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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Eine fast perfekte Europapokal-Tour

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Knapp 2 Tage sind vergangen, seit der VfB im dänischen Kopenhagen antrat, um die allerletzte Chance auf den Verbleib in der Europa League zu wahren. Ein Vorhaben, welches letztendlich von Erfolg gekrönt war und bei allen Beteiligten gemischte Gefühle hinterlassen hat. Vieles kann ich berichten, die Meisten meiner Blogleser kennen meinen Hang zur Detailliebe bereits. Wer ihn noch nicht kennt, bekommt in diesem Bericht eine erleichterte Orientierung:

Kapitel 1: Eine Busfahrt, die ist lustig
Kapitel 2: Orientierungslos durch Kopenhagen
Kapitel 3: Ein unvergessliches Spiel
Kapitel 4: Drei Punkte im Gepäck

Es war ein fast perfektes Auswärtsspiel, das jede Menge Spaß und doch einige Stirnfalten gemacht hat. Ich blicke zurück auf eine unvergessliche Tour, die im Gedächtnis hängen bleiben wird \“ wie so vieles andere auch.

Kapitel 1: Eine Busfahrt, die ist lustig

Eigentlich war es ja nur eine Notlösung, der Plan, 4-5 Tage in der Hauptstadt Dänemarks zu verbringen, wurde schnell aufgrund hoher Flug- und Hotelpreise verworfen für eine Jahreszeit, in der die Regenwahrscheinlichkeit nahezu 100% beträgt. Wir werden das eines Tages nachholen. Die Entscheidung, auch aus Kostengründen mit VfBaway zu fahren, werde ich jedoch keinesfalls bereuen, was hängen bleiben wird, sind stets gute Erinnerungen an eine witzige Fahrt mit netten Leuten.

Spätestens mit „Marco und Kone kommen auch mit!“ hatte mich Felix vollends davon überzeugt, das die Fahrt witzig wird. Wir Vier vom Fanclub Boys in Red buchten die Fahrt, geschätzte Fahrzeit: mindestens 12 Stunden. Gutes Sitzfleisch war von Nöten, doch die Vorfreude auf unsere kleine Reisegruppe war unheimlich groß, ich freute mich sehr auf die Fahrt.

Wochenlang habe ich darauf hingefiebert, habe die Tage herunter gezählt, bis der Kalender endlich das denkwürdige Datum 07/11 hatte \“ der perfekte Tag, um zum VfB zu fahren, stellte Kone bereits im Vorfeld fest. Eine kurze Arbeitswoche neigte sich schnell dem Ende, den Mittwoch verbrachte ich noch bis zum frühen Nachmittag im Büro bei meinen Kollegen, von denen nur wenige aufrichtiges Verständnis für die Strapazen haben, die man sich als Fußballfan selbst auferlegt.

Die letzten Stunden waren angebrochen, ich besorgte noch Proviant im nahegelegenen Supermarkt und machte mich fertig für die lange Reise. Noch eine warme Mahlzeit vor der langen Fahrt und schon ging es los zum Treffpunkt, wo wir Marco und auch bald den Kone begrüßen durften. Viele hatten sich schon eingefunden, ich kannte nur die allerwenigsten davon. Ganze 3 Reisebusse fuhren vor, freie Platzwahl war das Motto. Im Nachgang betrachtet: wir sind in den richtigen Bus eingestiegen, mit Salva und Werner hatten wir 2 unheimlich lockere und witzige Busfahrer, die uns eine angenehme und lustige Fahrt bescherten.

Nachdem wir die letzten VfBaway-Fahrer am Vereinsheim einstiegen ließen, ging es los, nervös und hibbelig hopste ich auf dem Polster meines Fensterplatzes herum wie ein kleines Kind vor der Bescherung am Heiligabend. „Freuste dich?“ – na klar, und wie! Felix‘ Feuerzeug musste für die komplette Hin- und Rückfahrt als Flaschenöffner dienen, die ersten 4 Flaschen wurden geköpft, als wir uns um 20 Uhr am Mittwoch Abend in Bewegung setzten. Kopenhagen, wir kommen!

Und so fuhren wir durch die Nacht, Kilometer um Kilometer, plauderten, lachten und gröhlten über die witzigen Sprüche und Geschichten unserer beiden Busfahrer. Mit genügend Proviant, um davon locker 4 Tage leben zu können, ließ es sich bei Frei.Wild-Musik richtig gut aushalten. Etwa alle 2 bis 3 Stunden fuhren wir raus zur Rast, eine Gelegenheit, die anderen Mitfahrer kennen zu lernen. Einer der Mitfahrer brachte eine Flasche italienischen Wein mit, sein Kumpan besorgte den Korkenzieher in Form eines Allzweck-Taschenmessers im Rasthof-Shop.

