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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Jahresauftakt nach Maß

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Hier stand ich, röchelte, hustete, krächzte. Nur schwer bekam ich Luft, doch trug ich das Lachen in meinem Gesicht. Um mich herum nur freudige Gesichter, wohin ich auch sah, alle lagen sich in den Armen – damals wie heute. Erinnerungen wurden wach an den 20. Februar 2010, als ich genau hier stand im Gästeblock des Kölner Stadions, vom Husten geplagt, doch zufrieden aufgrund des Ergebnisses und der spielerischen Leistung. 2163 Tage später wiederholte sich die Geschichte, irgendwie gleich, doch irgendwie ganz anders.

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Nicht immer lassen sich über erfolgreiche Spiele leichtere Worte schreiben. „Der Spielbericht wird ruck-zuck fertig sein, oder?“ hörte ich öfters in den vergangenen 24 Stunden. Warum manche Worte schneller und einfacher zu schreiben sind als andere, kann ich bis heute nicht beantworten. Es ist vielmehr die Muße, die ich benötigen muss. Ohne Zeitdruck, in entspannter Atmosphäre, bei guten Lichtverhältnissen und vollständiger Ruhe, so schreibe ich am Liebsten.

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Viele Worte habe ich bereits geschrieben, seit ich vor Jahren mein Herz an den VfB verlor, einige waren vom Frust geplagt, andere wiederrum entstanden aus einer wonnevollen Euphorie heraus, doch eines waren sie am Ende doch alle: ehrlich. Dabei ist das Auseinandersetzen mit diesen Emotionen nicht immer ganz einfach. An Tagen wie heute schreibe ich gern, wenn ich weiß, dass sich mir das Messer der Enttäuschung nicht noch tiefer ins Herz bohrt, wohlwissend, dass der nächste Bericht schon wieder anders sein kann.

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Die ominösen ersten Spiele

So wirklich vermisst habe ich den Fußball nicht. Erschreckend, nicht wahr? Wer will es uns aber auch verdenken nach dem nahezu durchweg überaus harten Jahr 2015, das uns alles abverlangte, was man als Fußballfan nur ertragen konnte. Größte Anstiegsnöte, der Klassenerhalt wenige Minuten vor Ende der Saison, ein paar kurze Wochen der Zuversicht und Hoffnung und zuletzt dann doch erneute Ängste um die sportliche Zukunft des Vereins. Es ist hart. Und ich will damit nicht sagen, dass vom heutigen Tage an alles besser wird. Wir können es nur hoffen, weil sie uns eines hin und wieder doch zeigen: dass sie es können.2016_01_23_Koeln-VfB_04

Köln war schon immer ein gutes Pflaster für den VfB, so wie es Stuttgart für den FC ist. Gut 15 Jahre halten beide Serien, beide können den anderen einfach nicht daheim gewinnen. Zwar weckte das letzte Heimspiel gegen Wolfsburg neue Sehnsüchte, doch ließ es uns mit dem beklemmenden Gedanken in die Winterpause gehen, dass das Gerüst doch sehr fragil ist und dringend neue Stützpfeiler benötigt werden. Getan hat sich nicht viel, insbesondere das Thema Innenverteidigung blieb in der Wintertransferperiode bisher ungelöst.

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„Vieles steht und fällt mit den ersten drei Spielen“ hatten sie gesagt. Wir alle dürften dem zugestimmt haben, eben weil wir es schon erlebt haben. Wer mit einer solchen Euphorie in die Saison gestartet ist, optisch höchst ansprechende Spiele zeigte, die er allerdings allesamt verlor, der sollte es besser wissen. Der Hurra-Fußball wich schnell erneuten Abstiegsängsten, dabei wollte man doch mit all dem nichts mehr zu tun haben.

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Nur nicht ausrutschen!

