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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Pokal-Aus und Paukenschläge

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Wir schreiben den 23. Dezember 2017. In den Supermärkten und Geschäften ist heute das Chaos ausgebrochen und kurz vor Weihnachten wird man wohl kaum weiter vom Zustand der Besinnlichkeit entfernt sein als bei den letzten Einkäufen am heutigen Tag. Das war schon immer so und wird wohl auch immer so bleiben. Genauso, wie es beim VfB seit jeher Tradition ist, dass an Weihnachten der Baum brennt – entweder als kleine Flamme wie letztes Jahr, oder auch etwas stärker, so wie in diesem Jahr. Hinter uns liegen bewegte Tage, an das Pokal-Aus in Mainz denkt so gut wie keiner mehr. Außer mir jedenfalls.

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Die letzten vier Spiele in der Bundesliga hatte der VfB allesamt verloren, davon drei mit einem Tor Unterschied und eines mit zwei Toren Unterschied. Man war überreif für die herbeigesehnte Winterpause, aber einmal musste man doch noch ausrücken. Nach bisher zwei Auswärtsspielen in den ersten beiden Pokalrunden, war uns ein Heimspiel vor Weihnachten leider nicht vergönnt und so zog Stefan Effenberg während unseres Heimspiels gegen Freiburg unseren nächsten Gegner: Mainz auswärts. Ein machbares Los, möchte man sagen.

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Nur ein paar wenige Situationen hätten mir für die kurze Winterpause die dringend notwendige Gelassenheit geben können: ein Weiterkommen im Pokal und das Vermelden von ein bis zwei guten Neuzugängen in Sturm und Rechtsverteidigung, ich wäre fürs erste auch zufrieden gewesen. Bekommen haben wir stattdessen das vorzeitige Pokal-Aus, und einen dubiosen Stürmertausch, der weit höhere emotionale Wellen bei mir schlug, als es eine Pokalniederlage jemals könnte. So blicke ich vier Tage später nicht nur zurück auf einen bitteren Abend, sondern vielmehr auf turbulente Tage, die hinter dem VfB liegen.

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Immer dann, wenn es drauf ankommt

In meinem VfB-Leben habe ich erst sehr viel weniger erlebt als so manche Person, die diese Zeilen lesen. Ihr habt Dinge erlebt, die ich gerne mitgemacht hätte, habt Meisterschaften auf den Straßen Cannstatts gefeiert und habt das magische Dreieck live erleben dürfen. Wer dem Brustring schon lange gewogen ist, ist mir aber um eine wichtige Erkenntnis voraus: der VfB ist zu allem fähig, manchmal positiv, aber meist eher negativ. Es gibt nichts, was der VfB sich nicht selbst auf denkbar dämlichste Weise verbauen kann. Dass man sich lieber an den schönen Dingen festklammert, statt sich von Mal zu Mal erneut aufzuregen, ist bei mir noch nicht ganz angekommen. Ein Teufelskreis der Frustration.

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Einen gewissen Anspruch sollte die Mannschaft stets an sich selbst haben. Kämpfen, rennnen, Leidenschaft zeigen – und mit dem Kopf da sein, wenn es wichtig wird. Vor einer Partie, sei es Liga oder Pokal, wird beschworen, wie wichtig die nächsten 90 Spielminuten sein würden, dass man alles daran setzen würde, zu gewinnen, die weit angereisten Fans zu belohnen oder sich aus anderen Gründen ein Erfolgserlebnis zu bescheren. Vorher ist das immer leichter gesagt als getan. Und die Ausreden sind seit jeher die selben: man war mit dem Kopf nicht ganz da, in den entscheidenden Situationen versagten die Nerven.

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Aber warum ist das so? Warum versagt der VfB immer dann, wenn es extrem wichtig ist? Wer eine Antwort auf diese Frage hat, möge bitte vortreten. Es ist der rote Faden, der sich durch die jüngere Geschichte dieses Vereins zieht. Manche bezeichnen es auch als „Charakterfrage“, deren Antwort ein chronischer Pessimist schon vorher meint zu kennen. Und ich bin chronischer Pessimist, weil der VfB die Antwort auf die Charakterfrage zu oft falsch beantwortet hat. Vollkommen unabhängig von den handelnden Personen, die über die Jahre hinweg immer wieder ausgetauscht wurden. Immer dann, wenn Großes erreicht werden kann, versagt man.

