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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Momente für die Ewigkeit

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Es gibt so viele wunderbare Worte auf dieser Welt. Dennoch fällt es schwer, die richtigen zu finden, sie als Zeichen einer angemessenen Würdigung sinnvoll aneinander zu reihen und sie an euch da draußen, die das Auswärtsspiel in Nürnberg zum Heimspiel gemacht haben, weiterzugeben. Worte der Leidenschaft, der Begeisterung, die dafür geschaffen sind, für solche Momente genutzt zu werden und die jeden einzelnen mit Gänsehaut erfüllen. Lange suche ich nach diesen Worten, die des Spielberichts würdig sind. Tage wie diese vergisst man wahrscheinlich nie. Das weiß jeder, der bis zu einer halben Stunde nach Abpfiff noch im Gästeblock stand und sich die Seele aus dem Leib gesungen hatte.

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Das Stadion hatte sich zu weiten Teilen geleert, nur die eine Kurve, die den Gästesektor beherbergte, war noch immer gefüllt. Von Jenen, die von den Emotionen übermannt worden waren und nicht im Stande gewesen sind, sich in Bewegung zu setzen. Von Jenen, die jeden einzelnen Moment bis zum letzten Augenblick auskosten wollten. Und nicht zuletzt von Jenen, die sich an jenes schicksalhafte Spiel in Bochum erinnert fühlten. Keiner wollte nach Hause gehen, nicht einmal die, die mit Zügen angereist waren. Hier und jetzt hatten wir alle etwas Unfassbares erleben dürfen, einfach heimzugehen, das ging einfach nicht.

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Wie konnte nach einer guten halben Stunde im Spiel auch nur irgendjemand daran denken, dass wir nach einer guten halben Stunde nach dem Spiel mit feuchten Augen im Gästeblock stehen würden? Alle Aufstiegshoffnungen, die sich über die letzten Wochen mehr und mehr von einem vagen Traum bis zu einem konkreten Ziel entwickelt hatten, sie waren zerplatzt in dem einen Moment, in dem das 40-Meter-Solo vom wieder genesenen Cedric Teuchert direkt vor uns zum 2:0 für die Gastgeber einschlug. Natürlich hatten wir uns das ganz anders vorgestellt. Und natürlich konnte man nun nicht mehr daran glauben, dass am Ende doch noch alles gut wird.

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„Ist das heute wirklich passiert?“

Das Heimspiel gegen Dresden ist nur vier Wochen her, damals waren es gar drei Tore, die es aufzuholen galt. Doch wie sollte das gehen, wenn die Abwehr derart schlafmützig daher kommt und sich selbst das Leben schwer macht? Wenn uns eines der VfB in den letzten Wochen gelehrt hat, dann ist es wohl die Tatsache, dass man ihn bis zum endgültigen Abpfiff des Schiedsrichters niemals abschreiben sollte. Leichter gesagt als getan, ist der Frust beim Rückstand oder Ausgleich doch um einiges höher als die Vernunft, die einem ins Ohr flüstert, man solle doch abwarten und nicht die Hoffnung verlieren. Wir wurden eines besseren belehrt. Schon wieder. Und schöner als je zuvor.

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Jeder verarbeitete die Erlebnisse von Nürnberg auf seine eigene Weise. Einige blieben noch viele Stunden in Nürnberg und feierten auf dem dortigen Frühlingsfest, andere fuhren zurück nach Stuttgart und feierten auf selbigem weiter, wiederum anderen gingen alsbald von zuviel Bier vermutlich schnell die Lichter aus. Wir verbrachten den Abend in einer Brauereigaststätte in Dinkelsbühl an der bayerischen Grenze, nach einen kurzen Stadtrundgang und bei kühlen Getränken, deftigem und guten Essen. Geplant war das Ganze nicht. Aber das war die Art und Weise des Auswärtssieges ja schließlich auch nicht.

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Einige Stunden war es nun schon her, seit Florian Klein das gelungen war, woran keiner mehr geglaubt hatte. Das war beinahe schon zu viel für uns Fans, die wir ohnehin schon einiges mitmachen mussten in dieser aufregenden und gar abenteuerlichen Spielzeit. Wir schauten uns alle an, schüttelten schmunzelnd den Kopf und ich sagte nur: „Ist das heute wirklich passiert?“, wir lachten und stießen mit unseren Gläsern an. Was in diesen Tagen passiert, vermag man wohl kaum zu beschreiben – auch dann nicht, wenn man jede Woche ohne Weiteres über 25.000 Zeichen heruntertippen kann, ohne mit der Wimper zu zucken.

