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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Wer schläft wird angemalt

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Als Tayfun Korkut vor 74 Tagen als neuer Trainer des VfB vorgestellt wurde, fiel ich vom Glauben ab. Nichts, aber auch gar nichts wollte ich diesem Verein in dieser Spielzeit noch zutrauen, zu enttäuscht war ich von den Geschehnissen des späten Januars 2018. Hätte man mir zu diesem Zeitpunkt gesagt, der VfB würde vier Spieltage vor Schluss 39 Zähler auf dem Konto halten, ich hätte nach einem Stift gefragt und mich erkundigt, wo ich denn bitte unterschreiben darf. Nichts hatte ich erwartet, nur dass sie sich so lange zusammenreißen, bis rechnerisch nichts mehr schief gehen kann. Nun sitze ich hier, bei frühsommerlichen Außentemperaturen und mit einem Gesicht wie drei Tage Regenwetter.

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Ein paar Sekunden trennten uns vom Knacken der 40-Punkte-Marke. Ein paar Sekunden trennten uns vom Klassenerhalt (vorbehaltlich des Montagsspiels der Mainzer gegen die Freiburger). Ein paar Sekunden trennten uns vom Heimsieg, der die einzig richtige Antwort auf die zuletzt schwachen Auftritte gewesen wäre. Wenn du dich schon entscheidest, jegliche Offensivbemühungen einzustellen und dich nur noch hinten reinzustellen, dann ist es deine Aufgabe, alles wegzuschlagen, was auch nur einen kleinen Hauch in Richtung deines eigenen Tores geht, von mir aus im Vollspann auf die Haupttribüne, nur weg vom eigenen Tor. Man muss kein Trainer sein, um das zu wissen. Der VfB wusste das ganz offensichtlich nicht.

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„Zu neunundneunzig Prozent sind wir durch“ – schon alleine, wenn ich diese Worte höre, könnte ich explodieren. Die Spannung hochzuhalten, solange der rechnerische Klassenerhalt noch nicht perfekt ist um im schlimmsten Falle die Relegation droht, ist beileibe nicht zu viel verlangt – im Gegenteil. Wir sind noch nicht durch, und genau deshalb erwarte ich von der Mannschaft, dass sie sich reinhängt, solange es nötig ist. Wenn man dann einmal durch ist und die letzten Spiele mit der zweiten Mannschaft bestreitet, sei es drum. Man scheint sich sicher genug zu fühlen und denkt, es könne einen ja nicht treffen. Komisch, genau das hatte man 2016 auch gedacht.

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Sommer, Sonne, 40 Punkte – oder auch nicht

Viel ausrechnen dürfen wir uns in dieser Spielzeit nicht mehr. Drei der letzten vier Spiele müssen wohl oder übel abgeschenkt werden, gegen Leverkusen, Hoffenheim und die Bayern ist kein wirkliches Kraut gewachsen. Vor einigen Wochen war ich bereits wesentlich zuversichtlicher, die 40-Punkte-Marke spätestens mit den Heimspielen gegen Hamburg, Hannover und Bremen zu überschreiten und zum ersten Mal seit Jahren einen entspannten Saisonendspurt genießen zu können. Statt eingeplanten sechs Punkten aus den ersten beiden besagten Spielen holte der VfB nur zwei und der oft getätigten Aussage „Dann packen wir es halt gegen Bremen“ kann ich nicht viel abgewinnen.

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Was vor zwei Wochen mein Gemüt erhellte, ist nun wieder zu tiefem Frust geworden. Und das, obwohl ich mir geschworen hatte, dass mir das in dieser Spielzeit nicht mehr passiert. „Ist ja nur Fußball“, oder? Nein, eben doch nicht, das merke ich jetzt wieder. Aber warum frustriert mich das so unheimlich? Ich hatte immer so große Angst vorm Abstieg, nur um dann festzustellen, dass die Saison in der zweiten Liga mitsamt dem Aufstieg zu weiten Teilen das schönste war, was ich in meinem Fandasein erleben durfte. Schon bald war der VfB auf dem harten Boden der Tatsachen angekommen, befreite sich Stück für Stück in der Rückrunde und versagt nun auf den letzten paar Metern. Wie kann einen das denn nicht ärgern?