Meine Nacht war schon früh zu Ende, dabei hatte ich meine Sachen bereits am Abend zuvor bereits gepackt: alle Kameras waren vorbereitet, die Tickets bereitgelegt, die Klamotten hatte ich bereits heraus gelegt. Viel Aufregung spürte ich noch nicht, was wohl an der nur langsam durchsickernden Erkenntnis liegen mag, dass meine Hoffnungen und Launen das Geschehen auf dem Spielfeld weder verbessern noch ungeschehen machen können.

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Im Fernsehen, im Radio, in den sozialen Medien, wohin man auch schaute oder hörte, überall wurde vor Blitzeis gewarnt. Hervorragende Aussichten für ein Auswärtsspiel sehen anders aus. Vorsichtigen Schrittes liefen wir zum Auto und machten uns auf die Reise ins 372 Kilometer entfernte Köln. Eine entspannte Fahrt ohne Probleme endete für uns fürs erste auf Parkplatz an der Aachener Straße, unweit vom Stadion entfernt. Beim letzten Auswärtsspiel beim FC unter der Woche führte uns der Zufall in einen nahe gelegenen Burger-Laden, an diesem Samstag die Absicht.

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Noch mehr als zwei Stunden bis zum Anpfiff und noch immer war ich die Ruhe in Person. Wo ich sonst ungeduldig auf und ab laufe oder meine Anspannung sich in kompletter Wortlosigkeit äußert (oder eben: nicht äußert), schien es fast wie ein Testspiel. Ob dabei die Erinnerung an die Auswärtsstatistik vielleicht ein bisschen mit hineinspielte, kann ich jetzt so auch nicht genau sagen. Die meisten waren optimistisch, dass alleine schon deswegen der VfB mit Sicherheit gewinnen würde. Von „Sicherheit“ spreche ich schon lange nicht mehr. Und ich weiß genau, warum.

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Die bescheidenen Wünsche der VfB-Fans

Hin und wieder wiederholt sich die Geschichte, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Damals wurden wir drei Monate später „Rückrundenmeister“ und zogen in den Europapokal ein, es wäre so sehr zu hoffen, die nächsten drei Monate halten ähnlich tolle Zeiten für uns bereit. Keiner von uns beansprucht den internationalen Wettbewerb, wohl aber ein weitaus entspannteres Saisonfinale als noch im vergangenen Mai. Gesichertes Mittelfeld, weitgehend zufriedene Fans und das alljährliche Grillfest vor den Toren des Stadions nach dem letzten Heimspiel, wie sehr würde ich mich darauf freuen. Dazwischen liegen 15 Spiele und drei Monate der Ungewissheit.

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Am Stadion angekommen lief man in die Arme langjähriger Wegbegleiter, sie alleine vermisste man in den paar Wochen Fußballabstinenz. Die Tore öffneten sich und so langsam fanden auch wir unseren Weg ins Stadioninnere, hinein in den Gästeblock, den ich vor fast sechs Jahren das erste Mal schwer hustend betreten und später auf dem letzten Loch ächzend verlassen hatte. Es lehrte mich zweifelhafte Leidenschaft, jedem VfB-Spiel beiwohnen zu wollen, ganz egal, in welchem Zustand.

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Minutenlang beobachtete ich wort- und regungslos, wie sich das Stadion füllte. Meinen Platz fand ich wie immer in der linken oberen Hälfte, mit gutem Blick auf den sich Gästeblock und auch auf das Spielfeld. Eine nette Mail an die Kölner Geschäftsstelle reichte aus, um eine Genehmigung für die großen Kameras zu bekommen, der wohl kritischste Part bei der Planung eines jeden Auswärtsspiels.

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„In Stein gemeißelt“: Fans vs. Ausgliederung

Überall um mich herum wurden schwarze Luftballons aufgeblasen und Doppelhalter verteilt, eine Choreo sollte es geben anlässlich der im Sommer angepeilten Ausgliederung, die Stand jetzt am Widerstand der meisten Mitglieder zum Scheitern verurteilt sein dürfte. Die letzten Minuten vor dem Anpfiff waren angebrochen und während die Gastgeber ihre durchaus beeindruckend laute Hymne sangen, erhoben sich über unseren Köpfen die Choreo.