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Die Konkurrenz im Nacken

Soviel war sicher, einen Ausrutscher durften wir uns nicht erlauben, auch oder sogar genau weil wir mit dem Sieg gegen Union Berlin vorgelegt hatten. Darauf, dass Hannover und Braunschweig in den letzten Spielen straucheln würden, darauf sollten wir uns nicht verlassen, das Szenario, beide würden schon noch Punkte lassen, ist leider nicht eingetreten. Uns bleibt nichts anderes übrig, als nach uns selber zu schauen. Als Robin Dutt vor einem Jahr im Abstiegskampf sagte, der Druck läge bei den anderen (wir waren auf Platz 15), hinterließ er damit ein mahnendes Vermächtnis. Der Druck liegt immer nur bei uns, denn wenn wir nicht selbst dafür arbeiten und kämpfen, wird es niemand sonst für uns tun.

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Ich habe genug von Herzinfarkt-Partien und Bluthochdruck-Spielen, ich kann nicht mehr und die Kraft geht langsam zur Neige. Mit diesem Gedanken war ich am frühen Samstagmorgen aufgestanden, steckte noch einmal alle Ladegeräte in die Steckdose, machte mir einen Kaffee und setzte mich auf die Couch. Neben mir lag die Kameratasche, die ich bereits am Abend zuvor soweit vorbereitet hatte, die Geldbörse mit den beiden Tickets lag daneben. Von außen betrachtet saß ich ganz ruhig da, in mir dran rumorte es schon viele Stunden vor dem Anpfiff. Es durfte nicht schief gehen. In dieser Spielzeit darf überhaupt nichts mehr schief gehen.

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Die vorletzte Auswärtspartie der Zweitligasaison 2016/2017 begann für uns noch einmal in Weinstadt-Beutelsbach. Frisch war es gewesen und ein kühler Wind wehte uns um die Nase, vom kurzärmligen Shirt bis zur Winterjacke war alles im Gepäck. „Hat jeder sein Ticket?“ und ich prüfte zum gefühlt hundertsten Male, ob ich alles dabei hatte. Wir rollten los ins Ungewisse, mit Hoffnung, mit einem gewissen Maß an Vorfreude, aber doch nicht ohne den beklemmenden Gedanken, was im Falle des Falles passieren könnte.

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Die unscheinbaren Freuden der zweiten Liga

Über Aalen machten wir uns auf den Weg nach Nürnberg, begleitet von hunderten Fahrzeugen mit schwäbischen Kennzeichen: die Esslinger, die Ludwigsburger, die Calwer, die Reutlinger, die Tübinger, die Waiblinger, gefühlt hatten sich alle auf den Weg gemacht. 15.000 Stuttgarter waren erwartet worden, letztlich waren es vermutlich einige mehr. Nicht zum ersten Mal fielen wir in dieser Menge in andere Städte ein, während manch anderer Verein aus den Top 4 nicht einmal 3.000 Gästefans mitbringt.

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Hannes Wolf hatte am Tag darauf gesagt, würde der Aufstieg gelingen, wäre dies zu einem großen Teil den Fans zuzurechnen, die vom ersten Tag an in Liga zwei alles gegeben hatten. Vor vier Jahren veröffentlichte der Verein ein kleines Einstimmungsvideo für das Pokalfinale mit den Worten „Ihr für uns, wir für euch“. Man konnte nicht wirklich ahnen, mit welchem Zugewinn an Zuschauerzulauf der VfB ausgerechnet nach dem Abstieg zu rechnen hatte, mehr Zuschauer daheim und auswärts als in jeder der letzten Erstligasaisons konnte man so nicht unbedingt auf dem Schirm haben.

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Es war meine größte Angst in Verbindung mit dem Abstieg: Freunde gehen nicht mehr ins Stadion, die Stimmung wird schlecht, wie auch die Leistung der Mannschaft, das Leben als VfB-Fan würde trist und traurig sein, nie mehr das selbe wie früher. Eingetreten ist nun das Gegenteil: regelmäßig zuhause das Stadion voll und das reguläre Gästekontingent auswärts wird stets überstrapaziert und machen die Auswärtsspiele zum Heimspiel. Ja, bisher hat das alles meist ziemlich Spaß gemacht, dennoch ist uns allen klar, dass sich der VfB für diese Leistung am 21. Mai belohnen muss, sonst war das alles nichts wert.