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Endstation Auswärts

Nach dem Heimspiel gegen die Bayern war ich des Fußballs für das Jahr 2017 bereits überdrüssig. Ich hatte genug gesehen, bin genug auswärts gefahren und habe genug Niederlagen in der Ferne mit ansehen müssen. In dieser Hinrunde hatte der VfB alle Auswärtsspiele verloren, bei denen ich dabei war, lediglich beim sausen gelassenen Spiel in Hannover holte man einen Punkt. Und im Pokal? Da kam man gegen Cottbus und Kaiserslautern weiter, brauchte aber jeweils einen Rückstand, um aufzuwachen. Ein schnöder, ungefährdeter und weitgehend emotionsloser 2:0-Auswärtssieg wäre doch genau das Richtige vor Weihnachten gewesen. Wir waren brav in diesem Jahr – die Rute gab es für uns Fans trotzdem.

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Während ich diese Zeilen schreibe, sitzt meine Familie im Nachbarzimmer und spielt zusammen mit meiner besseren Hälfte auf der Wii. Sie scheinen Spaß zu haben, was man von mir in diesen Minuten nicht behaupten kann. Wenn ich euch fragen würde, ob ihr mir nachtragen würdet, wenn ich nicht in aller Ausführlichkeit auf die Pokalniederlage eingehe, würdet ihr mir das wirklich übel nehmen? Vermutlich nicht.

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Viele waren vor Ort, um die 4.500 Stuttgarter hatten sich unter der Woche im Winter auf den Weg gemacht. Keine Selbstverständlichkeit, auch nicht für die moderate Entfernung von 215 Kilometern bis zu dem Kartoffelacker, auf dem mitten im Nirgendwo das Stadion errichtet wurde. Uns alle einte die eine Hoffnung: irgendwie weiterkommen und ruhige Weihnachten haben. Und wieder lachte der Fußballgott.

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Anfahrt mit Hindernissen

Wer aus dem Stuttgarter Raum nach Mainz fuhr, hatte meist das gleiche Problem: die meisten der Strecken waren dicht. Wir waren früh dran und entschieden uns schon früh für einen Umweg, der zwar weiter war, uns aber am Ende mehr Zeit ersparte als der direkte Weg. So schnell werden wir vermutlich nicht wieder über Würzburg, Aschaffenburg und Frankfurt nach Mainz fahren. Als sich viele Stuttgarter noch parallel in der Mainzer Altstadt auf dem Weihnachtsmarkt vergnügten, waren wir bereits beinahe mit Stadionöffnung drin. Gähnende Leere in der Opel Arena, ich könnte mir schönere Abende vorstellen, als nun hier zu sein.

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Soweit ich konnte, wollte ich das Gefühl bei seite zu schieben, wie bitter es doch wäre, hier auszuscheiden. Manch einer würde sagen „Kein Beinbruch“, aber was ist, wenn ausgerechnet der hierher abgewanderte Alexandru Maxim das entscheidende Tor macht? Aus dem Spiel heraus, oder gar im Elfmeterschießen? Mainz war von vielen Losen das vermutlich machbarste, aber ob darin nicht die besondere Krux bestand, vermage ich vier Tage später in den Raum zu stellen. Ob es gegen einen größeren Gegner gereicht hätte, ist dahin gestellt, aber wer weiß das schon so genau.

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Der Mannschaft sieht man es oft schon nach wenigen Minuten an, wie sie drauf sind. Körperhaltung, Zweikämpfe, Wille – das alles lässt sich auch aus der 26. Reihe von Block J beobachten. Oder in diesem Fall: nicht beobachten. Der VfB ließ all das vermissen, was ein Team auszeichnet, das vorhat, ein Pokalspiel zu gewinnen, völlig unabhängig von der jeweiligen Liga. Dass es ausgerechnet der VfB war, der auch noch kurz vor Ende der ersten Halbzeit in Führung ging, war beinahe schon amüsant. Dass es ein zugegeben schöner Spielzug war, wurde an diesem Abend bedauerlicherweise nur zur Randnotiz.

