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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Die Nerven liegen blank

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Noch nie habe ich so viel Ratlosigkeit und Verzweiflung und den Gesichtern der Cannstatter Kurve gesehen. Keiner weiß, wie es weitergehen soll. Antworten gibt es nicht. Durchhalteparolen, jede Woche aufs Neue. Im Fanblock schlägt man sich schon gegenseitig die Köpfe ein, mehrere Raufereien untereinander. Die Stimmung am Neckar ist gekippt. Und forderte am Sonntag das erwartete Bauernopfer. Thomas Schneider kann einem wirklich leid tun.

Wut, Frust und Enttäuschung, wohin man auch schaut. Anderthalb Stunden nach Abpfiff standen wir noch in der Cannstatter Kurve, fassungslose Blicke, frustriertes Pfeifen. Der Verein steht am Abgrund, jeder fürchtet um den Abstieg, doch keiner kann sagen, wie man ihn verhindern kann. Ein weiteres Mal kosteten uns die letzten zehn Minuten die Punkte, 2014 kommen wir somit bereits auf neun verschenkte Zähler, die am Ende so wichtig sein könnten.

Fahrlässig, dämlich, unglücklich, in diesem mehr als grausamen Kalenderjahr war schon jede denkbare Erniedrigung dabei. Häme und Spott müssen wir uns nun gefallen lassen. Sämtliche machbare Spiele, wo drei Punkte zumindest noch durchaus drin gewesen wären, verloren \“ oder wie gestern \“ gefühlt verloren. Nur ein Punkt gegen den Tabellenletzten. War es das jetzt? Die Hoffnung schwindet nun langsam auch bei den letzten Optimisten.

„Wie geht es weiter?“ – „Keine Ahnung“

Ich hatte noch keine Zeit, das Ganze sacken zu lassen. Zu frisch die Ereignisse des gestrigen Abends, zu ernüchternd die Erkenntnis, dass der Trainer doch stets die Sollbruchstelle in einem Verein ist. Wie hat es sich angefühlt, als wir 2011 so akut bedroht waren, oder 2009, als uns die geballte Wut auf die Straßen trieb? Mag sein, dass ich versucht habe, es zu verdrängen. Es war schlimm, sehr schlimm. Doch ist es vergleichbar mit der aktuellen Situation? Schwer zu sagen.

Sicher bin ich mir nur, dass die Aussicht auf bessere Zeiten nie weiter entfernt war als zu diesen Wochen. Wo man vor drei Jahren noch den Willen und den Teamgeist sah, oder vor fünf Jahren der Umbruch noch vor der Winterpause kam, steht man nun an einem Punkt, wo niemand genau sagen kann, ob die Zeit noch ausreichen wird. Die Gesichter sind leer. Die Spieler kamen nach gut eine Stunde nach Abpfiff in die noch gut gefüllte Kurve.

Sie suchten das Gespräch, das muss man ihnen anrechnen. „Wie geht es weiter?“ hatten wir sie gefragt. Sie antworteten: „Keine Ahnung“. Das zu hören macht einem Angst. Dabei standen alle Zeichen auf Heimsieg. „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ hieß es vor dem Spiel. Gegen den Tabellenletzten muss ein Dreier eingefahren werden, alles andere wäre eine Katastrophe, meinte Christian Gentner vor dem Spiel. Bitte sehr, Gente \“ die Katastrophe haben wir nun.

Bauernopfer und Sollbruchstelle

Es ist so unheimlich schwer, hier die Fassung zu wahren. Wie entspannt und unaufgeregt doch ein Leben ohne Fußball wäre, oder anders, ohne diese leidenschaftliche Emotion, mit der ich Woche für Woche im Stadion steh. Es wäre langweiliger, mit Sicherheit. Doch ist der Schmerz und die Wut bisweilen so groß, dass eines Tages der Punkt gekommen ist, wo man nicht mehr kann. Ich habe schon von Leuten gehört, die ihre Dauerkarte verkauft und ihre Auswärtsdauerkarte zurück gegeben haben. Allenfalls schauen sie sich die Spiele bei Sky an, schalten nach der Partie ab und kehren ins normale Leben zurück.

Der Optimismus war vor dem Spiel deutlich zu spüren. Nach dem Trainerchaos zu Beginn der Woche, als Thorsten Fink bereits als designierter neuer Trainer am Neckar durch die Medien geisterte, war die Erleichterung, dass sich der Aufsichtsrat doch zu Thomas Schneider bekannt hat, groß. Dass er der richtige Trainer mit dem richtigen Konzept ist, dessen war ich mir sicher \“ vielleicht war seine Zeit nur einfach noch nicht gekommen.

Die erste Station als Profitrainer, die Unerfahrenheit mit dem Abstiegskampf, das alles kostete ihn am Sonntag Morgen den Job. Von vielen erwartet, von den meisten jedoch mit einem traurigen Beigeschmack zur Kenntnis genommen. „Schade“ war die häufigste Meinung. Wie so oft das erste Bauernopfer, das war schon immer so und wird sich vermutlich auch niemals ändern. Die häufigsten Antworten auf die Tipps zum Ergebnis lauteten 3:1 und höher. Muss doch drin sein, gegen Braunschweig, oder? Zumindest sollte man das meinen.