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Gemischte Erinnerungen an Nürnberg

Immer wieder die gleichen Diskussionen am Eingang. Erst sagte mir die Ordnerin, die Kamera wäre nicht erlaubt, dann ihr Kollege, den sie dazugerufen hatte. Dummdreist siegt, denn ich verlangte, den Sicherheitsbeauftragten zu sprechen, verwies auf die gültige Stadionordnung und die offiziellen Faninfos mit der Aussage „15 Zentimeter“ und hielt mein genau für diese Fälle stets mitgeführtes Kinderlineal an die Kamera. Auf einmal hellten sich die Mienen auf und man ließ mich passieren, nicht ohne mir viel Spaß zu wünschen. Dass ich diesen zum Ende hin über alle Maßen haben würde, konnte ich nicht wissen, als ich mir den obligatorischen „Dreier im Weck“ geholt hatte. Welche Ironie, dass der VfB für den Dreier erst geweckt werden musste.

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Das erste Mal als Zweitligist, doch nicht zum ersten Mal in Nürnberg. Durchwachsene Erfahrungen, mit einem 2:2 begann es im Jahre 2011, darauf folgte ein 2:0-Auswärtssieg 2012 und zuletzt eine 0:2-Niederlage 2014, danach stieg der Glubb trotzdem ab und ward nie wieder im Oberhaus gesehen. Unvergessen blieb Vedad Ibisevics Tor nach wenigen Sekunden, das den frühen Weg zum letzten Auswärtssieg ebnete. Längst aus Stuttgart verschwunden war es nun an der Zeit für neue Heldengeschichten, die uns auch zwei Tage danach, vermutlich auch noch zwei Wochen danach das Lächeln ins Gesicht treiben.

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Überaus früh nahm ich meinen Platz im Block 25a ein, um dem drohenden Gedränge zuvorzukommen, dass sich bis weit nach dem Anpfiff noch bemerkbar machte. Viele standen bis kurz vor dem Spiel noch an den Eingängen, andere wiederum standen stundenlang im Stau und hatten sich bei der Anreisezeit gehörig verkalkuliert, anderen machte die Deutsche Bahn zu schaffen. Böse Zungen würden behaupten, sie haben nicht viel verpasst, denn der erste Durchgang war nichts, worauf der auf Aufstiegskurs befindliche VfB stolz sein sollte. Mit dem Selbstvertrauen des Tabellenführers musst du doch mehr zustande bekommen. Oder?

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Überraschend im Hintertreffen

Wir werden alle ein Stück weit unsere Vorstellung von dieser Partie gehabt haben. Bei allem nötigen Respekt, bei einem Team im bedeutungslosen Mittelfeld der Liga kann man als Tabellenführer schon mal dominant auftreten und zeigen, warum man zurecht da oben steht. Aufgefangen ist dieser Plan nicht wirklich, obwohl genau die selben Akteure auf dem Feld standen, die am Montag gegen Union Berlin auf beeindruckende Art und Weise unter Beweis stellten, warum sie als Aufstiegsaspirant Nummer Eins gelten. Nach unserer Offensive lechzt so mancher Bundesligist, ein teures Risiko, dass sich aber wahrscheinlich bezahlt machen wird. Gegen tief stehende Gegner wird es schwer, das wussten wir schon im Vorfeld und wurden schnell bestätigt.

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Die Nürnberger Ultras setzten ihren Protest gegen die Repressionen von Verein und DFL unbeirrt fort, während wir uns über die komplette Kurve samt Haupt- und Gegentribüne verteilten und sangen, schrien und hüpften, als wäre dies unser Zuhause gewesen. Dass auf dem Oberrang Steh- und Hüpfverbot herrschte, interessierte manche nicht, für diesen Zweck setzte man sogar Ordner ein, die ersten Reihen im Oberrang blieben gesperrt, um im Falle eines kollektiven Hüpfens eine Resonanzkatastrophe zu verhindern.

