu Beginn der Halbzeitpause vor mich gestellt, was mir freilich nicht gefallen konnte. Ich seh auch so schon zu wenig. Es ließ sich nicht vermeiden, dass ich ihrer lautstarken Unterhaltung lauschte, zwei offenbar grundentspannte Herrschaften, deren Dialekt mir doch sehr bekannt vorkam. Moment mal…?! Frag ich nach? Nein, ich lass es lieber. Vorerst.

Es schien im VfB-Trikot nur einen zu geben, der sich bemühte, sich dagegen wehrte, was hier auf dem Feld abging. Wollte man sich wirklich so vorführen lassen? Wofür kassieren sie solche Millionengehälter, wenn sie in den 90 bis 95 Minuten, in denen es wirklich darauf ankommt, nicht wirklich anwesend und bei der Sache sind? Nur Konstantin Rausch wehrte sich, erzielte nach 62 Minuten den Anschluss. Einen Moment der leisen Hoffnung? Hier noch mit 4:3 gewinnen – Optimisten bitte nach vorne treten!

Gespenstische Stille

Lange währte die Freude nicht. Kurz darauf gab es auf der anderen Seite das 1:4, das Spiel war nun definitiv gegessen. Die Hölle auf Erden, mitten im Schwabenländle. Es war das Ende aller Hoffnungen, aller Geduld nd allen Supports. Es war vorbei. Die Kurve verstummte. Die beiden „Neuzugänge“ direkt vor mir versuchten sich als Anstimmer, „Scheißegal!“ sang der eine. Keiner antwortete. Traurig schüttelte ich den Kopf.

Gespenstische Stille im Neckarstadion. Wenn wir nicht singen, wer dann? Haupttribüne? Gegengerade? Keineswegs. Es sang der Gästeblock – verständlich, sie waren oben auf, da führten sie uns vor, die bayerischen Schwaben, bei denen wir bereits im Hinspiel gescheitert waren. Die beiden Herrschaften unterhielten sich mit Bekannten von mir, die neben und vor mir im Block standen. Ich lauschte nicht bewusst, registrierte mit halbem Ohr ihre Unterhaltung.

„Weißt du, wir kommen aus Leipzig“ – WAS??? Das Spiel war eh gelaufen, der Support versickert, da kann ich mich genau so gut auch unterhalten. Na so ein Ding. Ich tippte einem von ihnen auf den Arm: „Ich bin auch aus Leipzig“ – die Welt ist klein und der Block ist ein Dorf, oder zumindest so ähnlich. Wo kommst du her, wie lange bist du schon hier, warum bist du VfB-Fan. Es waren die nettesten Minuten des gesamten Spiels.

Drei Leipziger unter sich

Viel bekam ich vom Rest des Spiels nicht mehr mit. Es ging nicht mehr um eklatante Fehlpässe, die Leichtigkeit der Gegentore oder die psychologischen Konsequenzen für die Spieler, die Mannschaft, für die nächsten Wochen. Es ging um Lok, Chemie, Red Bull, warum ich schon länger eine Dauerkarte habe, als ich Stuttgart lebe, warum mich der Leipziger Fußball nie so sehr gereizt hat, wie es der VfB einst konnte. Ein bisschen auf andere Gedanken bringen, bei klarem Verstand kannst du das hier ja sowieso nicht ertragen.

Schiedsrichter Jochen Drees packte nochmal zwei Minuten oben drauf. Dann war es endlich vorbei. Komm, pfeif ab, ist jetzt sowieso schon zu spät. Der Unparteiische, der beim Platzverweis das Ziel aller Aggressionen wurde, pfiff das dunkle Kapital ab. Was für eine Schande. Die Reaktion der Zuschauer war vorprogrammiert, lautstark machte man dem Ärger Luft, zurecht. Hat mal jemand Ohropax?