Neue Hoffnung durch Timos Verbleib

Es war ein sonniger Tag, fast überall zulange erfreute man sich an frühlingshaften Temperaturen, für Felix war die 16-Grad-Marke Grund genug, die kurze Hose aus dem letzten Eck des Kleiderschranks hervor zu kramen. Die Jacke blieb daheim, als wir uns am frühen Nachmittag auf den Weg machten. Ein Gefühl des Aufbruchs lag in der Luft, die erste gute Nachricht des Jahres 2014 verkündete der Verein am Donnerstag: Timo Werner unterschrieb einen Vier-Jahres-Vertrag, ohne Ausstiegsklausel, auch gültig in der 2. Liga. Ein besonderes Bekenntnis in dieser schwierigen Zeit.

An der Unterstützung der Fans sollte es ebenfalls nicht mangeln, bereits wenige Tage zuvor vermeldete der Verein bereits ein ausverkauftes Haus, begünstigt von vielen angereisten Gästen sowie der Freikarten-Aktion des VfB. Da ließen es sich selbst Jene nicht nehmen, die sonst bei schlechtem Wetter und Abstiegskampf daheim bleiben. Die Allermeisten von ihnen werden so schnell nicht wiederkommen.

Geile Stimmung, geiles Spiel, und am Ende wieder nicht die Wende geschafft. Was braucht die Mannschaft denn noch, um die so wichtigen drei Punkte einzufahren? Die Verunsicherung ist riesengroß, man kann es der Mannschaft ansehen, und auch Thomas Schneider, der seit Wochen um seinen Job bangen musste. Eigentlich hätte es so gut gepasst, ein Sieg gegen Braunschweig, weiter arbeiten mit Thomas Schneider, sich aus dem Dreckloch heraus kämpfen und mit frischer Stärke in der neuen Saison wieder angreifen.

Warten auf das Erfolgserlebnis

Positive Schwingungen vor den Toren des Neckarstadions, trotz der düsteren Wochen, die hinter uns liegen. Jetzt zusammenzustehen, das gemeinsam durchzuziehen, ist doch so wichtig für uns Fans und den gesamten Verein. Dessen waren wir uns bewusst und wollten diesen Strohhalm ergreifen. Mit Timo Werner und Thomas Schneider in eine positive Zukunft, ein Sieg heute und dem wäre nichts mehr im Wege gestanden. Ein einziges Erfolgserlebnis, es hätte so positiven Einfluss auf die Psyche der Mannschaft und die Stimmung einer ganzen Region.

Besondere Anlässe erfordern besondere Maßnahmen \“ die große Kamera musste mit. Nur allzu gerne wollte ich den Moment festhalten, in dem es wieder bergauf gehen würde. Nie zuvor in dieser schwierigen Zeit standen die Vorzeichen so gut wie an diesem Samstag im März. Ich betrat den Block mit einer Mischung aus Vorfreude und Hoffnung, trotz aller Niederlagen in den letzten Spielen, aufgegeben haben wir Fans doch noch nicht. Wir waren uns sicher: Heute gibts einen Heimsieg.

In der anderen Ecke des Stadions hatten sich bereits zahlreiche Braunschweiger versammelt. Zu verlieren haben sie nichts, sie genießen jedes Erstligaspiel, was sie haben können und sind nicht allzu traurig, wenn das Abenteuer Bundesliga nach dieser Saison wieder zu Ende geht. Wir hatten durchaus etwas zu verlieren. Und wenn der Druck am größten ist, wer kann schon genau voraussagen, wie die Mannschaft reagieren wird?

Alle Augen auf Thomas Schneider

Am Support soll es nicht scheitern, das galt für das Spiel gegen Braunschweig ebenso wie für alle anderen Spiele zuvor. Vor drei und vor fünf Jahren reagierte man auf die Misere mit jeweils einem unterstützungslosem Spiel gegen Bochum und gegen Odense. So fühlt sich zweite Liga an, wollte man ihnen damit sagen. Beide Spielzeiten sprach man dem Abstieg noch von der Schippe, weil die Reißleine gezogen wurde und Christian Gross und Markus Babbel gegangen worden waren. Danach wurde es fast immer augenblicklich besser.

Die Reihen hatten sich gefüllt, es wurde gut eng in der Cannstatter Kurve, auch die leeren Sitze, die in den letzten Monaten, gar Jahren, stets frei geblieben waren, füllten sich allmählich. Familien mit Kindern, Gelegenheitsstadiongänger, Fans, Sympathisanten, sie alle fanden den Weg ins Stadion. Mit so einer Unterstützung muss es doch klappen, dachten wir uns. Komm schon, es ist der Tabellenletzte. Wer da nicht gewinnt, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.

Den Gedanken, dass Braunschweig auch Hamburg niederrang, drängte ich soweit weg wie nur irgendwie möglich. An der Seitenlinie stand Thomas Schneider in einem schwarzen Polo-Shirt. Unzählige Kameras waren auf ihn gerichtet. Als würden sie ahnen, dass sie diese Bilder später noch anderweitig verwerten können. Es muss ein unangenehmes Gefühl sein, an der Seitenlinie auf dem Schleuderstuhl zu sitzen.

