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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Von Hundert auf Null

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Ich sitze hier, um meinen Spielbericht zur Niederlage gegen Schalke zu schreiben. Wir alle wissen aber, dass es um weitaus mehr geht als der erwartbare Punktverlust eines inviduell bestens besetztem Team der Top 3 der Bundesliga. Die richtigen Worte für die zurückliegenden drei Tage zu finden, fällt dabei alles andere als leicht. Gerade eben bist du noch Tabellenzwölfter mit der Hoffnung, sich weiter zu stabilisieren und dem Abstiegskampf zu entfleuchen, und dann geht auf einmal alles schief. Tage später sitzt der Schock noch in den Knochen, der bei der Verarbeitung der Geschehnisse nicht sehr förderlich ist. Das Protokoll eines lähmenden Chaos-Wochenende.

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Wenn ich meine Augen schließe und ins Reich der Träume abdrifte, ist alles noch in bester Ordnung. Ich stehe frohen Mutes im Stadion, schaue einer Mannschaft zu, die jederzeit ihr Bestes gibt, an der Seitenlinie steht ein breit lächelnder Hannes Wolf und nach einem verdienten Sieg umarmt dieser Jan Schindelmeiser, bevor das Team von einer euphorischen Kurve gefeiert wird. Wir schreiben das Jahr 2019, der VfB hat sich nach einem knappen Klassenerhalt 2018 im Mittelfeld der Bundesliga festgebissen, hat neue, junge Wilde in seinen Reihen, die stolz sind, den Brustring zu tragen und nährt jeden Tag aufs Neue den Glauben daran, dass der bittere Abstieg drei Jahre zuvor doch zu etwas gut war.

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Des Nachts huscht mir ein Lächeln über die Lippen. Dann wache ich auf und muss feststellen, dass sich dieser Traum niemals erfüllen wird. Wir schreiben den Januar 2018 und nie war der Verein so am Boden wie in diesen Tagen. Alles, was man mit Jan Schindelmeiser und Hannes Wolf aufgebaut hat, jedes noch so kleine Pflänzchen der Hoffnung auf bessere Tage, lieblos zertrampelt vom Sonnenkönig und seinem Schoßhund. Nie war es schwieriger, Fan des VfB Stuttgart zu sein – und das, obwohl der letzte Abstieg noch gar nicht so lange her ist.

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Der Anfang vom Ende

Als Wolfgang Dietrich im Oktober 2016 zum Präsidenten gewählt wurde, war Hannes Wolf erst ein paar wenige Wochen da, ließ aber keinen Zweifel daran, dass er mit seinen Ideen, seiner Empathie und Eloquenz schnell zu einem der beliebtesten Trainer der letzten Jahrzehnte werden würde. Als man dem Sonnenkönig auf der Bühne zur erfolgreichen Wahl gratulierte, ahnten einige von uns, dass dies weitreichende Konsequenzen haben würde – dazu brauchte man sich nur seine Vita überfliegen und über die Ausgliederungspläne des VfB Bescheid wissen, alles war nur eine Frage der Zeit. Aber wir vertrauten. Nicht unbedingt auf Wolfgang Dietrich, aber auf Hannes Wolf und Jan Schindelmeiser. Das reichte acht Monate später aus, um dem dynamischen Duo zuzutrauen, weiter erfolgreich arbeiten zu können, nur eben mit weiteren finanziellen Mitteln. Die Ausgliederung ging durch und der Anfang vom Ende setzte sich nahtlos fort.

