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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Nicht zu fassen

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„Unfassbar“ – Das wohl am häufigsten benutzte Wort der letzten 24 Stunden. Unfassbar, wie man nach einer 2:0-Halbzeitführung eine Partie so aus der Hand geben kannst. Unfassbar, wie man einen absolut harmlosen Gegner so bereitwillig wieder aufbauen kann. Unfassbar, dass man sich eine denkbar gute Ausgangsposition für die nächsten Wochen selbst wieder zunichte machen kann. Ich kann mich nicht erinnern, wann mich ein Spiel das letzte Mal so frustriert, gewurmt und aufgeregt hat, wie dieses. Wo sind sie, die letzten Optimisten?

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Viel bejubelt wurde das 3:2 gegen Bremen, der Hebel war umgelegt, der letzte Rang verlassen, die Weichen gestellt. Schon gegen Augsburg setzte es den herben Dämpfer. Doch das Endergebnis gegen Freiburg ist nur eines: unentschuldbar. Es lässt uns zurück mit der Verbitterung der gefühlten Niederlage, nachdem nun auch wie befürchtet der punktgleiche Tabellenletzte aus Paderborn gepunktet hat, ist das Wochenende vollends schief gegangen.

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Der Funken der Hoffnung, der noch vor zwei Wochen heller als zuvor erstrahlte, flackert und flimmert, er droht zu erlöschen. Bezeichnend für die Gefühltswelt einer gebeutelten Fanszene, die immer gehofft, gebangt und gefleht hat – und vermutlich letztendlich nicht erhört werden wird. Wieder angekommen auf dem harten Boden der Tatsachen, zurück auf dem letzten Tabellenplatz, der so bedrohlich nah ist wie nie. Von der Angst getrieben schauen wir nun in den Abgrund, unter uns bröckeln die ersten Kieselsteine in die Tiefe. Und von hinten wird man geschubst.

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Zeiten ändern sich

So gut wie alles hatte mir der VfB in den letzten Jahren abverlangt. Von himmelhochjauzenz bis zu Tode betrübt, von Tränen der Freude bis zu Tränen der Trauer, von der Champions League bis zum traurigen Alltag des Abstiegskampfs. Vor gar nicht allzu langer Zeit, verstörte mich lediglich die Tatsache, das erste Kalenderjahr ohne internationales Auswärtsspiel zu haben. Wie schnell uns die traurige Realität eingeholt hat, sehen wir jetzt.

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Gestern war meine einzige Sorge noch, wie ich meinem Chef nur beibringen soll, Donnerstags kurzfristig zum Europapokalspiel nach Kroatien fahren zu müssen. Heute, wie ich ihm klarmache, dass ich montags zum Zweitligaspiel nach Sandhausen fahren muss. Zeiten ändern sich – und vor allem ändern sie dich. War ich einst noch ein unbeschwerter und optimistischer Fan, ein geradezu unbeschriebenes Blatt, nun hat mich der Abstiegskampf verbittern lassen.

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Es gibt Zeiten, da rechne ich nicht mit viel, um am Ende nicht enttäuscht zu werden. So konnte man allenfalls positiv überrascht werden. Ich wäre gerne anders, das könnt ihr mir glauben. Beim ersten Anflug von Optimismus, haben mir all die Spieler der letzten Jahre nur allzu oft gezeigt, dass es eben anders geht, sehr zum Leidwesen der treuen Fans, die mehr einstecken müssen, als man je nach der letzten deutschen Meisterschaft 2007 vermutet hätte.

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Verdient oder nicht?

Wo andere Vereine akribisch gearbeitet haben, dümpelte der VfB vor sich her. „Läuft doch“ – dass man dabei aufs offene Meer zusteuerte, blieb lange unbemerkt. Wenn es drauf ankam, war der VfB bisher immer rechtzeitig da, oder waren es vielmehr drei andere Vereine, die es einfach geschafft haben, noch mehr Punkte liegen zu lassen? Ich will der Mannschaft das sportliche und vor allem kämpferische Können keinesfalls absprechen. Doch nun zeichnet sich ab, dass es vielleicht nicht reicht, 12 Spiele Gas zu geben, nachdem man 22 Spiele lang geradezu geschlafen hat.