Verlieren verboten

Welch wunderschönes Fahnenmeer, du wunderbare Kurve, du meine Heimat, meine Liebe. Hier zu stehen, sollte mich immer mit Stolz erfüllen, wer will es mir aber verdenken, dass es derzeit einfach keinen Spaß macht. Gewinnen wir heute das Ding, sieht alles ganz anders aus. Ein Sieg für den Kopf, das wäre so unheimlich wichtig. Alles andere wird man dann einfach sehen. Ruhe reinbringen, das wäre jetzt wirklich angebracht. Zu viele Schlagzeilen in den letzten Tagen, die Angst geht um.

Christian Dingert führte beide Mannschaften aufs Feld. Schon im Vorfeld, als die Ansetzung des Unparteiischen-Gespanns bekannt gegeben wurde, zuckte ich ein wenig zusammen. Unvergessen dieses eine unsägliche Spiel. So viele „unzählige“ Male (stimmt nicht, zählen könnte ich sie) stand ich hier, heute war wieder einer dieser Gänsehaut-Momente, wo du spürst, dass etwas in der Luft liegt.

Es war die Hoffnung auf den Sieg und der Glaube an den positiven Umbruch, eine Fortsetzung der Erfolgsgeschichte. Es war 15:30 Uhr, Anstoß im Neckarstadion. Auf gehts, Jungs, wir wissen, dass ihrs könnt. Die ersten Minuten liefen, die Stimmung war super, so wie es in jeder Partie sein sollte. Was wäre es hier laut geworden, wenn Martin Harnik nach nur drei Minuten nicht noch von Benjamin Kessel gestört worden wäre? Der Weg wäre frei gewesen zum frühen 1:0.

Vorsicht ist trotzdem geboten

Das Publikum war da, es erhob sich zum darauffolgenden Eckball, schwenkte die Schals und sang für den VfB. Zusammenstehen, bis zum Schluss. Brachte die Ecke auch nichts ein, so hatten wir keinen Zweifel an einem positiven Ausgang dieses Spiels. Sie machten das ordentlich in den ersten Minuten, der Wille war ihnen deutlich anzumerken. Gänzlich ungefährlich war aber auch der Gast aus Niedersachsen nicht, Eckbälle und Freistöße blieben jederzeit eine Gefahr.

Uns Fans störte das zunächst nicht wirklich. Wir gaben Vollgas, sind da, wenn es drauf ankommt, zumindest während des Spiels. Gut 25 Minuten waren gespielt, als die Zweikämpfe intensiver wurden und man auch mal einen Ball einfach weggeschlagen hat. Ein eigentlich ungefährlicher Einwurf für die Braunschweiger nahe der Eckfahne vor Cannstatter Kurve und Haupttribüne, hoch konzentriert bleiben, dann wird das schon.

Auch wenn Braunschweig letzter ist, man tät gut daran, sie nicht zu unterschätzen. Das hat Hamburg auf üble Art und Weise erfahren müssen, als sie den Niedersachsen unterlagen. Damals freuten wir uns für einen kurzen Augenblick, mittlerweile sieht das auch wieder anders aus. Stand heute trennt uns nur die Tordifferenz von den punktgleichen Hamburgern.

Rückstand gegen den Tabellenletzten

Bei besagtem Einwurf war Daniel Schwaab seinem Gegenspieler Karim Bellarabi zugeteilt. Was ihn dazu bewegte, nicht richtig drauf zu gehen, wird wohl für immer sein ganz persönliches Geheimnis sein. Fast schon alternativlos avanciert er zum noch besten Mann in einer instabilen Abwehr, schon traurig, das mit ansehen zu müssen, obwohl es ihm an Einsatzwillen und Sympathie nicht mangelt. Es ist manchmal die Qualität, die fehlt. Wie bei diesem Einwurf.

Irgendwie mogelte er sich am Innenverteidiger vorbei, flankte in aller Seelenruhe in den Innenraum, wo Jan Hochscheidt stand, ebenfalls unbedrängt. Nichts zu machen für Sven Ulreich. Kopfschütteln. Das hier sollte unser neuer Aufbruch sein. Nun lagen wir zurück gegen den Tabellenletzten? Was stimmt nur mit diesem Verein nicht? Der Torschütze rannte zur Eckfahne, tippte dabei mit dem Zeigefinger auf sein Handgelenk \“ die Spätstarter der Liga kann also doch „frühe“ Tore.

Kurz schaute ich mich um, es war ein kurzer Moment des Schocks. Auch schaute ich auf Thomas Schneider, dessen Entlassung \“ wenn es bei dem Ergebnis bleibt \“ so sicher kommen wird wie das „Amen“ in der Kirche. Hilflos stand er an der Seitenlinie, klatschte in die Hände und wollte den Jungs damit ein weiteres Mal zeigen „Gebt nicht auf, macht weiter“. Böse Zungen und konsequente Schneider-Hater hatten stets behauptet, er würde die Gegentore bejubeln. Einbildung ist immerhin eine Art der Bildung.