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Vom ersten Moment genoss ich das Gefühl, unter meinesgleichen zu sein, mit zehntausenden anderen Brustringträgern, die bereit waren, alles zu geben. Das hatte ich mir in der ersten Halbzeit auch von der Mannschaft gewünscht, die aber die ersten 45 Minuten weitgehend verschlafen hatte. Wo eben noch laute Gesänge und gute Laune herrschten, machte ein leises Raunen die Runde. Das halbe Stadion jubelte, dem FCN war es tatsächlich gelungen, ein Tor zu erzielen. Fassungslose Blicke, die nicht glauben konnten, dass der (in meinen Augen unnatürlich schnell ausgeführte) Freistoß im Netz landete. Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt. Irgendwie war das auch in Bielefeld so.

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Wie konnte das passieren?

Schon jetzt hatte ich genug gesehen und wollte schon gar nicht mehr hier sein. Und es kam noch dicker, als acht Minuten später der Vorlagengeber zum 1:0 an den Ball kam, den der in der Vorwärtsbewegung befindliche Alexandru Maxim verloren hatte. So groß die Freude nach Abpfiff auch gewesen war, was in der 33. Minute geschah, wirft Fragen auf. Ein Ballverlust in der gegnerischen Hälfte kann passieren. Dass man den Gegenspieler über das komplette Feld rennen und ihn das 2:0 schießen lässt, eher nicht. Takuma Asano war zu langsam, Ebenezer Ofori rannte ins Leere und Marcin Kaminski und Timo Baumgartl schauten nur zu und gewährten ihm Geleitschutz auf dem Weg zum zweiten Nürnberger Tor. Was zum Teufel…?

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Der Tag schien gelaufen. Bis zur Nase vergrub ich mich in mein Halstuch, klammerte mich fassungslos an meine Kamera und war nicht in der Lage, zu verstehen, warum Nürnberg mit 2:0 führte, warum der VfB so schlampig agierte und warum ich überhaupt am frühen Morgen das Bett verlassen habe. Der VfB hatte die besten Chancen, sich als Nutznießer des Saisonendspurts oben abzusetzen und lag nach etwas mehr als einer halben Stunde mit zwei Toren hinten. Gegen Dresden folgte nach drei Gegentoren noch das Remis, doch wer glaubte hier schon noch dran? Bewegung kam in den Block, Bier wurde geholt, Toiletten aufgesucht, vielleicht liefen manche sogar zum Auto zurück und kamen nicht mehr wieder.

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Wie kannst du das nur bringen, vor gut 20.000 mitgereisten Fans eine solche Leistung anzubieten? Das fragte sie anscheinend auch Hannes Wolf, der dem Vernehmen nach eine überaus laute und emotionale Kabinenansprache hielt. Alles oder nichts, er nahm Takuma Asano vom Feld und vertraute dem „Ochsensturm“, auf dass der rechtzeitig genesene Daniel Ginczek mit Simon Terodde zum Erfolg kommen würde. So richtig vorstellen konnte sich das keiner. Aber aus diesem Grund sind wir ja nicht Trainer des VfB, sondern „nur“ diejenigen, die Woche für Woche alles tun, damit die Mannschaft nach vorne getragen wird. Und nach 45 Minuten zum Vergessen schien das endlich angekommen zu sein.

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Mit Mut im Bauch

Wohl dem, der den Block zur Pause nicht verlassen hat, er verpasste unter Umständen den Moment, als kurz nach Wiederanpfiff direkt vor unseren Augen Simon Terodde im Strafraum gelegt wurde. Es gab zwar den Strafstoß, nicht jedoch die eigentlich fällige gelb-rote Karte für Lukas Mühl. Sei es drum, es galt nur, den Anschluss ans Spiel wieder herzustellen. Bange Blicke, schlotternde Knie. Der Gefoulte trat selber an, allem Aberglauben zum Trotz. Alle im Tunnel, allen voran Simon Terodde, Angesicht zu Angesicht mit Raphael Schäfer, dessen unrühmliche eine Saison zum Glück schnell vorüber war.