Gemeinsam plauderte man über legendäre Auswärtsfahrten wie Timisoara 2009 \“ seit dieser Rast würde ich den Rest der gemeinsamen Zeit mit „Lexikon“ angesprochen werden. Was denn, wisst ihr denn nicht mehr, dass das am 18.08.2009 war, 3 Tage nach dem Bundesliga-Heimspiel gegen Freiburg (4:2) und dass Aleksandr Hleb und Timo Gebhart die Torschützen zum 2:0 waren? Was…? Oh… ich verstehe. Nunja, ich habe es jedenfalls nie vergessen.

Immer wieder nickte ich weg, ich war schließlich seit 5 Uhr morgens auf den Beinen und verzichtete aus zeitlichen und organisatorischen Gründen auf ein Nickerchen am Nachmittag. Auch die 3 Jungs, mit denen ich die Boys in Red-Reisegruppe bildete, waren immerwieder mal eingeschlafen. Wer nicht schlief, trank Bier oder erzählte ordinäre Witze in einer Lautstärke, die die vordere Bushälte unterhalten konnte.

So vergingen die Stunden, es war nicht besonders komfortabel, aber es war in Ordnung. Kissen und Decken hatten wir dabei, angenehme Temperaturen und mit fortschreitender Reisedauer wurde es auch im gesamten Bus zunehmend stiller. Am nächsten Morgen war es noch dunkel, aber nicht mehr lange bis zur Dämmerung, als wir kurz vor Fehmarn eine letzte Rast auf deutschem Boden einlegten. Bald darauf erreichten wir die Fähre, die uns nach Dänemark schippern sollte.

Für heftige Lacher sorgte Salva, der die Überfahrt nach Dänemark beim zuständigen Kassenhäuschen organisierte und Werner die Polizisten in Empfang nahm, die kurz den Bus überprüften. Er rannte zum Bus zurück und brüllte „Schnell weg, bevor die Polizei kommt!!! … Oh, guten Abend!“ – Grandios! Das hat er natürlich lustig gemeint und hatte die Polizisten beim Einsteigen bereits gesehen.

Sie verstanden den Spaß, wir lachten alle herzhaft darüber und fuhren in den Bauch der Fähre, unzählige Treppenstufen später waren wir an Deck. Als erstes begutachteten wir den Travel-Shop (eine Art Duty-Free-Shop am Flughafen) mit 25 Dosen Red Bull für 25 Euro, die Sitzmöglichkeiten und natürlich das „Sonnendeck“, das so kalt und windig war, dass sich nur die hartgesottenen Raucher länger dort aufhalten konnten. Ich lehnte mich kurz ans Geländer, der Wind blies mir so heftig entgegen, dass ich keine Luft mehr bekam und mich schnell wegdrehen musste.

Bei der 40-minütigen Überfahrt unterhielten uns 2 Herren aus den anderen VfB-Bussen (neben VfBaway fuhren zeitgleich auch vom VfB offiziell organisierte Busse), die sich an 2 Greifarm-Automaten zu schaffen machten, 2 Euro das Spiel. Verzweifelt wollten Sie ein Smartphone erhaschen, steckten letztendlich einen 20-Euro-Schein in die Maschine, während die Fähre immer wieder unter unseren Füßen wankte. Die Gruppe um die beiden herum wurde immer größer \“ erfolglos, aber amüsiert mussten wir zum Bus zurück.

Vor uns erstreckten sich die ersten Meter Dänemark, auch unseren Telefonen erschienen nun zu Hauf SMS-Nachrichten, „Willkommen in der EU!“, danke auch, wir freuen uns sehr. Die Sonne war mittlerweile aufgegangen, als wir die ersten 2 Pausen vorm Ziel machten: eine Toiletten-, Raucher- und Frischmach-Pause sowie ein kurzer Halt zum Organisieren der Abgas-Vignette, die in Dänemark Pflicht ist.