Wiedergutmachung geglückt

Für lange Abschläge ist Sven Ulreich ja (leider) bekannt, lang und weit ins Feld hinein. Dass daraus die Chance zu einem Tor erwachsen würde, hatte ich nicht mehr für möglich gehalten. Sie pflückten den Abschlag herunter, hielten den Ball in den eigenen Reihen und auf einmal war sie da, die Chance! Arthur Boka flankte auf Martin Harnik, gedeckt von zwei Braunschweigern, auch der Torhüter Daniel Davari stand so, dass ein direkter Kopfball nicht viel gebracht hätte. Er löste es cleverer.

Statt direkt auf den Torhüter köpfte er nach links, wo sich Alexandru Maxim davon gestohlen hatte. „Ich mache es wieder gut“ entschuldigte er sich flehentlich nach dem vergebenen Matchball gegen Frankfurt, der uns \“ ohne es an ihm festmachen zu wollen, wer mich kennt, weiß, wie viele große Stücke ich auf den Rumänen halte \“ die Wende unfreiwillig versaut hat. Wieder hielt er den Schlappen hin \“ aber diesmal jubelten wir.

Dieses süffisante Dauergrinsen auf meinen Lippen, dass stets breiter ist als bei den meisten anderen Torschützen. Die Nummer Vierundvierzig. Obwohl ich seit spätestens Christian Träsch und vor allem Mario Gomez wissen sollte, dass jeder Spieler eines Tages weg sein wird. Zehn Minuten waren noch zu spielen im ersten Durchgang, zumindest hatte der VfB ausgeglichen, gute Sache, dass wie immer in den letzten Wochen: wenn das zweite Tor nicht fällt, der Gegner schießt es in der Schlussphase nur allzu gerne.

Das lang ersehnte zweite Tor

Fünf Minuten waren vergangen, seit wir Alexandru Maxim als Ausgleichstorschützen feiern durften. Das alleine war schon ein gutes Zeichen. Jetzt schnell nachlegen! Und wie schnell?! Kaum waren fünf Minuten vorbei, da gelang Martin Harnik etwas Unglaubliches. Die Vorlage kam von Alexandru Maxim, diesmal war es umgekehrt. Mit der Brust angenommen, geschickte Körperdrehung und dann per Dropkick aufs Tor. „Den hält er eh“ dachte man, trotzdem buxierte er das Leder an Daniel Davari vorbei ins Tor.

Sooooo wichtig! Der Frust der letzten Wochen entlud sich, das so verdammt wichtige zweite Tor, dass dem VfB seit dem Heimsieg gegen Hannover am 7. Dezember nicht mehr gelungen war, da war es endlich. Viel passierte dann nicht mehr bis zur Halbzeitpause zehn Minuten später, mit einem Lächeln genoss ich meine Capri Sonne. Das 2:1 zur Pause machte ein wohliges Gefühl, jetzt gleich noch ein oder zwei Tore nachlegen, dann steht dem Wiederaufbruch nichts mehr im Wege, so lange haben wir nun schon darauf warten müssen.

Der zweite Durchgang begann so ereignisarm wie die letzten Minuten des ersten Durchgangs. Jetzt bloß nicht darauf ausruhen und auf gar keinem Fall das Ergebnis versuchen zu halten, das ist in der aktuellen psychologisch ungünstigen Situation schlichtweg zu gefährlich. Selten war die Kurve so gut aufgelegt wie an diesem sonnigen Samstag Nachmittag, Vollgas von der ersten Sekunde an. Die Jungs sollten spüren, dass wir hinter ihnen stehen, vom Startelf-Spieler bis hin zum Konditionstrainer.

Die schwere Aufgabe des Christian Gentner

Nach wenigen Minuten sahen wir schließlich eine Szene, die es in sich hatte. Eine Kerze nach oben drohte ins Toraus zu gehen, sowohl Daniel Davari als auch Christian Gentner wollten die Kugel runterpflücken, im Strafraum vor der Torauslinie. Gerangel, Schubse, Gezerre. Ein Sturz, ein Pfiff und ein kurzer Moment des Jubels. Elfmeter! Was wäre das für ein Ding, wenn Christian Dingert nach über drei Jahren uns den Elfmeter zurück gibt, den er uns damals gegen Köln zu Unrecht aufgedrückt hat.

Der Gefoulte wollte selber schießen. Vedad Ibisevic, etatmäßiger Elfmeterschütze, war dank seines Bärendienstes ja weiterhin gesperrt. Größte Anspannung, ein explosiver Mix aus der freudigen Erwartung des 3:1 sowie der beklemmenden Angst, wenn es schief geht. „Leute, der ist noch nicht drin“ wollte ich noch zur Vorsicht mahnen. Brutaler Druck, der auf den Schultern unserer Spieler lastet. Mit ihnen tauschen möchte man nicht.