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Es ist müßig zu sagen, ob ein Abstieg verdient wäre. Überraschend wäre er keinesfalls, zu nah am Abgrund stand man all die Jahre und schaffte es dank der freundlichen Mithilfe der Konkurrenten und nur bedingt dem eigenen spielerischen Vermögen. Jeder fehlende Punkt trifft uns direkt ins Mark, erneut hat man zwei Punkte liegen lassen. Ob die am Ende fehlen oder ob der eine Punkt das positive Zünglein an der Waage war, müssen wir weiterhin abwarten. Besonders zuträglich für die zuletzt positive Stimmung im VfB-Umfeld ist der vergebene Heimsieg gegen Freiburg mitnichten.

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Man solle doch aufhören mit dem Hadern, dem Jammern und dem Bruddeln und sich auf das konzentrieren, was vor einem liegt, noch haben sie es in eigener Hand und man dürfe den Glauben nicht verlieren. Es waren nur wenige Mut machende Aussagen, die mir seit gestern Nachmittag zu Ohren und zu Gesicht gekommen waren. Was bleibt, ist der Schock, der uns tief getroffen hat. Vom letzten Tabellenplatz schielt man nun unfreiwillig in die zweite Liga. Dabei hatte man doch alle Trümpfe in der Hand.

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Für die Mannschaft im Spalier

Ich kann mich noch gut erinnern, wieviel Angst uns der Gedanke an die Heimspiele noch vor gut zwei Monaten gemacht hatte. Lange waren wir verschrien als die bemitleidenswerten Torlos-Stuttgarter, deren Auftritt vor heimischer Kulisse mehr mit häuslicher Gewalt gemein hatte als mit der würdigen Präsentation eines stolzen Traditionsvereins. Tief sind wir gesunken, und nach all den Jahren kreidet man uns immernoch öffentlich eine zu hohe Erwartungshaltung an. Wieviel weniger können wir denn noch erwarten, wenn schon der gesicherte Klassenerhalt zu viel ist?

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Vorwerfen kann man uns mangelnden Support wahrlich nicht. Wo anderenorts der Baum brennt, rückte man hier zusammen und peitscht die Mannschaft nach vorne, die es vor der Cannstatter Kurve oft hatte vermissen lassen, dass sie hier ein Heimspiel hat. Wie oft waren wir bitter bestraft wurden, und dennoch waren wir weiterhin für sie da. Sie brauchten uns, denn sie hatten sich streckenweise noch nicht einmal einander Halt geben können. Eine unerschütterliche Cannstatter Kurve, doch auch deren Geduld, unsere Geduld, erwartet etwas: bedingungslosen Einsatz. Von allen Beteiligten.

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Ein flaues Gefühl im Magen habe ich ja bekanntlich immer. So auch in diesem durchwachsenem Samstagmittag. Früher als sonst machte ich mich auf den Weg, ohne Begleitung, Felix war bereits vorgelaufen zum Spiel der U19 gegen Greuther Fürth. Viele tummelten sich bereits am Rande der Mercedesstraße, der Verein hatte wie bereits im Vorjahr zum Spalierstehen gebeten, wenn der Mannschaftsbus das Stadion erreicht. Einst hieß der Gegner Schalke. Einst gewannen wir überraschend und gleichermaßen deutlich mit 3:1, es waren die wichtigsten Punkte im Abstiegskampf der Saison 2013/2014.

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Zwillingsschwestern im Geiste

Vor dem Tor 5 postierte ich mich, lange blieb ich nicht allein, sowohl Twitter-Kollegin und Zwillingsschwester im Geiste, Mareike hatte mich recht schnell gefunden, hinzu kamen weitere Twitterer und meine ehemalige Kollegin Melanie und ihr Gatte Kai. Noch waren wir frohen Mutes, denn Daniel Ginczek würde entgegen anderslautender Schreckensmeldungen vor einigen Tagen dann doch spielen können. Er trifft, und trifft, und trifft, ohne ihn und seine Tore, wären wir vermutlich schon jetzt weit abgeschlagen.