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Auf den Doppelhaltern war das kleine, aber unheimlich wichtige Kürzel „e.V.“ zu lesen, das unseren Vereinsnamen ziert, auf einem langen Banner war „Wie in Stein gemeißelt“ zu lesen. Das alles erfuhr ich jedoch erst hinterher, denn viel sehen konnte ich natürlich nicht. Köln war in Karnevalsstimmung und wähnte sich nach einer erfolgreichen Hinrunde auf einem guten Weg, während das beim VfB wiederum ganz anders aussah.

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Nur nicht blenden lassen vom Heimsieg gegen Wolfsburg, so schön und unerwartet er auch war, er solle nicht über das hinweg täuschen, was unser großes Problem ist: die Innenverteidigung. So lange diese Baustelle nicht geschlossen ist, begleitet uns Fans das flaue Gefühl des Unbehagens, denn die Außenverteidiger, ein unermüdlicher Serey Dié und ein immer besser werdender Przemyslaw Tyton können nicht alle Angriffe des Gegners unterbinden. Ein paar Tage ist das Transferfenster noch geöffnet, mal schauen, was passiert.

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Vom Punkt in die Magengrube

Die ersten zehn Minuten verbrachte ich mit dem Fotografieren der vielen nachwievor hoch gehaltenen Doppelhalter und Fahnen, während die Mannschaften auf dem Feld mit Abtasten beschäftigt waren, unmöglich zu sagen, welchen Lauf das Spiel nehmen könnte. Ein schneller Einwurf in den Rücken der Abwehr, ein interessanter Hackentrick und die schnellen Hände von Timo Horn, sonst hätte hier schnell das 0:1 auf der Anzeigetafel gestanden. Es wäre hilfreich gewesen, wie man wenige Minuten später feststellen konnte.

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Die Stimmung war gut bei den mitgereisten gut 4.000 Gästefans, die sich von Nah und Fern auf den Weg an den Rhein gemacht hatten, doch fand sie nach gut 17 Minuten ein kurzes Ende: nach Serey Diés verheerendem Ballverlust war Marcel Risse auf und davon, nur noch Georg Niedermeier stand da. Ein kurzer Pfiff beendete die hoffnungsvolle Stimmung, Manuel Gräfe entschied auf Elfmeter. Sekundenlang lagen Serey Dié und Georg Niedermeier am Boden, das Gesicht tief vergraben, voller Scham und dem Wissen, was man verursacht hat.

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Den fälligen Strafstoß verwandelte Anthony Modeste. Ausgerechnet. Er verwandelte auch den Elfmeter zum 1:0 beim Hinspiel am ersten Spieltag, ein Spiel, welches uns grausam vor Augen führte, wie fahrlässig man mit eigenen Möglichkeiten umgehen kann. Schon wieder früh in Rückstand. Nicht zu glauben, frustriert schaute ich auf die Anzeigetafel und konnte es nicht fassen, wie unglaublich vermeidbar dieses Gegentor war. Für einen Moment versuchte ich mir vorzustellen, wie ich am Abend nach dem Auswärtssieg grinsend wieder die Heimreise antreten würde, doch so viel Vorstellungskraft hatte ich nicht.

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Abgestaubt

Sie suchten ihre Linie, aber sie fanden sie nicht. Den defensivstarken Kölnern war eine Zeit lang nicht beizukommen, eine mehr als frustrierende Beobachtung für unseresgleichen. Der Schock des Elfmeters war verdaut, es wurde wieder laut gesungen und geschrien, ein guter Auftritt des „Pöbels“, der zu oft und zu selbstverständlich als extrem kritisches Publikum abgestempelt wurde. Sieht so ein zu kritisches Publikum aus? Der Block hätte demzufolge leer sein müssen. Wir stehen zusammen, wenn es beim VfB nicht läuft, das muss man uns zugute halten.