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Mit Führung auf die Verliererstraße

Mit der 1:0-Führung konnte ich leben, doch war der Abend noch lang. Zehn Minuten war die zweite Halbzeit alt, da fühlte man den Ruck, der durch den Gästeblock ging. Das muss das 2:0 für den VfB sein, nachdem man einen eher schmeichelhaften Handelfmeter vor dem Gästeblock zugesprochen bekam. „Wenn der sitzt, ist der Wille der Mainzer womöglich gebrochen“ hatte ich noch gedacht, als sich Dennis Aogo den Ball zurecht legte. Erst am Samstag zuvor scheiterte Chadrac Akolo in der Nachspielzeit vom Punkt an Sven Ulreich, so viel Pech kann man binnen weniger Tage doch wohl kaum haben. Aber offensichtlich doch.

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Dass es ausgerechnet fast eine identische Kopie des Elfmeters vom Samstag war, war den Mainzern egal. Und statt es abzuhaken und darauf zu vertrauen, dass wir noch anderweitig nachlegen, wuchs in mir eine einzige große Gewissheit heran: „Das verlieren wir noch“. Keine acht Minuten später glichen die Gastgeber aus und erneut wurde mir vor Augen geführt, dass kein negatives Szenario beim VfB absurd genug sein kann, dass es nicht in Kraft treten könnte. Eben führte man noch und musste nun zusehen, wie die Mainzer immer stärker wurden. Und bei allem nötigen Respekt: wir reden hier von Mainz.

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Wo waren nun die vielbeschworenen Tugenden von Leidenschaft und Wille? Viel zu sehen gab es nicht und als keine zehn Minuten das Spiel gedreht war, wunderte mich gar nichts mehr. Das war immerhin noch mein VfB. Und manchmal hasse ich es, dass es so ist. Warum nur musste ich VfB-Fan werden? Warum musste ich mein Herz an einen solchen Kläpperlesverein verlieren? Warum muss der VfB immer wieder solch einen Scheiß machen? Viele Fragen, die aber an diesem Abend unbeantwortet blieben. Dass der dritte Treffer der Mainzer noch in der Nachspielzeit fiel, war dann angesichts der auf so vielen Ebenen enttäuschenden Darbietung auch nicht mehr wichtig.

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Trostloses Ende eines emotionalen Jahres

Die Quittung vom Gästeblock und in den voller VfB-Fans gefüllten Randblöcken folgte prompt, es war der lauteste und wütendste Pfeifkonzert seit längerer Zeit. Dass das Jahr 2017 mit fünf Niederlagen in Folge und dem Pokal-Aus enden musste, hätten wir uns in jenem schicksalhaften Sommer sicherlich auch anders gewünscht. Das machbarste Los bekommen und dennoch nicht das geringste daraus gemacht. Am Ende blieben hängende Köpfe zurück und das dumpfe Gefühl, dass der Arbeitsplatz von Hannes Wolf nicht so sicher ist, wie man es noch vor einigen Wochen vermuten konnte. Auf den kalten Stufen des Mainzer Gästeblocks war nun wieder alles doof. Fußball doof. VfB doof. Auswärtsfahren doof.

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Dass es in den nächsten Tagen sogar noch dicker kommen sollte, war nicht wirklich abzusehen. Was hatten wir im Sommer nicht den Tag gefeiert, als nach tagelanger Ungewissheit die Vertragsverlängerung von Simon Terodde bekannt gegeben wurde. Sein Flirt mit Gladbach hinterließ ein Geschmäckle, es machte überhaupt keinen Sinn, uns zum Aufstieg zu schießen, nur um dann gleich den Club zu verlassen, bei dem er sich offensichtlich wohl fühlt. Die Realität in der ersten Liga sah dann aber schnell anders aus: kaum Einsatzzeiten, schlechtes Tempogefühl und nur wenige Tore waren nicht das, was Fans, Verein und nicht zuletzt Simon Terodde selbst erwartet hatten.