Leid konnten einem nur die jungen Spieler tun, die natürlich auch ihre Fehler gemacht hatten, aber es nicht die kleinen Kleinigkeiten waren, die am Ende das Spiel kippen ließen, sondern mangelnde Teamarbeit. Warum man es wieder nicht schaffte, aus einer akzeptablen Anfangsphase den richtigen Weg einzuschlagen, lässt uns Fans ein weiteres Mal ratlos zurück. Ein rabenschwarzer Tag für den roten Brustring. Die beiden Leipziger hatten sich schon verabschiedet, ich drückte beiden noch zum Abschied ein Visitenkärtchen in die Hand. Sollten sie das lesen, entsende ich herzliche Grüße.

Kämpfen oder gehen – die Mannschaft auf Konfrontationskurs

Lange schien es so, als wollten sie der drohenden Konfrontation aus dem Weg gehen. Minutenlang blieben sie am Mittelkreis, weit entfernt von der Cannstatter Kurve, die sie bereits herzitiert hatten: „Kommt, kommt, kommt!“ – wer stets die Spiele des VfB besucht, wusste, was kommt. Schnell stiegen viele Fans auf die Mauer vor dem Block, ausgebreitete Arme, Gestiken, die nicht gerade von Optimismus zeugen.

Normalerweise bleiben sie stehen. Zwei Meter vor der Kurve ist Schluss, ob Sieg oder Niederlage. Cacau und Sven Ulreich machten den Anfang, überwanden die Bande, vorbei an den Sicherheitsleuten. In die Höhle der Löwen, die ausgehungert und richtig sauer waren. Sie stellten sich. Eines muss man ihnen lassen: das war durchaus mutig. Die restlichen Spieler folgten. Ich habe weder etwas gesehen noch gehört, was sie besprochen hatten, kann daher nur Mutmaßungen anstellen. Der Grundtenor wird der gewesen sein: „Reißt euch endlich den Arsch auf, bevor es zu spät ist“.

„Kämpfen und siegen“, das ist alles, was sie tun müssen. Sie haben es selbst in der Hand. Aber die Köpfe sind schwer, das kann man sich bestens vorstellen. Bei allem Geld, welches im Profifußball fließt, ist der Kopf blockiert, hast du keinen Einfluss mehr. Dann sind die Beine schwer, nichts gelingt, und dann hast du ein Publikum, welches dich zum Teil lieber auspfeift als dich unterstützt. Es gibt derzeit einfachere Jobs, als Spieler (oder Trainer) beim VfB Stuttgart zu sein.

Ein ungewisser Blick in die Zukunft

Sie waren wieder da, die Erinnerungen an 2011. Es fühlte sich ein wenig an wie einst jenes Spiel gegen Kaiserslautern. Datum und Tabellenplatz waren anders, die Ausgangssituation und die Hoffnung aufs rettende Ufer ebenfalls. Die Angst sitzt mir bereits seit Wochen (und Monaten) im Nacken. Vielleicht ist eines Tages der Zeitpunkt erreicht, wo Hoffen und Bangen, jeglicher Optimismus und gutes Zureden nicht mehr ausreicht und der VfB den bitteren Weg in die zweite Liga antreten muss.

Schnell weg hier. Es war wieder eines dieser Spiele, wo ich für gewöhnlich so versteinert im Block verharre, ungläubig, was ich gesehen habe, nicht in der Lage, mich fortzubewegen. Der Gedanke an Freundin Dani, die draußen auf mich wartete, riss mich zumindest für ein paar Minuten aus meiner Lethargie. Auf der Anzeigetafel wurde bereits das nächste Heimspiel gegen Berlin angekündigt. Man will ja gerade gar nicht darüber nachdenken. Draußen an der großen Treppe vor der Cannstatter Kurve nahm sie mich tröstend in den Arm. Sie kennt mich und weiß, wie sehr mir das an die Substanz geht.

Schon recht bald musste sie zum Bus, Felix und ich trabten nach Hause. Sorgfältig verarbeitete ich die Bilder, verdrängte den Gedanken an das Gesehene, und schlief erst nach Mitternacht ein. Ich träumte von den Tagen, als alles gut war. Als ich mir mehr Sorgen darum machen musste, ob mir mein Chef für die internationalen Spiele freigibt. Ob daraus bald Montagsspiele werden, wird sich zeigen. Kämpfen, VfB! Kämpfen, Cannstatter Kurve! Niemals 2. Liga!

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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