Endlich waren wir da, Salva saß am Steuer und Werner belustigte uns via Mikrofon. Statt die Abkürzung über die Stadtautobahn zu nehmen, die am Stadtrand entlang führt, fuhren wir durch die Innenstadt und bekamen von unserem Busfahrer noch viele Dinge erzählt, teils interessante Fakten, teils Lustiges, der Bus hat gegröhlt. Gegen halb 11 erreichten wir dann das Stadion „Parken“, wo wir rausgeworfen und verabschiedet wurden. Es regnete, damit bewahrheitete sich der Wetterbericht von 97% Regenwahrscheinlichkeit.

Kapitel 2: Orientierungslos durch Kopenhagen

Ein paar der Gemütlichen stellten sich am 38.000 Zuschauer fassenden Betonklotz sogleich an der Bushaltestelle ins Wartehäuschen, während Felix, Marco, Kone und ich entschieden, die Strecke wie viele andere auch. Nach den ersten Metern trennten sich die Wege und als der größere Teil der VfB-Fans zu Fuß in die eine Richtung lief, liefen wir 4 in eine andere Richtung. Es dauerte etliche Meter, bis wir feststellen mussten, falsch zu sein. Ohne Stadtplan, ohne Ortskenntnis, ohne Sprachkenntnisse \“ ohne jegliche Orientierung.

Langsam wollten wir in die Kopenhagener Altstadt, der Plan war, noch etwas zu essen, ein paar Dinge unterwegs anzuschauen, bevor es am späten Nachmittag zum vereinbarten Fantreffpunkt am „Nyhavn“ gehen sollte. Kilometerlang trotteten wir durch die Stadt, etliche Richtungswechsel brachten uns schließlich dann doch wieder Richtung Zivilisation. An der Metrostation „Nørreport“ steuerten wir das erste an, was uns ein heimisch vorkam: ein Gebäude mit einem gelb leuchtenden M und kostenlosem W-LAN.

Erst einmal Kaffee, die schlaffen Körper wieder zum neuen Leben erwecken. Bezahlt wurde mit den dänischen Kronen, die Felix vor einigen Tagen extra hat tauschen lassen bei einem Wechselkurs von 1:7. Dass Dänemark teuer werden würde, war uns klar, generell gehört Skandinavien zu den teuersten europäischen Länder(gruppe-)n überhaupt. Mit frischem Koffein in der Blutbahn ging es weiter, langsam steuerten wir in Richtung des Treffpunkts. Das Wetter war uns gegen alle Erwartungen hold: statt Regen pur gabs Sonne satt, so gefiel uns das.

Unterwegs verloren wir uns allerdings wieder einmal, unweit vom innerstädtischen Vergnügungspark „Tivoli“, bei dessen Namen Fußballfans eher an Aachen als an Achterbahn denken, mussten wir nach dem Weg fragen und verständigten uns mit Händen, Füßen und der nach wenigen Stunden schon völlig zerfledderten Karte. Der freundliche dänische Herr brachte uns zurück auf den Weg.

Ins Auge fiel die die Architektur eines urigen Lokals mit Namen „Streckers„, auf dessen Schild vor der Tür die Live-Übertragung für das Spiel am Abend annonciert wurde. Diese brauchten wir nicht, etwas Warmes in unsere Bäuche allerdings schon. Es war schon Mittagszeit, die Entscheidung war schnell getroffen, wir bereuten sie nicht. Ein leckeres Mahl, eine nette deutschsprachige Bedienung, alle wurden pappsatt und zufrieden verließen wir das Lokal wieder.

Schließlich fanden wir uns schließlich ein am „Nyhavn“, die ersten VfB-Fans waren schon von Weitem zu erkennen. Es war eine erste Vorstellung davon, dass es wahrscheinlich mehr sind als die angekündigten 2.000 Stuttgarter. Viele Freunde und Bekannte traf ich vor Ort, welch wunderbarer Moment, wenn du tausende von Kilometer hinter dich bringst und die Leute triffst, die dich auf all deinen Wegen begleiten.

Wir waren überrascht von gutmütigen und freundlichen Dänen, selbst die Polizisten waren super drauf und gaben das beste Lehrbeispiel, wie Deeskalation auszusehen hat. Lächelnd, plaudernd und mit VfB-Schals um den Hals waren sie unter uns, man ließ sich oft mit ihnen fotografieren, sie werden in Erinnerung bleiben. In Deutschland gibt es so etwas leider nicht. Um uns herum entspannte Stimmung, es wurde getrunken und geplaudert.