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Die Sonne lachte vom Himmel, als wollte sie uns sagen, dass es ein perfekter Tag werden würde. Die Aufbauarbeiten auf dem benachbarten Wasengelände liefen auf Hochtouren, als ich mich auf den Weg zum Stadion machte. Schon in den nächsten Tagen wird Bad Cannstatt von einer Horde Lederhosen und Dirndl überrannt, von denen nicht wenige auch ihren Weg ins Stadion finden werden. Die gleichen Leute, der gleiche Platz, die selbe nervöse Anspannung wie sonst auch immer. Ich wollte diese verdammten 40 Punkte, respektive 41 Punkte, wenn wir das Spiel gewonnen hätten. Aber warum sollte der VfB sich auch Mühe geben, den treuen Fans ein entspanntes Saisonfinale zu bescheren und ihnen den Willen zu zeigen, wenn man doch mental bereits im Sommerurlaub zu sein scheint.

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Nur zwei Punkte gegen die Nordklubs

Noch immer wiegt der Frust groß, die Lust darauf, mir das ganze Spiel noch einmal anzusehen, ist dafür selbstredend niedrig. Er werdet mir also verzeihen, dass ich darauf verzichte, auf den kompletten Spielverlauf einzugehen, zumal es nur zwei wichtige Szenen waren, für die es Worte bedarf (oder auch nicht). Was hatte ich mich nicht aufgeregt vor zwei Wochen, als nach einer bocklosen und unmotivierten Vorstellung nur ein Punkt gegen den Tabellenletzten aus Hamburg zu Buche stand. Da hieß es lediglich, ich sollte mit der Mannschaft nicht zu hart ins Gericht gehen, nur weil sie nach den letzten erfolgreichen Wochen mal ein schlechteres Spiel gemacht hatten.

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Natürlich kann nach einigen Wochen und erfreulichen Siegen auch mal danebengreifen in Sachen Taktik und Aufstellung, für fehlende Leidenschaft und Kampfgeist habe ich jedoch keinerlei Verständnis. Es sollte ein Ausrutscher sein, sagten sie. Das sollten sie mir beweisen, hatte ich da in meinen Spielbericht geschrieben. Vielleicht nicht unbedingt in Dortmund, aber auf jedem Fall gegen Hannover. Ich war töricht, zu glauben, dass es besser laufen würde. Ich weiß schon gar nicht mehr, ob es nach dem Auswärtssieg in Freiburg war, doch Michael Reschke erklärte öffentlich den Abstiegskampf für beendet. Was für ein fataler Fehler, aber es zeigt, dass er den VfB offenbar wirklich noch nicht gut kennt.

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An uns Fans lag es nicht. Sorgte der frühe Rückstand gegen Hamburg noch dazu, dass die Stimmung schon zu Beginn nicht besonders euphorisch war, so gaben wir hier und heute wieder alles, was wir konnten. Uns blieb ja nichts anderes übrig, wir mussten die Mannschaft nach vorne schreien, denn auch wir sind es ja, die ein entspanntes Saisonfinale genießen wollen. Und nein, ich rede hier nicht von „Europa“, sondern ganz kühl vom Klassenerhalt und nichts anderem. Vor diesem Spieltag war der VfB Tabellenneunter, warum sollten wir was mit dem Abstiegskampf zu tun haben? Jeder, der mit dem VfB in irgendeiner Weise zu tun hat, sollte sich diese Frage noch einmal selbst stellen.

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You had one job!

So ganz schlecht machte das der VfB ja nun nicht im ersten Durchgang – leider aber auch nicht besonders gut. Meist hatten sie die Hannoveraner im Griff, allen voran Martin Harnik, aber nach vorne ging bei uns nicht viel. Erst zu Beginn der zweiten Halbzeit fiel das Tor, von dem wir bis wenige Sekunden vor Schluss dachten, es würde zu drei Punkten und damit dem Klassenerhalt reichen. Bei nahezu jeder gefährlichen Torszene halte ich die Kamera auf das Tor, drücke den Auslöser, in der Hoffnung, den entscheidenden Moment festhalten zu können. Was bereits viele Male erfolgreich funktioniert hatte, sollte sich auch dieses Mal bewahrheiten. Das Endergebnis: eine Abfolge von vier Bildern, bei denen man drei Mal den Torwart fliegen sieht und im vierten Bild alle Arme nach oben gehen. Ich liebe sowas. Nur nicht Bierduschen, die darauf folgen.