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Gesänge, Schals, Anfeuerungsrufe, alles was hilft bekamen die Spieler hinter den abgedunkelten Scheiben des Mannschaftsbusses zu sehen und zu hören, in der Hoffnung, es würde in einer ähnlichen Art und Weise beflügeln wir vor gut einem Jahr an selber Stelle. Nicht nur wir waren zuletzt zusammengerückt, auch die Spieler ließen uns neue Hoffnung schöpfen, man habe nun endlich verstanden.

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Jahrelang müssen Mareike und ich aneinander vorbei gelaufen sein, zu fast jedem Heimspiel kommt sie aus Köln und fährt auch so gut wie jedes Spiel auswärts. Durch einen Zufall erfuhren wir durch eine zufällige Unterhaltung bei Twitter, wir stünden beide nah beieinander. Im Block 33. Bereich A. Recht weit unten. Nur wenige Meter trennten uns, doch kannten wir uns zuvor nicht persönlich. Gemeinsam gingen wir hinein, heute stand sie mit ihrer Begleiterin Isabell neben mir.

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Kämpferischer Auftakt

Tagelang wollte ich die ganz große Nervosität nicht an mich heranlassen. Es war vorbei mit dem Zurückhalten. Oh Gott, was, wenn das hier schief geht? Ich konnte nicht ahnen, welches Wechselbad der Gefühle dieser Tag für uns VfB-Fans bereithalten würde. Es kribbelte gewaltig. Man brauche nur darüber nachdenken: Gewinnt man gegen den ungeliebten Freiburger, und patzt die Konkurrenz aus Hamburg und Paderborn entsprechend, die unnötige Niederlage in Augsburg wäre schon beinahe vergessen. Doch die Rechnung hat die Mannschaft wie immer ohne ihre Fans gemacht.

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Die Mannschaften waren auf dem Feld, versammelten sich am Mittelkreis und erwiesen gemeinsam mit der Freiburger Mannschaft und 58.000 Zuschauern dem viel zu früh verstorbenen Erwin Waldner die letzte Ehre. Ein lang anhaltender Applaus galt der dahingeschiedenen VfB-Legende und seinen Angehörigen – aus der Kurve hallte es schließlich „Wir sind alle Stuttgarter Jungs“. Nun rollte der Ball, verbunden mit all unseren Gebeten, es würde um ca. 17:30 Uhr die Welle mit den Fans geben, zum ersten Mal in dieser mehr als harten Saison. Wir hatten ja keine Ahnung.

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Kämpferisch passte der Einsatz in den ersten Minuten durchaus, es ging zur Sache auf dem Rasen. Schiedsrichter Wolfgang Stark ließ zunächst einiges durchgehen und so wurde Timo Baumgartl zum Pechvogel, an dem der Unparteiische ein Exempel statuierte und ihm nach sieben Minuten Gelb zeigte. Dass man an den letzten Spieltagen immer noch ein bisschen auf die anderen schaut, ist durchaus verständlich. Der Schock kam früh, denn der HSV führte und wäre damit an uns vorbei gezogen. Rechenspiele für Fußballfans, des einen Freud, des anderen Leid.

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Das Tor zum Glück

Sehr viel wollte in den ersten 20 Minuten nicht zusammenlaufen, umso ungeduldiger wurde man angesichts der unliebsamen Ausgeglichenheit auf dem Spielfeld. Kein Wunder also, dass jeder Angriff und jede Standardsituation hoffnungsvollen Applaus entstehen ließ. Weiter, weiter, immer weiter. Die erste Ecke des Spiels, ein Fall für Alexandru Maxim. Es wurde unruhig im Freiburger Strafraum, Martin Harnik forderte die Reflexe von Roman Bürki, am potenziellen Nachschuss säbelte der im Abseits gestandene Christian Gentner vorbei. Es lag etwas in der Luft.

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Es sind vier Namen, die für die zuletzt doch recht ansprechenden (wenn auch nicht immer erfolgreichen) Spiele verantwortlich sind: Daniel Ginczek, Martin Harnik, Filip Kostic und Alexandru Maxim. Über Christian Gentner rollte der nächste Angriff, Martin Harnik brachte die Flanke, abgefälscht, Chance vorbei. Dachten wir zumindest. Wie ein Geschenk des Himmels landete die Kugel vor dem Fuße der Nummer 33, der entgegen der Laufrichtung des Torwarts das Tor zum Glück aufstoß.