Wir warteten noch immer auf die Ankunft des harten Kerns, der nach 17 Stunden noch immer nicht hergefunden hatte. Währenddessen hielt ein doch recht enthusiastischer Däne vom Radio sein Mikrofon in eine gegen den ungeliebten KSC singende Gruppe, er lachte und ermunterte sie, noch mehr und noch lauter zu singen, er wird nicht mal im Ansatz gewusst haben, was er da aufzeichnet. Ausgelassene letzte Stunden, bevor es endlich losgehen sollte, hin und wieder regnete es ein wenig, doch das kann einen nicht aufhalten, wenn man schon einmal so weit gefahren ist.

Kapitel 3: Ein unvergessliches Spiel

Kollektive Aufbruchsstimmung, als die Dämmerung einsetzte und es dunkel wurde über der dänischen Hauptstadt. Es war bereits gegen 5 Uhr am Nachmittag, gut 2 Stunden vor Anpfiff des Spiels. Das war schon reichlich spät, die aktiven Fans bewiesen spätes, aber perfektes Timing, sie fuhren an dem Platz vor, stiegen hektisch aus und wir folgten ihnen auf dem fast 1 Stunde dauernden Fußmarsch zum Stadion, begleitet von Fangesängen und staunenden Dänen am Straßenrand und an den Fenstern.

Die Füße schmerzten schon längst, als wir die Spielstätte endlich erreichten, nach einer doch recht laschen Sicherheitskontrolle durch zuvorkommendes Ordnungspersonal ging es hinein in den Gästeblock. Eine ganze Tribüne nur für uns, rote Sitzschalen erstreckten sich vor uns, keine Trennwände, keine Wellenbrecher, ganz nah am Spielfeld dran. Ein schönes Stadion mit jeder Menge Platz für fotografische Freiheiten.

Unsere Wege trennten sich wieder, Marco und Kone verbrachten das Spiel oben in der Mitte des Gästeblocks, Felix ging nach links oben, ich war leicht rechts ganz unten, mit gutem Blick aufs Spielfeld und in guter Position für Bilder aus dem Fanblock heraus, die ich dann für vfb-bilder.de bereitstellen würde. Tosender Applaus, als kurz darauf die Mannschaft zum Aufwärmen aufs Feld kam, fast 2.500 Stuttgarter jubelten unseren Jungs zu.

Auf jeden Schritt achtend kletterte ich Reihe für Reihe und Meter für Meter durch die Reihen über die Sitzschalen, bis ich einen guten Standpunkt hatte, unbeabsichtigt direkt hinter mir: der namenlose VfBaway-Mitfahrer, der mich lachend mit „Ah, das Lexikon ist wieder da!“ begrüßte. Nach außen hin konnte man es nicht sehen, aber ich war unheimlich nervös. Wenn der gute Lauf des VfB aktuell nicht wäre, ich wäre ohne jede Hoffnung hier her gekommen. Doch nun war die Chance da, es war die letzte Chance, sich selbst vor dem Ausscheiden zu bewahren. Sie müssen gewinnen, damit es hier und heute nicht gleich ganz vorbei ist.

Belustigt sah ich dabei zu, wie die vorderen Reihen das Ballfangnetz nach unten zogen und das mit Karabinerhaken befestigte Netz lösten und damit die Hälfte der Kurve schutzlos den Aufwärmübungen unserer Spieler ausgesetzt war. „Selber Schuld“, mit den Konsequenzen müssen sie dann halt leben. Vehementes Einschreiten seitens der Ordner gab es übrigens nicht, die Dänen halt. Bei den Torschussübungen zischten viele Bälle ungebremst in den schutzlosen Gästeblock, man musste höllisch aufpassen.

Ein Blick durch die Reihen, viele bekannte Gesichter, im Rest des Stadions war es noch weitgehend leer. Uns gegenüber füllte sich allmählich die Tribüne mit den Heimfans, die trotz Sprachbarriere offenbar wussten, wie sie uns provozieren können. Unter ihnen sicherlich nicht wenige Hamburger, die den Weg auf sich genommen haben, beide pflegen eine Fanfreundschaft miteinander, so waren bereits beim Hinspiel in Stuttgart HSV-Fahnen gesichtet worden.

Bald war es soweit, die Mannschaften zogen sich in die Kabinen zurück und schworen sich mental ein auf einen Europapokal-Fight, den wir alle so schnell nicht vergessen würden. Im Gästeblock wehten die Fahnen und die Schals ragten in die Luft, als die Mannschaften zum Anpfiff um 19 Uhr das Feld betraten, begleitet von einer Choreographie der Heimfans. „Kæmp for hovedstaden!“ (zu deutsch: „Kämpfen für die Hauptstadt!“) war auf dem Banner zu lesen, der sich über die komplette Breite der Heimtribüne erstreckte, dazu wurde zusätzlich auch auf der seitlichen Tribüne blaue und weiße Papptafeln hochgehalten.