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Wenn es nach mir geht, nie wieder wollte ich ihn ziehen lassen, so gerne schaue ich ihm dabei zu, was er am besten kann: „Lauf, Filip, laaaaaauuuuuuuuuuuf!“ Er tat wie bewohlen und war von dannen, eine Flanke aus spitzem Winkel erreichte den von Dominique Heintz bedrängten Timo Werner. Sein Fuß war zu rechten Stellen, Kölns Keeper Timo Horn aber leider auch. Ein kurzes, aber heftiges Raunen ging durch den Gästeblock, bis man Daniel Didavi heranlaufen sah. Wechselgedanken hin oder her, im Moment ist er unsere Lebensversicherung, auch hier, wo er zum Ausgleich abstaubte.

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Willkommen zurück, Bierdusche, ich hab dich ein kleines bisschen vermisst. Dieser Lauf von Filip Kostic, diese verbissene Entschlossenheit, dieser unbedingte Wille. Es gibt Tage, da verliebe ich mich immer wieder aufs Neue in diesen Verein und seine Protagonisten. Und es gibt Tage, da möchte ich sie ohrfeigen, alle miteinander. Alles war wieder auf Anfang gestellt, doch kämpfte sich der VfB so zurück, dass die Marschroute für die zweite Halbzeit schon am Ende der ersten deutlich wurde, und sie sollten uns nicht enttäuschen.

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Immer da, wo der Durchgang ist

Halbzeitpause. Irrsinniges Gedränge und Geschubse, der unangenehme Nebeneffekt im Stadion, zusätzlich erschwert durch die Umhängetasche mit meiner Kamera. Egal wo ich stehe, dort ist eben immer der Durchgang. Ob ich wirklich bereit war für den zweiten Durchgang? Bereit für 45 Minuten, an dessen Ende ungewiss ist, ob und wieviele Punkte der VfB mit nach Hause nimmt. Hoffen konnte man immerhin, aber ob das am Ende auch ausreicht? Es blieb nur zu beobachten, dass sich Lukas Rupp ein weiteres Mal als starke Neuverpflichtung darstellte und auch der neu hinzugekommene Kevin Großkreutz machte seine Sache überraschenderweise sehr ordentlich.

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Wenige Minuten waren im zweiten Durchgang vorüber, es gab Ecke für den VfB direkt vor dem Gästeblock. Die Schals wedelten vor meiner Nase, ich zückte die Kamera, hielt sie hoch in die Luft und hielt den Finger fest auf dem Auslöser. Klack-klack-klack-klack-klack, die Serienbildfunktion schrieb binnen weniger Sekunden dutzende Bilder auf die Speicherkarte meiner Kamera. Auf ein paar davon fliegt der Ball im hohen Bogen Richtung Strafraum, auf anderen rennen die Spieler zum Gästeblock und streckten uns ihre Faust entgegen.

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War das zu glauben? Eine Ecke vom VfB, die direkt mit einem Tor genutzt wird? Ich kann mich nicht einmal mehr erinnern, wie lange das nun schon her ist. Mit festem Griff umklammerte ich mein Arbeitsgerät und freute mich mehr nach innen als nach außen, immerhin war noch fast eine komplette Halbzeit zu spielen und ich kenne den VfB zu gut, als dass ich jetzt ruhigen Gewissens jubeln würde. Das wollte ich mir lieber für später aufheben und lächelte zufrieden, als ein paar der Ultras unten auf den Zaun gesprungen waren um mit der Mannschaft das gedrehte Spiel zu feiern.

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Wundervoller Kombinationsfußball

Umgeben von riesengroßen Abwehrspielern, interessierte Timo Werner sein höhenmäßiger Nachteil kein bisschen, schraubte sich hoch und hielt seinen Kopf hin. Da kann man ruhig mal Küsschen geben! Fast vierzig Minuten noch, eine lange Zeit für eine Mannschaft, die schon viele Punkte verspielt hatte. Was hatte ich mir nur dabei gedacht, dem Aufruf der Vorschreier zu folgen und so laut zu brüllen, wie ich nur konnte? Dabei hatte ich auch so schon Probleme beim Singen und Sprechen, die Emotionen ließen mich diese Tatsache zu schnell vergessen.