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Als hätte es all die Monate des Frusts nie gegeben, lagen wir uns freudestrahlend in den Armen, herzten und umarmten uns. Schaue ich mir nun im Nachgang den Jubel des Torschützen in der Wiederholung an, tue ich das nicht ohne Wehmut, mit dem Wissen, dass diese Partie nicht gewonnen werden konnte. Doch ein Lächeln entlockte es mir doch, wie er breit grinsend abzog, die Arme zur Wiege formte und ihm Martin Harnik leichtfüßig hineinsprang. Es hatte das Potenziell für eine meiner persönlichen Lieblingsszenen, doch werde ich den Gedanken daran gezwungenermaßen schnell verdrängen müssen, bevor der Frust mich innerlich zerfleischt.

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Doppelschlag!

Immer wieder Ginczek. Ohne ihn… will man es sich gar nicht mehr vorstellen, lange hat es gedauert mit unserem Neuzugang aus Nürnberg. Immer lauter wurde es in der Cannstatter Kurve, ein Gefühl der Erleichterung, oder anders, einem Gefühl beinahe längst vergessener Tage. Weiter, weiter, immer weiter. Auch Filip Kostic, der ebenfalls erst im Sommer gekommen war, ist mittlerweile angekommen, hat sich akklimatisiert und widerlegt mehr und mehr den vorschnellen Stempel des Fehleinkaufs. Mit seiner Schnelligkeit überrascht er den Gegner immer wieder. Und uns auch.

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Sascha Riether hatte das Nachsehen im Laufduell gegen den Serben, wie fast alle, die bisher versucht hatten, ihn zu stoppen. Seine Flanke kurz vor dem Strafraum war eine gefühlte Ewigkeit unterwegs, mit weit aufgerissenen Augen flehte ich, der Ball möge den Weg ins Tor finden. Über mich ergoss sich das Bier, meinen glasigen Augen konnte ich nicht trauen. 2:0 nach nicht einmal einer halben Stunde. Wird hier das wahr, was wir uns all die Wochen erhofft hatten? Ein weiterer legendärer Saisonendspurt unseres VfB? Martin Harnik ebnete den Weg dorthin.

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Mittlerweile ist es Sonntagabend, es ist spät geworden, eine neue Arbeitswoche steht uns kurz bevor. Beinahe wie selbstverständlich flogen meine Finger über die Tastatur, ein ums andere Wort fand den Weg in ein mehrere Seiten langes Word-Dokument. Ein kurzes Lächeln huschte über meine Lippen, angesichts der Szenen, die ich mir nun in voller Länge noch einmal zu Gemüte führe. Nun verharre ich. Das Lächeln ist verschwunden. Ein weiteres Mal erinnere ich mich, wie diese Partie letztendlich ausgegangen war. Zorn steigt in mir auf, in meinem Kopf nur ein einziges weiteres Wort: Unfassbar.

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Ohne jeden Zweifel

Immer wieder denke ich zurück an den Moment des 2:0, der schnelle Doppelschlag binnen drei Minuten. Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, wir würden ihnen so viel vergeben können, wenn sie nun den endgültigen Weg in Richtung Klassenerhalt einschlagen würden. Jedenfalls dachte ich das. Schwermütig blicke ich nun zurück, mit ähnlicher Wut im Bauch wie noch gestern direkt nach der Partie. Es wird Tage dauern, das zu verkraften. Der neutrale Zuschauer runzelt die Stirn und sagt „Ist doch nur Fußball“. Doch für uns Fans ist es so viel mehr als das.

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Als das 2:0 über uns auf der Anzeigetafel stand, verschwendete ich nicht einen einzigen Gedanken daran, es würde doch noch schief gehen. Dem 3:0, 4:0 und 5:0 näher als der SC dem Anschlusstreffer. Momente des Glücks im Neckarstadion, sie hatten zur rechten Zeit den rechten Weg beschritten. Wir durften glauben. Wir wollten glauben. Auf das all der Schmerz, den wir in dieser Spielzeit durchleben mussten, in wenigen Wochen endgültig vorüber ist und man stärker zurückkommt als je zuvor. Man hatte ja noch träumen dürfen.