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Wer sich am Samstag Vormittag aus dem Bett gerollt hat, konnte nicht ahnen, dass sich 24 Stunden später alles ändern würde. Noch stand uns ein Heimspieltag bevor, eine enorm schwere Partie gegen den Champions League Aspiranten aus Gelsenkirchen. Gewann man gegen die Hertha noch mit jeder Menge Dusel, zeigte sich in Mainz das vermeintlich wahre Gesicht der Mannschaft. Viel Fantasie brauchte es nicht, um zu mutmaßen, was im schlimmsten Falle passieren könnte. Die Vereinsführung, allen voran „unser aller“ Präsident Wolfgang Dietrich, hatte bereits kurz vor Saisonbeginn keine Skrupel gehabt und setzte Jan Schindelmeiser vor die Tür, nachdem man diesen noch für die Ausgliederung als Zugpferd nutzte.

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Zuletzt wurden die Stimmen immer lauter, dass Hannes Wolf das nächste fast schon logische Opfer der unaufhaltsamen Maschinerie des Profifußballs sein würde. Dass es so schnell geht, konnten wir allerdings nicht ahnen. Etwas anderes als Punkte hilft uns nicht und etwas anderes als Abstiegskampf in dieser Saison nach dem Aufstieg war ohnehin nicht zu erwarten, auf eine derartige Vollbremsung waren wir allerdings nicht vorbereitet. Ich würde nicht behaupten, dass man an diesem Samstag nichts geahnt hat, doch gewollt hat es wohl keiner von uns. Hannes Wolf hatte Fehler gemacht, die uns Punkte gekostet hatten, die Entwicklung der Mannschaft stagnierte. Es war frustrierend, und doch richtete sich die aufkommende Wut eher gegen den schlecht zusammengestellten Kader als gegen den jungen Coach.

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Alles oder Nichts

Der Stuhl von Hannes Wolf hatte angefangen zu wackeln, trotz aller Sympathien, trotz aller Zugeständnisse seitens Wolfgang Dietrich die da lauteten „Unter meiner Führung wird Hannes Wolf nicht entlassen“. Der Wind hatte sich gedreht, das war nicht erst seit der Niederlage in Mainz zu spüren. Wer es nicht schafft, in der gesamten Hinrunde auch nur einen einzigen Auswärtssieg zu vollbringen, steht automatisch in der Kritik, wenn er denn nicht gerade Christian Streich oder Torsten Lieberknecht heißt. Alles, was wir wollten, war der Klassenerhalt und dass Hannes Wolf in Ruhe weiterarbeiten kann, während es Michael Reschke vielleicht doch einmal schafft, eine schlagkräftige Mannschaft zusammenzustellen. Dieser Wunsch nach mehr Kontinuität verkümmerte in den Morgenstunden am Tag danach.

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Viel zu erzählen gibt es über die Partie gegen Schalke nicht. Ein Aufbäumen wollten wir sehen, ein Lebenszeichen, irgendetwas von der Mannschaft, das uns allen und nicht zuletzt dem Trainerteam zeigt, dass noch ein Funke Leben in den klammen Gliedern steckt. Keine 20 Minuten war die Partie alt, da verließen bereits auf der Haupttribüne die ersten ihre Sitzplätze. Schon früh hoffnungslos in Rückstand, gnadenlos überfordert und ohne einen echten Ansatz, wie man die Kuh vom Eis bekommen sollte. Zwölf Minuten hatte die Kurve geschwiegen, ein bundesweiter Aktionstag im Sinne von fangerechten Anstoßzeiten, der Erhaltung der 50+1-Regel, die Zulassung von allen Fanmaterialien und anderen Punkten (nachzulesen auf der Webseite des Commando Cannstatt).

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Kaum waren die Fahnen oben und die Stimmen erhoben, verschlug es uns die Sprache. Dass man bei sämtlichen Standardsituationen mehr als ein Auge auf Naldo haben sollte, hat sich bis zum VfB offenbar noch nicht herumgesprochen. Früh im Rückstand, und besser wurde es nicht. Jacob Bruun Larsen, ein ehemaliger Zögling von Hannes Wolf aus BVB-Jugendzeiten, der den Vorzug vor Santiago Ascacibar erhielt, hatte sich sein Debüt aber auch anders vorgestellt. Fünf Minuten später erwischte er Leon Goretzka mit einem hohen Bein im Strafraum am Kopf, den fälligen Elfmeter verwandelte Amine Harit und es wurde richtig, richtig ungemütlich.