Ein mittlerweile gewohntes und Mut machendes Bild: der obligatorische Mannschaftskreis, Sven Ulreich nahm seinen Platz ein direkt vor uns, der Applaus kam ihm natürlich selbstredend zu. Nun konnte es tatsächlich losgehen, das Spiel, auf dass ich mich seit Wochen so sehr gefreut habe. Das vierte Spiel der Gruppenphase wurde zur Rückkehr des William Kvist, 19 Jahre hatte er hier gespielt, gemischte Gefühle beim freundlichen Dänen, den ich durch lustige Interviews schnell in mein Herz geschlossen habe, unser „Willy“.

Die Mannschaft selbst war bereits lange vor uns angereist, um sich entsprechend auf das Spiel vorzubereiten, doch machten sie in den ersten Minuten irgendwie den Eindruck, als wären sie noch müde und gerädert. Das Spiel für den VfB wollte einfach nicht so richtig in Tritt kommen, und die Vermutung, Kopenhagen würde wieder Beton anmischen, bewahrheitete sich auch nicht \“ im Gegenteil, sie spielten nach vorne und wollten sogar Tore erzielen. Offenbar war der VfB darauf nicht vorbereitet.

Nach nicht einmal 15 Minuten stockte uns der Atem zum ersten Mal so richtig, als der FC Kopenhagen, kurz „FCK“ genannt (ich kenn nur den anderen FCK…), im Angriff war und man sich sicher war, die Abwehr würde schon irgendwie klären, so wie sie es bisher oft schon erfolgreich taten in den letzten vergangenen Wochen. Als sich Serdar Tasci und Christian Gentner jedoch zuriefen „Nimm du ihn, ich hab ihn sicher“ sackte mir kurz das Herz in die Hose. Wenn Sven Ulreich nicht schon seit Wochen auf obersten Niveau spielen würde, hätte dies das rasche 0:1 bedeuten können.

Wahrlich kein Leckerbissen, den unsere Jungs in der ersten Hälfte darzubieten hatten, aussichtsreiche Chancen für unsere beiden Zuverlässigsten, Vedad Ibisevic und Martin Harnik, sorgten nicht für die Führung. Etwas mehr als eine halbe Stunde war bereits gespielt, auf der Anzeigetafel stand es 0:0, als die Uhr auf einmal aufhörte zu ticken. Es waren Momente, die das gesamte Spiel überschatten sollten.

Mein Blick ging nach links, als neben mir ein grelles Licht erstrahlte: Bengalische Feuer wurden gezündet, ein interessanter Anblick. Ich zückte die Kamera und fotografierte natürlich diesen Moment, da auch ich der Meinung bin, dass Bengalos ein Spiel atmosphärisch machen, es ist Teil der Fußballkultur, auch wenn das Medien und Politik natürlich anders sehen. Aus einem Bengalo wurden zwei, ich nutzte den Moment um so viele Fotos wie möglich zu machen. Keiner war jedoch darauf vorbereitet, was folgen würde.

Ein lauter Knall, es zischte durch die Luft und endete am Stadiondach: eine Leuchtrakete. Eine zweite, eine dritte, sie flogen ans Dach, aufs Spielfeld, in Sven Ulreichs Strafraum, Böller knallten. Mein Atem stockte, das durfte nicht wahr sein. Wie kann es sich jemand erlauben, Leuchtraketen im Stadion abzufeuern, erst recht aufs Spielfeld? Fassungslosigkeit bei allen, in erster Linie bei unseresgleichen. Gellende Pfiffe, verzweifeltes Kopfschütteln.

Rauchschwaden überdeckten bald den gesamten Gästeblock, ich sah wie unsere Spieler zu uns kamen und mit beruhigenden Gesten auf uns einwirkten. Auch Bruno Labbadia war dabei, die entgeisterten und fassungslosen Gesichter von Trainer, Spieler und Fans werde ich nie vergessen können. Wer auch immer dafür verantwortlich ist: DAS hat mit Fußball nichts zu tun, und am allerwenigsten mit der Liebe zum VfB.