Mit der knappen Führung direkt vor der leidgeplagten Cannstatter Kurve einen Elfmeter verwandeln müssen, es gibt einfachere Aufgaben. Unser Kapitän lief an, schwach geschossen, links unten, direkt in die Arme des Braunschweiger Torwarts. Gesehen habe ich den Ball nicht, doch ich merkte es an der Reaktion meiner Mitmensche. Wie gerne wäre ich hier im Jubeltaumel untergangen. Wir alle, ein weiß-rotes Freudenbündel, nach Wochen des Frustes endlich auf dem richtigen Weg.

Der nächste vergebene Matchball

Die Befürchtung bewahrheitete sich. Nach dem vergebenen Matchball in Frankfurt die nächste möglicherweise spielentscheidende Szene, die man auf dem Serviertablett hatte und eigentlich nur noch zugreifen musste. Es passt ins Bild des völlig neben sich stehenden VfB, dass er hier scheiterte. Einen Elfer zu verschießen kann passieren, auch Vedad Ibisevic vergab bereits \“ zuletzt in der Hinrunde gegen Frankfurt, zwei weitere Punkte, die wir liegen gelassen hatten.

Es sind solche Szenen, an die du dich wehmütig zurück, wenn es eines Tages zu spät ist, oder wie allzu oft in den letzten Monaten, wenn es in den letzten zehn Minuten zu spät ist. Ganz schnell erinnerst du dich an all die vergebenen Chancen, die liegen gelassenen Möglichkeiten, und du fragst dich, wo du heute stehen würdest, wenn es einst positiver gelaufen wäre. Die Blau-Gelben waren natürlich beflügelt von dem gehaltenen Elfmeter und kamen zurück ins Spiel, tauchten wieder etwas häufiger vor Sven Ulreich auf.

Wieder war der VfB am Zug, die Kurve spürte, wie unheimlich wichtig es jetzt war, im Support nicht nachzulassen und die Jungs unablässig nach vorne zu schreien. Sie brauchten das 3:1, sonst wird es mordsgefährlich am Ende der Partie, das wissen wir doch. Doch wenn du eben die Scheiße am Schuh hast, kratzt dir ein Braunschweiger den Ball noch von der Torlinie und erstickt deinen beginnenden Jubel so schnell, dass du die Arme langsam wieder sinken lassen musst.

Wie zugenagelt

Fallen wollte es einfach nicht, das dritte Tor. Mit einem Tor mehr heißt das noch lange nicht, dass am Ende ein oder gar drei Punkte stehen. Sieben Punkte kosteten uns die Nachlässigkeiten der letzten zehn Minuten alleine im Kalenderjahr 2014, wir haben wahrlich schon bessere Zeiten erlebt. Das wusste auch Braunschweig, die begünstigt von der wachsenden Verunsicherung immer mehr Morgenluft schnupperten.

Die Uhr tickte und lange würde es nicht mehr dauern, bis die Uhr die 80. Minute überschreitet und das große Nervenflattern losgehen würde. Sven Ulreich lenkte in der 79. Minute eine gefährliche Chance der Braunschweiger gerade noch über das Tor, tieeef durchatmen. Im nächsten Atemzug gingen die Blicke zur Uhr. Die gefürchtete 80. Minute, da war sie.

Oh Gott, ich kann nicht hinsehen. Schiri, abpfeifen, sofort! Wenn es doch nur so einfach wäre. Jede Sekunde wurde zur Qual, das spürte auch die Kurve. Statt noch ein letztes Mal Vollgas zu geben, schien es, als würde uns die Angst vor dem erneuten Punktverlust mittlerweile schon ebenso lähmen wie die Mannschaft auf dem Feld. Teilweise nahezu regungslos schauten wir dabei zu, atmeten schwer und beteten förmlich zum Fußballgott, er möchte doch wenigstens diesmal ein Einsehen mit uns haben.

Die große Angst der letzten zehn Minuten

Zwei von zehn Minuten überstand man schadlos, es gab Ecke für die Gäste, die vor ihrem euphorischen Anhang vor dem Gästeblock ausführten. Ich wollte gar nicht hinsehen. Doch abwenden konnte ich mich auch nicht. Voller Furcht und Bangen schaute ich zu, so sehr hatte ich gehofft, dass sogleich beim ersten Abwehrspieler der Ball abprallt und weggeschlagen wird, ins Toraus, ins Seitenaus, zurück zum Braunschweiger Torwart, egal nur hin, nur weg, weg, weg.

Wie in Zeitlupe sah ich stattdessen, wie der Ball an immer mehr Beinen vorbeirutschte, fast so, als wolle er ohne Gegenwehr ins Aus auf der anderen Seite des Spielfelds rollen. Es gibt keinen Fußballgott. Der Fußball ist einfach nur grausam, besonders dann, wenn du es weder erwartest noch gebrauchen kannst. Welche Ironie, dass ein ehemaliger Stuttgarter den Schlappen hinhalten musste, der uns ins Tal der Tränen stürzt. Ermin Bicakcic mit dem Ausgleich für die Gäste.