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Viel hatte nicht gefehlt und es hätte „Klong!“ gemacht, doch jenes wunderbare Geräusch des im Netz landenden Balles ließ alle Anspannung mit einem Mal von uns abfallen. Wir waren wieder da und mit uns die Hoffnung, doch nicht als Verlierer den Platz zu verlassen. Der Glaube war zurück und die brachialen Stimmen von 20.000 Stuttgartern waren es ebenfalls. Weiter, weiter, immer weiter! Drei Minuten waren seit dem viel umjubelten Anschlusstreffer vergangen, doch hier und heute war die Messe noch nicht gelesen, das spürte jeder, der in diesem Augenblick im Nürnberger Gästeblock stand.

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Alexandru Maxim stand bereit, ein Eckball vor den Augen dieser beeindruckenden Masse an VfB-Fans. „Hälst lieber mal drauf“ dachte ich mir, hielt die Kamera in Richtung Tor und sah noch gerade so, wie Daniel Ginczek hochstieg und in Sekundenbruchteilen der Ball neben Raphael Schäfer einschlug. Eskalation! Es war mir egal, dass ich in diesem Moment die Contenance nicht hatte, in aller Ruhe ein Foto der jubelnden Mannschaft zu machen, es war mir auch egal, dass es mir ebenso wenig gelang, ein halbwegs scharfes Foto des jubelnden Gästeblocks zu machen, das einzige, was zählte war der laute Schrei und das Umarmen wildfremder Menschen, die diesen Moment mit mir teilten.

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Bis zum letzten Atemzug

Unfassbar. Mit zwei Toren hinten gelegen und binnen fünf gespielten Minuten im zweiten Durchgang den Ausgleich gemacht. Dass es überhaupt erst soweit kommen musste, wird Hannes Wolf mit der Mannschaft aufarbeiten müssen, der Stimmung abträglich war diese Dramatik jedoch keinesfalls. Nicht einmal beim zwischenzeitlichen 0:3 gegen Dresden hatte die Kurve gepfiffen, auch nicht beim 0:1-Rückstand und dem späten Ausgleich in Bielefeld nicht. Wir haben viele Jahre am eigenen Leib erfahren müssen, wie hart und schmerzhaft Niederlagen sein können, vor allem im Abstiegskampf. Wir haben gepfiffen, gewütet und protestiert, doch in dieser Saison zählt nur unsere bedingungslose Unterstützung, denn ohne die schafft es die Mannschaft nicht.

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Jeder einzelne Augenblick brannte sich in mein Gedächtnis ein, jedes gemeinsame Hüpfen, das ungeachtet des Steh- und Hüpfverbotes auch den Oberrang zum Wackeln brachte, jedes gesungene Lied, das alles fühlte sich noch unwirklich an. Eine verloren geglaubte Partie war wieder offen und noch lange nicht vorüber. Das Blöde war nur: so ganz war der Willen der Gastgeber noch nicht gebrochen und auch, wenn wir uns das alle gewünscht hatten, das dritte Tor für den VfB wollte so schnell nicht fallen. Fast so, als ob sie gewollt hätten, dass es erneut bis zum letzten Augenblick ausgereizt wird, bevor man seine Fans erlöst.

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Drei Minuten Nachspielzeit. Noch einmal nach vorne rollen, noch einmal die Lücke suchen, noch einmal nichts unversucht lassen, die 20.000 zufrieden nach Hause zu schicken. Ein langer Ball auf Daniel Ginczek, aufopferungsvoll verteidigt von zwei Nürnbergern, auch Simon Terodde konnte nicht selber schießen und brachte im Fallen noch den Fuß an den Ball. Der Atem stockte, das Herz setzte aus, der Kopf war leer, für einen winzigen Moment schien die Welt stillzustehen, als Florian Klein den Ball vor die Beine bekam.

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Absolute Eskalation

Ich habe nicht einmal gesehen, dass es Florian Klein gewesen ist, der in der 71. Minute für den angeschlagenen Josip Brekalo ins Spiel kam. Es war mir auch egal, denn während der Österreicher, der im Sommer den Verein verlassen wird, zum Trainer und den Ersatzspielern rannte, lagen sich 20.000 Stuttgarter unter Tränen in den Armen. Von Gänsehaut übermannt sitze ich nun hier, schreibe diese Zeilen und werde wohl nie vergessen, wie sich das angefühlt hat. Niemanden konnte es kalt lassen, das Bier flog durch die Luft, Menschen flogen durch die Luft, im Eifer des Gefechts auf Wellenbrecher geklettert, hatte es einige von ihnen schnell wieder im Taumel hinuntergeputzt. Welch wundervoller Schmerz.