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Perfektes Wetter, der VfB führte, geile Stimmung und der Klassenerhalt zum Greifen nah, was gäbe es Schöneres? Das zweite Tor, beispielsweise. Ein weiteres Mal die alte Leier, der VfB drückt, trifft, vergisst, das zweite Tor zu machen und wird am Ende bitter bestraft. So oft haben wir das schon erlebt, unabhängig vom Trainer, unabhängig von den Spielern, unabhängig vom Gegner, es ist doch immer wieder das gleiche. Je später der Nackenschlag kommt, desto schmerzhafter für das treue Publikum. Ob den feinen Herren auf dem Feld dieses bittere Remis auch so nahe geht wie uns, wage ich vorsichtig zu bezweifeln.

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Ein langer Ball auf Niclas Füllkrug, ein harmloser Kopfball mit dem Rücken zum Tor, ein viel zu weit vor dem Tor stehender Zieler – der Rest war ein fassungsloses Kopfschütteln. Viele hatten es noch nicht einmal mitbekommen, sie waren bereits auf dem Weg nach draußen. So auch meine liebe Freundin Linda, die sich in just diesem Moment umgedreht hatte, um ihrem Kumpel mit dem Schlusspfiff in die Arme zu fallen. Sie hatte nur noch die fassungslosen Gesichter in der Cannstatter Kurve gesehen und konnte es – wie alle Beteiligten – nicht fassen. Ein schlechtes Stellungsspiel, das mangelnde Verständnis über die Kunst des „Bälle rausschlagens“ und ein weit vorgerückter Torwart reichten aus, um die einzige Hannoveraner Torchance im zweiten Durchgang im Netz zu versenken, sehr zur Freude der lediglich rund 1.000 mitgereisten 96-Fans.

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Nicht zu viel verlangt

Worte gab es für dieses Spiel viele: Lächerlich, unfassbar, dämlich, die Liste lässt sich beliebig erweitern. Wie man diese Partie nicht gewinnen konnte, habe ich auch 24 Stunden später nicht begriffen, und ich werde es auch nach 24 Tagen immernoch nicht begriffen haben. Ein einziger letzter Angriff in den letzten Sekunden und alles, was du sicher geglaubt hast, fällt in sich zusammen. Nur zwei Punkte gegen Hamburg und Hannover, bei bestem Wetter vor fast ausverkauftem Haus, eine Peinlichkeit, die seinesgleichen sucht. Dass wir de facto immernoch ganz gut dastehen, haben wir der Erfolgsserie vor einigen Wochen zu verdanken, zufrieden geben muss ich mich damit jetzt aber lange nicht.

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Es ist mein Recht, mich über den späten Ausgleich aufzuregen, einfach weil es so vorhersehbar war und ohne weiteres zu verhindern gewesen wäre. Ich begreife es einfach nicht. Gestern nicht. Heute nicht. Morgen nicht. Es war nichts weiter zu tun als den Ball auf die Tribüne zu schlagen und die letzten Sekunden unbeschadet durchzustehen und dennoch schafft man es nicht. Schon bald darauf war das Spiel vorbei und die Geräuschkulisse, die 91 Minuten lang Höchstleistungen erbracht hatte, wurde zu einer Mischung von frustriertem Pfeifen und enttäuschtem Applaus. Wer der Mannschaft für diese Darbietung noch Applaus zollen konnte, dem kann ich das nicht abkaufen. Warum sollte man da denn applaudieren?

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Ich vermag nicht zu beurteilen, wie es anderen VfB-Fans so erging, als das Spiel abgepfiffen wurde und man das Spiel gefühlt verloren hatte. Übertrieb ich mal wieder mit meiner Wut? Auch auf dem Weg nach draußen hatte ich mich nicht beruhigen können. Ein paar beschissene Sekunden und sie haben versagt. Das erst kürzlich wiedererlangte Vertrauen in die Mannschaft droht nun in den letzten Spieltagen wieder gänzlich abzugehen, fraglich ist, wie die Saison nun tatsächlich endet. Schafft man es, den Sack endgültig zuzumachen oder dümpelt man weiter vor sich hin und lässt zu, dass es bis zum Schluss spannend bleibt? Ich will das alles nicht. Ich will nur einen VfB, der immer alles gibt, bis zum Schluss – und nicht nur bis ein paar Sekunden davor.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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