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Eine Halbzeit reichte nicht aus

Wie wollte man das noch hinbiegen? Dass die Mannschaft darauf keine Antwort finden würde, sah man ihr schon an, bevor die Tore schon gefallen sind.Wie sollte man das Ruder wieder rumreißen? Dass die Mannschaft im zweiten Durchgang wesentlich bemühter und konzentrierter zu Werke ging, war ihnen anzusehen, aber ohne Durchschlagskraft und Fortune wollte der Ball nicht ins Tor. Die logische Konsequenz: du verlierst absolut verdient ein Spiel, dass du mit zwei individuellen Fehlern hättest im Grunde nicht unbedingt verlieren müssen.

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Mit jedem Rückpass wurden die Pfiffe lauter, mit jedem Ballverlust das Raunen deutlicher. Der Glaube schwand, hier noch den Anschlusstreffer zu machen und auf ein Wunder zu hoffen, das sahen auch viele Zuschauer so, die sich von den Plätzen erhoben und den grausamen Kick nicht mehr länger ertragen konnten. Die Quittung nach Abpfiff war sowohl laut als auch überdeutlich. „Wir haben die Schnauze voll“ hallte es aus der Cannstatter Kurve in Richtung der Mannschaft, die sichtlich gebeutelt den Gang in Richtung Fans antreten musste. Alles was wir wollten, war, die Mannschaft kämpfen zu sehen, um jeden Zentimeter auf dem Platz, um jeden verloren gegangenen Ball, um jeden verdammten Punkt für den Klassenerhalt. Viel gesehen haben wir davon zuletzt nicht.

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Acht Spiele waren nun schon vergangen seit dem unerwarteten wie auch viel umjubelten Sieg gegen Borussia Dortmund, es war der letzte überzeugende Auftritt der Mannschaft, da konnte uns auch der Sieg gegen die Hertha nicht blenden. Daneben stehen sieben Niederlagen zu Buche, die meisten knapp, die meisten unnötig, die meisten dämlich. Wie will man da den Klassenerhalt schaffen? Wie will man da die Kurve hinter sich versammeln, die bis zum Ende alles geben soll? Wie will man selbst noch den Glauben daran bewahren, dass jede noch so schwere Situation mit Geduld zu bewältigen ist?

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Vollbremsung

Meine Kamera richtete ich auf den Mittelkreis, noch während sich die Mannschaft das gellende Pfeifkonzert anhören musste und obligatorisch die Strafraumgrenze nicht überschreiten wollte. Dort stand ein verbissen dreinblickender Hannes Wolf, wie immer an seiner Seite ein enttäuschter Miguel Moreira. Irgendwie hatte ich es geahnt, dass es mein letztes Bild von Hannes Wolf sein würde. Sein breites Lächeln war verschwunden, für das wir ihn immer so gemocht hatten. Und auch, wenn ich den Gedanken nicht wahr haben wollte, ich ahnte, dass dies sein Ende sein würde. Wenn nicht hier und heute, dann eine Woche später in Wolfsburg. Das dachte ich nicht, weil ich es so wollte oder für notwendig hielt – nein, weil ich die seltsamen Gepflogenheiten der Vereinsführung gut genug kenne.

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Noch am selben Abend hatte ich die Bilder fertig gemacht, in weiser Voraussicht, am nächsten Vormittag erfreulicherweise verhindert zu sein. Auch Tage später kommt mir jene Situation so surreal vor. Früh hatte ich mir den Wecker gestellt, eine Kleinigkeit gefrühstückt, mir einen Kaffee gemacht und war gerade im Bad, um zu duschen und mich anzuziehen. Ich machte mich fertig für einen Vormittag auf dem Trainingsgelände, wo ich mich mit meinem Kumpel Jörg und seiner zauberhaften Tochter Leonie treffen würde. Beide leben in Wurzen und unsere Bekanntschaft geht zurück bis zum September 2013, als einst unsere Amateure in der dritten Liga bei RB Leipzig zu Gast waren. Für die kleine Leonie war es das erste Heimspiel und der erste Trainingsbesuch, dabei hatte sie schon so tapfer den Weggang ihres Lieblings Simon Terodde verkraften müssen.