Die paar wenigen Personen, die sich danach schnell aus dem Staub machten, gefährdeten nicht nur Sven Ulreich, der in dem Moment am nähesten war, sondern auch die Fortsetzung des Spiels \“ über einen Abbruch hätte man sich nicht beschweren können. Das wirklich Entsetzliche an der Sache: dass sich diese Personen bewusst so verhalten haben, zum taktisch ungünstigen Zeitpunkt, den es für alle aktiven Fußballfans in Deutschland nur geben kann: in einem Monat wird wohl über das DFL-Maßnahmenpapier „Sicheres Stadionerlebnis“ entschieden. Was haben die sich nur dabei gedacht?

Dafür fand ich keine Worte. Sprachlos erstarrte ich auf der Sitzschale stehend, wohin ich auch sah, leere Blicke, schüttelnde Köpfe. Tatenlos mussten wir dabei zusehen, wie die Fankultur mit Füßen getreten wird. Auch jetzt fällt es mir schwer, in Worte zu fassen, was ich in diesen Minuten erlebt, gesehen und gefühlt habe. Es brach mir das Herz, ich stand mittendrin in einer Fangemeinde, die verschrien sein wird als randalierende Chaoten, wir alle kennen die Konsequenzen einer bitteren Medienhetze.

Feuer und Rauch überall, das Spiel war schon vor Minuten unterbrochen worden, die Kopenhagener Spieler verzogen sich auf die andere Seite des Spielfelds, während die VfB-Spieler verzweifelt versuchten, uns zu beruhigen. Schnell war klar, dass dies nicht im Sinne der aktiven Fans sein konnte, es waren ein paar wenige, die dafür verantwortlich waren, die sich offenbar einen Scheiß um den VfB scheren, und erst recht um den Fortbestand der von uns gekannten, gelebten und geliebten Fankultur, die wir uns erhalten wollen. Der Rauch verzog sich, das Spiel konnte weitergehen. Doch wer hatte jetzt schon noch den Kopf dafür frei?

Bald darauf war Halbzeit, traumatisiert stieg ich ein paar Reihen nach unten zu meiner Bekannten, die dort stand, man unterhielt sich kurz über die Pyroaktion und war sich schnell einig: das hat nicht im Geringsten etwas mit gutem Support zu tun. Bengalos ja, Leuchtraketen und Böller nein, erst recht nicht aufs Spielfeld. Die ersten Fahnen und Doppelhalter wurden zusammen gesammelt, man entschied sich offenbar, den Support nach dieser Aktion bewusst zu reduzieren. Man spürte die negativen Schwingungen, hier hat man sich selbst und ganz Fußballdeutschland ein Bein gestellt im Kampf gegen Repression und Diktatur.

Wie die individuellen und allgemeinen Konsequenzen aussehen, bleibt abzuwarten. Als sicher gilt nur, dass die Verantwortlichen sich schnell aus dem Staub machten und unerkannt in der Kopenhagener Nacht verschwanden. Was übrig bleibt, sind die friedlichen Fans, die aus dieser Fahrt eine legendäre Tour machen wollten, die ihre Mannschaft fernab der Heimat unterstützen wollten und ihnen mit so viel Liebe und Leidenschaft sagen wollen: Wir sind immer für euch da. Wie es auf Außenstehende gewirkt haben muss, ist mehr als betrüblich.

Mittlerweile haben sich unsere aktiven Fans aus der Ultra-Szene dazu geäußert, es wird noch Gespräche geben. Fakt ist eines: 99,9% der Weiß-Roten verurteilt die Geschehnisse des 8. November. Ich tat mich unheimlich schwer damit, mich wieder auf den eigentlichen Grund dieser Reise einzulassen, das Spiel und den Support dafür. Das ging nicht nur mir so, es brauchte einige Zeit, bis die Stimmen wieder lauter wurden.

Mit bangem Blick vergewisserte ich mich immer wieder, dass es nun ruhig bleiben würde im Block, dass es keine weiteren Unterbrechungen geben würde. Vor einigen Monaten schüttelten wir alle noch den Kopf über die Hertha-Fans, die beim Relegationsspiel in Düsseldorf ebenfalls Leuchtraketen aufs Spielfeld warfen, dass war bis dato das übelste, was ich jemals gesehen habe, seit ich den Fußball verfolge.