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An die restlichen zwei Minuten der Nachspielzeit kann ich mich kaum noch erinnern, ich weiß nur noch, dass so laut wie nie zuvor das Meisterlied gesungen wurde: „Wenn du mich fragst, wer Meister wird“, von Mal zu Mal ertönte es lauter und was als skeptisch betrachtetes Liedgut am Anfang des Jahres begann, wird nun zur legendären Hymne einer hoffentlich erfolgreichen Aufstiegssaison. Minutenlang nahm ich nichts anderes wahr als dieses eine Lied und die unzähligen Schals über unseren Köpfen. Das erste, das ich erst wieder realisierte, war der dramatischen Jubel beschrieene Schlusspfiff von Bastian Dankert.

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Dieser Moment, wenn dir klar wird, dass du schon wieder ein Spiel in der Nachspielzeit gewonnen hast, obwohl viele nicht mehr daran geglaubt hatten. Tage wie diese beweisen dir, du hin und wieder all die Anstrengungen und all die Leidenschaft zurückgezahlt bekommst und du zumindest für einen Moment all das vergisst, was zuvor schief gelaufen war. Als Fan lebst du für solche Augenblicke. An der Eckfahne fand sich die Mannschaft ein, bildete einen Kreis und hüpfte, beobachtet von uns, die wir ebenfalls wild durcheinander hüpfen.

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Nur noch drei

Versucht nicht, euch einzureden, dass ihr keine feuchten Augen hattet. Ohrenbetäubendes Getöse, als ein jeder über die Bande gestiegen war um zu feiern. Der Oberrang wankte und genau jetzt war einfach alles perfekt gewesen. Ein jeder Arm in Arm, vollkommen euphorisiert, einen Meter über den Boden schwebend, ein ganz großer Moment für den Verein und deren Anhänger. Fragen werden gestellt werden müssen, wie die zwei Gegentore zustande kommen konnten, doch wir dürfen uns freuen über ein weiteres Mal, indem die Moral gestimmt hatte. Wir fragen schon lange nicht mehr danach, wie die drei Punkte zustande kommen.

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Ich wartete darauf, dass sich der Block leeren würde, um ein paar letzte abschließende Fotos von zertretenen Bierbecher, Schlamm und Zigarettenstummeln zu machen. Aber der Block leerte sich nicht. Wir sangen weiter, als sei der Schlusspfiff noch nicht ertönt und ergötzten uns an den Momenten, in denen die Nürnberger bereits das Stadion verlassen hatten und ein Großteil der Stuttgarter Fans weiter Rabatz machte. Eine Laola-Welle in einem halbleeren Stadion, getragen von jenen, die alles gegeben haben. Ich hoffte, die Mannschaft würde sich noch einmal blicken lassen, leider tat sie das nicht. Aber das machte nichts, wir haben ja schließlich noch drei Spiele.

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Als sich die Massen dann doch in Bewegung setzten, blickte ich in unzählige fassungslose, erschöpfte und unheimlich glückliche Gesichter. Auch heute hatte es Kraft gekostet, ganz zu schweigen von unseren Nerven, aber wir dürfen jetzt nicht schlapp machen, weder wir, noch die Mannschaft. Vor zehn Jahren beobachtete ich alles aus der Ferne und war nicht vor Ort. In zehn Jahren möchte ich einmal sagen können: „Weißt du noch, damals, in Nürnberg?“. In diesen Wochen wird Geschichte geschrieben. Lasst sie uns gemeinsam zu Ende schreiben, damit all die Tränen und all die Leidenschaft nicht umsonst gewesen sind.

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Autor: Ute

30 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

4 Kommentare

  1. Liebe Ute,
    ja, ich weiß, eigentlich sollte ich um diese Uhrzeit hier meinen Job machen:-)
    Den mache ich auch, aber nebenbei habe ich jede kleine Möglichkeit genutzt, nach Deinem Blog zu schauen und ihn zu lesen.
    Wunderbar geschrieben. Vielen Dank dafür.
    Die Gänsehaut gab’s nicht nur im Stadion, sondern auch hier wieder beim Lesen.
    Was braucht’s der Worte mehr:-)

    (Aber die Tränen gab’s nur bei den Franken hehe…)

    Liebe Grüße
    Heike

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