Passt ins Bild einer wirklich aussichtslosen Situation. Mein Unterbewusstsein schrie es mir unentwegt zu, seit Christian Gentner den Elfmeter verschossen hatte. Es scheint dem VfB derzeit nur zu liegen, aus besonderen Chancen nichts zu machen. Wieder die letzten zehn Minuten. Bereits gegen Frankfurt tat ich kund, dass so etwas jeglicher Beschreibung spottet. Jede Woche das Selbe, geradezu mit Ansage.

Der immer wieder kehrende Alptraum

Acht Minuten waren noch zu spielen. Doch wie es halt nun einmal so ist, dann stehst du völlig neben dir und die Nerven gehen mit dir durch, dann kannst du keinen drei Meter gerade aus laufen, ohne, dass du über deinen eigenen Schnürsenkel stolperst. Achtzig Minuten lang hatten sie wieder alles gegeben, einen Rückstand in eine Führung gedreht um nun wieder mit fast leeren Händen dazustehen.

Auf der Haupttribüne setzten sich die ersten Bruddler schon wieder in Bewegung, sie hatten keine Lust, sich das anzusehen, was für die Allermeisten dann auch nicht mehr überraschend gekommen wäre: der Braunschweiger Siegtreffer in der letzten Minute. Auch ich hatte vermutet, dass dieser angesichts unserer miserablen Situation sicherlich noch fallen würde, so viel Pech wie wir scheint halt sonst kein anderer Verein zu haben in diesen Monaten.

Die Nerven flatterten wie Vogelwild, die Angst vor einem weiteren Gegentor war nicht nur der Mannschaft anzumerken, auch der völlig fassungslosen Cannstatter Kurve, die immer so treu hinter dem Verein steht und doch so wenig zurück gezahlt bekommen hat. Es gab Zeiten, da waren acht Minuten eine Menge Zeit, noch ein Tor zu erzwingen. Es gab eben einfach bessere Zeiten. Die sind aktuell weit entfernt.

Am Ende wieder gescheitert

Abpfiff. Die Niederlagenserie war nach acht Nullrunden in Folge gestoppt \“ dass sich dieser Punkt wie eine Niederlage anfühlt, konnte man nicht nur für sich selbst fühlen, nein, man konnte es sehen, und vor allem: hören! Laute Pfiffe, fast schon lauter als je zuvor. Ob es der Mannschaft hilft in ihrer aktuellen Verunsicherung, möchte ich in dem Moment doch stark bezweifeln. Es ist reine Kopfsache.

Wer 80 Minuten lang gut mithält, in Führung geht, oder einen Rückstand dreht, und immer wieder an sich selbst in den letzten zehn Minuten scheitert, das hat nur bedingt mit der grundsätzlichen Qualität zu tun. Die Jungs können einem wirklich leid tun. Der Frust der Zuschauer war jedoch nicht unverständlich. Die Art, dies loszuwerden, könnte man lediglich vorher überdenken.

Ein Punkt gegen den Tabellenletzten ist einfach zu wenig, viel zu wenig. Einen Dreier hätte es gebraucht, nicht nur für die Tabelle, vielmehr für den psychologischen Aspekt und als Basis für hoffnungsvolle nächste Wochen, in denen sich alsbald entscheiden wird, ob der VfB doch das Zeug hat, die Klasse zu halten \“ oder eben nicht.

„Wir haben die Schnauze voll!“

… schrien viele in der Kurve der Mannschaft entgegen, die wir schon lange nicht mehr anders gesehen, als so: mit hängenden Köpfen, frustriert, todtraurig und ratlos. Leere Hände gestikulierten viele Fans, pfiffen die Mannschaft so sehr nieder, dass sich diese nicht einmal mehr traute, näher als bis zum Strafraum zu kommen. Ja, es gab wirklich schon einfachere Zeiten im Ländle. Dass der Frust sich irgendwann entladen muss, ist leider eine natürliche Reaktion, nicht nur im Umfeld des VfB, sondern überall. Eines Tages ist das Maß voll.

Ob es das war für Trainer Schneider? Es wurde schon gemutmaßt, mein Gefühl sagte mir, dass zumindest ein weiteres Mal heftige Diskussionen geführt werden müssen. Dass der VfB sich zu Thomas Schneider bekannte, aber dabei bewusst einen gewissen Wortlaut wählte, kommt sicher nicht von ungefähr: „Der 41-Jährige sitzt auch beim Heimspiel des VfB gegen Eintracht Braunschweig als Cheftrainer auf der Bank. Das hat der Vorstand an diesem Dienstag entschieden.“

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Fredi Bobic in der Cannstatter Kurve – Quelle: www.soke2.de

Während die meisten Zuschauer auf der Haupttribüne bereits in den VIP-Logen oder den Ausgängen verschwunden waren, vermochte sich die Cannstatter Kurve an diesem späten Nachmittag nicht zu leeren. Es war der Frust und die Verzweiflung, die uns hier fesselte, ohnmächtig und ratlos. Ratlosigkeit, besser kann man die Situation nach dem Abpfiff nicht beschreiben. Dass die Stimmung irgendwann kippen musste, war leider nur eine Frage der Zeit.