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Es war kurz vor halb zehn, als ich mich auf den Weg machen wollte, kam aus dem Bad und sah mein Telefon auf dem kleinen Tischchen im Flur blinken. Einmal kurz gecheckt, vielleicht wollte mich Jörg wissen lassen, dass er sich etwas verspätet und ich mir damit etwas mehr Zeit lassen kann. Stattdessen erwartete mich eine Flut von Twitter-Benachrichtigungen und WhatsApp-Nachrichten. Das erste was ich las, war eine Twitter-Benachrichtigung meines Kumpels Marco, der nur schrieb „Danke Hannes Wolf“. Der Tweet ging noch weiter, aber in dieser Sekunde zersplitterte mein Herz in tausend Scherben. Ein verzweifelter Blick auf die VfB-Webseite bestätigte dies: der VfB hatte Hannes Wolf entlassen.

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Der geschasste Auserwählte

Minutenlang stand ich fassungslos im Flur und versuchte zu begreifen, was passiert war. Momente wie diese habe ich in meiner noch so jungen Fankarriere schon viele Male erleben müssen. So viele Trainer habe ich kommen und wieder gehen sehen, bei manchen war ich froh, bei anderen eher weniger, doch niemals zuvor traf mich eine Trainerentlassung so sehr wie bei unserem Aufstiegstrainer. Ich packte die letzten Sachen zusammen, schlüpfte in die Schuhe und machte mich auf den Weg, gefühlt ohne ein einziges Mal das Telefon in die Jackentasche zurückzustecken. Noch vor dem Stadion lief ich den beiden Wurznern in die Arme, oder vielmehr, vors Auto, sie waren selbst gerade noch auf dem Weg zum Treffpunkt. Ich hatte vor dem Worst Case gewarnt, es könne schlimmstenfalls einiges an Presse da sein. Die ersten Kameras und Übertragungswägen ließen nicht lange auf sich warten.

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Auch Felix war vor Ort, zehn Minuten zuvor machte er mit seinem Telefon das letzte Bild, wie Hannes Wolf in seinem grauen Mercedes vom Vereinsgelände fuhr. Keine ungewöhnliche Situation für die wechselhafte Geschichte eines unsteten Clubs, aber dennoch eine selten befremdliche, die mit einem gewissen Schmerz und einer diffusen Verzweiflung einher gingen. Ich war zurückhaltend, als seine Verpflichtung im September 2016 bekannt wurde, erinnerte ich mich doch an meine tatsächliche Euphorie bei der Verpflichtung Alexander Zornigers. Wenige Monate später wollte ich in ihm etwas sehen, was viele sehen wollten: den Hoffnungsträger, den Bessermacher, und an manchen Tagen nannte ich ihn den Auserwählten.

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Die Tristesse am Trainingsgelände war spürbar. Immer mehr Leute kamen hinzu, Fans, Schaulustige, Presseleute. Der Parkplatz des Cheftrainers war leer. Ich hatte immer gedacht, Hannes Wolf wäre einer der wenigen VfB-Trainer, die nicht entlassen werden müssen, die wenn überhaupt von sich aus gehen, in seinem Falle, weil er sich zu Höherem berufen fühlt. Alles kam anders. An meinem inneren Auge rauschten die Bilder der Aufstiegssaison vorbei, seine kindliche Freude, sein akribisches Arbeiten, seine sympathische Art. In dem knallharten Fußballgeschäft war er sich selbst treu geblieben und nahm sich nie so wichtig wie den Verein, für den er arbeitete, und ohne Zweifel einer von denen, denen man jedes Wort abkauft, wenn er sagt, dass er alles dafür gibt.