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Der FC fand offensiv nicht wirklich statt, doch muss man auch die Mannschaftsleistung des VfB zu Gute halten, kein Vergleich mehr zu dem, nunja, Vogelwild, was wir teilweise vor einigen Wochen noch gesehen hatten. Sie waren auf dem Weg zurück zur Stabilität, hin zu der Mannschaft, die ihre Fans öfters erfreuen kann als nur einmal alle paar Wochen. Wie weit unser Weg noch ist, das wissen wir alle, doch bekommt man wieder eine kleine Vorstellung von besseren Zeiten.

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War der Rückstand durch den Elfmeter noch mehr als unglücklich, durften sich die Kölner mit zunehmender Spieldauer geradezu bedanken, dass es nur 1:2 stand und nicht längst 1:3, was war hier zwischenzeitlich für toller Kombinationsfußball zu sehen. Und hier spielte immerhin der VfB, war das zu fassen? Immer lauter schrie der Gästeblock, einerseits getrieben von Freude über das Gesehene, andererseits verängstigt von der Tatsache, dass noch immer viele Minuten zu spielen waren.

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Uneingeschränkt uneigennützig

Immer wieder Filip Kostic, immer wieder Timo Werner, immer wieder Lukas Rupp – nicht zu glauben dass uns diese in der Hinrunde mitunter den letzten Nerv kosteten. 77 Minuten lang ließ sich der vom Interimstrainer zum Chefcoach beförderte Jürgen Kramny Zeit mit dem ersten Wechsel. Für das Goldköpfchen Timo Werner kam der Neuzugang Artem Kravets ins Spiel, würde auch dieser treffen, was wäre hier nur los. Ein Strohfeuer oder doch die Rückkehr zu entspannteren Zeiten? Was es gewesen sein mag, dass unsere Mannschaft so geschlossen hatte auftreten lassen, wir bitten darum, es beizubehalten.

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Weniger als zehn Minuten waren noch übrig. Zehn Minuten, die über Lust oder Frust entscheiden können. Zehn Minuten, in denen noch viel passieren kann. Zehn Minuten Zittern, Bangen und Hoffen, mit dem flehenden Gedanken, der VfB möge doch bitte jetzt keinen Scheiß mehr bauen. An der Mittellinie eroberte Lukas Rupp, der immer mehr Gefallen unter den Fans findet, den Ball und wieder machte sich der VfB auf die Reise, getrieben vom Wunsch, das eine wirklich entscheidende Tor noch zu machen. Mehrere Stationen durchlief die Kugel, bevor sie wieder dort landete, wo sie erobert wurde: bei Lukas Rupp.

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Immer weiter, den ersten stehen gelassen, den zweiten stehen gelassen, alles um mich herum schrie lauthals „Schiiiiiieeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeß!!!!!!!!“, als ginge es um Leben und Tod. Doch er schoss nicht. Er legte rüber auf Christian Gentner, der nur noch seinen Fuß hinhalten musste. Für mich ein mehr als irritierender Moment, konnte ich von all dem doch so gut wie nichts sehen, eine große Schwenkfahne versperrte mir die Sicht. Alles war ich konnte, war zu lauschen. Genau zuzuhören und auf die Reaktion der Anderen zu vertrauen ist etwas, was ich schon früh in meinem Fanleben unter 1,60 Meter Körpergröße gelernt habe.