Gedanklich war ich immernoch völlig durch den Wind, wie viele andere auch, Shinji Okazakis Chance nahm ich war, doch ich ärgerte mich nicht einmal maßlos darüber. Ein paar Chancen hatten sie ja durchaus. Eine Leistungssteigerung in der 2. Halbzeit gestattete es, mich wieder mental auf das Spiel einzustimmen, zu singen, zu klatschen, zu hüpfen, zu fotografieren und vor allem zu hoffen, dass wir die 3 so wichtigen Punkte mit nach Stuttgart mitnehmen würden. Dass Kopenhagen etwas dagegen haben würde, war allerdings auch klar.

Immer wieder schallte es von der Tribüne der Heimfans „Scheiße Stuttgart“ \“ simple Worte doch ernormes Provokationspotenzial. Wütend und wild gestikulierend war man dem Ganzen ausgesetzt, effektiv dagegen tun konnte man natürlich nichts. „Ihr seid scheiße, wie der HSV!“ wird wohl nur bei den befreundeten Hamburgern verstanden worden sein. Es entwickelte sich ein aufregendes Spiel in der zweiten Hälfte, das genug Chancen bot, um beiden Mannschaften gleich mehrere Tore zu ermöglichen.

Wieder begann es zu regnen, der Rasen wurde rutschig, die Abwehr des VfB wankte bedächtnis. Es stand noch immer 0:0 und mit zunehmender Spieldauer war das ein mehr als glückliches Ergebnis. Das Tor wollte den Kopenhagenern aber ebenso wenig gelingen wie uns. Die VfB-Fans standen hinter der Mannschaft, die Leuchtraketenwerfer offenbar schon längst über alle Berge, peitschten sie ununterbrochen nach vorne.

Nur noch 15 Minuten zu spielen. Darauf hoffend, am Ende sei diese Reise von Erfolg gekrönt, sah ich konzentriert dabei zu, wie Martin Harnik den Ball via Seitenwechsel auf Arthur Boka weitergab, der in den Strafraum flankte. Dort wartete unser Mister Zuverlässig, Vedad Ibisevic stieg nach oben, mit verbissenem Gesichtsausdruck hielt er seinen harten Schädel hin und ließ den Gästeblock jubeln. Laut schreiend stürzten nun alle ungehalten nach vorne, ich verlor das Gleichgewicht und stürzte zu Boden, verletzte mich am Bein und am Arm, ich schlug mir den Kopf an, doch es war mir egal.

Vor 24.681 Zuschauern jubelte Vedad Ibisevic mit uns vor dem Gästeblock, es war einfach nur emotional, es kam einer Erlösung gleich. Ernüchterung dagegen bei den Weiß-Blauen, auch das konnte mir kaum gleichgültiger sein. Die perfekte Antwort auf fortwährende Provokation, die perfekte Antwort auf das drohende Ausscheiden in der Gruppenphase des Europapokals. Das ließen sie sich dann auch nicht mehr nehmen, Kopenhagen schien in Folge dessen die Hoffnung verloren zu haben.

Die Nachspielzeit hatte bereits angebrochen, mit einem 1:0 wär ich durchaus zufrieden gewesen, übereifrig sehnten wir einfach nur noch den Abpfiff herbei, man kann ja nie so genau wissen, ob es am Ende tatsächlich reicht. Jeder weggeschlagene Ball, jeder Ballgewinn, jede gewonnene Sekunden erfreute den mitgereisten Anhang natürlich sehr.

Den Schlusspunkt setzte allerdings noch nicht der Schiedsrichter, sondern unser Martin Harnik, der mit einem wunderschönen Schlenzer ins Eck die Freude perfekt machte. Unabhängig von meiner Zuneigung für den Österreicher (Sorry Schatz!), das war ernsthaft eines der schönsten Tore, die ich in den letzten Jahren gesehen habe. Wie der Ball im Netz einschlug, sah ich fast in Zeitlupe, als würde ich wissen, dass er trifft. Danach war dann Ende im Gelände, es war vollbracht, mit einem 2:0 konnten wir wieder nach Hause.

Minutenlang blieb ich noch stehen, freute mich über den sportlichen Erfolg, dachte aber ebenfalls über die Schattenseite dieser Partie. Ein Nackenschlag im Kampf um den Erhalt der Fankultur, doch waren wir \“ die aufrichtigen Fans \“ hier nicht beteiligt. Franky, mein Fotografenkollege, beschrieb es später durchaus treffend mit den Worten: „Wir sind eben doch nicht alle Stuttgarter Jungs“. Recht hat er.