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Es war still geworden in der anderen Ecke des Stadions, gut 5.000 Freiburger Fans waren angereist, hieß es im Vorfeld. Nach den beiden schnellen Toren durch Daniel Ginczek und Martin Harnik standen sie beinahe wie versteinert da, nur einige der üblichen Schmähgesänge konnte man vernehmen. Und die Cannstatter Kurve? Die groovte sich ein für einen sichtlich erfolgreichen Spielverlauf, dem noch weitere Tore folgen könnten, wenn es denn nach uns gegangen wäre. Ein Ergebnis wie im Hinspiel, das wäre es doch?!

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Gut gelaunt in die Halbzeitpause

Huub Stevens gab nach der Partie eine Pressekonferenz und wollte es wohl schon gesehen haben, dass es vielleicht nicht so weitergeht mit den Toren für den VfB. Er hatte Dinge gesehen, die ihm ganz und gar nicht gefallen hatten, wollte es aber nicht genau ausführen, was er meinte. In der Nachbetrachtung lässt es allenfalls einen Schluss zu: sie waren sich zu sicher, wollten sie vorführen, wie auch Günther Schäfer vor einigen Minuten bei Sport im Dritten kundtat.

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Uns Fans war das zunächst nicht wirklich aufgefallen, wir feierten sie zum Halbzeitpfiff für die 2:0-Führung und waren frohen Mutes, am Ende als Sieger vom Feld zu gehen. Nur die Höhe des Sieges war diskutabel, an etwas anderes vermochte man keinesfalls zu denken. Warum auch, wir hatten sie ja gut im Griff? Wie schnell sich diese Sorglosigkeit rächt, das sollte dem Großteil der Mannschaft dabei noch von letzter Saison bestens im Gedächtnis geblieben sein, wieviele Punkte man da in den letzten zehn Minuten verloren hatte, vermag ich nicht mehr aufzuzählen.

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Ich blickte während der Halbzeitpause in unzählige lächelnde, entspannte und hoffnungsvolle Gesichter, unterhielt mich mit Mareike und Isabell, beobachtete leicht angespannt das Geschehen in der Cannstatter Kurve und konnte mich des einen oder anderen Gedanken nicht verwehren, wie es denn sein würde, heute Abend hoch erhobenen Hauptes heimzulaufen, mich an den Rechner zu setzen, Bilder zu bearbeiten und schließlich grinsend einzuschlafen. Den einen Fuß zum Sieg hatte der VfB bereits in der Tür. Und ließ sich dann doch die Tür vor der Nase zuknallen.

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Nachtigall, ick hör dir trapsen!

Wir alle würden keine Trauer schieben, wir würden nicht darüber sprechen, wie bescheiden die Situation nun innerhalb eines Tages geworden ist, wir würden nicht lamentieren über vergebene Möglichkeiten und die unsägliche Dummheit im denkbar ungünstigsten Moment. Es hätte auch anders laufen können, wie so viele Dinge im Fußball, in denen ein einziger kleiner Schritt über Sieg oder Niederlage entscheiden kann. Es war Alexandru Maxims goldener Pass in den Lauf von Martin Harnik, der alleine vor Roman Bürki stand. Wir alle würden nicht darüber diskutieren, sondern uns eines ungefährdeten Heimsiegs erfreuen, dem wohl wichtigsten im Abstiegskampf.