Die Stimmung kippt

Mit leeren Gesichtern standen wir noch da und bewegten uns nicht vom Fleck. Längst war die Mannschaft in der Kabine, auf dem Feld wurden noch ein paar schnelle Interviews geführt. „Wie fühlen sie sich jetzt?“ ist die wohl dümmste Frage, die man in so einer schwierigen Situation gestellt bekommen kann. Wir standen hier, wo wir immer stehen. Und standen nun am Abgrund. Wir wussten, wie wichtig das heute war. Die Chance zum Aufbruch 2.0 hat man nun nicht genutzt \“ was bleibt ist die Frage, was uns nun noch retten kann.

Schon bald ertönte es über das Mikrofon der Cannstatter Kurve: „Wir wollen den Vorstand sehen!“ Viele stimmten mit ein, es schaukelte sich hoch. Dass es in so einer Phase kontraproduktiv ist, sich im Verein gegenseitig zu zerfleischen, sollte eigentlich jedem mit Brustring im Herzen klar sein. Im Block 33, der sonst eher emotionslos daherkommt, wo nicht einmal alle Teile des gemeinschaftlichen Supports mitgetragen werden, wurde es schließlich unruhig.

Es brauchte nicht viel, um den Funken zu entzünden. Die Atmosphäre war geladen, ein mehr als frustrierter Junger Mann schimpfte auf die „dummen Absteiger“, die sich „verpissen sollen“. Ob er mit sich selbst klar käme und ob er meint, dass das jetzt hilfreich wäre, antwortete ein anderer. Ein Wort ergab das andere, einige Male „Komm doch her!“ auf beiden Seiten und schon war die Unruhe da, Schubsereien, Fäuste flogen, Rangeleien. Schnell musste der Sicherheitsdienst eingreifen, ich flüchte mich ein paar Reihen weiter weg.

Der Vorstand war gefordert

Nach zwanzig Minuten vehementen Forderns und der Androhung, sonst selbst zum Vorstand zu kommen (was einer unangenehmen Situation wie 2009 gleich gekommen wäre), betraten schließlich Bernd Wahler, Fredi Bobic, Jochen Schneider und Ulrich Ruf das Spielfeld und liefen mit finsteren Mienen zur Cannstatter Kurve. Derartige Szenen habe ich auch noch nicht erlebt. Ich hätte so gerne meinen Lebtag lang darauf verzichten können.

Sie hatten nach ihnen gerufen, um sie prompt massiv niederzupfeifen. Fredi Bobic, in den letzten Wochen vermehrt zur unfreiwilligen Zielscheibe der Wut geworden, ergriff das Stadionmikrofon. Seine ersten Worte, wie toll doch die Cannstatter Kurve wäre, wurde in lauten Buhrufen im Keim erstickt. Ausreden ließ man ihn nicht. Die Stimmung war gekippt, dieses eine Gegentor war wie schon 2009 für die Fans der Kurve eines zu viel. Antworten mussten her.

Was soll er auch anderes sagen, außer Durchhalteparolen? Die Meinungen zur Personalie Fredi Bobic gehen in der Kurve auseinander. Manch einer ist ihm dankbar, die Leute für das zur Verfügung stehende Geld geholt zu haben, gemessen an den finanziellen Möglichkeiten sah es vor Beginn dieser Saison doch nicht schlecht aus, das wissen wir alle. Für drei Wettbewerbe hatte man sich ausgerüstet, da man in der Saison zuvor personell auf dem Zahnfleisch kroch.

Klare Worte in einem bitteren Moment

Die Leute, die er geholt hat, sind in den Augen Vieler jedoch nicht gut genug, setzten sich nicht durch oder passen schlichtweg nicht ins Mannschaftsgefüge. Ein Dorn im Auge ist den Meisten noch, dass man in der Sommerpause den Vertrag mit Bruno Labbadia verlängerte, um ihn nach dem dritten Spieltag wieder zu entlassen. Andere jedoch stehen ihm neutral gegenüber, trägt er doch wirklich den Brustring im Herzen, selbst seine Gegner können das nicht abstreiten, dass ihm nicht alles an dem Verein liegen würde.

Immer wieder Pfiffe, es waren bedrückende Szenen. Die Minuten vergingen. Viele sind da geblieben, auch auf den anderen Tribünen. Der Versuch des Ordnungsdienstes, wie immer den Rausschmeißer zu geben, stieß auf taube Ohren, wer aus dem Block geleitet wurde, lief einfach rüber in den nächsten. Sie gaben auf, sie wollten in den Feierabend, doch konnten sie nicht ahnen, wie wichtig es war, hier die Menschen beisammen zu halten. Vielleicht wäre es draußen auf der Straße weiter gegangen, das wären unschöne Szenen geworden.

„VfB Stuttgart, das sind wir“ \“ fast so, als wolle man dem Vorstand sagen, dass sie es nicht seien. Als Fan, und das sind wir alle, sind solche Situationen keinesfalls angenehm. Nach langer Zeit und etlichen heißen Diskussionen mit der Cannstatter Kurve gingen die Herren wieder hinein. Genau auf die Uhr geschaut habe ich nicht. Es war noch immer nicht vorbei. Keiner wollte sich damit zufrieden geben, dass wir ein weiteres Mal Durchhalteparolen zu hören bekommen.