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Das große Zittern

Drei zu eins. Es war wirklich geschehen, das eine Tor, dass den Kölner den Dolchstoß ins Herz rammte, es war gefallen. Schön herausgespielt, schön getroffen, schönes Spiel – es gab nicht viele Momente, in denen wir das von unserem VfB behaupten konnten. Keiner stand mehr regungslos herum, alles im Gästeblock war durcheinander, die Leute um mich herum stürzten im leidenschaftlichen Jubel, weil sie auf den biergetränkten Stufen des Blocks ausgerutscht waren. Leidenschaft ist eigentlich ein so einfaches Wort, doch ist es so unendlich schwer nachzuvollziehen für Jene, die ihr nicht mächtig sind.

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So oft habe ich schon gesehen, wie sich die Zuschauer noch vor dem Abpfiff von ihren Plätzen erheben und das Weite suchen, ein allzu bekanntes Bild aus dem heimischen Neckarstadion. Da tut es natürlich auch mal gut, auswärts die bessere Mannschaft zu sein und den Gegner frustriert heimlaufen zu sehen. Hin und wieder ist es so einfach, die Gänsehaut auf die Arme zu zaubern. Laut schallte es aus dem Eck des mit 50.000 Zuschauern ausverkauften Stadions „Und wenn die ganze Kurve tobt“, es sind jene glückseligen Momente, die viele Unzulänglichkeiten für einen Moment vergessen machen.

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Doch noch war es nicht vorbei. Ein paar Großchancen hatten die Kölner in den letzten Minuten und der Nachspielzeit dann doch noch, nicht auszudenken, wenn hier noch der Anschlusstreffer – oder Schlimmeres – gefallen wäre?! Durchatmen! Und zwar gaaaaaaaaaaanz tiiiiiiieeeeeeef. Przemyslaw Tyton war stets zur Stelle, vom Sündenbock zum sicheren Rückhalt in weniger als 100 Tagen. Wieder klang es ohne jede Ironie in meinen Ohren, es war zurück, das „Oh wie ist das schön“. Dabei ist das letzte Mal gar nicht so lange her.

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Ein guter Anfang – nicht mehr und nicht weniger

Noch ein paar Sekunden geduldiges Warten, dann war es so weit. Lange hielt ich die Kamera auf die unteren Reihen des Gästeblocks, immer bereit, den Jubel des Abpfiffs auf Bild zu bannen. Ein erlösender Moment, den ich mir nach dem verwandelten Elfmeter nicht hatte vorstellen können. Manchmal ist es ja auch nicht so schlecht, nicht alles bereits vorhersehen zu können. Den Applaus holten sie sich noch kurz ab, bevor es wieder in Richtung Heimat ging. Die meisten VfBler im Gästeblock packten zusammen, sammelten das zuvor verteilte Material ein und waren schnell in die Kölner Nacht entschwunden, neben dem Stadion warteten bereits die Busse, die viele im Konvoi wieder nach Stuttgart bringen sollten.

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Wir hatten Zeit, und zwar jede Menge davon. So schnell würden wir aus der Stadt sowieso nicht herauskommen, also genossen wir noch ein paar Momente, bevor uns auch in diesem Stadion der Ordnungsdienst freundlich zum Gehen auffordern musste, als die Meisten bereits schon lange weg waren. Ein paar letzte Fotos vom fast leeren Stadion, ein paar letzte Fotos vom hell erleuchteten Stadion, der Parkplatz war zu diesem Zeitpunkt schon weitgehend verwaist. Schuhe umziehen, Jacken aus, Laptop an – das übliche Spiel nach dem Spiel.

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Mit einem Lächeln im Gesicht fällt die „Arbeit“ gleich um einiges leichter, auch wenn mir mein verschlimmerter Husten und die Müdigkeit schwer zu schaffen machten, aber „ein Allesfahrer kennt keinen Schmerz“. Gegen elf Uhr abends kehrten wir nach Hause zurück, zufrieden, doch nicht sorgenlos. Drei Punkte für den Klassenerhalt, die am Tag danach durch die Ergebnisse der Konkurrenz nur noch wichtiger erscheinen, und die uns hoffen lassen, dass die Mannschaft endlich verstanden hat – wenngleich sie lange dafür gebraucht hat und noch brauchen wird.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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