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Nicht mehr als Glaubensfragen

Wie es soweit kommen konnte, blieb lange im Dunkeln. Noch am Abend nach der Heimniederlage hatte Michael Reschke zum Gespräch gebeten. Ein Jan Schindelmeiser hätte mit Sicherheit gesagt „Ach Hannes, schlaf ‚ne Nacht drüber, lass uns morgen besprechen, wie wir das wieder hinbiegen können“. Aber wir haben keinen Jan Schindelmeiser mehr. Seither haben wir Michael Reschke, der in diesen wenigen Monaten seiner Amtszeit den Verein, die Fans und den Trainer häufiger öffentlich in Misskredit brachte, als es ein anderer Clubverantwortlicher in so manchem Jahrzehnt schaffen könnte.

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Er hatte seine Zweifel, das hatte nicht zuletzt das dubiose Statement im Aktuellen Sportstudio bewiesen, bei dem Hannes Wolf nach der Niederlage in Mainz zu Gast war. Er wolle mit ihm über taktische Dinge sprechen – deutlicher kannst du deinem Übungsleiter keine reinwürgen. Die Vertrauensbasis bröckelte und zerfiel schneller als wir ahnen konnten. Und auch Hannes Wolf hatte seine Zweifel, ob er noch jeden in der Mannschaft erreichen würde. Das war für die Vereinsführung letztlich entscheidend. Statt ihm den Rücken zu stärken und alles erdenkliche zu tun, damit er den Glauben an den Erfolg wieder wecken kann, entzog man ihm das Vertrauen und teilte ihm mit, er sei fortan nicht länger Trainer des VfB Stuttgart.

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Mit vielen Leuten hatte ich an diesem Sonntag gesprochen. Wen ich auf fragte, wohin ich auch hörte, überall lautete die Antwort ähnlich: von jeglichen Personalien losgelöst ist eine Trainerentlassung durchaus nachvollziehbar, nicht aber in Bezug auf einen jungen, hungrigen Trainer, der nicht das Spielermaterial zur Verfügung hatte, was er für die Zielvorgaben brauchte, und erst recht nicht in Bezug auf die sich stets wiederholende Geschichte aus Verpflichtung, Klassenerhalt, Vertragsverlängerung, Misserfolg und Entlassung. Nichts hatte der VfB dazu gelernt und stand nun wieder bei Null, ohne Hannes Wolf, ohne Jan Schindelmeiser. Der letzte Sympathie- und Hoffnungsträger des Vereins war in den Morgenstunden vom Hof gefahren.

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Schlimmer geht immer

Es war kalt am Sonntagmorgen, doch waren es nicht einmal die Temperaturen, die eisig schienen. Das seltsame Gefühl der Hoffnungslosigkeit legte sich über das Vereinsgelände und erfasste jeden, der an diesem Tag vor Ort war. Der kleinen Leonie zuliebe harrten wir aus, beobachteten das Training, das Torwarttrainer Marco Langer und Athletiktrainer Matthias Schiffers geleitet hatten, und warteten geduldig auf die Spieler, damit sie die Achtjährige ihr Trikot hat unterschreiben lassen können. Sie ist noch zu klein um zu verstehen, warum keine gute Stimmung war, warum viele Leute sich aufgeregt hatten und kaum jemand lachen konnte außer der kleinen Leonie. Eine letzte Stärkung im Clubrestaurant 1893 und am Ende des Tages fuhr sie mit ihrem Papa zurück nach Wurzen, 30 Kilometer östlich meiner alten Heimat Leipzig.