Die große Ratlosigkeit

Über eine Stunde muss wohl schon vergangen sein, wir waren schon auf dem Weg nach draußen, da vernahm ich ein Klatschen aus der Cannstatter Kurve. Was war da los? Ein Blick über die Schulter, was war denn da? Es waren tatsächlich ein paar Spieler, die noch einmal herauskamen. Sven Ulreich, Christian Gentner, Daniel Schwaab, Konstantin Rausch, Martin Harnik und Cacau wurden zwar nicht vom treuen Kern gefordert, doch suchten sie aus freien Stücken den Dialog.

Es sind jene Spieler, die seit Wochen die Konfrontation mit den Fans nicht scheuen, die trotz dieser schwierigen Phase immer wieder in die Cannstatter Kurve kommen, und sei es eben eine Stunde später, wenn sich die erhitzten Gemüter ein wenig abgekühlt haben. Dass sie überhaupt den Mut dazu hatten, das muss man ihnen wirklich hoch anrechnen, nur wenige wären in so einer Phase noch vor den wütenden Pöbel getreten.

Schnell füllte sich auch der Ordnergraben vor dem Block, ganz nah hatte man die Spieler bei sich, auf Augenhöhe quasi. Leider war ich zu weit weg, um alles mitzuhören, doch man konnte es in ihren Augen sehen: sie wussten selber nicht, was sie uns sagen sollen. Ein Versuch, Antworten zu finden, sich gegenseitig Mut zu machen in einer mutlosen Zeit, Hoffnung finden, wo sie offenbar schon verloren scheint. Das ist jetzt das, worauf es ankommt.

Mit gesenktem Haupt nach Hause

Ihnen zu zeigen, dass wir trotzdem noch für sie da sein wollen, ein psychologisch nicht ungeschickter Aspekt dieser abendlichen Unterredung, zu der sich nach und nach immer mehr Presseleute gesellten. Mit einem lauten Applaus schickten wir die wenigen Jungs in die Kabine zurück, wollen wir hoffen, dass es etwas bringt. Und selbst wenn nicht, ist Aufgeben dann die so viel bessere Option?

Anderthalb Stunden waren vergangen, seit ein Ex-VfBler das Fass zum Überlaufen brachte. Für uns war nun auch Feierabend, die Trommeln, Fahnen und Megaphone wurden eingesammelt, gemeinschaftlich verließen wir den Stehblock. Denkwürdige Szenen, die sich an diesem merkwürdigen Tag im Neckarstadion abspielten. Als ich Bochum 2009 mit der hässlichen Fratze des Fan-Daseins verglich, sagte man mir einst, das gehöre halt dazu. Szenen wie heute, und damals, gehören für mich nicht dazu.

Langsam trotteten auch wir nach Hause, es war ein leiser und trauriger Marsch. Am Kreisverkehr bei den Tunneln trennten sich unsere Wege, während es Felix und unsere beiden Freunde Gerd und Ingrid in eine nahe gelegene Fankneipe zog, schlappte ich mit gesenktem Haupt zu unserer Wohnung. Kraftlos warf ich den Schlüssel in die Holzschale, die im Flur steht. Tief durchatmen, alles ein wenig sacken lassen. Ich kann nicht glauben, wieviel Schlechtes dem VfB wiederfahren war, seit wir einst auf eine neue Ära angestoßen hatten.

Schneider geht, Stevens kommt

Am nächsten Morgen wurde fast schon erwartungsgemäß Thomas Schneider entlassen. Ich hatte zuvor schon gut eine Stunde an diesem Zehnseiter geschrieben und machte mich gerade fertig für meinen turnusmäßigen Termin bei meinem Personal Trainer, den ich alle zwei Wochen im Fitnessstudio treffe. Auf meinem Smartphone hatte ich noch die Meldung gesehen, „Thomas Schneider nicht mehr Cheftrainer beim VfB“. Das Herz rutschte in die Hose.

Mein Trainer ist VfB-Sympathisant, doch in erster Linie schlägt sein Herz für Borussia Dortmund. Seit Monaten muss er mich immer wieder aufbauen, allzu oft neben dem körperlichen Training an den Geräten und den Freiflächen, viel emotionaler Support war gefragt. Jede Woche das gleiche Spiel: Verloren. Wie lange das noch weitergeht? Keine Ahnung. Am heutigen Tage wurde sein Nachfolger Huub Stevens vorgestellt, ein harter Knochen.

Ich wiederhole mich, wenn ich sage: es ist einfach schade um den jungen Coach, der zur falschen Zeit am rechten Ort war. Ob wir ihn eines Tages wieder als gereiften Cheftrainer an der Seitenlinie begrüßen dürfen? Ich hoffe es sehr. Nun gilt erst einmal: Klassenerhalt. Das wird schwierig genug. Zehn Spiele sind es noch, keine leichte Aufgabe, das meinte auch der Holländer. Doch nur gemeinsam schaffen wir das. Mit Spannung blicken wir aufs nächste Spiel: es geht nach Bremen.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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