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Ein weiteres Mal wurde er zum tragischen Helden. Gegen Bremen zuerst vorgelegt und dann vom Feld geflogen, wehten dem Österreicher von den Rängen zuletzt nicht nur uneingeschränkte Liebesbekundungen entgegen. Er scheiterte am Keeper der Freiburger und vergab damit die einzige wirkliche Möglichkeit, die Hoffnungen einer ganzen Region am Leben zu erhalten. Nur: er wusste das noch nicht. Genauso wenig wie wir selbst. Allenfalls eine Ahnung schlich sich in den finsteren Teil des Hinterkopfes, der uns immer wieder zuflüstert: „Wenn du solche Dinger nicht machst, dann…“

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Keine drei Minuten waren vergangen, kehrte die Angst zurück, von der wir dachten, ihr an diesem Tag nicht mehr begegnen zu müssen. Adam Hlousek hatte sich nach einer stümperhaften Zuordnung in der Abwehr nicht weniger stümperhaft in den Weg von Nils Petersen gestellt. Der Freiburger lag am Boden, der Jubel auf der gegenüberliegenden Seite des Stadions vermochte nichts gutes zu bedeuten. Elfmeter. Für diese Ungeschicktheit hätte Huub Stevens den damit gelbverwarnten Tschechen sofort herausnehmen müssen. Er ließ ihn gewähren, mit einem mehr als bitteren Ausgang.

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Fast eine halbe Stunde in Unterzahl

Nils Petersen ließ sich nicht lange bitten. Ein weiteres Mal zeigte sich, wie gut die Anwesenheit eines Torwarts tun würde, der auch mal den einen oder anderen Strafstoß halten kann. Die Freiburger waren zurück im Spiel, ohne jede Not bauten wir hier sie auf. Es wurde still in der Cannstatter Kurve, ein seltsames Gefühl machte sich breit, das keiner vermochte laut auszusprechen. Kurze Zeit später überlagerte der aufbrausende Geräuschpegel aus unseren Reihen die bösen Gedanken, doch im Nachgang betrachtet, lag ich hier mit meiner Befürchtung richtig. Oh Martin, warum hast du vorhins nicht das 3:0 gemacht?

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Die vielen Zweikämpfe und Fouls hatte Wolfgang Stark nur mühsam im Griff, viele Unterbrechungen, viele Nicklichkeiten, doch was folgte, traf uns ins Mark. Nach 66 Minuten wiederholte Adam Hlousek, der bereits den Elfmeter verursacht hat, zu dem es keine zwei Meinungen gibt, seine Dummheit und stellte sich wieder mehr als ungeschickt in den Weg von Jonathan Schmid. Dass er bereits Gelb gesehen hatte, schien er bereits vergessen zu haben. Fast eine halbe Stunde in Unterzahl – das durfte doch einfach nicht wahr sein?

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Wer jetzt noch frohen Mutes lächeln konnte, war zu beneiden. Ob das am Ende noch gut geht, konnte an dieser Stelle berechtigterweise bezweifelt werden, zehn Minuten bekommst du in Unterzahl über die Bühne, aber eine gute halbe Stunde? Für Alexandru Maxim brachte Huub Stevens Daniel Schwaab, der sich bereits nach Timo Baumgartls früher gelber Karte warmgelaufen hatte. Sie wackelten und wankten, der Wille, auf das 3:1 zu gehen, war kaum zu sehen. Und das machte einem wirklich Angst. Als ob man es bereits geahnt hatte.

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Kurz vor dem Ziel

Knapp zehn Minuten noch. Filip Kostic verließ das Feld, für ihn kam Daniel Didavi. Ohne jede Frage ein emotionaler Wechsel, war er doch so ewig lange verletzt. Doch stellte sich die Frage nach dem „Warum?“ – einen Didavi kannst du einwechseln, wenn du drei Minuten vor Schluss mit drei Toren vorne liegst, nicht wenn du in Unterzahl besser daran tätest, hinten Beton anzurühren. So richtig wahrhaben wollte ich das nicht, beklatschte den Zehner herzlich und schaute verstohlenen Blickes immer wieder auf die Anzeigetafel. Noch knapp fünf Minuten plus Nachspielzeit.

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„Das darf doch nicht wahr sein!“ und „Das war so klar!“ – beide Aussagen waren das einzige, was in der Stille der Cannstatter Kurve zu vernehmen war. Schockstarre. Die Hände vor dem Mund, mit weit aufgerissenen Augen schaute ich mich um. Überall waren sie aufgesprungen, sie jubelten, sangen, und freuten sich. Doch waren es nicht die unseren Fans mit dem roten Brustring, es waren jene aus Baden, die sich hier in fast allen Bereichen des Stadions breit gemacht hatten.