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Unser 25-Tore-Aufstiegsgarant zog nach einer schwierigen Hinrunde die Konsequenzen und bat um Freigabe – die der ohnehin schon kritisch beäugte Michael Reschke prompt erteilte. Ohne offensichtlichen Plan, ohne Mann in der Hinterhand, ohne Sinn und Verstand. Wie kann man den einzigen fitten Stürmer im Kader abgeben? Es machte keinen Sinn. Wirklich verübeln kann man es unserer letztjährigen Lebensversicherung nicht, Familie, Spielzeiten, Perspektive, das alles sah er mehr in Köln als in Stuttgart. Dass er sich nicht durchbeißen wollte und beim ersten Gegenwind die Segel streicht, lässt einen als Fan dann aber dennoch betreten zurück. Er wird auf ewig unser Aufstiegsheld sein, dafür gebürt ihm unser Dank und Respekt. Und dennoch: schade.

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Die Rückkehr des Einen

Hier sollte die Geschichte allerdings noch nicht enden. Michael Reschke schien keinen Ersatz schon in der Hinterhand zu haben und gab auf einer Presserunde bekannt, es würde keinen neuen Stürmer unter dem Weihnachtsbaum geben. Dass er dafür die (selbstverständlich an eine Ausstiegsklausel gebundene) Vertragsverlängerung von Benjamin Pavard bekannt gab, konnte nur wenige Gemüter wirklich beruhigen. Zwei weitere Tage waren seit dem Abgang von Simon Terodde vergangen, da befand ich mich gerade mitten in den letzten Einkäufen und Vorbereitungen für den elterlichen Besuch. Einige Zeit schaute ich nicht auf mein Handy, die erste Nachricht, die ich sah, erreichte mich von meinem langjährigen Kumpel Marc, ob ich mich denn freuen würde, nebst Zwinkersmilie. „Was zum…? Worüber denn?“

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Kurze Zeit später überfluteten mich die Nachrichten. Auf allen möglichen Kanälen bekam ich Post, ob WhatsApp, Facebook, SMS, Mails, als ob es bei der Nachricht alleine um mich gehen würde. Was ich lesen musste, zog mir den Boden unter den Füßen weg. Mario Gomez ist zurück beim VfB Stuttgart. Dann war da erstmal nichts. Nur Leere. Erst dann gesellte sich das Gefühl dazu, sich damit nicht arrgangieren zu wollen. Dann kam die Wut dazu, und das Unverständnis ließ auch nicht lange auf sich warten. Warum ausgerechnet er? Warum zu dieser Zeit? Ganz ohne Emotionen betrachtet ist er ein Stürmer, kennt den VfB bestens, hat Familie und Freunde in Stuttgart, ist eine Identifikationsfigur für die Fans in der Region und kann mittelfristig durchaus beim Ziel Klassenerhalt helfen. Aber was wäre Fußball denn ohne Emotionen?

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Für mich stand schnell fest: „Ich will das nicht“. Nicht, dass wir in unserer Position eine Wahl haben. Aber ich konnte bis heute nicht vergessen, auch nicht nach acht einhalb Jahren. Dass er den Mut nicht aufbringen konnte, direkt ins Ausland zu gehen, habe ich bis heute nicht verstanden – auch wenn alle sportlichen Gründe dafür sprachen, wir viel Geld bekommen haben und er nie schlecht vom VfB gesprochen hatte. Gefühle haben es bisweilen an sich, nicht unbedingt rational zu sein. Eine Chance hat er nüchtern betrachtet ja verdient, und ob er viele Tore macht oder nicht, weiß man nicht. Ich weiß nur, dass ich damit nicht umgehen kann. Niemals habe ich einen Spieler so sehr geliebt wie ihn. Niemals habe ich einen Spieler so sehr gehasst wie ihn. Was mache ich denn jetzt?

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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