Dann war auch unsere Zeit gekommen, wir verabschiedeten uns am Blockausgang noch schnell von jenen, die schnell zu ihren Bussen mussten, auch wir hatten nicht mehr unbegrenzt Zeit. Beim Rausgehen verlor ich Felix, voller Panik suchte ich ihn am Ausgang, dann verlor ich auch noch meine Begleiter Marco und Kone, erleichtert fanden wir kurze darauf wieder all zueinander.

Erschöpft, glücklich und doch irgendwie nachdenklich sackte ich auf meinem Sitzplatz zusammen. Ich hätte die ganze Wasserflasche trinken können, doch wer lange Busfahrten vor sich hat, weiß genau, dass man dazu eine starke Blase haben sollte. Nach und nach wurde die Reisegemeinschaft komplett, per Polizeieskorte wurden wir vom Ort des Geschehens weg geleitet. Ein freundliches Winken in Richtung einiger Kopenhagener Fans, sie haben sich „gefreut“ und „zurück gewunken“. Hehe.

Kapitel 4: Drei Punkte im Gepäck

Im Großen und Ganzen konnte man zufrieden sein, auch die Mitfahrer im Bus waren der selben Meinung. Auf dem Weg aus der Stadt, als die Polizeieskorte abbog und uns selbst überließ, trat Salva das Gaspedal bis zum Anschlag durch und so hingen wir einen Reisebus nach dem anderen ab. Weil überall noch Licht brannte, konnte ich genau begutachten, wen wir da hinter uns ließen. Ich sichtete unterdessen die ersten Fotos, ich vermisste jetzt meinen Auswärtslaptop ganz arg. Auf die Frage meines Hintermanns, ob ich denn Fotos gemacht hätte, antwortete ich schmunzelnd „Das ist mein Job! … vfb-bilder.de!“ – „Ach DU bist die, die von Leipzig runtergezogen ist?“ Ja, so isses wohl.

Ohne Pause fuhren wir durch die Nacht bis zur Fähre, erneut im Dunkeln, erneut in der Kälte, erneut mit einem abartigen Wind, der uns an Deck entgegen blies. Die meisten blieben gleich drinnen, sackten auf den Stühlen zusammen und nickten sofort weg, es war einfach die pure Erschöpfung, die bei den Reisenden nun ihren Tribut forderte. Es war leise geworden. Zurück im Bus erzählte man sich via Bordmikrofon noch einige unanständige Witze, die jene bei Laune hielten, die nicht schon längst eingeschlafen waren.

Mit weniger Pausen als auf der Hinfahrt ging es wieder Richtung Süden, ich wickelte mich von unten bis oben in meine gelbe Fleecedecke ein und nickte weg. Ich verschlief den Großteil der Fahrt und wachte erst bei der unserer vorgezogenen Endreinigung am Rasthof „Ob der Tauber“ (so viel zur altehrwürdigen Legende „Wunnenstein“) wieder auf. Bus sauber gemacht, Toilette, Kaffee geholt und die ersten Sonnenstrahlen getankt. Es war ne tolle Fahrt, doch freute ich mich nun auch wieder zu Hause, ich freute mich auf mein Bett, auf Komfort, auf meine Privatsphäre und am allermeisten: auf meine Dusche.

Die letzten Kilometer lagen vor uns, die württembergische Grenze hatten wir bereits hinter uns gebracht. Werner und Salva fanden noch ein paar warme Worte, wir waren ihre ersten Fußballreisenden, doch wir haben Eindruck hinterlassen. Und ich kann für meine kleine Reisegrupe zumindest schonmal sprechen: dito, ihr auch. Die ersten Leute stiegen dann am Vereinsheim aus, wir fuhren noch weiter bis zum Schlachthof, der Rest wurde noch bis zum Stuttgarter Hauptbahnhof chauffiert.

Die Jungs rauchten eine letzte Zigarette, bevor wir noch ein Gruppenfoto machten und sich unsere Wege dann fürs erste wieder trennen sollten. Mit einem Leberkäsbrötle stiegen wir ins Auto und fuhren die letzten Meter rüber in unser gemeinsames Heim im schönen Bad Cannstatt. Es war unvergesslich: schrill, lustig, abenteuerlich, regnerisch, windig, sonnig, atemberaubend, schockierend, traumatisierend \“ die Tour wird unvergessen sein als in jedemfall spannende Auswärtsfahrt. Gerne mehr davon \“ den Grundstein haben unsere Jungs mit diesem Sieg gesetzt.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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