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Es waren doch nur noch fünf verdammte Minuten. Nach einem abgefälschten Ball hatte Nils Petersen direkt neben den Pfosten versenkt. An guten Tagen, rollt der Ball rechts vorbei und du gewinnst ein hitziges Spiel am Ende glücklich mit 2:1. Und an schlechten Tagen stehst du nun da, hörst ein weiteres Mal „Tor für die Gäste“ durch die Lautsprecheranlage des Stadions und fragst dich, was du in deinem Leben als Fußballfan Schlimmes verbrochen haben musst, um derart bestraft zu werden.

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Die Suche nach den Schuldigen

Für Daniel Ginczek kam Timo Werner, eine Wiederholung des siegbringenden Tores in der Nachspielzeit würde es für den großen Hünen nicht geben. Es wäre zum Treppenwitz der Geschichte geworden, wäre die fußballromantische Fiktion meiner Blogger-Kollegen vom Vertikalpass zur Wirklichkeit geworden, ein einziges Tor in diesem Spiel war die Nummer 33 davon entfernt. Timo Werner konnte es auch nicht mehr abwenden, um ca. 17:20 Uhr standen wir da wie begossene Pudel.

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Wir hatten die Punkte auf dem Silbertablett und hätten sie nur durch einen leeren Raum in den nächsten bringen müssen. Zum Greifen nah – und doch verstolperten sie, fielen über die eigenen Beine und mussten zusehen, wie all die Arbeit für (gefühlt) umsonst gewesen war. Unfassbar. Die Schuld suchten die meisten nach Abpfiff beim Schiedsrichter, im Nachgang lässt sich weder der Elfmeter noch der Platzverweis abstreiten. Sie waren selbst schuld, und niemand anderes.

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Schuldzuweisungen im Abstiegskampf sind nie das gelbe vom Ei, doch lässt es sich nicht anders bewerten. Eine Reihe unglücklicher Situationen brachte sie um den zunächst verdienten Lohn, so war es Martin Harnik, der das 3:0 auf dem Fuß hatte, so war es Adam Hlousek, der den Elfmeter verursachte und der Mannschaft mit dem Platzverweis keinen Gefallen tat, so war es die Überheblichkeit einer Mannschaft, die es eigentlich besser wissen sollte.

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Am Abgrund

Applaus bekamen sie trotzdem, aber auch viele leere Hände. Lange verblieben wir in der Kurve, die sich nach und nach leerte. Die Frage nach dem Warum blieb unbeantwortet, die einzig plausible Antwort darauf schien allenfalls zu sein, dass der Fußball manchmal grausam sein kann. Besonders dann, wenn du ihn so sehr liebst, kann er dir auch so das Herz brechen. Kaum welche sagten auf dem Weg nach draußen, es würde doch noch irgendwie gut gehen. Ein einziges kleines Stück hat gefehlt und ließ große Hoffnung zur bitteren Enttäuschung werden.

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Stunden später, und nun auch mehr als einen Tag später, hat sich nur wenig von der Wut in meinem Bauch wieder verflüchtigt. Ausgerechnet an Felix‘ 29. Geburtstag konnte meine Laune kaum schlechter sein, dem VfB „sei Dank“. Selbst ein paar gesellige Stunden im Garten seiner Eltern, inklusive Kaffee, Kuchen und anderen Leckereien konnten nicht über den Frust hinweghelfen, der mich nun sehr viel mehr schrieben ließ, als ich noch gestern Abend vermuten konnte.

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Die Schwarzmalerei, sie ist zurück. Nachdem ich bereits den Punktgewinn und das Vorbeiziehen der Paderborner befürchtet hatte, sehe ich bereits das nächste Unheil kommen: holen wir erwarteterweise gegen Schalke nichts, liegen die Nerven daheim gegen Mainz wieder derart blank, sowohl bei der Mannschaft als auch uns Fans. Ein explosives Gemisch, das mir mehr Angst macht, als ich je aussprechen könnte. Unter uns bröckeln die Kieselsteine in den Abgrund. Dabei war man doch gerade noch weit genug davon entfernt.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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