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Ich brachte es nicht übers Herz, mich im Moment der größten Enttäuschung an den Rechner zu setzen und diese Zeilen zu schreiben. Stattdessen suchten mich heftige Kopfschmerzen ein, die ich mit einer Ladung Schmerzmittel betäuben musste und ein paar Stunden auf der Couch einnickte, in der Hoffnung, später aufzuwachen und festzustellen, dass das alles nur ein übler Albtraum war. Gerädert wachte ich auf, erneut mit einer Unmenge an Twitter-Benachrichtigungen und WhatsApp-Nachrichten, jede davon zeugte von Frust, Enttäuschung und zunehmender Verbitterung. Dabei sollte es am Tag danach noch schlimmer kommen.

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Die Rückkehr ins Büro war schon beinahe eine willkommene Abwechslung. Zurück in anspruchsvollen Projekte, weg vom beklemmenden Frust der sozialen Medien. Am Nachmittag wagte ich in einer kurzen Pause einen Blick in die Netzwerke und musste konsterniert feststellen, dass nach zahlreichen kursierenden Trainernamen nun Tayfun Korkut verpflichtet wurde. Ich will ihm nichts Unrechtes, er ist mit Sicherheit ein netter Kerl und ist in all dem die ärmste Sau von allen. Dass er von allen Optionen die vermutlich schlechteste ist, passte ins Bild einer vollkommen absurden Kette der Fehlentscheidungen.

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Die persönlichste aller Fragen

Es gibt Fans, die den Abstieg in die zweite Liga als besiegelt sehen. Es gibt Fans, die ihre Dauerkarte abgeben und fortan kein Spiel mehr im Stadion besuchen werden, solange Michael Reschke und Wolfgang Dietrich an der Macht sind. Es gibt Fans, die dem Trainer eine faire Chance einräumen, die er nutzen muss. Und es gibt Fans, für die ist in den letzten Tagen ein kleines Stück Vereinsliebe gestorben. Womöglich war das für mich nun der entscheidende Punkt, der ein Umdenken ermöglicht, der mich gelassener und weniger empfänglich für die Eskapaden eines Krisenclubs zu sein. Wie die nächsten Monate werden, weiß keiner so genau. Der Verein geht mit dem wohl erfolglosesten Trainer aller Zeiten in den Abstiegskampf, es ist auch die letzte Patrone für Wolfgang Dietrich.

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Der Shitstorm der letzten Tage ist etwas abgeflaut, aber der Frust ist dennoch groß. Gerade eben hoffst du noch auf die Kehrtwende, die dich zum Klassenerhalt führt und dich keinen Zweifel daran haben lässt, dass der Verein zu guten Entscheidungen in der Lage ist. Und im nächsten Moment siehst du, wie der Verein sich selbst an die Wand fährt und du als Fan nicht das geringste dagegen ausrichten kannst. Ist es lediglich Gelassenheit, die einem hier weiterhilft? Emotionale Distanz? Für mich hat nun ein entscheidender Prozess begonnen, das einzig Gute, was ich den letzten Chaostagen abgewinnen kann.

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Am Ende entscheidet jeder für sich selbst, wie er mit der Situation umgeht, ob er ins Stadion geht oder nicht, ob er dem Klassenerhalt eine Chance gibt oder nicht. Dennoch bin ich überzeugt davon, dass uns das Gefühl eint, dass unser geliebter VfB einen Weg beschritten hat, auf dem ihn nicht jeder folgen möchte. Der Wind ist rauh und die Situation für den Verein äußerst prekär, das ist hoffentlich jedem Einzelnen bewusst. Ich will jetzt nicht sagen, dass wir gerade jetzt zusammenhalten müssen. Wir in der Kurve haben immer zusammengehalten, entgegen jeder Pein, entgegen jeder Frustration. Der Punkt, an dem man Mannschaft, Vereinführung und Fans hätte zusammenführen können, ist vorüber. Und alles was uns bleibt, ist der naive Traum nach besseren Zeiten. Ich kann jeden verstehen, der den Glauben daran verloren hat.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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